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Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig

Quelle: http://www.spiegel.de/
© SPIEGEL.de - 24.06.2010

Bundespräsidenten-Kandidat Gauck

Der Opa-Obama

Joachim Gauck zieht die Menschen in seinen Bann und punktet selbst beim politischen Gegner. Eine regelrechte Gauckomanie hat das Land erfasst. Sein Erfolgsgeheimnis: Der Kandidat von SPD und Grünen setzt sich elegant von der Polit-Kaste ab - ähnlich wie US-Präsident Obama vor seiner Wahl.

Berlin/Leipzig - Der Angriff kommt überraschend. Plötzlich steht an diesem lauen Abend in Leipzig eine ältere Dame mit dunkler Sonnenbrille und hochgestecktem Haar auf. Noch hat Joachim Gauck, zu Gast beim Leserforum der "Leipziger Volkszeitung", dieses freundliche Gauck-Lächeln im Gesicht.

Wie war das denn eigentlich mit ihm und der Staatsicherheit, will die Dame wissen. Und seine Familie - habe die nicht eine freundliche Sonderbehandlung durch das DDR-Regime genossen?

Es ist ein Vorwurf gegen den Ex-Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, der auch aus der Linkspartei kommt. Gaucks Züge sind jetzt wie eingefroren, er muss sich beherrschen, um nicht an die Decke zu gehen. "Schlicht die Unwahrheit" sei all das, zischt Gauck. Er verbitte sich Anschuldigungen gegen seine Familie.

Typisch Gauck: Er hat viele Gesichter. Der ehemalige Pastor in Rostock-Evershagen kann freundlich und charmant, aber auch zornig und hart sein - eben menschlich. Er ist keiner jener glattgeschliffenen Politikertypen, die vielen Bürgern so auf die Nerven gehen, sondern ein Mann mit Ecken und Kanten. Ein Christian Wulff, der sich in der Öffentlichkeit mit einem Bürger anlegt? Unvorstellbar.

Joachim Gauck, 70, lehrt in diesen Tagen Angela Merkel und ihrer Regierung das Fürchten. Denn der schwarz-gelbe Kandidat Wulff, bisher Ministerpräsident von Niedersachsen, verfügt zwar über eine komfortable Mehrheit von etwa 20 Stimmen in der Bundesversammlung. Ob die auch am 30. Juni steht, scheint nach den Entwicklungen der vergangenen Wochen alles andere als sicher. Seit SPD und Grüne Anfang Juni ihren Kandidaten nominierten, ist eine wahre Gauckomanie ausgebrochen. Wo er auftaucht, jubeln ihm die Menschen zu.

Man fragt sich: Was ist das Geheimnis von Joachim Gauck?

Es ist ein freundlicher Morgen im Juni, als sich der Kandidat im Berliner Abgeordnetenhaus vorstellt. Gauck macht das jetzt beinahe jeden Tag, kreuz und quer reist er durch die Republik, um in den deutschen Landtagen für sich zu werben - die Hälfte der Wahlmänner und -frauen in der Bundesversammlung (siehe Kasten links) kommt aus den Ländern. Deshalb war er am Mittwoch auch in München, wo es - auf der Rückfahrt zum Flughafen - zu dem schweren Unfall mit einem Radfahrer kam. In der Regel steht Gauck dann vor Politikern von SPD und Grünen, mitunter sind einige Parlamentarier der Linken dabei - im Berliner Abgeordnetenhaus kommen sogar FDP-Vertreter dazu. Nur die Leute von der CDU scheuen den rot-grünen Kandidaten auch an diesem Tag. Als ob sie Angst davor hätten, von dem Gauck-Virus infiziert zu werden, der immer mehr Menschen zu befallen scheint.

Eine eigenartige Faszination

Joachim Gauck kann vor allem eines: reden. Der ehemalige Pastor ist ein Meister des Worts. Und es ist eine eigenartige Faszination, die von ihm ausgeht, sobald er zu sprechen beginnt. Mit dieser tiefen, norddeutsch gefärbten Stimme formuliert Gauck Sätze, die Menschen berühren.

Obwohl er sich immer mit dem einen Thema beschäftigt: Freiheit. Weil Gauck um seine Wortmächtigkeit weiß, verfällt er mitunter in eitle Gestelztheit - doch die kann im nächsten Moment schon wieder in entwaffnende Flapsigkeit umschlagen. So wie bei der Vorstellungsrunde im Berliner Abgeordnetenhaus, wo sich Gauck mit der frauenpolitischen Sprecherin der Grünen auf ein Geplänkel einlässt. Wie es denn mit seinem Frauenbild bestellt sei, fragt sie. "Ich bin doch auch ein Feminist", antwortet Gauck trocken und unter großen Lachern. Dann geht es hin und her.

Aber Gauck kann die Menschen auch zu Tränen rühren. Das war in vielen Gesichtern zu beobachten, als er am Dienstag im Deutschen Theater eine bewegende Grundsatzrede hielt. Besonders am Ende, als Gauck von seiner ersten freien Wahl am 18. März 1990 erzählte - und sich an folgende Gedanken erinnerte: "Für einen kurzen Moment war alle Freiheit Europas in das Herz des Einzelnen gekommen. Ich wusste: Nie, nie und nimmer wirst du auch nur eine Wahl versäumen."

Gauck fasziniert, weil er eben keiner aus dem Politik-Establishment ist. Das erinnert ein bisschen an die Kandidatur Barack Obamas. Joachim Gauck, so scheint es, geht dem Vergleich nicht mehr aus dem Weg. Das berühmte "Yes, we can" hat er inzwischen sogar in seine Kampagne eingebunden: "Wir sind das Volk" lautet für Gauck die hiesige Entsprechung des Obama-Slogans, das sei "der schönste Satz der deutschen Geschichte".

Die große Gauck-Show

Die Logistik des Kandidaten wirkt lächerlich, wenn man sie ins Verhältnis zu seiner Wirkung setzt. Auf einer halben Büro-Etage, einen Steinwurf vom berühmten Friedrichstadtpalast entfernt, hat sich seine Truppe mit spärlichem Mobiliar auf grau-blauem Teppichboden eingerichtet: Zwei Pressesprecher, ein Büroleiter, eine Sekretärin und eine Assistentin - mehr ist da nicht. Dazu hat ihm die SPD eine Limousine samt Fahrer spendiert. "Niederlassungsleiter" steht auf der Zimmertür, die in Gaucks Büro führt; das blieb von den Vormietern übrig. Und dann gibt es noch ein paar ehrenamtliche Helfer, wie Gaucks ehemaliger Mitarbeiter zu Behördenzeiten, der spätere BND-Chef Hansjörg Geiger.

Mehr braucht der Kandidat aber auch nicht: Denn das hier ist seine Show, die Gauck-Show.

Seine Idee: Politik muss mehr sein als die 5. Novelle des Bundesverkehrswegeplans. Gauck will Orientierung geben. Seine Vorstellung von Staat und Gesellschaft, in der sich Freiheit und Verantwortung bedingen, verfängt bei den Menschen. Er macht ihnen Mut, nennt sich einen "Ermächtiger". Manchmal ruft Gauck ins Publikum: "Macht etwas, macht mit."

Das kommt an. Auch im Internet. Über 34.000 Freunde hat die ständig wachsende Facebook-Seite der Gauck-Unterstützer. Die Begeisterung für Gauck verbindet fremde Welten: Vor seiner Rede im Deutschen Theater sprach zunächst ein sehr cool wirkender Online-Unterstützer, dann die 69-jährige Schriftstellerin Monika Maron, unter anderem Trägerin des Kleist-Preises.

Gauck verbindet. Nominiert wurde er zwar von SPD und Grünen - aber er sieht sich als überparteilichen Kandidaten. Gauck hat in den vergangenen Jahren viel mehr Kontakt zu Unions- und FDP-Kreisen gehabt als zu denen, die ihn nun für Schloss Bellevue vorgeschlagen haben. Wahrscheinlich ist auch das ein Geheimnis seines Erfolgs. Anders als der CDU-Kandidat Wulff, der langjährige Parteisoldat, verkörpert Gauck jene parteipolitische Unabhängigkeit, die die meisten Bürger von einem Bundespräsidenten erwarten.

Überparteilichkeit - das schließt für den Ostdeutschen Gauck auch öffentliches Lob für die Ostdeutsche Merkel ein. Ihr fühlt er sich persönlich verbunden: "Wir sind großartig, eine von uns regiert das ganze Land."

Von Florian Gathmann

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 18. Juni 2010
© Leipziger Volkszeitung

„Natürlich kann ich rechnen“

Joachim Gauck im LVZ-Leserforum über Zahlenspiele, Amtsflucht, Linkspartei und Schlussstriche

Leipzig. Joachim Gauck, der Bundespräsidentschaftskandidat von SPD und Grünen, war gestern Abend Gast des LVZ-Leserforums. Chefredakteur Bernd Hilder, der das Forum moderierte, ließ dabei auch Fragen der Leser, die die Redaktion per E-Mail und über Twitter erreichten, einfließen.

Haben Sie damit gerechnet, dass Sie jemand anrufen würde, um Nachfolger des zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler zu werden.
Ich war total überrascht, als ich von den Sozialdemokraten hörte, welche Gedanken sie sich gemacht haben. Ist ja merkwürdig, dachte ich. Und dann noch ausgerechnet SPD und Grüne. Aber immerhin bin ich aus der Demokratiebewegung von 1989 hervorgegangen. Nach meiner Biografie und meinen Wertvorstellungen dachte ich eher, bei Konservativen und Liberalen beheimatet zu sein.

Hätten Sie es besser gefunden, wenn die andere Seite am Telefon gewesen wäre?
Wenn mir ein so sehr würdevolles Amt angetragen wird – dann kann ich nicht Nein sagen. Ich gehe jahrelang durchs Land und erzähle, dass sich Bürger stellen müssen. Also durfte ich nicht davonlaufen.

Dann wären Sie auch nicht wie Ihr möglicher Vorgänger zurückgetreten?
Das beantwortet sich von selbst. Von einem solchen Amt tritt man nicht zurück. Ein Gauck wird das nicht tun.

Glauben Sie, dass SPD und Grüne auch angerufen hätten, wenn sie eine Mehrheit in der Bundesversammlung haben würden?
Wenn man ganz sicher ist, kommt man in der Regel nicht auf die innovativsten Ideen. Ich bin ja nicht naiv: Natürlich weiß ich, wie sich Parteipolitik vollzieht. Und natürlich kann ich mir auch mögliche strategische Absichten vorstellen. Ich nehme politische Menschen beim Wort, auch wenn sie mit ihrem Handeln Absichten verbinden sollten, die nicht meine sind.

Sie liegen in Umfragen zwar vor dem Kandidaten von Union und FDP, Christian Wulf, doch nicht nur bei Buchmachern gelten Sie als krasser Außenseiter. Wie wollen Sie es eigentlich ins Amt des Bundespräsidenten schaffen?
Natürlich kann ich rechnen. Worauf ich zähle, ist, dass bei den Liberalen genügend Menschen existieren, die meine Freiheitsbotschaft verstehen. Und ich kenne auch im konservativen Lager viele Menschen, die meine christlichen und konservativen Wertvorstellungen teilen. Die Frage ist, wer in diesem gegenwärtigen Deutschland die richtige Person auf diesem Posten sein soll. Außerdem hat meine Kandidatur schon sehr viel Positives bewirkt: Wunderbar finde ich, dass sich plötzlich junge Leute wieder für Politik interessieren. Gauck ist ein großes Thema in Facebook, im Internet überhaupt – für mich ist das unfassbar und erfrischend zugleich.

Sollte der Bundespräsident besser vom Volk gewählt werden?
Mehr direkte Beteiligung finde ich immer positiv. Nur: Der Bundespräsident macht ja keine Politik – er darf und kann keine Ersatzregierung sein. Das wäre das Problem, wenn wir das Präsidialamt mit mehr Bedeutung anreichern: Wir bekämen eine Konkurrenzsituation.

Die Kandidatin der Linken für das Bundespräsidentenamt, Luc Jochimsen, hat einen Generalstreik gegen das Sparpaket der Bundesregierung ins Gespräch gebracht.
Halten Sie solche Mittel für probat?

Selbstverständlich wird das in Deutschland nicht geschehen. Unsere Gewerkschaften nehmen ihre Aufgaben sehr ernst. Sie haben bisher den Kampf für die Rechte der Arbeitnehmerschaft mit Augenmaß und mit Einfügung in das politische System der Bundesrepublik geschafft. Das werden sie auch weiter schaffen.

Luc Jochimsen hat gesagt, sie könne die DDR nicht als Unrechtsstaat bezeichnen …
… sie war auch nicht da.

Nach juristischer Definition könne sie das jedenfalls nicht sagen, obwohl es gleichwohl Unrecht gegeben habe. Können Sie sagen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war?
Ja, mit großer Sicherheit. Die DDR war ein Unrechtsstaat. Das sage ich im klaren Bewusstsein, dass diese Definition nicht in ein juristisches Seminar passt. Aber ich wundere mich, dass ausgerechnet die, die in ihrer politischen Argumentation nicht gerade durch besonders trennscharfe Begrifflichkeit hervortraten, hier eine Trennschärfe vermissen. Es gab unter anderem keine Herrschaft des Rechts, keine Gewaltenteilung und es fehlten rechtsstaatliche Instanzen. Wir sollten uns vor der Begrifflichkeit Unrechtsstaat nicht fürchten. Sie ist sehr nah an der politischen, moralischen und rechtlichen Wirklichkeit der untergegangenen Diktatur.

Oskar Lafontaine hat gesagt, Pfarrer Gauck gehöre zu denen, die von der Staatssicherheit Privilegien erhielten. War das so?
Sie können davon ausgehen, dass das nicht trägt, weil es unwahr ist. Wissen Sie, als ich mich mit der Staatssicherheit beschäftigen musste, sind mir Strategien im Umgang mit Menschen begegnet, die die Stasi eingeübt hat. Die Strategie hieß Zersetzung. Dazu gehörten auch falsche Informationen, um einer Person zu schaden. Wenn der Eindruck erweckt wurde, als gehöre Pfarrer Gauck zu den von der Stasi Begünstigten, dann ist das dumm. Meine Söhne, die ausgereist sind, haben wie viele andere auch einen Ausreiseantrag gestellt. Und sie haben fast vier Jahre gewartet, länger als andere.

Sind Sie für einen Schlussstrich unter die Vergangenheitsdebatte?
Schlussstrich hört sich friedlich an, ist aber total unfriedlich. Denn ein Schlussstrich setzt altes Unrecht fort. Davon haben immer die etwas, die früher oben waren, und die nichts, die früher unten waren. Deshalb gibt es ein Menge guter Gründe, eine Politik des Schlussstrichs nicht zu machen.

Das Amt des Bundespräsidenten wird eine höhere gesundheitliche Belastung für Sie mitbringen. Ist dies in Ihrem Alter noch ratsam?
Alle meine Kinder und Enkel werden sich über diese Frage freuen. Ich sage nur: Konrad Adenauer musste im höheren Alter ganz andere Pflichten übernehmen und hat das mit Freuden getan.

Werden Sie die Intrigen in Berlin aushalten können?
Sicher wird man als Begleiter der Tagespolitik unter Umständen auch Intrigen erleben. Aber in meinem Alter und auch als politischer Mensch weiß man, dass es Intrigen eben gibt. Da muss man nicht gleich in Ohnmacht fallen oder sich abmelden.

Wie stehen Sie zum Kampfeinsatz deutscher Soldaten in Afghanistan?
Wir führen in Afghanistan nicht Krieg, wie andere Deutsche Krieg geführt haben. Die internationale Staatengemeinschaft hat beschlossen, den Terror zu bekämpfen. Und da die Menschen, die den Terror schätzen, nicht auf Psychotherapeuten und evangelische Pastoren hören, kann ich nur sagen, nach reiflicher Überlegung, dass auch Soldaten nötig sind, wenn keine besseren Mittel da sind und die Völkergemeinschaft es so sieht. Das ist etwas grundsätzlich Anderes als das, was wir bisher in der deutschen Geschichte erlebt haben. Ich wünschte mir, andere deutsche Armeen wären auch mit so edlen Zielen ausgezogen. Der Frieden muss manchmal auch erkämpft werden.

Notiert von: Anita Kecke,
Andreas Debski, Sebastian Fink

Fragen aus dem Publikum

Was sagen Sie zur neuen Paulinerkirche?

Jost Brüggenwirth, 41, aus Leipzig

Gauck: Leipzig mit seinen Kirchen, Ausstellungen und Denkmälern des Bürgermutes ist ein lebendiges Museum und Denkmal für den Freiheitskampf der Unterdrückten. Seit der friedlichen Revolution 1989 habe ich als Mecklenburger eine unauslöschliche Liebe zum Sachsenvolk entwickelt, die nun aber nicht so weit reicht, dass ich die Medien vor Ort ständig verfolgen kann. Darum bin ich in der Debatte um den Uni-Neubau auch nicht richtig drin. Ich kenne nicht diejenigen, die ihn massiv kritisieren, aber ich freue mich, dass wir die Kirche jetzt in dieser Form und mit einer Mehrfach-Nutzung haben. Ich habe gehört, dass es allerlei Zoff gab, aber das ist ja auch etwas, was man über den Stamm der Sachsen sagen kann: Es gibt kaum etwas, worüber sich ein Sachse nicht streiten kann.


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Stand: 24. Juni 2010
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Gunter Weißgerber
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