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Geschichte(n) rund um die Friedliche Revolution in Leipzig

 

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„Wir müssen etwas tun“

Quelle: LVZ online

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 26./27. Juni 2010
© Leipziger Volkszeitung

Steuermann in bewegten Zeiten

Ex-Stadtpräsident und Superintendent im Ruhestand: Friedrich Magirius wird heute 80 Jahre alt

Superintendent, Stadtpräsident, bündnisgrüner Kommunalpolitiker, Brückenbauer zu östlichen Nachbarn wie jüdischen Mitbürgern: Friedrich Magirius prägte in den zurückliegenden Jahrzehnten die Geschehnisse an der Pleiße wesentlich mit. Heute wird er 80. Aus diesem Anlass folgte er der Bitte, die "LVZ-Fragebogen" -Fragen (und ein paar mehr) zu beantworten.

Frage: Was möchten Sie gern noch erreichen?
Friedrich Magirius: Ich bin realistisch genug: Dankbar wäre ich, wenn ich noch manche Aufgabe fortsetzen könnte, die mir wichtig ist. Zum Beispiel die Kontakte zu unseren Nachbarländern auszubauen. Vor allem will ich junge Menschen gewinnen, dass sie Jugendliche in Polen oder Tschechien kennenlernen. Fortsetzen möchte ich gern das jüdisch-christliche Gespräch und Verständnis für den Islam wecken. Vielleicht kann diese Perspektive eingebracht werden in die Vorbereitungen für die Eröffnung der bundesweiten "Woche der Brüderlichkeit", die 2012 in Leipzig stattfinden soll. Mir liegt auch daran, Erfahrungen aus meinem Leben festzuhalten und über besondere Erlebnisse zu berichten.

...also ein Buch über das Leben schreiben?
Ein ganzes Buch muss es nicht werden. Aber es gibt vieles, was in Erinnerung bleiben soll. Mir fällt es leichter zu erzählen statt etwas aufzuschreiben. Darum möchte ich dazu die neue Technik benutzen. Ich kann ein Diktiergerät zur Hand nehmen und darauf sprechen. Durch eine Software wird das gesprochene Wort im Computer in Schriftform wiedergegeben.

Was wäre es Ihnen denn rückblickend wert, erzählt zu werden?
Alle drei Stationen meines Dienstes haben mich geprägt: Zuerst die 16 Jahre als Pfarrer in dem zu über 90 Prozent zerstörten Industrieort Einsiedel, in dem wir mit vielen Gemeindegliedern tätig waren, auch die ausgebrannte Kirche wieder aufzubauen. Dann die acht Jahre als Leiter der Aktion Sühnezeichen unterwegs zu sein, um mit jungen Leuten Brücken der Verständigung zu unseren Nachbarländern aufzubauen. Schließlich die 13 Jahre als Pfarrer und Superintendent der Nikolaikirche mit dem Beginn der Friedensgebete, der Verantwortung für den Synodalaus- schuss Frieden und Gerechtigkeit und mit der Friedlichen Revolution. In diese Jahre hinein ragt der neue Lebensabschnitt, neben dem kirchlichen Dienst Verantwortung im gesellschaftlichen Bereich unserer Stadt zu übernehmen zum Aufbau der Demokratie.

Verraten Sie bitte etwas über den Friedrich Magirius privat: Was halten Sie beispielsweise für Ihre größte Schwäche?
Vielleicht einfach nicht Nein sagen zu können, wenn jemand anruft, um Hilfe bittet, um einen Beitrag, um eine Vertretung. Und vielleicht: Dass ich mich auf bestimmte Dinge konzentrieren soll, wo ich mich doch für so vieles interes- siere und es so viel Spannendes in der Welt gibt.

Wo erholen Sie sich in Ihrer Region?
Ganz bestimmt in unserem Garten, den meine Frau wunderschön pflegt und gestaltet und ich ihr dabei helfen kann. Dazwischen bleibt genug Zeit zum Abschalten. Besonders liebe ich die Sonne und lasse mich von ihr verwöhnen.

Welche Persönlichkeit der Geschichte beeindruckt Sie am meisten?
Martin Luther, der Reformator und Erneuerer der Kirche. Mit ihm begann der Anbruch der Neuzeit. Und aus unseren Tagen: Lothar Kreyssig, Mann der Bekennenden Kirche und Gründer der Aktion Sühnezeichen. Auch Willy Brandt, allein schon wegen seines historischen Kniefalls in Warschau.

Wie heißt denn Ihre Lieblingskneipe?
Na, eine Kneipe vielleicht nicht. Aber ich lobe mir das Leipziger Ratskeller- Team, weil ich oft im Rathaus seine gute gastronomische Versorgung erlebte.

Welches Buch hat Sie am meisten gefesselt?
Bücher von Schriftstellern, die versucht haben, die gesellschaftlichen Umbrüche der Gegenwart in Literatur zu verarbeiten.: Amos Oz aus Israel, Gert Mak aus den Niederlanden, György Dalos aus Ungarn und natürlich Günter Grass oder Uwe Tellkamp.

Ihr Lieblingsfilm?
Lieblingsfilm ist nicht das richtige Wort. Aber mich haben stets die erschütternden Filme von Andrzej Wajda fasziniert. Zuletzt: Das Massaker von Katyn.

Welches Projekt in Leipzig halten Sie für das dringlichste?
Dafür zu sorgen, dass nicht an der Kinder-und Jugendarbeit gespart wird: Kitas, Schulen, Freizeitinseln. Wir Älteren sollten dafür auf manches verzichten.

Welche Musik hören Sie gern?
Alte Meister. Ganz klassische also.

Was wollten Sie als Kind werden?
Straßenbahnfahrer. Ich habe das noch im Alter verwirklichen können und die Ehrenfahrerlaubnis der Leipziger Verkehrsbetriebe bekommen. Zu meinem 70. Geburtstag fuhr ich meine Familie mit einer Sonderbahn durch die Stadt.

Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Müsste es wirklich eine einsame Insel sein? Viel lieber ginge ich für eine Zeit der Stille in ein Kloster, um über mein Leben vor Gott nachzudenken.

Sie könnten im Stadtrat eine Rede halten - worüber würden Sie sprechen?
Zur Erinnerung an die konstituierende Sitzung der ersten Stadtverordnetenversammlung vor 20 Jahren habe ich ja gerade gesprochen! Mir lag daran, auch an die Grenzen des Wachstums zu erinnern. Wir werden lernen müssen, auch zu verzichten, uns einzuschränken, nachdem wir lange über unsere Verhältnisse gelebt haben.

Was halten Sie von Fragebögen?
Wenn ein Fragebogen einem guten Zweck dient, und die Menschen die Fragen ehrlich beantworten und aussprechen, was sie in ihrem Leben in unserer Gesellschalt bewegt, kann das sehr hilfreich sein für Entscheidungen.

Interview: Angelika Raulien

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KRITISCHE WEGBEGLEITER

Uwe Schwabe, Vorsitzender des Vereins Archiv Bürgerbewegung: Friedrich Magirius ist es als damaligem Superintendenten mit zu verdanken, dass die Friedensgebete ab 1982 jeden Montag 17 Uhr in der Nikolaikirche stattfinden konnten. Als sie 1988 aber eine politische Dimension erhielten, Menschenrechtsverletzungen in der DDR offen angesprochen wurden und immer mehr Menschen an den Gebeten teilnahmen, schreckte er vor den Drohungen des Staates zurück und entzog den Basisgruppenmitgliedern (oder Oppositionellen) im Sommer 1988 die eigenständige Gestaltung der Friedensgebete und Pfarrer Wonneberger deren Koordination. Damit hat er sich zum Handlanger des Staates gemacht, der die Friedensgebete am liebsten abschaffen wollte. Basisgruppenmitglieder beschwerten sich deshalb 1988 in einem Offenen Brief beim Bischof über Magirius. Dieser habe "unseren Respekt als kirchenleitende Persönlichkeit, unser Vertrauen auf seine geistliche Kompetenz und unseren Glauben an seine moralische Integrität verloren". Diese Konflikte sind bis heute nicht ausgeräumt.

ZUR PERSON

  • Friedrich Magirius wurde am 26. Juni 1930 in Dresden geboren.
  • Theologiestudium in West-Bertin und Greifswald, erst Pfarrer in Einsiedel, dann an der Dresdner Kreuzkirche. Von 1973 bis 1982 Leiter der Aktion Sühnezeichen in der DDR.
  • Von 1982 bis zur Pensionierung 1995 Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig-Ost (und Pfarrer, gemeinsam mit Christian Führer) an der Leipziger Nikolaikirche, wo er großen Einfluss auf den Verlauf der Leipziger Montagsdemonstrationen und damit der politischen Wende hatte. Zusätzlich von 1990 bis 1994 Stadtpräsident von Leipzig.
  • Seine Rolle während der Friedlichen Revolution 1989 kritisierten DDR-Bürgerrechtler: Magirius habe als Kirchenfunktionär oft gegen die Opposition gearbeitet. Die Absetzung des SED-kritischen Pfarrers Christoph Wonneberger als Koordinator für die Friedensgebete an der Leipziger Nikolaikirche 1988 soll auf eine Entscheidung von Magirius zurückgegangen sein. Magirius verteidigte sich: "Als Christ sitzt man immer zwischen den Stühlen. Christus wurde dafür ans Kreuz geschlagen."
  • 1990 erhielt er den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis; 2005 die Ehrenbürgerwürde der polnischen Stadt Kraköw/Krakau.
  • 1990 Wahl zum Stadtpräsidenten (bis1994). Bei der Kommunalwahl 1994 als Parteiloser für die Bündnisgrünen in den Stadtrat gewählt. Aufgabe der kirchlichen Ämter 1995 mit Ruhestandsbeginn.
  • Seit 1958 ist er mit Ehefrau Christel verheiratet, er hat drei Kinder.

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 28. Juli 2010
© Leipziger Volkszeitung

Leserbriefe

Enttäuschung kommt deutlich zum Ausdruck

Zur Seite "Leipzig spezial" anlässlich des 80. Geburtstags von Friedrich Magirius: Im Sommer 1989, einige Wochen vor Beginn der Demos, hatte ich Gelegenheit, mit Friedrich Magirius und Christian Führer getrennt ein Gespräch über DDR-Probleme und die Zielstellung ihrer aktuellen politischen Engagements zu führen. Beide betonten ihre Vorstellung, auf Reformen zur Verbesserung und Stabilisierung der DDR hinzuwirken. Das heißt - von Revolution und Liquidierung war keine Rede. Ich wurde sogar gebeten, dafür bei der SED zu werben. Dieser Vorgang befand sich somit noch auf der Linie der bekannten Erklärung über das Verhältnis Kirche-Staat.

Friedrich Magirius, ein meiner persönlichen Meinung nach eher auf positive, nachhaltige Kooperation orientierter Mensch, wird also seine Gründe gehabt haben, Herrn Wonneberger vom "Spielfeld" zu stellen. Es irritiert etwas, dass sich Christian Führer nachträglich als Revolutionär feiern lässt, der er noch wenige Wochen vorher nicht sein wollte... Fraglos entdeckten einige clevere DDR-Gegner die Möglichkeit, aus der Nikolaikirche und den Friedensgebeten die Geburtsklinik eines "Trojanischen Pferdes" zu machen. Leider wurde die Chance gerade liegengelassen, von Friedrich Magirius eine Bewertung des hiesigen Realkapitalismus zu erbitten.

Von Führer ist jedoch bekannt, dass er und seine ehemaligen Mitarbeiter im Rahmen der kirchlichen Erwerbsloseninitiative vielen Betroffenen der neuen Wirtschaftsprobleme geholfen haben und sie außerdem 1998 die Demonstrationen gegen die Kohl-Regierung mitgestalteten. Auf die Defizite dieses Systems ist er überhaupt nicht gut zu sprechen - so man ihn denn konkret dazu befragt. Die Enttäuschung kommt deutlich zum Ausdruck!

Joachim Spitzner, 04347 Leipzig


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 26. November 2009
© Leipziger Volkszeitung

Bambi für Wonni

Revolutionspfarrer Christoph Wonneberger erhält heute den renommierten TV-Preis / Weggefährten freuen sich für ihn

Wenn heute in Potsdam der Fernsehpreis Bambi verliehen wird (20.15 Uhr, ARD), dann bekommt ihn mit Pfarrer Christoph Wonneberger einer der wichtigsten Bürgerrechtler der ehemaligen DDR. Was sagen dazu seine einstigen Weggefährten?

Martin Jankowski: „Für mich ist der zierliche Mann Christoph Wonneberger, wenn wir von der Europäischen Revolution 1989 sprechen, einer der ganz Großen. Ansonsten ist er einfach nur ein prima Kerl, ein echter Leipziger eben. Kein Schwärmer, sondern ein gewitzter Realist.“

Friederike Freyer: „In jeglichen Dank für das, was er geleistet hat, gehört unbedingt, auch seine Frau Ute mit einzuschließen. Sie musste die ganze Wucht der Ereignisse mit aushalten. Ganz besonders 1989 und in der Zeit danach – als der Familienvater schwer erkrankte und die Wonnebergers zwei Kinder im Kleinkind- beziehungsweise Säuglingsalter hatten.“

Rainer Müller: „Nach Berufsverbot als Maurer und Entzug meiner Zulassung zum Studium zog ich 1987 nach Leipzig. Mein erster Weg führte mich zu Christoph Wonneberger und zur Lukaskirchgemeinde im Leipziger Osten. Dort in Volkmarsdorf arbeitete ich in der Arbeitsgruppe Menschenrechte mit. Wonni, wie wir den Pfarrer nur nannten, war nicht etwa der Chef der Gruppe, sondern auch einfaches Mitglied. Gemeinsam und gleichberechtigt wurde an Texten zur Menschenrechtssituation in der DDR gearbeitet – ganz anders, als es in manch anderer Kirchgemeinde zu erleben war.“

Edgar Dusdal: „Pietistische Frömmigkeit und politisches Engagement, also das, was für andere unüberbrückbare Gegensätze sind, bildeten bei ihm die Stoffe, aus denen dieser Mann gegossen war und ist.“

Stephan Bickhardt: „Christoph – wie wir Jugendlichen damals in der Dresdner Weinbergsgemeinde sagten – liebte das Neue. Wir saßen im November 1980 auf einer Ofenbank zusammen und Christoph sagte zu meinem Erschrecken, die DDR sei nicht verteidigungswürdig. So entstanden die ersten Ideen zum Sozialen Friedensdienst. Wer Frieden und Freiheit groß schreibt, der kann viel erleben, zum Beispiel 1989 – mit Christoph.“

Uwe Schwabe: „Christoph Wonneberger hat es wie kein anderer verstanden, Gebet und Handeln miteinander zu verbinden. Die Friedensgebetsform, die Wonneberger vorschwebte, war, den Protest gemeinsam zu artikulieren, schriftlich festzuhalten und an konkrete Adressaten zu übergeben. Dadurch wurde Öffentlichkeit hergestellt. Erst sie führte zu den Massenprotesten am Rande der Friedensgebete im Herbst 1989.“

Kathrin Mahler Walther: „Christoph Wonneberger blieb nur wenig Zeit, sich über den Niedergang des SED-Regimes zu freuen, geschweige denn, diesen zu gestalten. Am 30. Oktober 1989 erlitt er einen schweren Schlaganfall und verlor auch seine Sprache. Ausgerechnet er, dem die Worte so wichtig waren, der an jedem Flugblatt gefeilt hatte, bis jedes Wort richtig saß. Jahrelang musste er sich nun um sich kümmern, um seine Gesundheit. Die Kirche versetzte ihn – gegen seinen Willen – in den Ruhestand, und sein Beitrag zur Friedlichen Revolution geriet in der offiziellen Geschichtsschreibung fast schon in Vergessenheit. Der Bambi für Wonni freut mich also umso mehr.“

Steffen Kühhirt: „Wer im miesepetrigen Drei-Buchstaben-Land nicht Mauerschütze oder mit der Hand an der Waffe gen Freiheit marschieren wollte, der bekam eine Antwort: Sozialer Friedensdienst. Und mehr noch: Er konnte lernen Nein zu sagen. Mit eigener Stimme. So kam ich 1987 zur Lukaskirche Leipzig, zu Christoph Wonneberger und zu Gleichgesinnten. Er war nicht nur der Kopf der Gruppe, sondern auch ein großartiger Denker. Und mehr noch: Im tristen Mauerland gab er uns eine Sprache inmitten verlogener Schweigenszeit.“

Katrin Hattenhauer: „Ehre wem Ehre gebührt – wir freuen uns mit Dir über Deinen Preis und erhoffen uns ein späteres gemeinsames Gelage, um mit Dir darauf anzustoßen.“

Frank Richter: „Christoph ging immer einen Schritt weiter als andere. Und er nahm uns immer mit, gerade dann, wenn dieser Staat DDR – und auch seine Kirche – uns Steine in den Weg legten und Knüppel zwischen die Beine warfen. Christoph Wonneberger war wirklich dabei. Auch wenn er keine Bücher darüber schrieb.“

Frank Pörner: „Christoph Wonneberger war und ist unbequem. Dafür sind ihm alle zu Dank verpflichtet, die den Mut zum Unbequemsein nicht hatten. Wie ich Christoph kenne, braucht er diesen Dank nicht, denn der Antrieb für sein Handeln war seine eigene Überzeugung von dem, was Recht und richtig ist. Wichtig ist, dass mit der Preisverleihung sichtbar wird, dass unbequeme Menschen Vorbilder sein können – auch und gerade wenn der reale Mensch Ecken und Kanten hat. Für weniger ist Veränderung nicht zu haben.“

(Notiert von Thomas Mayer)

ZUR PERSON

Christoph Wonneberger wurde 1944 als Sohn eines Pfarrers in Wiesa geboren. Er studierte Theologie, es folgten Pfarrstellen in Leipzig-Möckern, Taucha, Dresden. Schon im April 1982 etablierte er an der Dresdner Dreikönigskirche die Friedensgebete. 1985 wurde Wonneberger an die Lukas- kirche Leipzig versetzt. Er übernahm die Koordination der Friedensgebete an der Nikolaikirche. Diese Aufgabe wurde ihm im September 1988 seitens der Kirche entzogen. Die Stasi überwachte den Pfarrer mit den so genannten Operativen Vorgängen „Provokateur“ und „Lukas“. Auf der am 9. Oktober 1989 erstellten Liste der Stasi der für Isolierungslager bestimmten Personen war der Pfarrer auf dem dritten Platz vermerkt. Am 30. September 1989 erlitt Wonneberger einen Hirninfarkt. Ein mühsamer Prozess der Wiederherstellung war die Folge. Noch während der Phase der Genesung wurde Wonneberger von der Landeskirche in den Ruhestand versetzt.

tom

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Stiller Held der Wende: Ein BAMBI für den Vater der Montagsdemo
© Superillu.de - 26.11.2009

Pfarrer Christoph Wonneberger
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Ehre, wem Ehre gebührt: Der Leipziger Pfarrer Christoph Wonneberger ist einer von drei Ostdeutschen, die jetzt für ihre Leistung im Herbst 1989 mit dem Medienpreis BAMBI ausgezeichnet werden.

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Quelle: http://faz-community.faz.net/
© FAZ.NET - 27. November 2009, 09:30 Uhr

Das Grauen im Zeichen des goldenen Rehs: Die Bambi-Verleihung 2009

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Christoph Wonneberger, der Pfarrer, der in der Leipziger Nikolaikirche die Friedensgebete koordiniert hatte, aus denen sich die die Montagsdemonstrationen entwickelten, wurde dafür mit einem "Stille Helden"-Bambi belohnt. Er nutzte die Bühne für einen holprigen, aber von Herzen kommenden Appell zur radikalen Abrüstung und zog aus seinem Anzug eine Fahne "Schwerter zu Pflugscharen". Er bekam dafür zu Recht deutlich mehr Applaus als Moderator Tom Bartels, der unmittelbar danach gönnerhaft herablassend hinzufügte: "Meine Damen und Herren, wir können heute abend alle frei unsere Meinung äußern, und darauf können wir sehr stolz sein." Zu diesem Zeitpunkt hatte er aber das Publikum ohnehin längst gegen sich.

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Veröffentlicht 27. November 2009, 09:30 von Stefan Niggemeier

Quelle: http://www.mz-web.de/
© Mitteldeutsche Zeitung - 08.11.09

Auszeichnung

Helden der Montagsdemos bekommen einen Bambi

Christoph Wonneberger, Siegbert Schefke und Aram Radomski werden mit Medienpreis geehrt

Berlin/Leipzig/dpa. Die drei ehemaligen ostdeutschen Oppositionellen Christoph Wonneberger, Siegbert Schefke und Aram Radomski werden für ihre Schlüsselrolle bei der friedlichen Revolution in der DDR 1989 mit dem begehrten Medienpreis Bambi ausgezeichnet. Das meldet die Zeitschrift «Super Illu» in ihrer am kommenden Donnerstag erscheinenden Ausgabe. Die Preisverleihung erfolgt am 26. November in Potsdam. Mit Wonneberger (65) wird der eigentliche Vater der Montagsdemos geehrt. Als Pfarrer der Leipziger Lukasgemeinde organisierte er seit 1986 die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, aus denen 1989 die Montagsdemos entstanden.

Schefke (50) und Radomski (50) gelang es unter Gefahr, mit einer aus dem Westen besorgten Video-Kamera Filmaufnahmen der Demonstration am 9. Oktober 1989 zu machen. Diese Bilder wurden in den Westen geschmuggelt, erreichten tags darauf via ARD-Tagesthemen fast alle DDR-Bürger und zeigten ihnen so, dass friedlicher Massenprotest möglich war. Überall im Land gingen nun Demonstranten auf die Straße und machten der SED-Diktatur binnen weniger Wochen ein Ende.


Quelle: http://www.superillu.de/
© SUPERillu - 12. November 2009 (Heft 47/2009)

Vater der Montagsdemo

Ehrung Christoph Wonneberger ist einer von drei Ostdeutschen, die jetzt für ihre Leistung im Herbst 1989 mit dem Bambi ausgezeichnet werden

Die Neujahrskarte, die Christoph Wonneberger (65) und seine Frau Ute für 1989 gestalten, klingt heute wie eine Prophezeiung. „Auch 1989 neue Hoffnung schöpfen“, schickt der Pfarrer als Botschaft an seine Schäflein von der evangelischen Kirchgemeinde St. Lukas im damals düsteren Leipziger Osten.

Der mutige Pfarrer. Wonnebergers Gemeindehaus ist da längst eine Schaltzentrale der DDR-Opposition. Es fängt damit an, dass Wonneberger 1986 die Koordination der »Friedensgebete « übernimmt, die jeden Montag um 17 Uhr in der Leipziger Nikolaikirche stattfinden. Das Besondere: Auch junge Oppositionelle dürfen dort reden, nutzen die Chance, um ihren Protest gegen die katastrophale SED-Politik, Umweltzerstörung und Bespitzelung auszudrücken, die immer mehr Ostdeutsche dazu treiben, ihr Land zu verlassen. Wonneberger stellt ihnen in seinem Pfarrhaus Matrizen-Drucker und Telefon zur Verfügung und gibt ihnen Rückendeckung. Auch gegen die Kirchenoberen. Die meisten Leipziger Pfarrer sind nämlich eher reserviert gegenüber regimekritischen Äußerungen in der Kirche. Oft gibt es Streit. Der im Spätsommer 1988 darin gipfelt, dass die Kirchenleitung Wonneberger und den jungen Oppositionellen unter seinen Fittichen verbietet, die »Friedensgebete« weiter zu gestalten. Sie dürfen zwar noch als Besucher rein, aber nicht mehr ans Mikro.

Der Weg auf die Straße. Was als Maulkorb gedacht ist, wird zum Auslöser der Montagsdemos. Weil ihnen nun sogar in der Kirche der Mund verboten wird, tragen Wonneberger und seine jungen Oppositionellen den Protest im Anschluss an die »Friedensgebete« nach draußen. Im Januar und März 1989 wagen sie sich zum ersten Mal auf die Straße. Mit dabei sind auch immer mehr „Antragsteller“, die mit ihrem offenen Protest ihre Ausreise erzwingen wollen. Ab Anfang September 1989 findet dann jede Woche so eine »Montagsdemo« im Anschluss an die Friedensgebete statt. Die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 wird dann zum Tag der Entscheidung für die ganze DDR. Für seinen Mut wird Christoph Wonneberger am 26. November 2009 mit dem Medienpreis Bambi ausgezeichnet.

Mit ihm werden die einstigen Oppositionellen Siegbert Schefke (50) und Aram Radomski (50) geehrt, die damals unter großer Gefahr bei der Montagsdemo filmten. Die Bilder, nach »drüben« geschmuggelt und via West-Fernsehen verbreitet, zeigen allen, dass friedlicher Massenprotest möglich ist. Überall gehen nun Menschen auf die Straße. Und machen der SED-Diktatur binnen weniger Wochen ein Ende.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 13. Januar 2010
© Leipziger Volkszeitung

Erneut auf der Straße

Vor 20 Jahren: Montagsdemos gehen weiter / Leute protestieren gegen Versuche der SED, ihre Macht wiederherzustellen

Die Friedliche Revolution ist am 9. Oktober 1989 nicht zu Ende. Was weiter geschah, beschreibt die LVZ in ihrer Serie "Revolutionsgeschichte(n)" - unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig. Heute geht es um die Neuauflage der Montagsdemonstrationen im Januar 2010.

"Zwei Wochen nicht auf der Straße - schon hebt die SED die Nase" - dies war eine der Losungen, die auf der ersten Montagsdemonstration nach dem Jahreswechsel am 8. Januar 1990 zu sehen war. "Der Jahreswechsel 1989/90 war stark von Versuchen der SED-PDS und der Regierung Modrow geprägt, die Macht der SED zu restaurieren und den Apparat erneut zu festigen", sagt Tobias Hollitzer, der Leiter der Gedenkstätte in der Runden Ecke. Das Gebäude, in dem 40 Jahre lang die Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit ihren Sitz hatte, war vom Bürgerkomitee Leipzig am 4. Dezember 1989 besetzt worden. Solche Aktionen gab es auch in anderen Städten. Das gemeinsame Ziel: die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), das mittlerweile als Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) agierte.

Um das Vorgehen zu koordinieren, hatte das Bürgerkomitee Leipzig am 4. Januar 2010 Vertreter aller Bezirke zu einer Sitzung in der Runden Ecke geladen. Dabei sollte auch eine gemeinsame Verlautbarung abgegeben werden, deren Erarbeitung sich jedoch als sehr schwierig erwies. "Dabei wurde um jeden Satz gerungen", erinnert sich Hollitzer.

In der Erklärung wurde festgestellt, dass das MfS "fortlaufend gegen Geist und Buchstaben der geltenden Verfassung" verstoßen habe. "Für die verfassungswidrige Tätigkeit des Ministerium für Staatssicherheit trägt die SED Verantwortung. Eine Namensänderung kann sie hiervon nicht entbinden", heißt es in dem Papier, das auch im damaligen SED-Bezirksorgan LVZ veröffentlicht worden war. Allerdings distanzierte sich die damalige Redaktion in einem als Anmerkung bezeichneten Kommentar davon. "Öffentlich wurde damals ein empfindlicher Nerv getroffen", so Hollitzer. Um ihren Herrschaftsanspruch zu sichern, versuchte die SED beispielsweise, in einer Kampagne eine Gefahr von rechts zu beschwören. So wurde in den Medien verstärkt über Friedhofsschändungen sowie rechtsradikale Tendenzen berichtet.

Die Versuche der Modrow-Regierung, an ausscheidende MfS-Mitarbeiter hohe Abfindungen zu bezahlen, empörte viele Leute. Deshalb kamen wieder hunderttausend Leipziger auf die Straße, um allen Bestrebungen, alte Zustände herzustellen, eine deutliche Absage zu erteilen. Eigentlich gab es Absprachen, während der Montagsdemos auf Kundgebungen auf dem Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) zu verzichten. Das Neue Forum, die SDP sowie Gruppen wie die Initiative für Frieden und Menschenrechte einigten sich aber darauf, wieder Ansprachen zu organisieren. Sie reagierten damit auf eine für sie nachteilige Berichterstattung in Medien, darunter in der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens. In den Berichten würde die SED "sich selbst breit und unangemessen einseitig" in den Vordergrund schieben. "Wir waren der Ansicht, dass die Demonstration am Montag nicht der geeignete Ort für den Wahlkampf ist, die SED zwingt uns aber durch ihr Vorgehen zum Handeln", hieß es in der gemeinsamen Erklärung. Damit sollte eine Begründung für einen neuzubildenden Verfassungsschutz geschaffen werden. Das Bürgerkomitee Leipzig besetzte in den Folgewochen alle Dienstobjekte des MfS, löste konspirative Objekte auf und stellte Akten sicher, damit sie nicht vernichtet werden konnten. Dabei wurde gemeinsam mit dem Bürgerkomitee Wurzen auch der ehemalige Stasi-Bunker bei Machern entdeckt. Dass das MfS eine unterirdische Ausweichführungsstelle für den Ernstfall - übrigens stets funktionsbereit - unterhielt, ahnte bis dahin keiner. Am 10. Januar 1990 wurde die Presse nach langem Hin und Her durch die Behörden erstmals zu einer Besichtigung eingeladen.

Das Neue Forum rief für den 15. Januar 1990 unter dem Motto "Die Stasi arbeitet weiter" zudem zu einer landesweiten Demo gegen die Restaurationspolitik der SED und ihres Sicherheitsapparates auf.

Mathias Orbeck

Bereits erschienene Beiträge der Reihe stehen im Internet unter
www.lvz-online.de/revolutionsgeschichten


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 7. November 2009
© Leipziger Volkszeitung

Kampfansage und unzählige Gespräche

Vor 20 Jahren: In Leipzig gründet sich in der Reformierten Kirche die SDP

Die Friedliche Revolution ist am 9. Oktober 1989 nicht zu Ende. Was weiter geschah, beschreibt die LVZ in ihrer Serie „Revolutionsgeschich-te(n)“ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig. Heute geht es um den 7. November 1989 – als sich auch in Leipzig die Sozialdemokratische Partei (damals SDP) gründete.

Die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) gründete sich einen Monat früher in Schwante bei Berlin. Ihr Chef war Ibrahim Böhme, der später als Stasi-Spitzel beschuldigt wurde. Doch das ist eine andere Geschichte. Auch in Leipzig gab es seit August 1989 mutige Menschen, die sich – zumeist unabhängig voneinander – mit der Wiederbelebung der Sozialdemokratie in ihrer Stadt befasst hatten. Dazu gehörten vor allem die Theologiestudenten Mike Dietel und Andreas Bertram, aber auch Thomas Lipp, Dietmar Motzer und weitere Aktivisten. „Der Aufruf zur Gründung der SDP sollte und musste der SED als Kampfansage in die Ohren fahren. Die in Schwante versammelten Menschen haben viel Mut bewiesen“, sagt Dietel, der ebenso wie Bertram als „Erster mit Name und Hausnummer für diese maximale Provokation der SED“ hergehalten habe.

Im Spätsommer etablierte sich in der Nathanaelgemeinde, bei der der spätere Stadtrat Christian Schulze als Verwaltungsleiter arbeitete, ein rein politischer Gesprächskreis. „Dort wurde intensiv darüber diskutiert, wie es mit der DDR weitergehen oder auch nicht weitergehen kann“, erinnert er sich. Daraus entstand dann zunächst eine Unterstützung des Neuen Forums. Es fanden unzählige Gespräche mit Bürgern statt, die per Unterschrift eine Zulassung des Neuen Forums forderten. In der Wohnung von Andreas Schurig, damals auch Glied der Nathanaelgemeinde, heute als sächsischer Datenschutzbeauftragter aktiv, wurde dann die Gründungsveranstaltung für die SDP konkret geplant. Auf den Montagsdemos wurden Zettel mit Kontaktadressen verteilt.

Vieles verlief damals parallel. Bei Mike Dietel und Andreas Bertram waren die Treppenhäuser voll, in denen die Beteiligten ihre Visionen und Vorstellungen von der Gründung einer SDP erläuterten.

Dank eines Glücksumstandes verfügte Schulze, der in Berlin geborene Pfarrerssohn, über einen Computer mit Nadeldrucker. Den nutzte im Frühjahr 1989 auch Katrin Walter von der Initiative für Frieden und Menschenrechte, um Matrizen für verschiedene illegale Veröffentlichungen herzustellen.

Auch Gunter Weißgerber, der spätere Bundestagsabgeordnete, unterstützte zunächst das Neue Forum. „Ich unterschrieb dort zuerst, wo es zuerst ging. Es mussten doch so viel Leute wie möglich zeigen, dass sie mitmachen wollten beim Umsturz“, so Weißgerber, der damals im Braunkohlewerk Borna arbeitete.

Auf der Montagsdemo am 6. November wurden Handzettel verteilt, mit denen zur Gründung der Partei einen Tag später in die Reformierte Kirche am Tröndlinring eingeladen wurde. „Auf dem Weg dorthin kamen Ängste in mir hoch. Hat die Stasi vielleicht doch noch die Kraft, alles abzusperren und zu verhindern?“, so Schulze. Doch die Kirche war auch aufgrund der Flüsterpropaganda gut gefüllt. Ungefähr 150 Bürgerinnen und Bürger versammelten sich im Gotteshaus. Etwa 80 von ihnen trugen sich in die ausliegenden Listen der SDP ein.
„Unvergesslich wird mir die riesige Diskrepanz zwischen meinen euphorischen Erwartungen und der Realität unserer ersten Gehversuche bleiben. An diesem Abend war für mich jedoch entscheidend, dabei gewesen zu sein. Alles andere würde sich schon noch richten“, so Weißgerber.

Auch über die Gründung von Betriebsgruppen wurde diskutiert, wie in einem Stasi-Protokoll zu lesen ist. Die Veranstaltung stand natürlich „unter Beobachtung“. Der Vorschlag wurde aber abgelehnt, weil man es nicht wie die SED machen wollte. Erster Vorsitzender wurde Karl-August Kamilli. Die erste große Versammlung war Ende November im Gemeindesaal der Nathanaelkirche. „Gleich beim Start in das Parteileben mussten Kröten geschluckt werden. Nicht SPD, sondern SDP sollte die Partei heißen. So, als ob es eine eigenstaatliche Organisation werden sollte“, so Weißgerber. Doch die Gründung einer sozialdemokratischen Partei sei da-mals wichtiger gewesen als ein (jederzeit zu ändernder) Name. Die Umbenen-nung in SPD erfolgte dann im Januar. Mathias Orbeck

Die bereits erschienenen Beiträge der Reihe stehen im Internet unter www.lvz-online.de/revolutionsgeschichten


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 5. November 2009
© Leipziger Volkszeitung

Post von der Bundeskanzlerin

Angela Merkel lädt Leipziger Bürgerrechtler für den 9. November nach Berlin ein

Am kommenden Montag wird in Berlin groß und prominent gefeiert. Vor 20 Jahren fiel die Mauer. Auch Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler aus Leipzig werden beim Erinnerungsereignis dabeisein.

Persönlich Post von Bundeskanzlerin zu bekommen, ist für Uwe Schwabe, in den 1980er-Jahren einer der aktivsten Bürgerrechtler in Leipzig, heute Mitarbeiter des Zeitgeschichtlichen Forums, eine Premiere. Vor wenigen Tagen war es aber so weit. Angela Merkel schrieb ihm handsigniert: „Sehr geehrter Herr Schwabe, am 9. November jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem die Mauer fiel. Ohne Ihren ganz persönlichen Einsatz für Freiheit und Demokratie wäre es nicht zur Friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR und damit auch nicht zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung Deutschlands gekommen. Ich möchte das großartige Engagement derer würdigen, die am glücklichsten Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte mitgeschrieben haben – jede und jeder auf ihre und seine Weise und häufig unter großen Gefahren. Deshalb würde ich mich freuen, wenn Sie am Montag, dem 9. November 2009, um 14.30 Uhr zum ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin kommen könnten. Ich möchte mit Ihnen noch einmal den Weg gehen, den ich vor 20 Jahren zum ersten Mal gehen konnte.“

Am Grenzübergang in der Bornholmer Straße ging an jenem 9. November um 23.30 Uhr der Schlagbaum hoch. Hier, zwischen den Stadtbezirken Prenzlauer Berg im Osten und Wedding im Westen, fiel die Berliner Mauer zuerst. Wann damals konkret die Physikerin Angela Merkel gen West-Berlin schritt, wird sie vielleicht auch den Gästen aus Leipzig mitteilen.

Eingeladen zum deutsch-deutschen Geschichts-Spaziergang ist auch Stephan Bickhardt, der in den 1980er-Jahren in Ost-Berlin lebte, 1989 die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt mit gründete und heute Leipzigs Polizeiseelsorger ist. Auch Bickhardt hat seine persönlichen Verdienste für den friedlichen Wandel im Lande vor 20 Jahren. Der Theologe betrieb im Untergrund eine Druckerei und veröffentlichte bereits 1986 in seiner Zeitschrift „Aufrisse“ den von ihm und vom Bürgerrechtskollegen Rainer Lampe formulierten Beitrag „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“. Der Text wurde im geheimen Eigenverlag gut 1000 mal vertrieben, die in ihm enthaltenen Darlegungen und Forderungen waren so revolutionär wie staatsfeindlich. Von einem „tödlich erkrankten gesellschaftlichen Leben“ war die Rede. Mit „rechtlich garantierter Reisefreiheit in westliche Länder für alle DDR-Bürger unabhängig von Alter, beruflicher Stellung, familiären Anlässen und politischer Einstellung“ nahmen Bickhardt und Lampe quasi den 9. November ’89 vorweg.

Mit der Kanzlerin die Bornholmer Straße entlang gehen wird Katrin Hattenhauer. Die ehemalige Theologiestudentin saß nach einer „Zuführung“ nach einem Friedensgebet noch am 9. Oktober ’89 im Leipziger Stasi-Untersuchungsgefängnis und erlebte den „Tag der Entscheidung“ hinter Gittern. In Berlin dabei sind die einstige Umweltaktivistin Gisela Kallenbach (heute sächsische Landtagsabgeordnete der Grünen) und Gesine Oltmanns, die 1989 an vorderster Reihe der Opposition zu finden war. Der Einladung der Kanzlerin folgen Christoph Wonneberger, der Initiator der Friedensgebete, Christian Führer, der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche, Tobias Hollitzer, unter anderen aktiv bei der Besetzung und Auflösung der Stasi und heute der Leiter der Gedenkstätte in der Runden Ecke, und Rainer Eckert, der Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, einst aktiv in der Potsdamer Bürgerrechtsszene.

Thomas Mayer

Quelle: DER SPIEGEL 43/2009
© SPIEGEL

Handeln statt beten

20 Jahre nach den legendären Montagsdemonstrationen von Leipzig streiten sich prominente Kirchenleute und weniger bekannte ehemalige Bürgerrechtsaktivisten um die Deutungshoheit über die damaligen Ereignisse. Wer hat wirklich die friedliche Revolution in der DDR eingeleitet?

Schon wieder er.
Der Bundespräsident braucht in seiner Leipziger Festrede zum 20. Jahrestag der DDR-Revolution keine zwei Worte, um ihn zu erwähnen. So geht es seit Jahren schon. 1991 war es die Theodor-Heuss-Medaille, die er bekam, 1995 folgte das Bundesverdienstkreuz, 2005 der Augsburger Friedenspreis (zusammen mit Michail Gorbatschow) und 2008 schließlich noch die Hans-Böckler-Medaille. Er ist immer der Held. Aber warum? Warum ausgerechnet Christian Führer, der langjährige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche mit dem markanten Bürstenhaarschnitt und der ewigen Jeansweste?

Es ist eine Frage, die sie umtreibt. Auch als sie sich vor gut einer Woche im fahlen Schein der Glasleuchter im alten Kinosaal der Leipziger Stasi trafen. Gut hundert frühere Aktivisten kamen, viele von ihnen immer noch in selbstgestricktem Pullover und Parka, so wie damals vor 20 Jahren, als sie den Kern der legendären Leipziger Montagsdemonstrationen bildeten. Zum Festakt mit dem Bundespräsidenten im Leipziger Gewandhaus waren etliche von ihnen nicht eingeladen worden.

Männer wie Uwe Schwabe, den die vielen Rückblicke auf 20 Jahre Mauerfall erst gelangweilt und dann immer mehr verärgert haben. Weil sie den Mythos der friedlichen "Revolution, die aus der Kirche kam", den der Theologe Führer in seiner Autobiografie neu entfacht, nicht für die Wirklichkeit, sondern eben nur für einen Mythos halten.

Es ist nicht die Geschichte, die sie vor 20 Jahren erlebt haben. Deshalb können Schwabe und seine Mitstreiter die Ehrungen und Legendenbildungen um die "Helden" der Kirche kaum noch ertragen. "Da droht sich etwas im kollektiven Geschichtsbewusstsein zu etablieren, was mit der Realität der Ereignisse nicht mehr viel zu tun hat", sagt er.

In Leipzig ist ein Kampf um die Deutungshoheit der damaligen Vorgänge entbrannt, die unbestritten den Untergang der DDR einleiteten. Wer waren die wirklichen Helden? Kirchenmänner wie Führer, die zurückhaltend und vorsichtig agierten, um auf keinen Fall die Staatsmacht herauszufordern? Oder Aktivisten wie Schwabe, die auf die demokratische Erneuerung der DDR drängten und damit in den Augen der SED-Herrscher nichts weniger als die Machtfrage stellten?

20 Jahre nach dem Fall der Mauer werden noch einmal die alten Schlachten geschlagen. Und beide Seiten stehen sich so unversöhnlich gegenüber wie einst. Viele der späteren Initiatoren der Leipziger Demonstrationen werfen den Kirchenleuten vor, damals zu sehr gebremst zu haben. Für sie ist ein Montagnachmittag im August 1988 in der Leipziger Nikolaikirche ein Schlüsselereignis. An jenem Tag hatte Superintendent Friedrich Magirius am Ende der Andacht erklärt, dass die Basisgruppen, die seit Jahren montags für volle Kirchenbänke gesorgt hatten, nicht mehr an der Gestaltung des Friedensgebets mitwirken dürften.

Empört stürmten die jungen Männer und Frauen zum Altar, um eine Protesterklärung gegen die Zensur der Kirche zu verlesen, doch ihnen wurde das Mikrofon abgestellt. Jochen Läßig vom "Arbeitskreis Gerechtigkeit" versuchte dennoch, vom Altar aus weiterzusprechen.

Superintendent Magirius gab daraufhin dem Organisten auf der Empore ein Zeichen, und schon erstickte Orgelmusik den Protest gegen die Kirche. Ein junger Mann hechtete über die Kirchenbänke, kletterte die Balustrade hoch und zog den Stromstecker der Orgel. Pfarrer Führer sprang auf einen Stuhl, um die Leipziger Basisgruppen, darunter viele Theologiestudenten, kurzerhand aus seiner Kirche zu werfen. Die antworteten mit Pfiffen und Protestrufen. "Das sind keine Leute von uns", rief Führer in den Kirchenraum.

Die Stasi-IM vor Ort notierten: "Durch Pfarrer Führer wurden die Anwesenden mehrfach zum Verlassen der Kirche aufgefordert", was sie dann auch "mit Unmut und undiszipliniert" taten. Nach ihrem Rauswurf nutzten die Bürgerrechtler den Platz vor der Kirche, Passanten über Verhaftungen, Pressezensur und Aktionen in der ganzen DDR zu informieren. "Wir wollten uns nicht länger von Pfarrern, die Angst hatten, bevormunden lassen", beschreibt Schwabe die damalige Gefühlslage. Heute ist er Mitarbeiter im Zeitgeschichtlichen Forum der Bundesstiftung "Haus der Geschichte" in Leipzig. "Wir wollten handeln und nicht auf ein Zeichen Gottes warten. Als die Kirche begann, uns zu disziplinieren, haben wir den öffentlichen Raum selbst erobert."

Die Leipziger Friedensgottesdienste waren schon seit dem Herbst 1982 von Basisgruppen gestaltet worden, die sich an dem Vorbild des damals noch in Dresden tätigen Pfarrers Christoph Wonneberger orientierten. Doch mit ihrer Politisierung wurde der Druck des Staats auf die Kirchenoberen immer größer.

Die Luftverschmutzung in der Region, die Atomkraft, die Verletzung der Menschenrechte in der DDR, der Verfall der Leipziger Altstadt und die wachsende Zahl von Ausreisewilligen waren Themen, die so brisant waren, dass sie nach dem Willen der Kirche bei den Friedensgebeten nicht mehr angesprochen werden sollten.

Drei Ausstellungstafeln zur Ausreiseproblematik wurden in der Nikolaikirche verboten, Texte zensiert, Fotos des Prager Frühlings 1968 von der "Klagemauer", einer Pinnwand in der Kirche, entfernt. In einem Protestbrief an Landesbischof Johannes Hempel schrieben acht Leipziger Bürgerrechtler: "Wir brauchen die Öffentlichkeit, Wir sehen uns als Gruppen nun nicht mehr nur von staatlicher, sondern auch von kirchlicher Seite ins Abseits gedrängt." Gesine Oltmanns, die immer in den ersten Reihen der Montagsdemonstranten zu finden war, sagt: "Auf Bischof Hempel und seine Superintendenten wurde Druck ausgeübt, den sie an uns weitergaben." Hempel sei aufgefordert worden, die Friedensgebete "mehr zu theologisieren".

Doch die Leipziger Aktivisten drängten auf Handeln statt auf Beten. "Wir wollten aus dem engen kirchlichen Raum ausbrechen und sahen in der Organisation von Demonstrationen eine neue Möglichkeit", erinnert sich Schwabe. Bereits im Juni 1988 verteilten sie Handzettel an die Leipziger und organisierten mit dem "Pleiße-Marsch" eine Umweltdemonstration.

Um die Staatsmacht nicht zu provozieren, distanzierte sich die Kirchenleitung umgehend von den Aktionen. Die Leipziger Superintendenten verlangten, die entsprechenden Plakate aus den Schaukästen der Kirchengemeinden zu entfernen. Außer Wonneberger marschierte kein anderer Pfarrer mit den 230 Demonstranten, die von der Polizei in Ruhe gelassen wurden.

Wonneberger und nicht Führer war der wichtigste Mann hinter den Friedensgebeten. Bis in den Sommer 1988 war er derjenige, der sie koordinierte. Dann bekam er einen Brief seiner Kirchenleitung. "Lieber Bruder Wonneberger ... Wir haben eine neue Gestaltung der Friedensgebete für die nächsten Wochen vorbereitet. Meinerseits stelle ich fest, dass Sie von Ihrer bisherigen Aufgabe entbunden sind."

Für Schwabe war das der Moment, "in dem die evangelische Kirche sich zum Handlanger der SED degradierte". Umso mehr ärgert es ihn, dass nicht Bürgerrechtler wie Wonneberger bei Erinnerungsfeiern im Rampenlicht stehen. Stattdessen würden Männer wie Führer geehrt oder der frühere Superintendent Magirius, der bereits 1990 die "Goldene Kamera" erhalten hatte, später Ehrenbürger von Krakau wurde und den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis bekam, bei dessen Verleihung in der Frankfurter Paulskirche mehrere DDR-Bürgerrechtler ein Transparent hochhielten ("Revolutionsheld nach Sendeschluss").

Die Aktivisten von einst reagierten empört, als sie hörten, dass ausgerechnet Christoph Kähler, der frühere Rektor des Theologischen Seminars Leipzig, bei den Gedenkfeiern zum 9. Oktober in Anwesenheit des Bundespräsidenten ein Friedensgebet in der Nikolaikirche halten sollte. Dabei war er es, der nach jenem Tumult 1988 die Disziplinierung von beteiligten Theologiestudenten einleitete. Drei Sprecher der Gruppe "Gerechtigkeit" wurden zwei Monate später, nach einem Rektoratswechsel, vom kirchlichen Studium exmatrikuliert, weil sie angeblich kaum noch daran teilgenommen hätten.

In der Nikolaikirche ging es nach dem Montagstumult Ende August 1988 mit den Friedensgebeten zwar weiter, doch für die Gruppen war der Platz vor der Nikolaikirche fortan der wichtigere Treffpunkt. "Nach dem Vorbild der Danziger Brigittenkirche nahe der Werft und dem Prager Wenzelsplatz", sagt der damalige Aktivist Rainer Müller.

Allerdings wollten die Gruppen ihren Rauswurf ais der Nikolaikirche nicht widerstandslos hinnehmen.

Zwei Monate später, am 24. Oktober 1988, trugen die Basisgruppen ihren Protest noch einmal in die Kirche. Mit Kerzen und Transparenten zogen Aktivisten vor den Altar. Doch anders als seine evangelischen Kollegen zeigte sich der katholische Kaplan Hans-Friedel Fischer solidarisch und begrüßte jeden mit Handschlag.

Am Ende des Friedensgebets versuchte die junge Gesine Oltmanns, eine Erklärung vorzulesen. Doch wieder schaltete Superintendent Magirius das Mikrofon ab. Erneut kam es zu tumultartigen Szenen in der Nikolaikirche. Die Gruppen zogen nach draußen, verteilten Kerzen an die Passanten und nutzten die Betonplatten vor der Kirche als Rednertribüne.

Zwei Wochen später, am 9. November, ging vom Vorhof der Nikolaikirche ein nicht genehmigter Schweigemarsch mit Kerzen aus, an dem über 200 Leipziger zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 zum ehemaligen Standort der größten Leipziger Synagoge zogen.

Doch Nikolai-Pfarrer Führer war mit den Flugblättern nicht einverstanden: "Wir können uns nur davon distanzieren". Und über die in seiner Kirche protestierenden Basisgruppen meinte er: "Was wir hier erlebten, lässt auch bei weitherzigster Auslegung den Begriff ,Friedensgebet' nicht mehr zu". Das sogenannte Fürbittengebet trage "zur Propagierung des Unglaubens, zu Tipps für das Verhalten bei der nächsten Wahl" bei und sei "zu provokativ-politischen Appellen entartet". Die Kirche werde so "zum Plenarsaal herabgewürdigt".

Führer tat alles, um Film- und Tonaufnahmen oder das Fotografieren durch westliche Journalisten in der Nikolaikirche zu verhindern. Ganz anders als Pfarrer Wonneberger und die Basisgruppen. "Unser Ding war es, immer alles öffentlich zu machen", sagt Wonneberger, in dessen Haus ein Kontakttelefon für die Aktivisten stand. So wie auch bei seinem Verbündeten, Pfarrer Rolf-Michael Turek.

Die beiden Seelsorger erlaubten von ihren Anschlüssen Gespräche mit Westmedien und Oppositionsgruppen in der DDR und ließen zu, dass in ihren Pfarrhäusern Flugblätter gedruckt werden konnten. Turek musste sich deshalb im Sommer 1989 zur "Klärung eines Sachverhalts" von der Stasi vorhalten lassen: "Seien Sie doch vernünftig, Herr Turek, und nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihren Kollegen." Doch Turek wollte nicht.

Magirius sagt, er habe eine Entchristlichung der Friedensgebete damals nicht tolerieren wollen. Führer bestreitet heute nicht, was vorgefallen ist. Doch nicht er habe sich nach der Wende in den Vordergrund gespielt, es seien die Medien gewesen, die ihn als "den Geistlichen" bezeichnet hätten, der der "SED-Macht die Stirn bot". Das habe er zwar auf seine Art auch getan, selbst wenn er damals "Tag und Nacht Angst" gehabt habe. Doch für ihn habe Jesus im Mittelpunkt gestanden und nicht der Umsturz.

Und er habe sich auch nicht als "Initiator der Friedensgebete" dargestellt, sondern nenne sich allenfalls ein "ständiger Begleiter und Betreuer". Die Basisgruppen seien damals zwar verärgert gewesen, doch es habe Friedensgebete gegeben, "die nur scharfe politische Veranstaltungen waren und dem Staat die erwünschte Steilvorlage" für die Behauptung lieferten, "die Gebete hätten nichts mit der Kirche zu tun, sondern seien blanke staatsfeindliche Hetze". Als die Situation Ende August 1988 eskalierte, habe die Gefahr bestanden, dass der Staat einen Vorwand zum Eingreifen bekommen hätte. Deshalb habe er die Gruppen gebeten, die Kirche zu verlassen, sie aber nicht hinausgeworfen. Im Frühjahr 1989 habe er sie wieder hineingeholt.

Tatsächlich spielte der Kirchhof mit den Aktivisten draußen vor der Nikolaikirche in den Monaten bis zum Herbst 1989 aber die entscheidende Rolle, "nachdem wir uns aus der Bevormundung der Kirchenleitung gelöst hatten", sagt der Ex-Theologiestudent und heutige Historiker Müller. Von hier aus zogen schon am 1. Mai des Revolutionsjahrs 200 Leipziger quer durch die Innenstadt. Ohne dass die Volkspolizei eingeschritten wäre. Von da an fand jeden Montagabend eine Demonstration statt oder der Versuch dazu.

"Dieser Rauswurf war es im Grunde, der eine Kommunikation zwischen jungen Oppositionellen und der Bevölkerung erzwang", glaubt der SPD-Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber heute, damals einer der Hauptredner der Montagsdemonstrationen: "Ohne 'die nach draußen Gewiesenen' auf dem Nikolaikirchhof würden 'die da drinnen' vielleicht noch immer in der Nikolaikirche beisammensitzen und Fürbittgottesdienste und Friedensgebete innerhalb der DDR abhalten."


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Pfarrer Wonneberger

Der Vergessene

Der Pfarrer Christoph Wonneberger machte die Leipziger Montagsdemos erst möglich. Den Ruhm jedoch ernteten Nebenfiguren.

Von FOCUS-Korrespondent Alexander Wendt (Leipzig)

Wenn er im Wintergarten seiner Wohnung im Leipziger Süden sitzt und in seinem Sessel verschwindet, dann fällt es schwer zu glauben, dass dieser Mann einmal ein Staatsfeind war. Ein erfolgreicher Staatsfeind sogar, der es schaffte, einen Staat wirklich aus den Angeln zu wuchten. Nicht allein, aber als einer der wichtigsten Köpfe im ostdeutschen Revolutionsherbst 1989. Christoph Wonneberger ist ziemlich klein und schmal, fast zierlich. Er sieht gut aus für seine 65 Jahre. Im vergangenen Jahr ist er zusammen mit anderen Abenteuerlustigen von Paris nach Moskau geradelt, einfach so. "Sieben Wochen", sagt er. "Hat Spaß gemacht." Ein Europa, durch das man fahren kann, ohne an Stacheldrahtgrenzen zu stoßen, das ist für ihn immer noch eine ganz persönliche Sache. Auch 20 Jahre danach. An dem Umbruchsjahr 1989 hatten viele einen Anteil, einen kleineren oder größeren: polnische Gewerkschafter und tschechische Dissidenten, DDR-Bürgerrechtler, Weltpolitiker und anonyme Demonstranten. Der Anteil von Christoph Wonneberger, Pfarrer in Rente, fällt im Rückblick ziemlich groß aus: Ohne ihn hätte es die Leipziger Montagsdemonstrationen wahrscheinlich nie gegeben.

Im kollektiven Gedächtnis scheint der Mann allerdings überhaupt nicht vorzukommen. Wer offizielle Gedenkschriften und Zeitungsartikel zum Herbst 1989 durchforstet, stößt zuallererst auf ganz andere Leute, auch wenn es nur um Leipzig geht. Christoph Wonneberger - der Name erscheint höchstens ganz am Rand. Als Nebendarsteller einer großen Geschichte. Er hat keine Preise bekommen wie andere, er ist nicht zusammen mit Michail Gorbatschow geehrt worden, ihm hat kein Bundeskanzler die Hand geschüttelt.

In den Buchhandlungen liegt, frisch gedruckt, das Buch des Nikolaikirchenpfarrers Christian Führer zum Herbst 1989: "Und wir sind dabei gewesen." Von Wonneberger gibt es kein Buch. Wie fühlt er sich so als Figur in einer Fußnote? "Ach", sagt er, "da ist mir doch viel erspart geblieben. Oder?" Er lacht ziemlich lange. Überhaupt lacht er gern und oft. Nein, verbittert wirkt Christoph Wonneberger kein bisschen. An ihm fällt höchstens auf, dass er manchmal das Wort nicht findet, das er sucht. Oder dass die Silben in verkehrter Reihenfolge aus seinem Mund kommen.

Die Grenzen austesten

Damals in der DDR beobachteten und beäugten gleich zwei Institutionen jeden seiner Schritte: Der SED-Staat und Wonnebergers eigener Arbeitgeber, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens. Für die Staatssicherheit war der Pfarrer der Dresdner Weinbergkirchengemeinde, der Wehrdienstverweigerer beriet und unterstützte, sowieso ein Staatsfeind, ein "Exponent der PUT", wie es in Stasi-Deutsch hieß, der "politischen Untergrundtätigkeit". Aber auch in den Augen von Landesbischof Johannes Hempel galt der Mann, der da in weichem singendem Sächsisch auf seinen Ansichten beharrte, als innerkirchlicher Problemfall. Wie fast die gesamte Kirchenführung in der DDR plädierte Hempel dafür, sich mit dem allmächtigen Staat zu arrangieren, um im Tausch kleine Freiräume zu erhalten. Die Kirche soll ein Trost- und Reparaturbetrieb für die Schäden sein, die der Realsozialismus anrichtet, aber keine Untergrundbewegung. Wonneberger aber will nicht nur trösten und helfen. Er will Grenzen austesten.

Als er 1982 versucht, eine DDR-weite Sternfahrt von Radfahrern nach Dresden zu organisieren, um für einen "Friedensdienst" zu werben, einen echten Wehrersatzdienst, den es in der DDR nicht gibt, sehen sowohl die SED-Gewaltigen als auch die Kirchenoberen eine rote Linie überschritten. "Meine Vorgesetzten haben mir ziemlich eindeutig gesagt: ,Wenn du das machst, dann hast du deinen Job nicht mehr.´" Um bleiben zu können, lenkt er ein und sagt die Sternfahrt ab. Aber er überlegt sich eine Alternative, die vergleichsweise harmlos wirkt: In mehreren Städten sollen sich an einem festen Wochentag in einer bestimmten Kirche Menschen zu Friedensgebeten treffen. Mit diesen Friedensgebeten, die sich nach und nach in anderen Städten etablieren, setzen er und seine Freunde eine Bewegung in Gang, die anfangs kaum auffällt, auf lange Sicht aber ähnliche Sprengwirkung entfaltet wie ein Holzkeil in einem Felsblock. 1985 schickt die Kirche Wonneberger nach Leipzig. Er bekommt die Pfarrstelle der Lukaskirche, in einem Arbeiterviertel, weitab vom Zentrum. Vielleicht, so hofft man im Bischofsamt, kommt der renitente Pfarrer hier zur Ruhe.

Es geschieht das Gegenteil: Friedrich Magirius, Superintendent des zuständigen Kirchenbezirks, fragt ihn, ob er sich nicht um das Leipziger Friedensgebet kümmern könnte. Er habe doch Erfahrung damit. Wonneberger sagt zu. Die Friedensgebete finden in St. Nikolai statt, einer Kirche im Stadtzentrum.

Es ist eine neue Generation zorniger junger Leute, die montags um 17 Uhr indie Nikolaikirche kommt. Sie wollen nicht nur Gebete, sie wollen über Demokratie reden. Zusammen mit Wonneberger wählen die Basisgruppen konkrete Themen für die Friedensgebete aus: die Umweltzerstörung, die fehlende Meinungsfreiheit. Die Andachten sind offen für alle. In einer erstarrten Politbürokratie wie der DDR stellt dieser winzige Freiraum mitten in Leipzig eine Ungeheuerlichkeit dar.

Den anderen Kirchenleuten geht diese Politisierung der Montagsgebete viel zu weit. Christian Führer, der als Pfarrer der Nikolaikirche die Gebete begleitet, fürchtet, die Staatsorgane könnten so eine "Steilvorlage" bekommen, um die kleine Freiheit der Kirchen drastisch zu beschneiden. "Friedensgebete nur mit Politik, ohne Gebet und Gesang", findet er, würden nur der SED in die Hände spielen. Sein Vorgesetzter Magirius entzieht den oppositionellen Gruppen im August 1988 das Recht, den Inhalt der Gebete zu gestalten - es ist der Beinaherauswurf der Staatsgegner aus der Kirche. Erst nach wochenlangen Protesten dürfen die Basisgruppen wieder die Gebete mitgestalten, unter Aufsicht eines Vertrauenspfarrers, der den theologischen Segen geben soll. Sie benennen dafür Wonneberger.

Und der denkt trotz aller Warnungen nicht daran, die Friedensgebete zu entschärfen. Im Gegenteil, er sieht die Risse in dem vermeintlich felsenfesten Staat, er spürt in den Gesprächen mit den jungen Unzufriedenen, mit den Ausreiseantragstellern, wie die Substanz des Systems bröckelt. Des-halb überschreitet er die imaginären roten Linien, wo er nur kann. Als es der evangelischen Kirche zu riskant erscheint, oppositionelle Basisgruppen zum offiziellen Kirchentag in Leipzig im Sommer 1989 zuzulassen, erklärt Wonneberger sein St. Lukas kurzerhand zum Ort eines "Statt-Kirchentages" und macht es zum Zentrum der Bürgerrechtler. Er ist derjenige, der immer einen Schritt weiter geht als seine Kirche. Er könnte seine Ruhe haben. Aber die will er nicht.

Das Gesicht der Bewegung

Inzwischen spricht sich herum: Wer irgendwie gegen die SED ist, der kann das am besten zeigen, wenn er montags um 17 Uhr zur Nikolaikirche kommt. Am Montag, dem 25. September 1989, liegt eine unwirkliche Spannung in der Luft, als Christoph Wonneberger kurz nach 17 Uhr an die Kanzel der Nikolaikirche tritt und mit der Predigt beginnt. Sein Thema lautet: Gewalt. Was folgt, ist eine politische Rede und gleichzeitig die beste Predigt, die er je halten wird. Als gewitzter Stratege hat er früher als die meisten anderen erkannt, dass gerade die Friedfertigkeit den Demonstranten als schärfste Waffe dient, während der Staat sich durch das Knüppeln moralisch unaufhaltsam demontiert.

"Wer einen Gummiknüppel schwingt, sollte besser einen Schutzhelm tragen", ruft er in die voll besetzte Kirche. "Wer andere blendet, wird selbst blind. Wer andere willkürlich der Freiheit beraubt, hat bald selbst keine Fluchtwege mehr." An dieser Stelle verzeichnet eine zeitgenössische Mitschrift "Lachen, Beifall." Als die Kirchentüren sich öffnen und sich die Leute vorsichtig und untergehakt nach draußen schieben, können sie weit und breit keine Uniform entdecken. Stattdessen drängen sich draußen vor der Kirche die Menschen dicht an dicht. Rund 8000 sind gekommen. Berauscht von ihrer eigenen Kühnheit zieht die Menge über den Leipziger Ring.

Zwei Wochen später, am 9. Oktober, telefoniert Wonneberger von seiner Wohnung aus die Botschaft an die westlichen Journalisten: Die entscheidende Demonstration der 70 000 ist friedlich geblieben, der Staat vor der Menge zurückgewichen, die immer wieder den einen Satz skandiert: "Wir sind das Volk." Mit seinen engsten Mitstreitern hatte Wonneberger 30 000 Flugblätter drucken und verteilen lassen, die zur unbedingten Gewaltlosigkeit aufriefen. Abends, kurz nach halb elf blenden die "Tagesthemen" ein Foto von Wonneberger ein, während er mit dem Moderator telefoniert. Die historische Bewegung, die da in Gang kommt, hat jetzt auch ein Gesicht: das des kleinen schmalen Pfarrers aus Leipzig-Volkmarsdorf.

Kein Führer, aber ein Kopf

An jedem Arbeitstag schaut Uwe Schwabe auf die Vergangenheit. Er arbeitet im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, einem Ausstellungszentrum, das die Geschichte der DDR-Opposition dokumentiert. In Schwabes Zimmer steht eine originale elefantengraue DDR-Gefängniszellentür als Souvenir. Vielleicht auch als Trophäe. Schwabe, damals Bürgerrechtler in der Nikolaikirche, sieht sich als Gewinner. Seinen Vollbart trägt er gestutzt, die Haare auf dem Kopf werden langsam dünn. "Die Revolution von 1989 hatte keinen Führer", sagt er. "Wir waren ein Netzwerk aus selbstständigen Leuten, das konnte die Stasi nie begreifen. Aber wenn es einen herausragenden Kopf gab, dann war es Wonneberger."

Zwei Daten bestimmen die Biografie Wonnebergers: Der 9. und der 30. Oktober 1989. Am 30. Oktober trifft ihn in seiner Wohnung ein Schlaganfall, der ihn fast umbringt. Er, dessen einziges Mittel das Wort ist, verliert von einem Augenblick zum anderen seine Sprache. Am 9. November fällt die Mauer, und westliche Journalisten und Kamerateams strömen nach Leipzig, um den Anführer der Montagsdemonstrationen zu suchen, den ostdeutschen Havel oder Walesa. Wonnebergers kurze Telefoneinspielung in den "Tagesthemen" ist längst vergessen. Pfarrer Christian Führer, dem die Politisierung der Montagsgebete viel zu weit ging, und Superintendent Magirius, der die Oppositionellen vorübergehend aus der Kirche geworfen hatte, geben bereitwillig Interviews. Sie können beide gut reden, und obwohl sie sich nie so weit vorwagten wie Wonneberger, freuen sie sich über den Mauerfall und das Ende der SED. Es gibt überall Helden, die irgendwann aus dem kollektiven Gedächtnis fallen. Wonneberger gelangt gar nicht erst hinein. Die neuen Geschichtsschreiber kommen aus dem Westen wie auch die neuen Verwaltungsbeamten, Richter, Banker. Und mit der Revolutionsgeschichte geschieht, was der Sozialpsychologe Harald Welzer eine "kumulative Heroisierung" nennt: Magirius, einmal medial zum führenden Oppositionellen ernannt, steigt zum Präsidenten der Leipziger Stadtverordnetenversammlung auf, er erhält den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis und wird Grenadier der französischen Ehrenlegion. Für Pfarrer Christian Führer gibt es den Palm-Preis und den Augsburger Friedenspreis, den er zusammen mit Gorbatschow erhält. Die FAZ schreibt, Führer sei das "Gesicht der Montagsdemonstrationen" gewesen. Ein Redakteur der "Welt" erklärt ihn zum "Vater des Mauerfalls". Die Werbeprofis des Leipziger Stadtmarketings nutzen Führers Foto als Plakatmotiv ihrer Kampagne "Leipziger Freiheit." Es ist nicht so, dass Führer der völlig Falsche für die Rolle des Helden wäre. Er ist nur nicht der Richtige.

Markenzeichen Jeansweste

Zur Verleihung des Heinemann-Preises 1990, erzählt Wonneberger, habe ihn Magirius sogar in die Frankfurter Paulskirche eingeladen. Wonneberger, der damals in einer Spezialklinik in Hannover langsam wieder das Sprechen lernte, fuhr hin: "Das war das erste Mal seit Langem, dass ich wieder allein gereist bin." Er habe damals noch Schwierigkeiten gehabt, für sich alles zu ordnen. "Aber als ich da im Publikum saß und er auf der Bühne stand, da dachte ich: Hier läuft doch etwas falsch." Kein Festgast erkennt ihn. "Wenn ich gewusst hätte, was mich dort erwartet", sagt Wonneberger leise, "dann wäre ich nicht gefahren."

1991 versetzt die Landeskirche Wonneberger wegen der Spätfolgen des Schlaganfalls gegen dessen Willen in den Ruhestand.

Riquet-Haus in der Leipziger Innenstadt, altsächsischer Kaffeehaus-Charme. Führer, seit ein paar Monaten Pfarrer im Ruhestand, nippt an seinem Eiskaffee. Draußen herrscht Augusthitze. Trotzdem trägt er sein Markenzeichen, die Jeansweste. Er winkt ab, als es um die Medienzitate geht. "Gesicht der Montagsdemonstrationen", "Vater des Mauerfalls", also, das sei natürlich alles Unsinn. Aber die Journalisten schrieben nun mal voneinander ab, immer dasselbe. Auf dem Schutzumschlag seines eigenen Buches habe der Verlag es wieder geschrieben: "Initiator der Montagsgebete". Er habe das erst für die dritte Ausgabe ändern können. "So werden Sie ausgelöffelt." Er sei Begleiter der Montagsgebete gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Den Inhalt der Gebete hätten andere gestaltet. Ob er sich einmal mit Wonneberger unterhalten habe? Nicht direkt, nur einmal mit dessen Frau. "Ich hatte das Gefühl, dass Christoph den Kontakt vielleicht nicht unbedingt wünscht." Führer verabschiedet sich freundlich, er muss zur Nikolaikirche: Dort wartet schon ein Kamerateam aus den USA.

90 Prozent genügen ihm nicht

Ob er auch ein Buch schreiben wolle? Wonneberger schüttelt den Kopf. Nein, er habe immer noch Schwierigkeiten, genau das Wort zu finden, von dem er glaubt, dass es das einzig richtige ist. Er findet immer Ersatzbegriffe, seine Sprachfähigkeit ist zu 90 Prozent zurückgekehrt. Aber 90 Prozent genügen ihm nicht.

Er will etwas zeigen und faltet ein ladenneues Radtrikot auseinander. Auf dessen Rücken hat er das Schwerter-zu-Pflugscharen-Motiv drucken lassen, das Signet der oppositionellen DDR-Friedensbewegung. Die Sternfahrt, die er 1982 habe absagen müssen - jetzt mache er so etwas Ähnliches doch. Morgen werde er zusammen mit anderen aufbrechen und durchs Baltikum radeln. Das alte Oppositionszeichen auf dem Rücken. "Verstehen Sie?", fragt er und lächelt. Ja, man versteht.

Vielleicht hat er all die Preise und Artikel, die andere an seiner Stelle bekommen haben, gar nicht gebraucht. Er wirkt glücklich.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 16. Oktober 2009
© Leipziger Volkszeitung

120 000 Menschen auf dem Ring

Vor 20 Jahren: Erneut Montagsdemonstration / SED versucht, sie im Vorfeld zu verhindern

Bilder vom 9. Oktober 1989 gingen um die ganze Welt. Doch damit ging die Friedliche Revolution erst los. Was danach geschah, wird die LVZ in ihrer Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – weiterhin beschreiben. Heute geht es um die Montagsdemonstration vom 16. Oktober 1989.

Der 9. Oktober 1989, als 70 000 Menschen für Freiheit und Demokratie über den Ring gezogen waren, ist als Tag der Entscheidung in die Geschichte eingegangen. Damit ist das Ende der DDR aber noch nicht besiegelt, höchstens eingeleitet. Der Protest verläuft friedlich – die Gefahr ist aber noch nicht gebannt. Am 12. Oktober 1989 trifft sich der damalige Oberbürgermeister Bernd Seidel mit leitenden Vertretern der Kirche. Dabei erklärt er die Bereitschaft des Rates der Stadt, mit den Bürgern sowie den Vertretern der Kirchen in einen Dialog zu treten. Gleichzeitig fordert er aber Ruhe und Besonnenheit.

Einen Tag später werden Bürgerrechtler, die infolge der Proteste inhaftiert worden waren, aus der Haft entlassen. Am 13. Oktober ist Politbüromitglied Egon Krenz, der wenige Tage später Generalsekretär der SED werden sollte, in Leipzig. Er fliegt mit den ranghöchsten Stabschefs der Staatssicherheit, der Armee und der Polizei ein, um Maßnahmen gegen die nächsten Demonstrationen festzulegen. Der Einsatzbefehl, der auch von Erich Honecker unterschrieben wurde, legt fest, dass geplante Demonstrationen bereits im Entstehen zu verhindern seien. Allerdings solle der aktive Einsatz polizeilicher Mittel nur bei „Gewaltanwendung der Demonstranten“ erfolgen. Das geht auch aus weiteren Stasi-Protokollen hervor. Ein direkter Einsatz soll nur erfolgen, wenn Personen oder Objekte angegriffen oder andere schwere Gewalthandlungen inszeniert werden. Honecker befiehlt, dass der Einsatz von Schusswaffen „grundsätzlich verboten“ sei. Doch das Bild ist widersprüchlich.

Tausende zusätzliche Sicherheitskräfte werden nach Leipzig geholt. Darunter Spezialisten für den Nahkampf. So verlegt die SED-Führung drei Hundertschaften des Luftsturmregimentes in die Kaserne Georg-Schumann-Straße. Die Leipziger Polizei muss etwa 3000 Soldaten mit Schlagstöcken ausrüsten. Stasi-Chef Erich Mielke befiehlt für alle MfS-Mitarbeiter „Dienst bis auf Widerruf“. Am Montag finden in der Nikolaikirche, Reformierten Kirche, der Michaeliskirche, der Thomaskirche sowie in der Propstei, die wiederum überfüllt sind, zeitgleich Friedensgebete statt. Über den Stadtfunk sind Appelle von Vertretern der SED und der LDPD sowie von Pfarrer Gottfried Schleinitz verbreitet worden, mit dem Aufruf, an diesem Montag nicht zu demonstrieren. Ihr Tenor: „Die Straße ist kein Ort für Dialog, für Problemlösungen.“ Auf dem Karl-Marx-Platz werden Flugblätter von Leipziger Universitätsprofessoren verteilt. Auch die SED signalisiert Dialogbereitschaft, bekennt sich zu Veränderungen, will aber erneute Demonstrationen verhindern. Deshalb gibt es auch Gespräche mit kirchlichen Würdenträgern wie den beiden Leipziger Superintendenten Friedrich Magirius und Johannes Richter, aber auch mit Vertretern der oppositionellen Gruppen.

Doch die Taktik greift nicht mehr, die Demonstrationen haben längst eine Eigendynamik erreicht. Nach dem Gottesdienst ziehen doppelt so viele Menschen wie in der Vorwoche um den Ring. Mehr als 120 000 Menschen. Sie verleihen ihren Forderungen und Hoffnungen auf Transparenten und Plakaten Ausdruck, die erstmals in größerer Anzahl das Bild des Demonstrationszuges bestimmen. Losungen wie „Neues Forum zulassen“ oder „Meinungsfreiheit“ sind darauf zu lesen. Auch Sprechchöre wie „40 Jahre sind genug – wir wollen keinen Wahlbetrug“ und „Stasi in die Volkswirtschaft“ erklingen ebenso wie „Keine Gewalt“ und „Schließt euch an“. Erstmals wird übrigens über die Demo in der Aktuellen Kamera, der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, berichtet. Auch in der LVZ erscheint am folgenden Tag ein Artikel. Darin erklärt SED-Bezirkssekretär Jochen Pommert: „Unsere Partei bekennt sich zu Veränderungen und will sie. Dafür ist die Straße weder Ort noch Mittel.“

Mathias Orbeck

Die bereits erschienenen Beiträge der Reihe stehen im Internet unter www.lvz-online.de/revolutionsgeschichten


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 9. Oktober 2009
© Leipziger Volkszeitung

Der Tag der Entscheidung

Vor 20 Jahren: 70 000 Menschen ziehen um den Ring / „Keine Gewalt“ wird Losung des Tages

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. In der Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um den 9. Oktober 1989 – den Tag der Entscheidung.

Seit den frühen Morgenstunden hängen Bettlaken an der Nikolaikirche. „Leute, keine sinnlose Gewalt, reißt euch zusammen“, ist darauf zu lesen. Bürgerrechtsgruppen um Pfarrer Christoph Wonneberger haben einen Appell verfasst, der 25 000 Mal mühsam vervielfältigt und später verteilt wurde. Darin wird zum Verzicht auf Gewalt aufgerufen.

Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer ist bewusst, dass an diesem Montag trotz aller staatlichen Drohungen mit einem großen Ansturm zum Friedensgebet zu rechnen ist. Auch Drohungen per Telefon gibt es. An Schulen und in Betrieben sind offiziell Warnungen ausgesprochen worden, auf keinen Fall in die Innenstadt zu gehen, weil dies gefährlich werden könnte. Gerüchte kursieren, dass Krankenhäuser bereits Blutkonserven bereitstellen müssen.

Auch bei den Mitarbeitern staatlicher Organe liegen die Nerven blank. Nach vorherigen Demonstrationen, etwa am 7. Oktober 1989, will die Staatsmacht in Leipzig den „Spuk ein für alle Mal beenden“. „Auch mit dem Einsatz von Schusswaffen wird offen gedroht“, so Tobias Hollitzer, Chef des Museums in der Runden Ecke.

Die Bezirkseinsatzleitung der SED stellt am frühen Morgen fest, dass Demonstrationen nicht mehr zu verhindern sind. Um „mögliche Provokationen im Keim zu ersticken“, werden 3000 bewaffnete sowie 5000 so genannte gesellschaftliche Kräfte mobilisiert. SED-Mitglieder erhalten den Auftrag, sich zum Friedensgebet in der Nikolaikirche zu versammeln, die nach 14 Uhr voll besetzt ist. Christian Führer begrüßt die Genossen: „Ich freue mich, dass Sie da sind, ich wundere mich nur, dass Sie so zeitig gekommen sind, denn das arbeitende Proletariat hat erst nach 16 Uhr Zeit.“

Kurz vor 16 Uhr versammeln sich vor der bereits überfüllten Nikolaikirche mehrere hundert Menschen, die nicht mehr eingelassen werden. In der ganzen Stadt ist Polizei mit Hunden präsent, auch Lastkraftwagen mit Gittern stehen bereit. Geschäfte und Restaurants in der City sind geschlossen. Um 17 Uhr beginnt dann das Friedensgebet, das von Pfarrer Weidel und der Arbeitsgruppe Frieden aus Gohlis gestaltet wurde. Gottesdienste finden zeitgleich auch in der Reformierten Kirche, der Michaeliskirche sowie in der Thomaskirche statt, die ebenfalls überfüllt sind.

Ab 17.30 Uhr wird im Leipziger Stadtfunk der Aufruf der Leipziger Sechs verlesen: Kurt Masur, Bernd-Lutz Lange, Peter Zimmermann, die SED-Sekretäre Roland Wötzel, Jochen Pommert und Kurt Meyer hat die gemeinsame Sorge zusammengeführt. „Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen eine gemeinsame Lösung“, heißt es darin. Sie bitten um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. Der Aufruf wird vom Uni-Theologen Peter Zimmermann auch beim Friedensgebet in der Nikolaikirche übergeben. Als später etwa 2000 Menschen die Kirche verlassen, treffen sie draußen auf Zehntausende. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Es kommt es zur bislang größten Massendemonstrationen mit mehr als 70 000 Menschen, die vom Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) über den Ring ziehen. Rufe wie „Gorbi, Gorbi“ und vor allem „Wir sind das Volk“ werden laut. Es wird aber auch gefordert, das Neue Forum zuzulassen. Beteiligt waren nicht nur Einwohner Leipzigs. Tausende waren aus der ganzen DDR angereist. Die Angst, ob es zu einer „chinesischen Lösung“ kommt, sitzt tief. Neben der Polizei ist auch die bewaffnete Kampfgruppe aufmarschiert. Die Menschen rücken mit Kerzen zusammen. Ein Ruf eint sie: „Keine Gewalt“.

Gegen 18.30 Uhr ruft Helmut Hackenberg, der 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung, bei Egon Krenz an. Er erwartet eine Entscheidung „von oben“. „Egon Krenz hat das erste Mal was richtig gemacht. Denn er hat nichts gemacht“, sagt Pfarrer Führer heute.

Gegen 19.25 Uhr wird es noch einmal besonders brenzlig. Der Demonstrationszug erreicht die Runde Ecke, den Sitz der Stasi-Bezirksverwaltung. Die Polizei, die vor dem Gebäude postiert worden war, lässt den Zug passieren. Doch die Unsicherheit, dass es zu Provokationen kommt, die die Situation eskalieren lassen, ist auf beiden Seiten groß. Jubel macht sich unter den Demonstranten breit, als die Bezirksbehörde der Stasi passiert wird, ohne dass es zu Zwischenfällen oder Ausschreitungen kommt. „Wir sind das Volk!“ wird erneut zur Losung des Tages. „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“ soll Stasi-Chef Mielke später gesagt haben.

Gegen halb neun löst sich der Demonstrationszug auf. Im Westfernsehen laufen später die ersten Filmberichte über den Tag der Entscheidung in Leipzig. Angesichts der Massen auf dem Ring ziehen sich die Sicherheitskräfte zurück. An diesem Tag muss die schwer bewaffnete Diktatur vor dem Mut und dem Veränderungswillen Zehntausender gewaltlos kapitulieren. Die DDR hat sich verändert. Der Anfang vom Ende ist eingeläutet.

Mathias Orbeck

Die bereits erschienenen Beiträge der Reihe stehen im Internet unter www.lvz-online.de/revolutionsgeschichten

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Völlig konzeptionslos“

Oktober 1989: Die SED-Bezirkszeitungen zwischen Ignoranz, Kampagne und Dialog

Leipzig. Der friedlichen Demonstration von 70 000 Menschen am 9. Oktober 1989 widmete die Leipziger Volkszeitung am nächsten Tag 14 Zeilen. Vorgesehen waren zunächst mehrere Sonderseiten zur Niederschlagung der Proteste. Die Leser der SED-Bezirkszeitungen erlebten in jenem Jahr eine wechselnde Taktik aus Ignoranz, Kampagne und Dialog.

Von ARMIN GÖRTZ

Am 9. Oktober 1989 wollte das SED-Regime die Leipziger Montagsdemo zerschlagen und dies sogleich propagandistisch ausschlachten. Helmut Hackenberg, amtierender Bezirksparteichef, meldete am 5. Oktober an SED-Sekretär Krenz, dass „durch das Fernsehen der DDR und die Presseorgane des Bezirkes antisozialistische Demonstrativhandlungen am 9. 10. 89 dokumentiert werden“ sollten.

Die DDR-Medien hatten sich zunächst in Ignoranz geübt und die Oppositionsbewegung im Lande allenfalls mit höchst tendenziösen Kurzmeldungen bedacht. Hinweise auf das tatsächliche Geschehen entdeckten die Leser von SED-Blättern später auch zwischen den Zeilen polemischer Kommentare. Anfang Oktober versuchten sich jene Bezirkszeitungen dann mit einer Bürger-Zorn-Kampagne. „Es kommt darauf an, jeden Angriff auf unseren sozialistischen Staat abzuwehren“, grollte ein Werktätiger in der Magdeburger Volksstimme. „Krawalle, Randaliererei, mutwilliges Zerstören“ empörten einen Betriebsdirektor in der Sächsischen Zeitung. In der Leipziger Volkszeitung geißelten Kampfgruppenmitglieder die „konterrevolutionären Machenschaften“. Das Blatt wurde damals von der SED-Bezirksleitung herausgegeben, deren politischen Vorgaben die Redaktion strikt zu folgen hatte.

In den Stasi-Unterlagen dokumentiert der Bericht eines damaligen Druckereimitarbeiters die Vorbereitungen vom 9. Oktober für die LVZ des Fol- getages. Beabsichtigt war eine „offensive Berichterstattung zu den Vorgängen in der Leipziger Innenstadt mit einem größeren Seitenumfang“. Aufgrund der Masse von Demonstranten blies das Regime die Niederwerfung der Proteste jedoch ab. Bei den Parteijournalisten wuchs die Ratlosigkeit. „Schon gegen 18.15 Uhr zeichnete sich aber ab, daß die Genossen der Redaktion völlig konzeptionslos waren und eine erweiterte Ausgabe nicht zu erwarten war“, heißt es in dem Papier.

Die LVZ vom 10. Oktober verdeutlichte mal wieder einen Taktikwechsel. Plötzlich tauchte – verpackt in Honeckers Parole „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ – die Forderung nach einem „konstruktiven Dialog“, begleitet von „Ruhe, Besinnung und Ordnung“, auf. Die SED-Spitze signalisierte Gesprächsbereitschaft, hoffte, den Protest so von den Straßen zu bekommen. Zur friedlichen Demo fand sich in der Ausgabe nur eine kurze Notiz, der Aufruf zur Gewaltlosigkeit, an dem drei SED-Bezirkssekretäre beteiligt waren, blieb unerwähnt. Selbst die treuesten Genossen zeigten sich enttäuscht. „Meint Ihr eventuell mit diesem Journalismus am Fortgang der Ereignisse teilzuhaben?“, schrieb ein Stasi-Offizier am 10. Oktober an die Redaktion. Insgesamt trübte sich das Verhältnis zu den Tschekisten ein. Am 25. Oktober protokollierte ein Stasi-Leutnant, er sei zur LVZ gefahren, „um Bildmaterial von den Montagsgebeten einschließlich 07.10.89 abzuholen“. Ein Bildreporter habe ihn auf später vertröstet. Laut einem IM-Bericht wurde der Fall in der anschließenden Mittagssitzung diskutiert und von Chefredakteur Rudi Röhrer bestätigt, dass „es richtig war, kein Material zu übergeben“.

Zuvor hatten andere Sitten geherrscht. Akten aus der Birthler-Behörde belegen, dass es der Stasi in früheren Jahren mit IM-Hilfe gelungen war, komplette Leserbrief-Jahrgänge für ihren Schriftenspeicher zu übernehmen. 1987 warb die Mielke-Truppe den Chef der Leserbriefabteilung an, um Zuschriften „noch intensiver zur Aufklärung anfallender Tatbestände der schriftlichen Hetze und angrenzender Delikte“ zu nutzen.

IM Gabi – die damalige LVZ-Redakteurin Maxi Wartelsteiner – informierte auch nach dem 9. Oktober emsig, schilderte interne Querelen. Angesichts des gesellschaftlichen Wandels wurden Betonköpfe der Redaktionsführung von den eigenen Mitarbeitern entmachtet.
Ende November lieferte Gabi ihren letzten IM-Bericht mit zum Teil wenig spektakulären Informationen von einer West-Dienstreise: „Der 3. Advent steht in Hannover ganz im Zeichen der Städtepartnerschaft unter dem Motto ,Hannover grüßt Lpz‘“, ließ sie wissen.

In den SED-Zeitungen füllten neuerdings Streitgespräche, kritische Leserbriefe und sogar die Programme des Westfernsehens die Spalten. Unter dem Druck der Bürgerbewegung wurden der Opposition Seiten zur Selbstdarstellung überlassen. Redaktionen und Verlage forderten die Loslösung von der Partei. Von ansonsten drohenden Streiks oder Besetzungen durch Bürgerrechtler war die Rede. Die SED-Spitze gab widerwillig nach. Am 15. Januar 1990 verkündete das Erfurter Parteiblatt seine Unabhängigkeit, innerhalb weniger Tage folgten die anderen SED-Bezirkszeitungen. Die einstigen Propagandawerkzeuge begannen zaghaft, sich zu einem Instrument der Demokratie zu wandeln.


Quelle: http://www.abendblatt.de/
© ABENDBLATT.de - 8. Oktober 2009, 06:00 Uhr

20 Jahre Friedliche Revolution

Wir rechneten damit, dass sie schießen

Von Matthias Gretzschel

Morgen vor 20 Jahren machten 70.000 Demonstranten in Leipzig Honeckers SED-Regime endgültig klar, dass seine Zeit abgelaufen war.

Es gibt keinen anderen Tag in meinem Leben, der sich so ins Gedächtnis eingebrannt hat wie der 9. Oktober 1989.

Am Morgen, beim Frühstück mit meiner Frau, sprechen wir kaum und verabschieden uns dann mit dem unguten Gefühl, nicht zu wissen, unter welchen Bedingungen wir uns wieder sehen werden. Wir wissen nicht, wie dieser Montag, an dem nach den Friedensgebeten in sechs Kirchen die bisher größte Demonstration seit dem 17. Juni 1953 stattfinden soll, für Leipzig und für uns persönlich enden wird. Als ich wenig später unseren knapp dreijährigen Sohn Jonas mit dem Fahrrad in die Kinderkrippe bringe, registriert er begeistert die vielen Polizeifahrzeuge, die schon Richtung Innenstadt unterwegs sind. Mit meiner Frau habe ich vereinbart, dass sie Jonas nach der Arbeit abholen und mit ihm zu Hause bleiben wird. Zumindest dieser Gedanke beruhigt mich.

Über der Stadt liegt eine unheilvolle Spannung. Zwei Tage zuvor, am 40. Jahrestag der DDR, sind die "bewaffneten Organe" in Leipzig brutal gegen jene vorgegangen, die friedlich für die Zulassung des "Neuen Forums" und den Beginn von Reformen demonstriert haben. Wie schon in der vorangegangenen Woche hat die Stasi wieder viele Demonstranten verhaftet. Niemand weiß in diesen Tagen, was aus ihnen geworden ist.

Gegen 14 Uhr fahre ich schließlich von unserer Wohnung in der Südvorstadt mit der Linie 16 ins Zentrum. Die Straßenbahn, zu dieser Tageszeit normalerweise halb leer, ist voller Menschen, aber niemand spricht ein Wort. Als wir in die Haltestelle Wilhelm-Leuschner-Platz einfahren, rollen Schützenpanzerwagen über den Innenstadtring. "Heute Abend wird es Tote geben", sagt ein alter Mann in die Stille. Jeder hat Angst. Aus allen Richtungen strömen Menschen in die Innenstadt. Die Nikolakirche ist schon jetzt überfüllt, obwohl das Friedensgebet erst in zwei Stunden beginnen wird. "Das sind nicht nur unsere Leute, da sitzen auch ungefähr 600 Genossen drin, schon seit heute Mittag", erfahre ich im Kirchenbüro. Welchen Auftrag haben diese Leute? Niemand weiß es, aber es bleibt auch kaum Zeit, darüber nachzudenken. Wie vor jedem Montagsgebet gibt es eine kurze Vorbesprechung mit der Basisgruppe, die das Montagsgebet gestaltet, an der auch Superintendent Friedrich Magirius, Christian Führer, der Pfarrer der Nikolakirche, und ich als freier Mitarbeiter der sächsischen Kirchenzeitung "Der Sonntag" teilnehmen. Allen ist klar, dass an diesem Montag eine Entscheidung fallen wird. Die Jubelfeiern zum 40. Jahrestag sind vorbei, der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow, der als Staatsgast daran teilgenommen hat, ist wieder abgereist. Viele Demonstranten rufen zwar "Gorbi hilf uns", wissen aber, dass sie vom Hoffnungsträger des Ostblocks an diesem Abend nichts erwarten können.

Jetzt wird die DDR-Führung Ernst machen. Was sie darunter versteht, stand drei Tage zuvor in der "Leipziger Volkszeitung". In einem Leserbrief versprach Günter Lutz, der Kommandant einer paramilitärischen Arbeitermiliz, dass man "diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam" unterbinden werde. "Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand."

Das ist ein Schlag ins Gesicht, die unverhohlene Drohung mit der "Pekinger Lösung". So wie die Pekinger KP-Führung am 4. Juli 1989 die chinesische Demokratiebewegung niedergeschossen hat, so kann es auch an diesem Abend in Leipzig geschehen. Trotzdem lassen sich die Menschen nicht abschrecken. Und es sind nicht nur Leipziger, auch aus dem Umland und sogar aus anderen ostdeutschen Großstädten reisen die Demonstranten an. Sie sind ernst, diszipliniert und in gespannter Erwartung. Sie alle wissen: Heute wird sich entscheiden, ob die Freiheit eine Chance bekommt oder ob sie mit Gewalt im Keim erstickt wird.

Dicht an dicht stehen die Menschen auf dem Nikolaikirchhof und den angrenzenden Straßen. Die Nikolaikirche und fünf weitere Kirchen in der Innenstadt sind schon lange vor 17 Uhr total überfüllt. Die SED-Genossen, die in die Nikolaikirche befohlen wurden, verhalten sich still. Einige von ihnen werden später sagen, dass sie die Atmosphäre in der Kirche tief berührt hat. Pfarrer Gottfried Weidel und die Mitglieder der Friedensgruppe aus dem Stadtteil Gohlis, die dieses Friedensgebet gemeinsam gestalten, sprechen die Seligpreisungen aus der Bergpredigt. "Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen", sagt eine junge Frau mit fester Stimme, während sich in der Menge vor der Kirche lautes Geschrei erhebt. Niemand in dem völlig überfüllten Raum weiß, was in diesem Moment auf den Straßen geschieht. Gleich zu Beginn verliest Peter Zimmermann, ein Leipziger Universitätstheologe, einen Aufruf zur Gewaltlosigkeit, den außer ihm und dem damals schon weltberühmten Dirigenten und Gewandhauskapellmeister Kurt Masur sowie dem beliebten Kabarettisten Bernd-Lutz Lange erstaunlicherweise auch drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung unterzeichnet haben:

"Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserem Land betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit der Regierung geführt wird."

Hatten wir richtig gehört? Hatten drei hohe SED-Funktionäre das tatsächlich unterschrieben? Welche Sprengkraft dieser schlichte Text trotz seiner beschwichtigenden Formulierungen tatsächlich besitzt, kann man nur ermessen, wenn man sich die hochdramatische Situation dieses Tages vor Augen führt. Obwohl es um "die Weiterführung des Sozialismus" geht und ein Dialog mit der Regierung höflich erbeten wird, muss dieser Text Honecker und dem Politbüro als Verrat erscheinen, auch oder gerade weil ihn drei mächtige SED-Funktionäre mittragen. Noch am Tag zuvor wäre für die SED ein friedlicher Dialog mit Andersdenkenden völlig unvorstellbar gewesen. Allen in der Kirche ist klar, dass sich dieser Appell zur Besonnenheit weniger an die ohnehin friedlichen Demonstranten richtet, sondern an die "bewaffneten Organe", die überall in der Stadt in Stellung gegangen sind. Und diese können ihre Ohren nicht verschließen, denn der Text, den Masur Stunden vorher im Studio des Senders Leipzig auf Band gesprochen hat, ist gleich mehrfach aus den Lautsprechersäulen des Leipziger Stadtfunks zu hören.

Nach dem Ende des Friedensgebets muss uns der Küster den Weg durch die Menge bahnen, damit wir das Pfarrhaus auf der anderen Seite des Nikolaikirchhofs erreichen können. Monate später werden wir erfahren, dass dieser Küster Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war. Kurz darauf stehe ich neben Uwe Schwabe und Frank Sellentin, die zu den wichtigsten Bürgerrechts-Aktivisten in Leipzig gehören, an einem Fenster in der Privatwohnung von Superintendent Magirius. Am Nebenfenster beobachten Magirius, der sächsisches Landesbischof Johannes Hempel und Matthias Berger, ein einflussreicher Leipziger Pfarrer, das Geschehen. Die Menschen drängen sich auf dem Nikolaikirchhof und den angrenzenden Straßen, eigentlich in der ganzen Innenstadt - ein unglaublicher Anblick. Sie halten brennende Kerzen in den Händen, singen "We shall overcome", "Dona nobis pacem" und die erste Strophe der "Internationale". Warum ausgerechnet die "Internationale"? Weil es da heißt: "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht."

Wir stehen da, schweigen und spüren, dass dies ein historischer Abend, eine historische Nacht werden wird, wie immer es auch ausgehen mag. Werden die jungen Wehrpflichtigen, die am Hauptbahnhof auf ihren Einsatzwagen warten, heute schießen? Werden die Bereitschaftspolizisten mit Schlagstöcken auf die Menge losprügeln? Werden sie ihre Hunde auf die Menschen hetzen? Werden die Angehörigen des Stasi-Wachregiments, die in voller Bewaffnung in der "Runden Ecke", der Bezirksdirektion des Ministeriums für Staatssicherheit, warten, die erste Reihe der Demonstranten unter Feuer nehmen? Das alles ist möglich, es ist sogar wahrscheinlich.

Gegen 19.30 Uhr setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. Ich denke, ich höre nicht richtig, denn Pfarrer Berger scheint nicht auf einen friedlichen Ausgang zu hoffen. Er sagt: "Jetzt laufen sie in ihr Verderben." Sehr viel später werden wir erfahren, dass er als IM "Carl" zu den wichtigsten Informanten der Stasi gehört hat.

Wer kann heute ermessen, wie viel Verzweiflung, wie viel Entschlossenheit, vor allem aber wie viel Mut notwendig sind, um mit nichts als einer brennenden Kerze in der Hand die schützenden Mauern der Kirchen zu verlassen und sich einer Diktatur entgegenzustellen?

Gegen 19.30 Uhr nimmt Magirius einen Anruf vom Pfarrer der Thomaskirche entgegen, wo die Spitze des Demonstrationszugs inzwischen angelangt ist. Sie sind also am Hauptbahnhof und an der Stasi-Zentrale vorbeigekommen. Und es ist nicht geschossen worden. 70 000 friedliche Demonstranten laufen über den Ring und rufen zum ersten Mal gemeinsam den Slogan, vor dem selbst die hochgerüstete Staatsmacht nur noch kapitulieren kann: "Wir sind das Volk!"

Zu dieser Zeit ist der Nikolaikirchhof noch immer voller Menschen, obwohl die Spitze des Demonstrationszugs schon wieder den Ausgangspunkt, den damaligen Karl-Marx-Platz, erreicht und damit den Innenstadtring einmal komplett umrundet hat. Es ist nicht leicht, sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Ich komme bis zur Goethe-Straße, wo eine Wagenkolonne der Arbeiter-Kampfgruppen parkt. Die Uniformierten stehen neben den Lastwagen und reden mit den Demonstranten. "Ich hätte doch gar nicht auf euch schießen können", sagt ein Kommandant, der dann unter Tränen hinzufügt: "Meine Tochter ist doch auch dabei."

An diesem Tag in Leipzig haben die Friedfertigen die Mächtigen besiegt. Die Menschen, die eben noch voller Angst beisammengestanden hatten, sind von einer unendlich schweren Last befreit, viele nehmen sich spontan in die Arme, und eigentlich hätte man tanzen sollen. In den letzten zwei Stunden hat sich Geschichte ereignet, jetzt wird es die alte DDR nicht mehr geben. Dieses Gefühl der Befreiung werde ich nie vergessen. Es hat sich in das Gedächtnis gebrannt, und wenn ich mich an den 9. Oktober 1989 erinnere, empfinde ich es immer wieder als großes Glück, dabei gewesen zu sein.


Quelle: http://www.nzz.ch/
© Neue Zürcher Zeitung - 8. Oktober 2009,

Diese Freunde der Freiheit bleiben unbeirrt

Gegen Ostalgie sind sie für alle Zeit gefeit – ein Besuch bei Leipziger Bürgerrechtlern von 1989

Morgen jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem sich in Leipzig entschied, dass der Aufstand gegen das SED-Regime friedlich siegen würde. Von da an wagten auch breitere Bevölkerungskreise den Protest; die Minderheit aus Bürgerrechtlern trat in den Hintergrund. Wie steht es heute um die Aktivisten der friedlichen Revolution?

Joachim Güntner

Am 9. Oktober 1989 ging in Leipzig die Furcht vor einer «chinesischen Lösung» der Proteste um. Die Bilder von Anfang Juni, als in Peking Panzer die studentische Opposition blutig beendet hatten, waren allen gegenwärtig. Würde sich ein Gleiches wiederholen, wenn Leipzigs Regimegegner nach dem nächsten montäglichen Friedensgebet von der Nikolaikirche aus über den innerstädtischen Ring zogen? Am 6. Oktober hatte im SED-Blatt «Leipziger Volkszeitung» der Kommandeur einer jener Kampfgruppen, die in der DDR aus Betriebsangehörigen gebildet wurden, den Demonstranten angedroht, ihre «konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden», und zwar: «Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand.»

Der Tag der Entscheidung
Gerüchte und Meldungen verstärkten die Bangnis. Wie in Berlin, Dresden und Magdeburg waren auch im Raum Leipzig starke Armeeverbände zusammengezogen worden. Krankenhäuser, so hiess es, schafften Platz für die zu erwartenden Verletzten und sammelten Blutkonserven. In Betrieben und Universitäten wurden Arbeiter und Studenten aufgefordert, der Demonstration am Montag fernzubleiben. Kinder brachten aus der Schule die Botschaft mit, an die bewaffneten Beschützer des Systems seien pro Mann «60 Schuss Munition» ausgegeben worden. Doch die Einschüchterungen verfingen nicht.

Anstatt kleiner zu werden als die Male zuvor, schwoll die Schar der Demonstranten an. Wohl 70 000 Teilnehmer marschierten auf dem Ring einmal ganz um die Innenstadt herum, vorbei auch am militärisch geschützten Gebäude der Stasi. Das hatte man zuvor nicht gewagt. Die Staatsmacht hielt sich zurück und liess in den Demonstranten das beglückende Gefühl entstehen, siegen zu können. Dass die kommunistischen Hardliner des Regimes keineswegs aufgegeben hatten, anschliessend noch mehrfach die Niederschlagung der friedlichen Revolution erwogen und die dafür vorgesehenen Truppen erst am 11. November, nach dem Fall der Mauer, wieder in die Streitkräfte eingliederten, stellte sich erst später heraus.

Als «Tag der Entscheidung» ist der 9. Oktober 1989 in die jüngere Geschichte eingegangen. Die Zeit der Angst war vorbei. DDR-Bürger begannen, nach lange verwehrten Freiheiten zu greifen: nach Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Publikationsfreiheit. Aktivisten der Anfangszeit wie Christoph Wonneberger oder Gesine Oltmanns hatten den Eindruck, nun nicht mehr nötig zu sein. «Die Leute haben das Laufen gelernt», fand Wonneberger. Der 1944 im Erzgebirge geborene Pfarrer mit dem grossen Herzen für Unangepasste, der Jugendliche an sich zog, weil er sie nicht gängelte, der die Friedensgebete zur Institution machte und oft mit seiner Kirchenleitung aneinandergeriet, ja sogar von ihr bei der Stasi angeschwärzt wurde, ist die bedeutendste Figur der Leipziger Opposition.

Ungleich verteilter Ruhm
Doch nirgendwo steht geschrieben, dass die mutigsten Akteure der Bürgerrechtsbewegung in der DDR auch diejenigen zu sein haben, denen die Nachwelt die dicksten Kränze flicht. Im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit für die «Helden von Leipzig» steht heute der Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, ein Freund der Opposition auch er, aber doch niemand von der Furchtlosigkeit eines Christoph Wonneberger. Drei Wochen nach dem Zug der 70 000 um den Leipziger Ring erlitt Wonneberger einen Hirninfarkt, der ihn auf lange Zeit ausser Gefecht setzte. So erhielten andere die Chance, sich mit seinen Federn zu schmücken. Wer ihn erlebt, gewinnt allerdings den Eindruck, dass er zu wenig Eitelkeit besitzt, um sich darüber grossartig aufzuregen.

Unaufgeregtheit ist es auch, was Uwe Schwabe, Rainer Müller und Oliver Kloss ausstrahlen, wenn sie ihre persönliche Bilanz von 1989 ziehen. Keiner gibt an mit dem Mut, den ihr Widerstand damals erforderte; ihr Ton ist nie auftrumpfend, und selbst das Kopfschütteln über Ostalgiker und den Fortbestand saturierter SED-Milieus wirkt eher belustigt denn eifernd. Knapp eine Generation jünger als Wonneberger, sind sie alle drei in den sechziger Jahren geboren. Die Umstände, die sie in die Opposition trieben, variieren, zeigen aber die typische Schnittmenge: Abscheu vor der systematischen Gleichmacherei in der DDR, dementsprechend frühe Konflikte mit der Schule oder spätestens in der Armee, Furcht vor einem Atomkrieg, Bedrückung über den Giftabfall der Chemieindustrie, der die Flüsse um Leipzig zur ätzenden Brühe machte, der Protest gegen die verrusste Luft, die bei bestimmter Wetterlage das Atmen zur Qual werden liess.

So landeten sie bei Arbeitsgruppen oder bildeten selber solche, die sich dem Engagement für die Umwelt, die Menschenrechte, den Frieden verschrieben. Schikanen und Sanktionen waren die Antwort der Diktatur. Vor allem Rainer Müller, ein ruhiger Totalverweigerer von unbeirrbarer Sturheit, hat die ganze Palette kennenlernen müssen, Nichtzulassung zum Abitur trotz besten Noten, Verhaftungen, Verhöre, Platzverweise, Geldstrafen, Hausdurchsuchungen, Bespitzelungen. Auch sein Freund Uwe Schwabe, der in die oppositionelle Szene hineingerutscht war, weil er dort endlich Menschen fand, die offen miteinander sprachen, und dessen Wirken als Organisator, Kurier und Demonstrant eine dicke Stasiakte füllte, wurde einmal eingebuchtet.

Wie Oliver Kloss sein Leben und seinen Protest lebte, war der Staatsmacht des Unkonventionellen zu viel, und Kloss hatte bereits einen Ausreiseantrag gestellt, zog ihn jedoch – ganz zum Ärger der Behörden – zurück, als er sah, wie die DDR in Bewegung geriet. «Ich wollte die Pointe meiner Jugend nicht nur im Westfernsehen sehen», sagt Kloss zur Begründung. Es gab einige, die so handelten wie er.

Wer heute als Beobachter Deutschlands irritiert die Erfolge der Linkspartei an den Bundestagswahlen sondiert, wer grimmig die Weigerungen hört, die DDR eine Diktatur und einen Unrechtsstaat zu nennen, oder wer mit Missmut vernimmt, wie Ordnung, Disziplin und Arbeitspflicht als soziale Fürsorge verklärt werden, kann sich im Gespräch mit Schwabe, Müller und Kloss entspannt zurücklegen: Diese Bürgerrechtler sind gefeit gegen solche Anwandlungen.

Müller schlägt sich als freier Historiker durch, Kloss mit Lehraufträgen am politischen Seminar der Universität, und der gelernte Schlosser Schwabe ist glücklich, mit seiner Stelle beim Zeithistorischen Forum Leipzig, wo er sich um die Sammlung mit Zeugnissen der DDR-Zeit kümmert, seinen «Traumjob» gefunden zu haben. Finanziell auf Rosen ist keiner der drei gebettet, und doch zögern sie keine Sekunde mit der Antwort auf die Frage, ob sie sich als Revolutionsgewinner bezeichnen würden: «Auf jeden Fall.» Gewinner der Freiheit seien doch alle, setzt Müller hinzu. Kaum jemandem gehe es schlechter als zuvor, freilich: «Es gibt viel Selbstmitleid.»

Das betrifft auch die Bonzen und Eliten von einst, die den Verlust an Macht und öffentlicher Anerkennung nicht verwinden können, heute als Rentner aber leben wie die Made im Speck. Kloss zieht aus seiner Tasche eine Studie des Soziologen Michael Hofmann von der Universität Jena über «das sozialistische Establishment». Darin werde nachgewiesen, dass die alten DDR-Eliten noch immer die wohlhabendste Gruppe in der ostdeutschen Bevölkerung sind. Die Milieus seien stabil geblieben, die Abstände zwischen Oben und Unten nun fast noch grösser als zuvor.

Anlässe zum Hader
Erregte Schelte von Fehlentwicklungen entspricht, wie erwähnt, nicht dem Naturell der drei Bürgerrechtler. Natürlich hätte er keine Schwierigkeit, seitenweise sozialpolitische und ökologische Forderungen aufzustellen, sagt Rainer Müller, aber diese blieben doch allesamt «innerhalb des Systems». Womit sie wirklich hadern? Mit Tendenzen, die «Richtung DDR» wiesen, antwortet Oliver Kloss. Im Arbeitsrecht, beim Zwang von Sozialhilfeempfängern, zugewiesene Tätigkeiten anzunehmen, sei diese Entwicklung am stärksten erkennbar. Aber auch die Präventionspolitik des auf Sicherheit bedachten Innenministers Schäuble müsse aufpassen, sich nicht zur «Stasi 2.0» zu entwickeln. Den zum Lichtkunst- und Tourismus-Spektakel aufgeblasenen Feierlichkeiten am morgigen Jahrestag sehen die Bürgerrechtler übrigens ohne Begeisterung entgegen. Und dass mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Tillich ein ehemaliger Handlanger des SED-Regimes Festreden schwingen wird, finden sie so trist wie schädlich.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 8. Oktober 2009
© Leipziger Volkszeitung

Wonnebergers Appell

Schon am 9. Oktober 1989 hieß es: „Wir sind ein Volk“ – Nur dachte noch niemand an die Einheit

Christoph Wonnebergers Appell zum Verzicht auf Gewalt am 9. Oktober 1989.
Foto: Archiv Bürgerbewegung

„In diesen geschichtsträchtigen Tagen muss ausdrücklich auf die Bedeutung von Pfarrer Christoph Wonneberger für die Friedliche Revolution hingewiesen werden“, sagt Stephan Bickhardt, 1989 der Mitgründer der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt, heute Leipzigs Polizeipfarrer.

Christoph Wonneberger schrieb in der Tat seine ureigene Revolutionsgeschichte fort. Er verfasste zum Beispiel mit den Mitgliedern der in seiner Lukaskirchgemeinde beheimateten Bürgerrechtsgruppen einen Appell, der erstaunlicherweise bis heute von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Der Aufruf wurde in der Nacht zum 9. Oktober 25 000 Mal mühsam vervielfältigt und am so genannten Tag der Entscheidung sozusagen auf beiden Seiten der Barrikade verteilt.

Bemerkenswert ist vor allem der Fakt, dass in diesem Appell der Satz „Wir sind ein Volk“ formuliert wird. Wonneberger heute: „Wir dachten natürlich nicht an Deutschland einig Vaterland, sondern wollten damit jene ansprechen, die gegen die Demonstranten vorgehen sollten. Es gab eben nicht nur den immer wieder zitierten Aufruf zur Gewaltlosigkeit der Leipziger Sechs.“

Stephan Bickhardt erinnert sich: „Wenn von Wonneberger die Rede ist, muss vor allem auch an seine Predigt beim Friedensgebet am 25. September in der Nikolaikirche erinnert werden. Diese unendliche Spannung kann nur schwer in Worte gefasst werden. 142 Menschen waren am Montag zuvor bei der an das Friedensgebet anschließenden Demonstration verhaftet worden. Die Kirche war von Sicherheitskräften umstellt. Es bedurfte schon großen Mutes, um überhaupt dort hinzugehen.“ Wonneberger predigte ausgehend vom Jesuswort aus Matthäus 28, 18: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Die Predigt ist für Bickhardt „bemerkenswert und in ihrer Klarheit einzigartig in jenen Herbsttagen“, weil Wonneberger die Gewalt einzig als vom Staat ausgehend bezeichnete: „Er folgte damit auch dem inneren Sinn der Bergpredigt, die in keiner Weise den Zuhörern des Jesus von Nazareth Vorwürfe oder Verurteilungen entgegenhält. Wörtlich sagte Wonneberger eingangs: Um es gleich zu sagen, es geht mir im Folgenden nur um die Gewalt, die von diesem Staat ausgeht.“ Der Pfarrer der Lukaskirche hatte die große Sorge, dass die staatliche Gewaltausübung auf die Menschen übergreift und warb dafür, strikt das Prinzip der Gewaltlosigkeit zu vertreten.

Das Gotteshaus war überfüllt an jenem Montag, und viel mehr Menschen drängten sich auf den Nikolaikirchhof. Die Schätzungen, wie viele Demonstrationsteilnehmer sich vom Augustusplatz auf den Weg machten, schwanken bis heute. Bickhardt: „Waren es 5000? Waren es 8000? Dieser Montag war der wichtigste Vorgriff auf die Großdemonstration am gleichen Ort an diesem längst historisch gewordenen Datum – dem 9. Oktober 1989.“

Thomas Mayer

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Ohnmacht der Kalaschnikows

Leipzig: Am 9. Oktober 1989 läuft Christoph Schmidt trotz Angst in der ersten Demo-Reihe

Leipzig. Vor dem Leipziger Hauptbahnhof findet die Freiheitsbewegung am 9. Oktober ihr Ende. So hatte es das SED-Regime 1989 geplant. Abdrängen, Aufspalten, Einkesseln – mit dieser Taktik sollte die Demo zerschlagen werden. Die Kalaschnikows vor der Brust, bildeten Bereitschaftspolizisten eine Sperrkette, stellten sich den 70 000 Menschen in den Weg. Für Christoph Schmidt, der zur ersten Reihe des Protestzuges zählte, eine beklemmende Erinnerung.

Von ARMIN GÖRTZ

„Wir sind auf die Schützenkette zugegangen“, sagt Christoph Schmidt, „wir konnten gar nicht anders.“ Der Protestzug war etwa 300 Meter vom Bahnhof entfernt, als die rund 50 Männer mit den Maschinenpistolen ins Blickfeld des 23-Jährigen rückten. Es gab kein Entrinnen mehr. Links eine Parkanlage voller Sicherheitskräfte. Rechts eine geschlossene Häuserfront. Von hinten drängten Zehntausende. „Ich hatte nie wieder im Leben eine solche Angst“, bekennt er. Monate zuvor hatten die Machthaber in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens ein Blutbad angerichtet. Ähnliches befürchtete Schmidt nun in Leipzig.

Bei der Montagsdemo am 25. September waren 5000 Mutige am Bahnhof vorbeigezogen, eine Woche später 20 000. Am 9. Oktober aber, so hatte Honecker befohlen, sei dies „von vornherein zu unterbinden“. Helmut Hackenberg, amtierender Bezirksparteichef, zeigte keine Skrupel, meldete an SED-Sicherheitssekretär Egon Krenz, er habe „alle erforderlichen Maßnahmen eingeleitet, um mögliche Provokationen im Keime zu ersticken“.

Nach dem Plan von Polizei-General Gerhard Straßenburg sollten am Bahnhof LKW mit Räumgittern und Wasserwerfer bereitstehen, außerdem Löschfahrzeuge der Feuerwehr mit Farbtanks – offenkundig, um Fliehende auszumachen. Straßenburg zog 3100 Polizisten und acht Kampfgruppen-Hundertschaften zusammen, Schützenpanzerwagen rollten an, Stasi-Spezialkräfte und 1500 Soldaten lagen in Reserve. Zudem soll der Chef der sowjetischen Besatzungstruppen – hinter Gorbatschows Rücken – der SED-Spitze am 9. Oktober Hilfe mit Panzern angeboten haben, berichtete MDR Figaro gestern. Die SED-Spitze habe abgelehnt, weil es in einer Menschenmenge genüge, eine Jacke vor den Sehschlitz des Panzers zu hängen, um diesen manövrierunfähig zu machen.

„Ich hatte von einem Kollegen erfahren, dass es am Abend krachen sollte“, erinnert sich Schmidt, der als Musiktherapeut in der Altscherbitzer Nervenklinik nördlich von Leipzig arbeitete. Das Krankenhaus, so hieß es, müsse Betten bereitstellen. Abschrecken ließ sich Schmidt nicht. „Es war ja klar, dass an dem Tag irgendwas passiert. Da wollte ich auch dabei sein.“ Seit der Schulzeit war er von der Redefreiheit bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche begeistert. Als Musiklehrerstudent war er umso öfter angeeckt, deshalb nicht im Schuldienst gelandet. Er hatte die ersten Montagsdemos miterlebt, wollte auch diesmal nicht fehlen.

Doch seine Trabi-Fahrt in die Innenstadt zog sich hin, Abenteuerlust wandelte sich in Furcht. Straßensperren und Sicherheitskräfte tauchten auf. Als der junge Mann endlich kurz vor der Nikolaikirche stand, war das Friedensgebet vorbei, die Menge kam ihm entgegen. Schmidt drehte um, zählte nun zur Spitze des Menschenstromes, der sich über den heutigen Augustusplatz ergoss und schließlich als Demonstrationszug auf dem Ring formierte. Ansonsten war die Straße gespenstisch leer. Doch mit jedem Schritt in Richtung Hauptbahnhof wurden die Volkspolizisten mit den Maschinenpistolen deutlicher sichtbar. „Wir haben uns an den Händen gehalten, wildfremde Leute“, erzählt der 43-Jährige. Die Internationale und „We Shall Overcome“ erklangen. Schulbuch-Kampflieder konnten wohl kaum als staatsfeindlich gelten. „Wir haben immer wieder von vorn angefangen, wir haben uns die Seele aus dem Leib gesungen.“

Mit 30 000 Demonstranten hatte das Regime gerechnet, nicht mit 70 000. Das Aufgebot der Sicherheitskräfte war gewaltig – und doch zu klein, um einen Angriff zu riskieren. Polizeichef Straßenburg forderte erst Verstärkung an, kapitulierte dann vor der Übermacht. Mit Rückendeckung von Innenminister Friedrich Dickel befahl er, „keine aktiven Handlungen gegenüber den Demonstranten zu unternehmen“. Krenz stimmte erst nachträglich zu.

Schmidt hat noch vor Augen, wie die Männer mit den Kalaschnikows den Weg frei machten. „In geordneter Reihe drehten sie sich nach links und zogen sich in die Osthalle des Hauptbahnhofs zurück.“ Durch die Scheiben der Türen schauten sie auf die Menge.

Schmidt bildet heute als Musiklehrer in Eilenburg angehende Kindergärtnerinnen aus. Ein glücklicher Familienvater mit fröhlichem Beruf. Manchmal aber – zumeist im Herbst – sieht er die Gesichter der Männer hinter der Bahnhofstür, bevor er schweißnass erwacht. „Das kommt immer wieder.“

Christoph Schmidt würde sich freuen, andere Unbekannte aus der ersten Reihe wiederzusehen.
Kontakt über a.goertz@lvz.de


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 6. Oktober 2009
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Aufruf zur Gewalt

Heute vor 20 Jahren: In der LVZ wird der Brief des Kampfgruppenkommandeurs Lutz veröffentlicht


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Leipzig. „Staatsfeindlichkeit nicht länger dulden“ – unter dieser Überschrift erschien am 6. Oktober 1989 in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) auf Seite 2 eine Stellungnahme, die viele Leipziger verängstigte und empörte.

Von THOMAS MAYER

„Wir sind bereit und Willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand.“ Unter diesen klassenkämpferischen Zeilen stand der Name von Günter Lutz, Kommandeur der Kampfgruppenhundertschaft Hans Geiffert.

Wie und durch wen der Brief in die Zeitung geriet, ist bis heute nicht zu klären. Damalige Akteure oder Beobachter können beziehungsweise wollen sich nicht erinnern. Jürgen Kramp etwa, zu jener Zeit leitender LVZ-Redakteur, sagt, er wurde von der Veröffentlichung „genauso überrascht wie alle anderen auch“. Er kenne den Mann nicht. Das hatte Kramp so bereits vor zehn Jahren kund getan, und zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution ist ihm auf erneute Nachfrage auch keine späte Erleuchtung gekommen.

Auch unter den Mitgliedern der damaligen SED-Bezirksleitung, so der Sekretär für Agitation und Propaganda Jochen Pommert, lässt sich keiner finden, der etwas weiß. Pommert heute: „Keine Ahnung. Ich habe den Mann nicht gekannt und habe ihn nie gesehen, ich weiß auch nicht, wie das Schreiben in die Zeitung kam.“ Was schon in höchstem Maß verwundern muss, geschahen doch solche Veröffentlichungen nie ohne Zustimmung der allmächtigen SED-Führung. Lutz’ Stellungnahme war wohl bei der SED-Stadtleitung eingegangen und nicht für die Veröffentlichung autorisiert. Dafür sorgten dann andere, um die Demonstranten von der Straße fern zu halten.

Es dürfte also auch wahr sein, dass Lutz den Aufruf nicht in der veröffentlichten Weise verfasst hatte. So wurde der gute Genosse wohl doch nur benutzt. Lutz war ja seit 25 Jahren Kampfgruppenmitglied und in der Leitung des VEB Baukombinat Leipzig beschäftigt. Der Anstoß, so einen Aufruf zu publizieren, kam freilich schon aus dem Sekretariat der SED-Bezirksleitung, das am 27. September „Maßnahmen zur Mobilisierung der Mitglieder“ beschlossen hatte. Aus den Kollektiven der Kampfgruppen seien Stellungnahmen zu organisieren, in denen sich Kämpfer und Kommandeure dazu bekennen, Angriffe des Gegners gegen die DDR abzuwehren und die Heimat mit der Waffe zu verteidigen. Der Bezirkssekretär für Agitation und Propaganda sollte zudem mit LVZ, Sender Leipzig und anderen Redaktionen offensiv auf die Entwicklungen reagieren.

Viele Leipziger reagierten empört auf Lutz‘ Pamphlet, man verstand den Brief als Morddrohung, als Schießbefehl. Namensgleiche im Telefonbuch vermerkte Personen erhielten nach der Veröffentlichung Drohanrufe. Lutz selbst spürte den Protest, er fand im Briefkasten Schreiben, die seinen Brief zutiefst verurteilten – gerade im Kontext der ungeheuren Fluchtwelle, die die DDR rund um den 40. Jahrestag ihrer Gründung in den Grundfesten erschütterte. Massen von Leserbriefen erreichten die LVZ, die sofort an die Abteilung Sicherheit der SED-Bezirksleitung weitergeleitet wurden. Auch Kurt Masur, am 9. Oktober einer der Leipziger Sechs, hatte Lutz‘ Brief als Aufruf zur gewaltsamen Lösung begriffen und gehörte gerade deswegen zu den Initiatoren des Aufrufs zur Gewaltlosigkeit am sogenannten Tag der Entscheidung, als dann 70 000 Menschen friedlich demonstrierten und die Waffen schwiegen.

Am 22. Oktober 1989 erschien von Lutz ein als Klärung gemeinter weiterer Brief in der LVZ, mit dem er versuchte, den Eindruck zu widerlegen, „daß wir Willens und bereit sind, auf Demonstranten zu schießen“. Die Missverständnisse wurden damit aber eher vergrößert, denn behoben. Der Waffeneinsatz sei „das allerletzte Mittel“, doch es gehe darum, „unsere Arbeiter-und Bauernmacht in der DDR wirksam gegen Kräfte zu schützen, die sie beseitigen wollen“, heißt in dem Schreiben.

Günter Lutz ist nicht zu befragen. Die Recherchen, ihn zu finden, verliefen auch 20 Jahre später erfolglos. Und bei einstigen Mitstreitern herrscht so etwas wie ein Kartell des Schweigens. Vielleicht meldet er sich aber doch, um die ganze Wahrheit über ein dubioses Stück Pressegeschichte zu erfahren und um nicht zuletzt ihm auch Gerechtigkeit widerfahren lassen zu können.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 5. Oktober 2009
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Der lange Weg zur Friedlichen Revolution

Runde Ecke zeigt Ausstellung im ehemaligen Kinosaal der Stasi

Tobias Hollitzer, selbst ein ehemaliger Bürgerrechtler und heute der Leiter der Gedenkstätte Runde Ecke, ist Stolz anzumerken. Schließlich wird in seinem Haus die zentrale historische Ausstellung zur Friedlichen Revolution gezeigt. Fast zwei Jahre waren Hollitzer und seine Verbündeten des Bürgerkomitees Leipzig mit der Projektverwirklichung, das von vielen Seiten finanzielle Unterstützung erhielt, befasst. Die Schau im ehemaligen Kinosaal ist ein würdiger Beitrag zum aktuellen Jubiläum und sollte in den kommenden Monaten der ideale Punkt für den Geschichtsunterricht sein.

Der Termin der Eröffnung wurde ganz bewusst gewählt. Vergangenen Freitag war es auf den Tag genau 20 Jahre her, dass 20 000 Demonstranten friedlich auf dem Leipziger Ring Protest erhoben und sich dabei auch erstmals am bis dato nur Furcht einflößenden Gebäude der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit vorbei wagten. Damit hatte die Runde Ecke schon vor dem legendären 9. Oktober einiges von ihrem Schrecken verloren.

Eine stilisierte Mauer teilt den Ausstellungssaal. Aus dem unheimlichen Bauwerk sind einige Stücke heraus gebrochen. Hollitzer ist gerade mit dieser Gestaltung „sehr zufrieden“: „Ohne den großen Druck, den die dramatische Ausreisewelle auf die DDR-Führung ausübte, wäre dieser Staat nicht so schnell in sich zusammengebrochen.“ Die Grenzöffnung in Ungarn und die Botschaftsbesetzung vor allem in Prag stehen also mit im Zentrum der Friedlichen Revolution. Nicht vergessen werden dürfen aber auch die frühen Beispiele des Widerstands gegen die SED-Diktatur. „Unsere Revolution hat nun mal eine lange Vorgeschichte“, sagt Hollitzer und verweist auf die zu Beginn der Schau gezeigten Filmaufnahmen von den Ereignissen des 17. Juni 1953. Fast 30 Jahre später wird mit dem Beginn der Friedensbewegung im kirchlichen Raum, dem die legendär zu nennenden Friedensgebete entspringen, eine weitere Wegmarke gesetzt. Immer sind es mutige, meist noch junge Menschen, die zunehmend unerschrocken der Staatsmacht die Stirn bieten.

Wichtig im Kontext des Widerstands war auch der Protest am 15. Januar 1989, als Leipziger Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler eine Gegendemo zum offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Gedenken organisierten. Vom Marktplatz liefen 300 Menschen durch die Stadt, 10 000 Flugblätter wurden verteilt, zwölf Protagonisten verhaftet, was zur gleichen Zeit in Prag auch Vaclav Havel widerfuhr. Der Zugriff des Staates wurde im Westen publik und damit zum Thema der gerade in Wien stattfindenden KSZE-Folgekonferenz. Die DDR stand am Pranger und musste reagieren, wollte sie nicht ihr mühsam auf internationalem Parkett errungenes Renommee verlieren. Die in Leipzig Inhaftierten kamen nach zehn Tagen ohne Androhung irgendwelcher Folgen auf freien Fuß. „Es war ein ganz wichtiger Sieg der Opposition“, sagt Hollitzer, „öffentliche Aktionen wurden von nun ab möglich, ohne sich in große Gefahr zu begeben.“

Die bis zum 30. April 2010 zu sehende Ausstellung bietet eine Chronologie des Widerstandes in Leipzig und an ausgewählten Beispielen auch in Sachsen, der unbestrittenen Hochburg der Friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR. Im Zuge ihrer Recherche fanden die Ausstellungsmacher wertvolle originale Objekte und Dokumente, die so einer Geschichtsschau erst ihre besondere Aussagekraft verleihen. Ein Teil der (leider) abmontierten Fußgängerbrücke am Leipziger Ring ist ebenso zu betrachten wie der von Kabarettist Bernd-Lutz Lange zu Papier gebrachte Aufruf der „Leipziger Sechs“ zur Gewaltlosigkeit oder Siegbert Schefkes Aktentasche, in der er unbemerkt seine Kamera auf dem Turm der Reformierten Kirche bringen konnte, um von dort die erste wirklich mächtige Montagsdemo am 9. Oktober zu filmen.

Thomas Mayer

Internet: www.runde-ecke-leipzig.de


Lesen Sie auch:
* Das Wunder von Leipzig [FOCUS vom 03.10.2009]


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 2. Oktober 2009
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Sprechchöre: „Wir bleiben hier!“

Vor 20 Jahren: Erneut Massendemo auf dem Ring mit mehr als 20 000 Menschen / Geheimes Argumentationspapier

In der Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um die Montagsdemonstration vom 2. Oktober 1989.

Nach der ersten großen Montagsdemo am 25. September, als mehr als 5000 Menschen erstmals vom Karl-Marx-Platz über den Georgiring bis zum Friedrich-Engels-Platz gezogen waren, lagen bei vielen Funktionären des SED-Machtapparates die Nerven blank. Hektisch wurden Maßnahmen ergriffen, um vom Westen gesteuerte „antisozialistische Aktivitäten in der Stadt Leipzig“ zurückzudrängen. So legte die SED-Bezirkslei- tung am 29. September ein streng geheimes Argumentationspapier vor. „Leipzigs Innenstadt wird zum antisozialistischen Wallfahrtsort hochgejubelt, um öffentliche Ordnung und Sicherheit zu belasten und das normale Leben der Bürger empfindlich zu stören“, heißt es darin. Dabei wird die Opposition als „seit längerem hochgepäppelte Personengruppe“ beschrieben. Einige solcher Leute würden „Morgenluft wittern“ und „wie Ratten aus ihren Löchern“ kriechen. Westmedien hingegen lügen „das Blaue vom Himmel, indem sie diese Kräfte zu Freiheitsaposteln hochjubeln“. Eine unheilvolle Rolle bei der „Aufwiegelung und Verhetzung zu antisozialistischen Handlungen“ spielten auch „Leute, die das Kleid der Kirche tragen.“ Aufgerufen wird dazu, diesen Umtrieben „mit allen Mitteln, politisch verantwortungsbewusst und aktiv“ entgegenzutreten. Interessant ist auch: In keiner Weise, hieß es, dürfe diese Information vervielfältigt oder weitergegeben werden.

Auch in der LVZ, damals Bezirksorgan der SED, wurde mit Leserbriefen reagiert. Unter dem Titel „Wir wollen weiter in Ruhe und Geborgenheit leben“ äußerten sich am 29. September 1989 Leipziger Bürger und eine Kampfgruppeneinheit zur „antisozialistischen Hetzkampagne“. Trotzdem kam es am 2. Oktober erneut zur Demonstration – zum damals größten Protest in der DDR seit dem Volksaufstand 1953. Der Platz vor der Nikolaikirche war wie an den Montagen zuvor von Volkspolizei und Stasi abgeriegelt. Das Gotteshaus, in dem sich schon vor Beginn des Friedensgebetes etwa 2500 Menschen versammelt hatten, musste wieder wegen Überfüllung geschlossen werden. Das führte auch dazu, dass ein Teil der bestellten „gesellschaftlichen Kräfte“, wie es in einem chiffrierten Fernschreiben an SED-Generalsekretär Erich Honecker hieß, nicht mehr ins Kircheninnere gelangte. Auch in der Reformierten Kirche gab es am 2. Oktober ein Friedensgebet.

Mehr als 20 000 Menschen zogen an diesem Tag über den Ring, in anderen Quellen ist von bis zu 25 000 die Rede. „Man muss von einer sehr großen Spontanität ausgehen, denn die Demonstration ist ja von niemandem organisiert worden“, sagte Pfarrer Christoph Wonneberger in einem am Folgetag veröffentlichtem Interview. In Sprechchören forderten die Menschen demokratische Reformen. „Erich, laß die Faxen sein, hol die Perestrojka rein!“ hieß es beispielsweise. Auch „Gorbi, Gorbi“-Rufe erklangen sowie die Rufe „Neues Forum zulassen!“. Viele Menschen unterstrichen ihren Willen, innerhalb des Landes für mehr Demokratie sorgen zu wollen. „Wir bleiben hier“, war nun in den Sprechchören immer häufiger zu hören.

Der Demonstrationszug blieb zunächst unbehelligt, führte über den Ring am Hauptbahnhof vorbei bis zum damaligen Friedrich-Engels-Platz. Dort wurde er durch eine Straßenblockade von Polizeilastwagen gestoppt. Einige jugendliche Demonstranten durchbrachen die Polizeikette. So zogen an der „Runden Ecke “ vorbei, wo Rufe wie „Stasi raus“ und „Inhaftierte freilassen“ erklangen, bis zum Markt.

Nach anfänglicher Zurückhaltung setzte die Polizei Schlagstöcke und Elektrostäbe ein. Auch die Kampftruppen der Arbeiterklasse, bewaffnete Trupps aus Großbetrieben, waren aufmarschiert. Die LVZ berichtete erneut von einer „ungesetzlichen Zusammenrottung größerer Personengruppen, die die öffentliche Sicherheit und den Straßenverkehr der Innenstadt beeinträchtigten“. An jenem Tag wurden 20 Männer verhaftet, die meisten kamen nach einer Verwarnung am Abend wieder auf freien Fuß. Gegen andere wurden Ordnungsstrafverfahren eingeleitet.

„Es müssen Entscheidungen getroffen werden, ob dieser Gottesdienst weiter durchgeführt wird, der mit einem Gottesdienst nichts mehr zu tun hat“, schrieb Helmuth Hackenberg, der 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung, an Honecker. Jene Zusammenrottungen würden sich immer mehr als Sammelbecken „antisozialistischer und rowdyhafter Elemente erweisen“.

Mathias Orbeck

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Die bereits erschienenen Beiträge der Reihe stehen im Internet unter www.lvz-online.de/revolutionsgeschichten


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 2. Oktober 2009
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„Die Entwicklung überrollte uns“

Bürgerrechtler und die Deutsche Einheit

Leipzig/Dresden. Vor 20 Jahren, als im Frühherbst kaum jemand eine schnelle Wiedervereinigung für möglich hielt, war Pfarrer Christoph Wonneberger, damals 45 Jahre alt, mit der Vorbereitung des montäglichen Protests beschäftigt. Woche für Woche prallten vor allem in Sachsen Staatsmacht und Opposition immer heftiger aufeinander – bis der 9. Oktober mit auf einmal 70 000 friedlich demonstrierenden Menschen in Leipzig die Welt veränderte.

Wonneberger und die kirchlichen Initiativgruppen brachten an jenem Tag 25 000 Flugblätter unters Volk. Auf ihnen war ein Satz zu lesen, der bald eine ganz andere Bedeutung haben sollte: „Wir sind ein Volk“. – Wonneberger: „Niemand dachte damals an ‚Deutschland einig Vaterland‘. Wir wollten jene ansprechen, die auf der anderen Seite standen, die Polizisten, Soldaten und sie auffordern, auf Gewalt gegen das eigene Volk zu verzichten.“ Was wohl auch dank dieses Papiers geschah.
Wonneberger lebte aber nicht lange im Hochgefühl der Friedlichen Revolution. Am 30. Oktober ereilte ihn ein Hirninfarkt. Freunde aus Hannover, die bei ihm zu Besuch waren, schafften es, ihn mit nach Westen zu nehmen, wo sein jahrelanger, mühsamer Weg zurück in ein einigermaßen normales Leben begann. Kurz vorm Tag der Wiedervereinigung 1990 kehrte er zurück nach Leipzig. „Ich kam in eine mir auf einmal fremde Welt, was nicht nur mit meinem Gesundheitszustand zusammenhing. Menschen, die noch vor einem Jahr meinten, mündig geworden zu sein, bekamen schon wieder was aufs Maul geklebt. Statt Freiheit hatte es Begrüßungsgeld gegeben“, sagt er und sieht die Wiedervereinigung auch heute kritisch. Wonneberger war eine Lichtgestalt des Wandels. Wenn nun an das „Wunder von Leipzig“ erinnert wird, sieht das „Wonni“, wie ihn seine Freunde noch immer nennen, mit gemischten Gefühlen. „Wir haben vor 20 Jahren gebrannt, jene, die heute die Erinnerung organisieren, sind meist nur Teelichter.“

Leipziger Bürgerrechtsgeschichte verkörpert auch Kathrin Mahler Walther, die als junges Mädchen aus einem linientreuen Elternhaus den Weg zu den kirchlichen Gruppen fand. Auch sie dachte vor 20 Jahren nicht an das wiedervereinte Deutschland: „Die Entwicklung überrollte uns, ein Tempo wie aus dem Nichts heraus. Nach der eigentlichen Wende kam noch im Herbst schon wieder eine, als der Demoslogan ,Wir sind das Volk‘ sich auf einmal in ,Wir sind ein Volk‘ wandelte.“ Mahler Walther war klar geworden, dass eine reformierte DDR-Gesellschaft keine Chance gegenüber der Bundesrepublik gehabt hätte. Die heute fast 40-jährige Frau ist ihren Weg gegangen und arbeitet jetzt in Berlin in der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft. Frank Richter war im Herbst ‘89 Kaplan an der Katholischen Hofkirche. Der Geistliche erinnert sich an den 4. Oktober, als 52 Protestierende, die dem Polizeieinsatz am Hauptbahnhof entkamen, seine Kirche besetzten: „Wir verlassen die Kirche nur mit der Ausreisegenehmigung.“ Auch bei Richter fand ein Wunder statt. Noch in der Nacht wurden nach vielen Telefonaten mit der Staatsmacht die Ausreisen genehmigt. Am 8. Oktober stand dann Richter in vorderster Front der Demo auf der Prager Straße. Als die Situation zu eskalieren drohte, rief er mit seinem Kollegen Andreas Leuschner spontan zur Gründung der Gruppe der 20 auf. Richter: „Ich ging auf einen Polizisten zu und sagte: Sie rufen jetzt Oberbürgermeister Berghofer an und informieren ihn von unserer Aktivität.“ Schon am nächsten Morgen fand das erste Gespräch statt. Die Gruppe der 20 bestimmte fortan in Dresden den Verlauf der Revolution. Richter zur Einheit: „Eine umgestaltete DDR war eine große Illusion. Politisch war nichts anderes als die schnelle Wiedervereinigung möglich, dass manch eine Sache hätte anders geregelt werden können oder müssen, stimmt aber auch.“

Richter, nun fast 50, ist zurück in Dresden. Nachdem er 2006 wegen Heirat den Dienst als katholischer Pfarrer quittierte, arbeitete er als Lehrer an einem Gymnasium in Hessen, bevor er zum Direktor der Landeszentrale für politische Bildung berufen wurde.

Thomas Mayer

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 25. September 2009
© Leipziger Volkszeitung

Erste große Demo auf dem Ring

Vor 20 Jahren: Mehr als 5000 Menschen ziehen vom Karl-Marx-Platz bis zur Blechbüchse

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um die erste große Montagsdemo am 25. September 1989, bei der die Menschen über den Ring zogen.

Die Nikolaikirche war zum Friedensgebet um 17 Uhr bis auf den letzten Platz besetzt. Das Gotteshaus musste an jenem Tag wegen Überfüllung geschlossen werden. Draußen marschierten erneut Bereitschaftspolizei und Staatssicherheit auf, die den Nikolaikirchhof wie an den Montagen zuvor hermetisch abriegelten. Trotz der Präsenz versammelten sich 1000 Menschen vor der Kirche. Drinnen gab Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer bekannt, dass „zur Entlastung“ künftig jeweils sonnabends Friedensgebete in weiteren Leipziger Kirchen stattfinden würden. Anschließend hielt Pfarrer Christoph Wonneberger vor etwa 2000 Zuhörern eine Andacht über das Thema Gewalt. „Wer Gewalt übt, mit Gewalt droht oder sie anwendet, wird selbst ein Opfer der Gewalt“, predigte er. Und: „Wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen.“ Das sei keine grundsätzliche Infragestellung staatlicher Gewalt. Aber: Staatliche Gewalt müsse effektiv kontrolliert werden, gerichtlich, parlamentarisch … „Unser Land ist nicht so reich, daß es sich einen so gigantischen Sicherheitsapparat leisten kann …“ Die Grundaussage Wonnebergers lautete: „Wir können auf Gewalt verzichten.“

Frank Richter, ein Stahlbauschlosser, berichtete außerdem über real erlebte Gewalt bei Demonstrationen in Leipzig, beispielsweise in Bezug auf die Fälschung der Kommunalwahlen vom Mai 1989. Die Sängerin Christa Mihm stimmte „We shall overcome“ an, das die Gottesdienstbesucher mitsangen.

1500 Polizeikräfte standen bereit. Die Stasi wollte ursprünglich sogar Wasserwerfer einsetzen. Doch dazu kam es nicht. Minister Erich Mielke und Leipzigs Stasi-Generalleutnant Manfred Hummitzsch verständigten sich über die Taktik am Telefon. Die Polizei sollte die Situation nicht anheizen, sich nicht provozieren lassen. Später erfolge der Befehl, bei einer Demo „den aktiven Kern festnehmen“.

Zur Demonstration kam es dann nach dem Gebet. Die Sicherheitskräfte hatten den Zugang zum Markt abgeriegelt, die Polizeikette in der Grimmaischen Straße wurde aber aufgelöst. Deshalb zog die Menge zunächst über die Ritterstraße zum Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz). Mehr als 5000 Menschen liefen über den Georgiring, schließlich am Hauptbahnhof vorbei bis zur Blechbüchse, dem damaligen „Konsument“-Kaufhaus. „Freiheit“ sowie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ forderten einige in Sprechchören. Auch die „Internationale“ erklang. Die Menschen forderten die Zulassung des „Neuen Forums“. Das war an jenem Tag vom Ministerium des Inneren verboten und als staatsfeindlich eingestuft worden.

Die Polizei griff zunächst nicht ein. Am „Blauen Wunder“ kehrten die Demonstranten schließlich um. „Offenbar befürchteten die Demonstranten, dass es an der Runden Ecke zu einer Eskalation der Situation kommen könnte“, so Tobias Hollitzer, Leiter der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“. Erst als etwa 1000 Leute auf den Hauptbahnhof ziehen wollten, reagierte die Polizei. Sechs Personen wurden an diesem Abend festgenommen.

Ohne massiven Einsatz polizeilicher Mittel, schlussfolgerte Generalleutnant Hummitzsch, sei eine „Auflösung derartiger Personenansammlungen“ nicht mehr möglich. Er forderte in seinem Bericht, die Friedensgebete zu verbieten. Auch der Kirchenvorstand von St. Nikolai wurde aktiv: „Wir bitten darum, auf eine derartige Machtdemonstration staatlicher Organe zu verzichten“, hieß es in einem Brief an die SED-Bezirksleitung.

Die Leipziger Volkszeitung, damals Organ der SED-Bezirksleitung, konnte die Geschehnisse nicht mehr ignorieren. Unter der Überschrift „Ordnung gestört“ berichtete sie am 26. September 1989 auf der letzten Seite, dass es „im Leipziger Stadtzentrum zu nicht genehmigten und ungesetzlichen Zusammenrottungen“ kam, die die „öffentliche Ordnung störten“ und den „Verkehr zeitweise beeinträchtigten“. Den Sicherheitskräften wurde „besonnenes Verhalten“ bescheinigt.

Mathias Orbeck

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 19. September 2009
© LVZ-Online

Stolz auf Friedliche Revolution ist verschüttet

Initiative setzt sich in Leipziger Thesen mit der heutigen Bedeutung des 9. Oktober 1989 auseinander

Leipzig (A. G.). Die Friedliche Revolution zählt zu den großen historischen Erinnerungen der Deutschen und ist wesentlicher Bestandteil des gemeinsamen politischen Bewusstseins unserer demokratischen Ordnung. Zu dieser Einschätzung kommt die Initiative „Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober 1989“ in einem jetzt erarbeiteten Papier mit dem Titel Leipziger Thesen. Die Initiative, zu der unter anderem Oberbürgermeister, Uni, Gewandhaus, die Außenstelle der Birthler-Behörde und das Zeitgeschichtliche Forum gehören, gestaltet seit Jahren die Gedenkveranstaltungen zum 9. Oktober und ordnet diesen Tag nun geschichtspolitisch ein.
„Die friedliche Demonstration von 70 000 Menschen aus Leipzig und aus allen Teilen der DDR am 9. Oktober 1989 brachte die Entscheidung“, heißt es. „Die SED-Diktatur unterlag dem Willen freier und mutiger Menschen. Damit besitzt Leipzig eine herausragende Bedeutung für den Durchbruch der Friedlichen Revolution. Es ist ein Symbol für revolutionäres Handeln in einer Vielzahl anderer Städte und Gemeinden wie Ost-Berlin, Dresden oder Plauen.“ Die Friedliche Revolution sei die erste gelungene gewaltfreie Revolution in der deutschen Geschichte, und es sei einmalig, dass sich die Bevölkerung mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ erfolgreich zum Souverän ermächtigte.

Zugleich setzen sich die Thesen mit der DDR-Verklärung auseinander: „20 Jahre nach der Friedlichen Revolution ist der Stolz der Ostdeutschen auf ihren Sieg über die Diktatur heute weitgehend verschüttet.“ Es gelte, diesen Stolz neu zu beleben und mit zeitgemäßen Inhalten zu füllen. Er könne als „Gegenmittel zur unwahrhaftigen Vergangenheitsverhaftung und grassierenden Demokratieverdrossenheit wirken“.

 

Die kompletten elf Thesen finden Sie im Internet unter www.lvz-online.de/download


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 11. September 2009
© LVZ-Online

Brutaler Polizeieinsatz

Vor 20 Jahren: Nach dem Friedensgebet werden mehr als 100 Menschen verhaftet

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um den 11. September 1989. Nach dem Friedensgebet kam es zu mehr als 100 Verhaftungen.

Die Herbstmesse 1989 war vorbei, die Aussteller wieder abgereist. Bilder von jenem Messemontag, als hunderte Menschen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche auf den Straßen Leipzigs „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ demonstrierten, waren von vielen ausländischen Fernsehstationen ausgestrahlt wurden. Zu Verhaftungen kam es an jenem Messemontag – angesichts der Präsenz westlicher Medien in der Stadt – aber nicht. Das sollte sich am folgenden Montag ändern. Die Stimmung war aufgeheizt. Teilnehmer sprachen im Nachhinein vom „bisher härtesten und unverständlichsten Polizeieinsatz nach einem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche“.

Wer an jenem Montag ins Gotteshaus ging, musste viel Zivilcourage aufbringen. „Rings um die Kirche standen schon die Hüter von Ordnung und Sicherheit: noch wohlverteilt und in kleineren Gruppen“, hält beispielsweise die Leipzigerin Susanne Rummel ihre Eindrücke fest (Quelle: Archiv Bürgerbewegung). Einige der Kirchgänger seien mehrfach kontrolliert worden, bevor sie das Gotteshaus betreten durften. Anderen rieten die Einsatzkräfte, der Andacht lieber fernzubleiben. Mehrere Mannschaften der Bereitschaftspolizei (BePo) postierten sich einsatzbereit in den Seitenstraßen, darunter auch ein Transportfahrzeug mit Hunden.

Das Friedensgebet dauerte bis gegen 18 Uhr. Eine Viertelstunde später hatten die Besucher die Nikolaikirche verlassen. „In dieser Zeit hatten sich schon sämtliche BePo-Einheiten zu massiven Absperrketten formiert, die das gesamte Gelände um die Kirche hermetisch abriegelten“, schreibt Karsten Boche später in einem Gedächtnisprotokoll, das im Archiv Bürgerbewegung vorliegt. Die Stasi filmte und fotografierte in die Menge hinein. Über Lautsprecher folgte die Aufforderung, den Platz sofort zu räumen. Mit Gummiknüppeln bewaffnete Einheiten formierten sich um die Menschen, die friedlich zusammenstanden. „Sekunden später stürzten die ersten Stasi- und VP-Angehörigen in die langsam unruhiger werdende Menge und zerrten auf brutalste Art die ersten Leute hinaus auf die bereitgestellten LKWs“, heißt es in dem Protokoll. Teilweise zu viert oder fünft schleppten sie wahllos Kirchgänger auf die Wagen. Auch Mädchen und Frauen wurden geschlagen, berichteten Beteiligte. Pfui-Rufe und Pfiffe der Menge übertönten die Lautsprecherdurchsagen. Die Bereitschaftspolizei setzte sich eingehakt in Bewegung, drängte die inzwischen in Panik versetzte Menge in eine Seitenstraße. „Ein Punk wurde von VP-Angehörigen hinter einen Bauwagen gezerrt und dort mißhandelt“, so Boche, der ebenfalls verhaftet wurde und mit den anderen zum Verhör ins Volkspolizeikreisamt Dimitroffstraße gebracht worden war. Dort war auch die U-Haft der Stasi untergebracht. Nach einer ersten Befragung wurden die Festgenommenen in Achtergruppen in eine VP-Turnhalle in Paunsdorf gebracht, wo sie auf schmutzigen und von Ungeziefer und Hundehaaren bedeckten Matten zeitweise ruhen durften. Bis zu den Verhören. Das grelle Neonlicht blieb die ganze Zeit an, die hygienischen Zustände waren schockierend. Boche, der am Abend des nächsten Tages entlassen wurde, wurde zu einer Geldstrafe von 3000 Mark verurteilt.

Es kam es zu 104 Verhaftungen, die Festgenommenen erhielten Geldstrafen zwischen 1000 und 5000 Mark. Insgesamt wurden Strafen in Höhe von 63500 Mark verhängt. Mindestens neun – darunter die Bürgerrechtler Carola Bornschlegel, Udo Hartmann, Katrin Hattenhauer und andere – blieben länger in Haft. An folgenden Montagsgebeten forderten die Gottesdienstbesucher ihre Freilassung. Die Koordinierungsgruppe Leipziger Fürbittandachten gab vier Tage später eine Erklärung ab. „An diesem Montag hat uns das Entsetzen ergriffen“, heißt es darin: „Über die Unverhältnismäßigkeit des Polizei- und Sicherheitsaufgebotes, daß Eingreifen der Polizei zu einem Zeitpunkt, wo die Vielzahl der Teilnehmer am Friedensgebet schon gegangen waren und sich eine ausgesprochene ruhige und friedliche Stimmung unter den verbliebenen ausgebreitet hatte“.

Mathias Orbeck

Die bereits erschienenen Beiträge der Reihe stehen im Internet unter www.lvz-online.de/revolutionsgeschichten


Quelle: http://www.abendblatt.de/
© Hamburger Abendblatt - 4. September 2009, 06:00 Uhr

Serie: 20 Jahre Friedliche Revolution

Mit der ersten Montagsdemonstration beginnt die Revolution

Von Matthias Gretzschel

Leipzig: Vor laufenden Westkameras wird erstmals für mehr Freiheit demonstriert

Hamburg. Leipzig heute vor 20 Jahren: Schon seit etwa 3 Uhr nachmittags strömen Menschen in die Nikolaikirche, wo zwei Stunden später das erste Friedensgebet nach achtwöchiger Sommerpause beginnen soll. Manche von denen, die im Juni noch dabei waren, sind längst über Ungarn in die Bundesrepublik geflohen. Aber inzwischen haben sich noch viel mehr Menschen entschlossen, die DDR für immer zu verlassen. Wenn die SED-Funktionäre gehofft hatten, im Sommer würde sich die innenpolitische Lage beruhigen, haben sie sich gründlich getäuscht. Viele Inoffizielle Mitarbeiter (IM) berichten ihren Führungsoffizieren, dass in Betriebskollektiven inzwischen ganz offen über die Missstände der DDR und über Ausreisewünsche gesprochen wird.

Für die Ausreisewilligen ist die altehrwürdige Nikolaikirche im Zentrum von Leipzig der wichtigste Treffpunkt, hier können sie über ihre Erfahrungen berichten, auf ihr Anliegen hinweisen und demonstrieren. Aber es gibt auch viele Kirchenbesucher, die nicht ausreisen, sondern die DDR verändern und lebenswerter machen wollen. Zu ihnen zählen die Basisgruppen, die die Friedensgebete in St. Nikolai gestalten. Superintendent Friedrich Magirius wird schon seit Langem von DDR-Behörden gedrängt, die Friedensgebete zu beenden, da es sich in Wahrheit um staatsfeindliche Veranstaltungen handeln würde. Das bestreitet er, besteht aber gegenüber den Basisgruppen darauf, christliche Inhalte in den Vordergrund zu stellen. In diesem Konflikt agiert Magirius nicht immer glücklich. Nachdem er 1988 den Gruppen die Verantwortung für die Gestaltung der Montagsgebete zeitweise entzogen hat, gibt es auch Proteste gegen ihn. Glaubwürdiger erscheint vielen Montagsdemonstranten Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer, obwohl auch er auf christlichen Inhalten besteht. Doch für Führer gehört zum christlichen Engagement ganz besonders, sich für eine lebenswertere und bessere Gesellschaft einzusetzen.

Manfred Hummitzsch, der Leiter der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, sieht in der Nikolaikirche eine "Schaltzentrale der Konterrevolution". Am 31. August ist er zum Rapport nach Berlin gefahren, wo er Stasi-Chef Erich Mielke zu beruhigen versucht: "Die Lage ist so, Genosse Minister, nachdem jetzt acht Wochen Pause war, findet jetzt zur Messe am 4. September 17 Uhr das erste Mal wieder dieses operativ relevante 'Friedensgebet' statt. Die Lage wird kompliziert sein, aber ich denke, wir beherrschen sie."

Das ist pures Wunschdenken, denn an diesem 4. September sind dem Geheimdienst die Hände gebunden. Am Tag zuvor ist die Leipziger Herbstmesse eröffnet worden. In Messezeiten gibt sich die DDR in Leipzig weltoffen und international: Tausende Besucher aus dem Westen halten sich in der Stadt auf, darunter zahlreiche Fernsehteams. Während man ARD und ZDF zu normalen Zeiten Drehgenehmigungen und den Zugang nach Leipzig verweigern kann, geht das während der Messe nicht.

Und natürlich weiß man das in der Protestszene. Noch bevor das Friedensgebet 17 Uhr beginnt, ist die Kirche so voll, dass erstmals die Emporen geöffnet werden müssen. Superintendent Magirius erinnert an den Überfall Deutschlands auf Polen, mit dem 50 Jahre zuvor der Zweite Weltkrieg begann, geht dann aber bald auf die aktuelle Situation ein. In einem Gebet wird das so formuliert: "Wir bitten dich, dass die Probleme, unter denen in unserem Land sehr viele leiden, offen besprochen werden, dass diejenigen, die Verantwortung tragen, sich nichts vormachen oder vormachen lassen, damit die Menschen in unserem Land gern leben und arbeiten."

Nach dem Ende der Andacht verlassen die Menschen die Kirche und versammeln sich anschließend auf dem Nikolaikirchhof, auf dem bereits mehrere westliche Kamerateams drehen. Das ist die Bühne, auf die die Demonstranten gewartet haben. Die einen rufen: "Wir bleiben hier", die anderen: "Wir wollen raus" - für die SED-Funktionäre klingt beides bedrohlich. Dann entrollen Uwe Schwabe, Gesine Oltmanns und Katrin Hattenhauer von der "Initiativgruppe Leben" ein heimlich mitgebrachtes Plakat mit der Aufschrift "Für ein offenes Land mit freien Menschen". Es gibt viel Beifall, ein paar Sekunden lang können die jungen Leute das Plakat vor die laufenden Westkameras halten. Dann entlarvt sich die Stasi selbst: Auf ein Pfeifsignal stürzen fünf oder sechs Spitzel, stämmige junge Männer mit brutalen Gesichtern, auf die Demonstranten zu und entreißen ihnen das Plakat. Es kommt zu einem kurzen Handgemenge, dazu schreien die Ausreisewilligen und Systemveränderer gemeinsam im Chor "Stasi raus". Zwei Stunden später sind diese Bilder der Aufmacher in der "Tagesschau".

Für die SED ist dieser 4. September eine innenpolitische Niederlage und zugleich eine außenpolitische Blamage. Mielke ist wütend, die Leipziger Stasi-Führung wird abgekanzelt. Solche Bilder darf es nie wieder geben, Protestaktionen müssen künftig im Keim erstickt werden. Die Stasi wird auf Härte eingeschworen, und den Mitgliedern der Leipziger Basisgruppen schwant nichts Gutes. Sie wissen, dass am nächsten Montag keine Westkameras mehr in Leipzig sein werden. Doch auch nach dem Friedensgebet vom 11. September versammeln sich wieder mindestens 1000 Menschen auf dem Nikolaikirchhof. Diesmal ist die Kirche von einem großen Aufgebot an Polizei und Stasi umstellt. Geheimdienstleute filmen und fotografieren die Demonstranten, die diesmal einfach still beieinanderstehen. Per Megafon fordern Polizisten die Menschen auf, den Platz sofort zu verlassen. Dann schlagen Bereitschaftspolizisten brutal auf die Menschen ein. Stasi-Leute in Zivil greifen gezielt einige Demonstranten, werfen sie zu Boden, ziehen sie an den Haaren zu den bereitstehenden Lastwagen. An diesem Tag gibt es mehr als 100 Verhaftungen.

Stasi-Chef Hummitzsch ist zufrieden, aber er hat einen Pyrrhussieg errungen. Das Vorgehen der "Sicherheitsorgane" löst Empörung aus. Die Leute lassen sich nicht mehr einschüchtern, am 18. September werden noch mehr Menschen kommen. Die Zeit der SED läuft ab, auch wenn es die Genossen noch nicht wahrhaben wollen: In Leipzig hat die Revolution längst begonnen.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 4. September 2009
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Die Demo am Messemontag

Vor 20 Jahren: Wieder Friedensgebet nach der Sommerpause / 1000 Menschen gehen auf die Straße

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um den 4. September 1989. Jener Messemontag war ein entscheidender Tag auf dem Weg zur Friedlichen Revolution.

Ungarn hatte bereits den Eisernen Vorhang geöffnet. Nahezu täglich flohen DDR-Bürger über die dort durchlässige Grenze in die Freiheit nach Österreich. Ausreisewillige versuchten, in die westdeutschen Botschaften zu gelangen. Doch in der DDR herrschte noch relative Ruhe. In Leipzig begann derweil die Herbstmesse 1989: Die Stadt präsentierte sich mit etwa 6000 Ausstellern von allen Kontinenten als „weltweit geschätztes Zentrum des friedlichen Handels“, wie die LVZ damals titelte. Die Mitglieder der Partei- und Staatsführung der DDR besuchten die Messestände in- und ausländischer Aussteller. Die City hatte sich herausgeputzt. Die Jazz-Enthusiasten spielten vorm Interhotel Astoria, Models zeigten neue Kollektionen im Haus Elsterstraße …

Da passte es der Staatsmacht nicht so Recht ins Bild, dass nach einer mehrwöchigen Sommerpause am 4. September 1989 wieder das Friedensgebet in der Nikolaikirche beginnen sollte. Unter dem Schutz der Kirche trafen sich bekanntlich Oppositionelle und Ausreisewillige. „Brücken abbrechen“ hatte die Kirchenleitung als Thema des Montagsgebetes gewählt. Das sollte Bezug nehmen auf den 50. Jahrestag des Zweiten Weltkrieges. Doch es lag auf der Hand, dass viele da- mit auch das Thema Ausreise assoziierten.

Bereits im Vorfeld versuchte die Staatsmacht, auf die Kirchenleitung von St. Nikolai einzuwirken, am Messemontag auf die Wiederaufnahme des Friedensgebetes zu verzichten. „Mit Besorgnis verfolge ich die wiederholten Versuche von Personen, die Montagsgebete in der Nikolaikirche zu mißbrauchen und unter Mißachtung der Rechtsordnung der DDR und Ausnutzung der Öffentlichkeit Druck auf staatliche Organe auszuüben“, schrieb der damalige SED-Oberbürgermeister Bernd Seidel an den Kirchenvorstand von St. Nikolai sowie an Landesbischof Hempel. „Provokationen vor der internationalen Öffentlichkeit“, die „dem Ansehen unserer Stadt als internationaler Messemetropole“ Schaden zufügen könnten, seien nicht auszuschließen. Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer lehnte das Ansinnen ab, den Termin zu verschieben. Dieser sei schließlich seit zwei Monaten öffentlich bekannt. „Die Menschen kommen am Montag 17 Uhr. Ein Aussetzen unsererseits würde auf völliges Unverständnis stoßen und zu eine Verschärfung der Situation führen und unkontrollierte Deutungen begünstigen“, schrieb Führer. Der Pfarrer wies darauf hin, dass ein Missbrauch des Friedensgebetes von der Kirchenleitung noch nicht festgestellt worden sei. „Wir haben allerdings mit steigender Beunruhigung sehen müssen, dass durch die sichtbare Polizeipräsenz vom 7. Mai 1989 an steigende Spannungen zu verzeichnen sind.“ Am 1. September gab es bei einem Gespräch im Rathaus einen erneuten Versuch, das Friedensgebet abzusetzen.

Es fand trotzdem wie geplant statt. Nahezu 1000 Menschen waren gekommen. „Der 4. September 1989 war ein entscheidender Tag auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“, erinnert sich Uwe Schwabe, der heute das Archiv Bürgerbewegung leitet. Damals gehörte er zu jenen, die viel riskierten. Längst war er von der Stasi an der Spitze der Staatsfeind gesetzt worden. Das konnte er nicht wissen, als er an jenem Messemontag 1989 mit Freunden in einer Leipziger Wohnung saß. Gesine Oltmanns und Katrin Hattenhauer malten Transparente, die Schwabe in die Kirche schmuggelte – es waren die ersten, die auf einer Montagsdemonstration gezeigt werden sollten. „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ stand da auf einem der Bettlaken, „Reisefreiheit statt Massenflucht“ auf einem anderen.

Die Mehrzahl der Teilneher versammelte sich auf dem Nikolaikirchhof und formierte sich anschließend zu einem Demonstrationszug Richtung Markt. Die Kameras westlicher Korrespondenten, die auf dem Nikolaikirchhof aufgebaut waren, boten den Ausreisewilligen die Möglichkeit, sich ein Forum zu verschaffen. „Wir wollen raus!“ oder „Nehmt uns mit in die BRD“ schrien viele. Laut Stasi-Protokoll gruppierten sich etwa 250 Menschen um Westjournalisten.

Schwabe und seine Mitstreiter zogen ihre Spruchbänder unter den Anoraks hervor und hielten sie einige Sekunden lang hoch. Zeit genug für die ZDF-Kamera, die die unglaubliche Szene einfing und um die Welt schickte. Aus der Menge lösten sich Stasi-Mitarbeiter und entrissen den Demonstranten nach kurzem Handgemenge die Spruchbänder. „Stasi raus!“, riefen viele Menschen. Verhaftet wurde an diesem Messemontag aber niemand. Erst am darauf folgenden Montag rächte sich die Volkspolizei mit einem brutalen Einsatz für die Schmach vom 4. September.

Mathias Orbeck

Bereits erschienene Beiträge der Reihe stehen im Internet unter www.lvz-online.de/revolutionsgeschichten


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 15./16. August 2009
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Wer zu spät putscht, den bestraft das Leben

Theorien über Gorbatschow-Pläne zum Sturz Honeckers blühen seit Jahren - und sind immer wieder spannend

Mit einem Bruderkuss begrüßt Honecker im Oktober 1989 Gorbatschow in der DDR- Hauptstadt. Bei der unmittelbar danach einsetzenden Friedlichen Revolution sollen Moskau, womöglich aber auch die Stasi die Strippen gezogen haben.

Leipzig. Ein spannendes Szenario: Im Frühjahr 1987 sollen sich in Dresden Vize-KGB-Chef Wladimir Krjutschkow, Ex-Stasi-General Markus Wolf und SED-Bezirkschef Hans Modrow getroffen haben, um auf Geheiß Michail Gorbatschows einen Putsch gegen Erich Honecker vorzubereiten. Auch Wissenschaftler Manfred von Ardenne - gleichfalls ein Mann mit guten Moskau-Kontakten - war angeblich von der Idee begeistert, Modrow zur Nummer l zu machen. An mangelnder Unterstützung des Militärs soll der Plan gescheitert sein. Jene Geschichte haben die Welt und die Berliner Morgenpost in dieser Woche recherchiert. Die Story schlägt Wellen, so wie es sich für gute Verschwörungstheorien gehört.

Die Urversion solcher Thesen über die DDR-Endzeit stammt vom Journalisten Henryk M. Broder. Der erklärte 1992 in der Wochenzeitung Die Zeit voller Ernst, die '89er Revolution sei ein Werk der Stasi. Angesichts des unabwendbaren Niedergangs hätten Mielkes Leute ihr materielles Überleben sichern wollen. „Eine einfache Auflösung des maroden Staatsapparates über eine Konkursanmeldung war nicht machbar, ebenso wenig eine direkte Übergabe an die Bundesrepublik. Also musste eine Volksbewegung geschaffen werden, welche sowohl die Politiker in der DDR wie in der BRD unter Handlungszwang setzte."

1993 legten FAZ-Redakteur Ralf Georg Reuth und der Münchner Fernsehjournalist Andreas Bönte im Buch „Das Komplott" nach. Auch aus ihrer Sicht mobilisierte Moskau - wegen der Reformverweigerung Honeckers - zunächst Wolf und Modrow. Erst nach ungarischer Grenzöffnung und Massenflucht habe 1989 „der Sturm der Reformkräfte" beginnen können. Die Bedingungen zum Sturz Honeckers durch Krenz „wurden nun von der Protestbewegung geschaffen, aus deren Reihen sich (wie auf Kommando) landesweit Organisationen" formierten, die eine bessere DDR wollten. Der neue Regierungschef Modrow habe dann aber erkennen müssen, dass Gorbatschow das Land aufgegeben hatte.

Das Dresdner Treffen von 1987 lässt sich in solche Gedankengebäude einrügen, wenn auch die Beweise dünn erscheinen. Krjutschkow, Wolf und Ardenne sind tot. Gorbatschow lässt ausrichten, dass er sich nicht erinnern könne, den KGB-Mann zu Modrow geschickt zu haben. Der wiederum bestätigt zwar das Treffen, bestreitet aber, dass über Honeckers Entmachtung debattiert worden sei. Ex-Politbüromitglied Günter Schabowski - Zeuge vom Hörensagen - äußert sich eher vage. Valentin Falin, Ex-Berater des Ex-Kreml-Chefs, bestätigt zumindest, dass Moskau 1987 nach einem Honecker-Nachfolger Ausschau hielt.

Wer zu spät putscht, den bestraft das Leben. Womöglich hatte Gorbatschow zu jener Zeit bereits die beste Chance verpasst. Andreas Förster nahm sich 1995 in der Berliner Zeitung der folgenden These an: DDR-Regierungschef Willi Stoph wandte sich im Mai 1986 über einen KGB-Mann an Gorbatschow, schlug ein Szenario zum Sturz Honeckers vor und bat um Hilfe. Eingeweiht waren Stasi-Chef Mielke und Politbüromitglied Herbert Krolikowski, die später beim Kreml-Chef nachbohrten. Doch der konnte sich zu keiner Entscheidung durchringen.

Oder hatte er die DDR längst abgeschrieben? Moskaus Gedankenspiele zur deutschen Wiedervereinigung sollen bis ins Jahr 1983 zurückreichen - so hat es ein Zeitzeuge in den 90ern behauptet.
Allemal Stoff für die nächste Verschwörungstheorie.

Armin Görtz

Quelle: Leipziger Volkszeitung
© Leipziger Volkszeitung

Staatsfeindlichkeit im christlichen Mantel

Bei den Friedensgebeten vor 20 Jahren ging es um die Frage, ob die Kirche ein politisches Mandat hat

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück.
Heute geht es um das Friedensgebet vom 8. Mai 1989 und die Ereignisse danach.

Am 9. Mai 1989 wurde Stasi-Minister Erich Mielke über Zuführungen nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche informiert. Die ereigneten sich kurz nach der Kommunalwahl vom 7. Mai 1989, bei der Bürger die Auszählung überwacht und dabei auch in Leipzig eine klare Fälschung des Ergebnisses festgestellt hatten. Einen Tag später, übrigens am Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus, war wieder das montägliche Friedensgebet, das diesmal von der Initiativgruppe Leben gestaltet wurde. Das begann unter Beifall, denn es konnte bekannt gegeben werden, dass alle – bis auf Sven Kulow – am 7. Mai Inhaftierten wieder freigelassen worden sind. Bei dem Friedensgebet ging es um ein brisantes Thema: Und zwar die Frage, ob die Kirche ein politische Mandat hat oder nicht.

Das hatte bereits in den Monaten zuvor heftige Diskussionen ausgelöst. Zur Erinnerung: Pfarrer Christoph Wonneberger, der Mitbegründer der Arbeitsgruppe „Menschenrechte“, koordinierte die Gebete seit 1986. Deren politische Ausrichtung nahm allerdings zu – vor allem durch den Zulauf von Ausreisewilligen. Dem Staat war das ein Dorn im Auge, der Druck auf die Kirchenleitungen wurde erhöht. Superintendent Friedrich Magirius entzog Wonneberger im August 1988 die Koordinierung der Gebete, die die Basisgruppen nicht mehr selbstständig gestalten durften. Daraufhin fühlten sie sich nun nicht nur vom Staat, sondern auch von der Kirche ins Abseits gedrängt, protestierten gegen das „Redeverbot“. Das führte zu allerlei innerkirchlichen Konflikten um den Charakter der Gebete, die von der Obrigkeit als „staatsfeindliche Veranstaltungen im christlichen Mantel“ gewertet worden . Doch auch die Kirchenleitung sah „politische Demonstrationen nicht als geeignete Form des Zeugnisses der Kirche“, wie auch aus Briefen an die Gemeinden hervorgeht. Erst ab 10. April 1989 durften die Bürgerrechtler wieder Friedensgebete in Eigenregie gestalten. Die Diskussion war damit freilich noch nicht beendet. Im Friedensgebet am 8. Mai 1989 stellte Bürgerrechtler Michael Arnold auch die These von der „notwendigen politischen Neutralität der Kirche“ theologisch infrage. Jene Frage beschreibt Martin Jankowski auch im soeben erschienen Buch „Vom Gebet zur Demo“ im Verlag Edition Christmon (Herausgeber: Arnd Brummer). „Wer darf die Bibel auslegen und ihre Botschaft verkündigen?“, bringt Jankowski diesen neuerlichen theologischen Streit um das Hauptthema der Reformation auf den Punkt. Arnold wollte seine Wort als Anregung und Aufruf verstanden wissen, die Kirchenpolitik zu ändern und sich mehr den Problemen der Menschen zuzuwenden. „Lass uns beginnen, neu anzufangen und nicht wieder aufzuhören, öffentlich und privat die Wahrheit zu sagen. Lass uns die Angst überwinden, die uns zu Duldern des Unrechts macht“, sagte er in der Fürbitte, die er gemeinsam mit Gesine Oltmanns gestaltete.

Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche am 8. Mai kam es erneut zu Protesten. Ein Demonstrationszug mit etwa 550 Menschen setzte sich in Bewegung. Die Sicherheitskräfte versuchten, den Zug erstmals durch eine Polizeikette aufzuhalten. Es kam zu zwölf Verhaftungen.

Mathias Orbeck

Basisgruppen und Friedensgebete

Leipzig hat Geschichte geschrieben, die Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der neuen Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Bürgerkomitee Leipzig und dem Archiv Bürgerbewegung – auf einige Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Zum Auftakt geht es um den 24. Oktober 1988. An diesem Tag entrollten Vertreter von Basisgruppen Plakate in der Nikolaikirche, die ein Jahr später Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen wurde.

Ihr setzt Erich Loest in seinem gleichnamigen Roman, der auch verfilmt wurde, ein Denkmal. In Erinnerung geblieben sind daraus auch Szenen, die Konflikte innerhalb des Gotteshauses zeigen. Denn es hat zwischen den diversen Basisgruppen, die oft politische Ziele verfolgten, und den Kirchen, die ihnen Unterschlupf boten, oft leidenschaftliche Auseinandersetzungen gegeben.

Doch der Reihe nach: Bereits seit September 1981 fanden Friedensgebete in der Nikolaikirche wöchentlich montags statt, werden von den jeweiligen Gruppen selbstständig gestaltet. Pfarrer Christoph Wonneberger, der Mitbegründer der Arbeitsgruppe „Menschenrechte“, koordinierte sie seit 1986. Innerhalb der Gebete nahm die politische Ausrichtung zu – vor allem durch den Zulauf von Ausreisewilligen, die die DDR verlassen wollten. Die Zunahme systemkritischer Äußerungen war dem Staat ein Dorn im Auge. „Der Druck durch den Staat auf die Kirchenleitung nimmt zu“, betont heute Tobias Hollitzer, der Leiter der Gedenkstätte Museum in der Runden Ecke. Das Bürgerkomitee Leipzig, das das Museum betreibt, bereitet gerade eine neue Sonderschau vor, die im nächsten Jahr die Geschichte der Friedlichen Revolution in Leipzig näher beleuchtet.

Der sich verschärfende Ton zwischen Staat und Kirche fand auch in der zunehmenden Zensur von Kirchenzeitungen seinen Ausdruck, die daraufhin aus Protest teilweise mit „weißen Stellen“ erschienen. Auslöser der sich im Sommer 1988 verschärfenden Konflikte innerhalb der Kirche war die Frage, wer für die Inhalte der Friedensgebete verantwortlich ist? Die Leitung der Nikolaikirche begab sich auf eine Gratwanderung. Superintendent Friedrich Magirius schrieb im August 1988 letztlich einen Brief an die Gruppen, in welchem er mitteilte, dass der Kirchenvorstand nach der Sommerpause selbst die Regie übernehmen wolle. Das wurde von vielen als Versuch gewertet, die Friedensgebete zu entpolitisieren. Basisgruppenmitglieder des Arbeitskreises Gerechtigkeit, der Initiativ- gruppe Leben und andere reagierten mit einem offenen Brief an Landesbischof Johannes Hempel. Einige fühlten sich nun nicht nur vom Staat, sondern auch von der Kirche ins Abseits gedrängt, protestierten gegen das „Redeverbot“. Ab September 1988 trugen sie eine Mundbinde mit der Aufschrift. Nach dem Friedensgebet nutzten sie den Platz vor der Kirche als Versammlungsort und um Erklärungen zu verlesen. Dort lagernde Betonplatten einer Baustelle dienten als Rednerbühne. „Dadurch wurden die Mauern der Kirche nach und nach symbolisch durchbrochen und der Platz davor als politische Bühne erobert“, erklärt Hollitzer. So auch am 24. Oktober 1988, als 15 Vertreter von Basisgruppen mit Plakaten wie „Wir mahnen uns, an die zu denken, die gehen mussten“ oder „Mündigkeit verpflichtet – ziviler Ungehorsam“ die Kirchenleitung kritisierten. „Wichtige Informationen konnten jetzt nicht mehr im Friedensgebet gegeben werden. Also wurden die Meinungen mittels Plakat verbreitet“, so Uwe Schwabe, einer der Beteiligten.

Eine Erklärung durften die Gruppe an diesem Tag innerhalb des Gotteshauses nicht abgeben, das Mikrofon wurde abgeschaltet. Das sorgte für tumultartige Diskussionen und Verstimmung, die Erklärung wurde schließlich draußen verlesen. Das Ergebnis: Weniger Tage später sind alle Plakatträger zugeführt worden, wie es in der Stasi-Sprache heißt. Ihnen wurde staatsfeindliche Hetze vorgeworfen und jeweils eine hohe Ordnungsstrafe auferlegt, deren Zahlung sie aber verweigerten. So erhielt beispielsweise Frank Sellentin eine Ordnungsstrafverfügung über 400 Mark, da er an einer Zusammenkunft teilgenommen habe, bei der „die öffentliche Ordnung und Sicherheit beeinträchtigt“ und „gesellschaftliche Interessen“ missachtet worden seien. Er legte Beschwerde ein, berief sich auf die in der DDR-Verfassung garantierte Versammlungsfreiheit. Die Beschwerde wurde abgewiesen.

Vom 10. April 1989 an gestalteten die Gruppen das Montagsgebet wieder mit. „Es war das Ergebnis monatelanger zäher Verhandlungen, der mit dem Kompromiss verbunden war, dass die Gruppen die Friedensgebete nur mitgestalten können, wenn ein Pfarrer die inhaltliche Verantwortung übernimmt“, so Schwabe. Bis heute seien nicht alle Missverständnisse von damals ausgeräumt, betonte jüngst auch Kirchenvorstand Frank Pörner von der Nikolaikirchgemeinde auf einer Pressekonferenz. In ihrer Reihe „Erinnern – Danken – Fragen“ zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution will die Evangelische Kirche auch diese diskutieren.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:37 Uhr

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Informieren Sie sich:
Der Leipziger Pfarrer Christoph Wonneberger


Gedenkmarsch zum Gedenkstein

50 Jahre war es im November 1988 her, dass das faschistische Regime in Deutschland Synagogen anzündete und mit der systematischen Verfolgung und Ermordung von Juden startete. Dieser Jahrestag war auch in Leipzig Anlass für vielfältige Gedenkveranstaltungen. So öffnete beispielsweise im Ausstellungszentrum der damaligen Karl-Marx-Universität in der Goethestraße die große Schau „Juden in Leipzig“. Offizielle Feiern wurden im Bewusstsein begangen, dass in der DDR der geistige und soziale Nährboden für Faschismus, Antisemitismus und Völkerhass beseitigt wurde. So jedenfalls heißt es in einer Einschätzung der Abteilung Inneres beim Rat der Stadt Leipzig. Auch die evangelischen Kirchen widmeten ihre Friedensdekade vom 6. bis 16. November dem 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. Ihr zentrales Thema lautete „Friede den Fernen und Friede den Nahen“. Schon im Vorfeld wurden die beiden Superintendenten Friedrich Magirius und Johannes Richter von den Staatsorganen „einbestellt“, um ihnen die staatliche Erwartungshaltung zu verdeutlichen und sie angesichts des Kirchentages und Kirchenkongresses 1989 „für die politischen Inhalte der Friedendekade in politische Verantwortung zu nehmen“. Denn Machthaber fürchteten, dass „politisch negative Kräfte“ das Motto der Dekade für ihre Zwecke auslegen könnten. Besondere Aktivitäten, wie es im Nachhinein hieß, wurden dann auch in der Nikolaikirche, der Friedenskirche Gohlis sowie der Evangelisch-reformierten Kirche am Tröndlinring registriert. Beinahe täglich fanden in dieser Zeit Friedensgebete statt.

Besonders hervorzuheben ist dabei der 9. November 1988. Die Arbeitsgemeinschaft „Kirche und Judentum“ sowie die „Aktion Sühnezeichen“ gestalteten an diesem Tag das Friedensgebet in der Nikolaikirche. Dort verteilte die Gruppe „Initiative zur gesellschaftlichen Erneuerung der DDR“ ein Papier. „Wir erleben in unserem Land, wie Menschen mit konstruktiv-kritischen Meinungen kriminalisiert und als Staatsfeinde verfolgt werden. Wir erleben Ausgrenzung und Diskriminierung“, heißt es beispielsweise darin. Als Mahnung der Pogromnacht wurde auch angeprangert, dass in der Zeit des Stalinismus Andersdenkende unter dem Deckmantel der marxistisch-leninistischen Ideologie verfolgt und ermordet wurden. Und: Auch in der DDR gebe es neonazistische Tendenzen im Denken und Handeln einiger Menschen. Verfasst wurde das Papier von Gesine Oltmanns, Katrin Hattenhauer, Kathrin Walther, Rainer Müller und Thomas Rudolph vom Arbeitskreis Gerechtigkeit.

Im Anschluss an den Gottesdienst formierten sich Leipziger mit Kerzen zu einem Schweigemarsch an den Gedenkstein in der Gottschedstraße. Dieser steht an der Stelle der einstigen Synagoge. Dabei ist von bis zu 200 Teilnehmern die Rede. „Auf dem zehnminütigen Weg über den Markt und an der Thomaskirche vorbei habe ich sogar Flugblätter verteilt“, erinnert sich Rainer Müller, einer der Beteiligten. Polizei und Staatssicherheit schritten beim Gedenkmarsch erstaunlicherweise nicht ein, so dass dieser ohne Behinderungen verlaufen konnte. „Das Regime war offenbar an einem guten Kontakt zu Juden interessiert. Schließlich wollte Erich Honecker in die USA eingeladen werden, hat sich wahrscheinlich Hilfe erhofft“, vermutet Müller.

Laut Abteilung Inneres wurde bei der Aktion der Gedenkstein durch „hinterlassenen Müll und Kerzenstummel“ in einen „unwürdigen Zustand“ versetzt, wie später nach Berlin gemeldet wurde. Insgesamt könne eingeschätzt werden, heißt es weiter, dass die „Nikolaikirche als ,offene Stadtkirche’ nach wie vor von Mitgliedern der Basisgruppen für ihre bewußt negativen und provokatorischen Auftritte mißbraucht wird“. In Leipzig bestätigte sich dem Schreiben zufolge „erneut die Funktion der Nikolaikirche als Sammelbecken von Provokateuren und subversiven Kräften“. Landesbischof Hempel soll aufgefordert werden, dafür Sorge zu tragen, dass die Nikolaikirche nicht länger Ausgangspunkt für nicht genehmigte Demonstrationen ist. Das schlägt Dr. Reitmann vom Rat des Bezirkes in einem Telegramm an den Staatssekretär für Kirchenfragen, Löffler, vor.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:37 Uhr


Eine Mark für Espenhain

Heute geht es um den 13. November 1988, als es einen „Tag für Espenhain“ in der evangelisch-reformierten Kirche gab.

Etwa 250 Menschen versammelten sich an jenem Novembertag 1988 in der Kirche am Tröndlinring, wo es bereits 13 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst begann. Der Tag wurde von der Arbeitsgruppe Umweltschutz Leipzig, vom Christlichen Umweltseminar sowie vom Jugendpfarramt organisiert. Neben Info-Ständen und einem Auftritt des Liedermachers Martin Jankowski stand die Aktion „Eine Mark für Espenhain“ im Vordergrund.

Die hat eine längere Vorgeschichte: Südlich von Leipzig wurde damals in einer gewaltigen Industrielandschaft Braunkohle gefördert, veredelt und auch verbrannt. Betriebe wie das Volkseigene Braunkohleveredlungswerk Espenhain spieen Tag für Tag Unmengen an Dreck und letztlich Gift in die Luft. Die Werke gaben den Menschen zwar Arbeit, machten sie und ihre Familien aber auch krank. In den Achtzigerjahren organisierte das Umweltseminar Rötha daher die ersten Umweltgottesdienste in Pfarrgärten der Region. Dabei wurde die ungeschminkte Wahrheit über die Umweltbelastung gesagt. Das Sammeln und vor allem Bewerten von Umweltdaten waren in der DDR verboten. Dennoch fanden sich Mediziner, Physiker, Ingenieure und andere mutige Menschen, die seriöse Daten vorlegten. „Zu Diskussionen wurden auch Vertreter der staatlichen Organe eingeladen, die sich zunächst den Fragen stellten. Später wurde es ihnen zu heiß und sie zogen sich von der real existierenden Bevölkerung und deren Sorgen zurück“, erinnert sich Walter Christian Steinbach. Der heutige Präsident der Landesdirektion Leipzig war damals Pfarrer in Rötha und einer der maßgeblichen Akteure des Christlichen Umweltseminars.

Das Seminar und der Ökologische Arbeitskreis der Dresdner Kirchenbezirke hatten im Juni 1988 – während einer Woche der Verantwortung für Gottes Schöpfung – die Idee für die Aktion „Eine Mark für Espenhain“. „Der Raum Halle-Leipzig hat einen traurigen Weltrekord aufzuweisen: Den größten Ausstoß von Schwefeldioxid pro Kopf der Bevölkerung“, hieß es in einem Aufruf. Wesentlich beteiligt sei die Schwelerei des VEB Braunkohleveredlungswerkes Espenhain. Dort würden unter anderem täglich 20 Tonnen Schwefeldioxid sowie vier Tonnen Teer, 4,4 Tonnen Schwefelwasserstoff, 1,6 Tonnen Ammoniak freigesetzt. „Mediziner haben nachgewiesen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und dem Auftreten von Atemweg- und Herz- und Kreislauferkrankungen besteht. Das Anwachsen von Krankheiten wie fieberfreier Bronchitis, Pseudo-Krupp und Asthma in unserem Gebiet zeigen dies eindeutig an“, hieß es weiter. Auch die Pleiße werde stündlich mit 4000 Kubikmetern schadstoffhaltigem Abwasser durch das Werk belastet. „Die Auswirkungen kann jeder riechen.“

Deshalb wurde die Forderung gestellt, den Betrieb in Espenhain sofort zu rekonstruieren, um die lufthygienische Situation schnell zu verbessern. Für die Aktion wurde in Kirchen der ganzen Republik geworben. „Vertreter des Umweltseminars haben in der gesamten DDR Vorträge gehalten“, so Steinbach. Dabei schwebten den Akteuren republikweite Anstrengungen – vergleichbar mit dem Kraftakt zum 750. Jahrestag Berlins – für die Umwelt vor. Dabei war ihnen der symbolische Charakter ihres Projektes bewusst. Mit einer Mark konnte schließlich nur wenig bewegt werden. „Für die staatlichen Organe war es aber schwierig, die Aktion zu verbieten. Sie hätten sich lächerlich gemacht“, so Steinbach. Deshalb sei diese vor allem ein Signal gewesen. Denn hinter jeder Mark stand eine Unterschrift mit der Forderung, die Lebensqualität zu verbessern. Ungenehmigte Unterschriftensammlungen waren bekanntlich verboten. Die Menschen quittierten aber, dass sie die Mark eingezahlt haben.

Für die Aktion wurde am 13. November 1988 auch in der evangelisch-reformierten Kirche geworben. „Die Junge Gemeinde und die Arbeitsgruppe Umweltschutz suchten Räume inmitten der Stadt“, sagte der frühere Pfarrer Hans-Joachim Sievers. Die habe er bereitgestellt, obwohl “Ärger mit dem Rat der Stadt“ vorprogrammiert war. Oftmals wurden die jeweiligen Themen vorher auch innerhalb des Kirchvorstandes nicht publik gemacht. Beim „Tag für Espenhain“ sei dies aber anders gewesen. Bei der Veranstaltung informierte – laut einem späteren Bericht der Abteilung Inneres beim Rat der Stadt – der Kinderarzt Peter Winterstein, der einen Ausreiseantrag gestellt hatte, über die Auswirkungen von Umweltbelastungen auf die Menschen. Winterstein war Mitarbeiter der „Arche – grün-ökologisches Netzwerk in der evangelischen Kirche“, das Vertreter verschiedener Umweltgruppen am 10. Januar 1988 gegründet hatten. Laut Protokoll führte er bei einem Vortrag Uno-Einschätzungen an, wonach das Gebiet Leipzig-Halle-Merseburg als „für Wohnzwecke ungeeignet erklärt“ worden sei. „Uns war klar, dass wir beobachtet werden. Dennoch musste es Veränderungen geben“, so Sievers. Unter den Beteiligten war übrigens auch ein Pfarrer Berger, der später den Kirchendienst quittieren musste. „Er ist später als informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit enttarnt worden“, so Sievers. Nach Vorträgen fand auch eine Podiumsdiskussion statt. Die zwei Sitze der Vertreter von Rat des Bezirkes sowie des Kreises blieben leer – beide sagten kurzfristig ab.

Was ist allerdings aus dem Geld geworden? Insgesamt kamen 100 000 Mark zusammen. Bei der Währungsunion umgetauscht, bildeten 50 000 D-Mark den Grundstock für die Zukunftsstiftung Südraum Leipzig.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:37 Uhr


Bürgerrechtler lassen Sputniks fliegen

Heute geht es um den 28. November 1988. Bei einer Protestdemo vorm Filmtheater Capitol in der Petersstraße reagierten Bürgerrechtler auf das Verbot der sowjetischen Zeitschrift Sputnik.

Eigentlich war der Sputnik an den Kiosken eher ein Ladenhüter, der die breite Öffentlichkeit wenig interessierte. Bereits seit 1967 wurde das Monatsblatt von der sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti in mehreren Sprachen herausgegeben - gewissermaßen als Digest der sowjetischen Presse. Im Zuge der Glasnost- und Perestroika-Politik des KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow änderte sich das Schattendasein. Im Heft kamen Dinge zur Sprache, die vorher tabu waren. Die DDR-Bürger erfuhren von den politischen Umwälzungen in der Sowjetunion und lasen von den Verbrechen Stalins, der mit Hitler verglichen wurde. Folgerichtig wurde der Sputnik in der DDR immer begehrter.

Als in der Ausgabe vom Oktober 1988 ein Artikel über den in der DDR-Geschichtsschreibung geleugneten Hitler-Stalin-Pakt und eine Kritik an der stalinhörigen KPD der 1920-er Jahre erschienen, war das Maß für die SED-Funktionäre voll. Besonders die These, dass die Deutschen vielleicht Hitler hätten verhindern können, wenn sich die Kommunisten mit den Sozialdemokraten verbündet hätten, war den Machthabern ein Dorn im Auge. Das Heft wurde eingezogen und eingestampft. So teilte die Pressestelle des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen in einer Meldung mit, die am 19. November in den DDR-Medien kurz und lapidar verbreitet wurde, dass die Zeitschrift Sputnik von der Postzeitungsliste gestrichen werde. "Sie bringt keinen Beitrag, der der Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft dient, stattdessen verzerrende Beiträge zur Geschichte", hieß es in einer winzigen Meldung.

Warum das Heft aus Moskau so gefährlich sein sollte, verstand niemand. Der Verbot der Zeitschrift erzeugte vielfachen Protest quer durch die gesamte Republik - er kam von staatsnahen Organisationen wie der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft (DSF) ebenso wie von einzelnen Bürgern und Oppositionsgruppen. Selbst SED-Mitglieder schrieben Protestbriefe an ihr Zentralkomitee.

Auch in Leipzig machte sich Unmut breit. Nach dem Friedensgebet an der Nikolaikirche mit Pfarrer Christian Führer sowie Pfarrer Siegfried Mühlmann (Gedächtniskirche Schönefeld) forderten die Bürgerrechtler Gesine Oltmanns, Uwe Schwabe, Frank Sellenthin und Katrin Hattenhauer Teilnehmer auf, mit zum Filmtheater Capitol in die Petersstraße zu kommen, um dort Sputniks fliegen zu lassen. Laut einem Protokoll der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit versammelten sich daraufhin 50 Personen auf dem Nikolaikirchhof und gingen geschlossen über die Grimmaische Straße durch die Passagen zum Capitol, in welchem übrigens gerade die alljährliche Dokumentar- und Kurzfilmwoche stattfand. Am Ausgang der Messehofpassage bliesen die Teilnehmer ihre mitgebrachten Luftballons auf. Auf den weißen Ballons war "Schluss mit dem Sputnikverbot" zu lesen. "Auf weitere Ballons schrieben wir die Titel von sowjetischen Filmen, die zur Kurzfilmwoche nicht zugelassen worden waren", erinnert sich Schwabe, einer der Beteiligten. Das waren Filme wie "Die Kommissarin" oder "Der kalte Sommer des Jahres 53", die der Staatsmacht nicht ins Bild passten.

Die reagierte sofort. Angehörige der Volkspolizei sowie der Staatssicherheit ließen die Luftballons mit Zigarettenstummeln platzen, benutzten spitze Regenschirme als Waffe, kontrollierten Ausweise. So erhielt beispielsweise der Gohliser Fred Kowasch eine Ordnungsstrafverfügung über 200,75 Mark, da er an einer Zusammenkunft teilnahm, "durch die die öffentliche Ordnung und Sicherheit beeinträchtigt und gesellschaftliche Interessen mißachtet wurden".

Das Verbot ging bekanntermaßen nach hinten los. Der Sputnik war in aller Munde, und eine Debatte über Presse- und Meinungsfreiheit entfacht.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:36 Uhr


Geheimes Treffen in der Markusgemeinde

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie "Revolutionsgeschichte(n)" blickt die LVZ - unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig - auf einige Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um den 17. Dezember 1988. Damals haben sich Bürgerrechtsgruppen in der Markusgemeinde getroffen.

Ihr Vorbild war die Charta 77. Das ist eine im Januar 1977 in der Tschechoslowakei veröffentlichte Petition gegen die Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes, die auch für die mit ihr verbundene Bürgerrechtsbewegung steht, die in den 1970er und 1980er Jahren zum Zentrum der Opposition wurde. Rainer Müller und seine Mitstreiter von hiesigen Untergrundgruppen orientierten sich an ihrer Arbeit, vor allem am Komitee zur Verteidigung zu Unrecht Verfolgter (Vons). Der heute freiberufliche Historiker lernte eigens Tschechisch, um die Dokumente übersetzen und letztlich vervielfältigen zu können. Müller gehört auch zu jenen Oppositionellen, die am 10. Dezember 1988 die Arbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR gründeten. Anlass war damals der 40. Jahrestag der Veröffentlichung der Allgemeinen Menschenrechte durch die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Hintergrund: Der Staat DDR hatte zwar diese Erklärung sowie die UNO-Konventionen über zivile und politische Rechte von 1966 ratifiziert. Doch die Praxis sah anders aus. Wer Demokratie und Meinungsfreiheit einforderte, musste mit Zuführungen, Hausarrest, stetiger Bespitzelung, Verurteilungen zu Geld- oder Haftstrafen rechnen. Konkrete Fälle sollten nun - so das Anliegen des Aufrufes - erfasst werden.

Oppositionelle aus der ganzen Republik trafen sich seit Sommer 1988 regelmäßig zu Sonnabendkreisen. "Ich hatte damals einmal im Monat Geburtstag. Das musste als Alibi für einen größeren Raum herhalten", erinnert sich Müller, der sein Abi auf dem zweiten Bildungsweg ablegte, lediglich am kircheneigenen Theologischen Seminar studieren durfte. Dessen Internat wurde für die geheimen Treffen genutzt, auch das Haus der Markusgemeinde, wo keine Durchsuchungen zu befürchten waren. Die Arbeitsgruppe, die den Aufruf verfasste, wurde von Bürgerrechtlern aus Berlin und Leipzig, Naumburg sowie einer Regionalgruppe Thüringen gegründet. Neben Müller arbeiteten auch die Leipziger Frank Richter, Bernd Oehler, Thomas Rudolph und Kathrin Walther am Text mit, der am 10. Dezember 1988 auf Flugblättern veröffentlicht wurde.

Wenige Tage später ging es darum, Mitstreiter zu gewinnen, um Sanktionen und Repressionen, Aufenthaltsbeschränkungen, Reiseverbote, Bildungsverweigerung, Verstöße gegen das Recht auf Gedanken- und Religionsfreiheit, unverhältnismäßige Eingriffe in die Privatsphäre sowie Berufsverbot erfassen zu können. Im Gemeindehaus in Reudnitz fand schließlich jenes geheime Treffen am 17. Dezember 1988 mit Vertretern ostdeutscher Gruppen statt, die jeweils auf persönliche, mit Kurier verbreitete Einladungen nach Leipzig anreisten. "Wir wollten Menschenrechtsverletzungen möglichst umfassend dokumentieren." Wenige Tage später, am 19. und 20. Dezember, veröffentlichten die Arbeitsgruppe Menschenrechte sowie der Arbeitskreis Gerechtigkeit die ersten Daten, die über Berlin an Westmedien lanciert worden sind. Um Delikte aufzuspüren, ging Bürgerrechtler Müller beispielsweise zu Gerichten, um Termine von den formal öffentlichen Verhandlungen auszuspähen. Das gelang oft anhand der Paragrafen, die für "politische Delikte" galten. "Selbst in Außenstellen wie dem Leutzscher Rathaus musste man erst am Pförtner vorbei. Da habe ich immer gesagt, ich will zur Mietrechtsberatung".

Heimlich notierten die Oppositionellen auch die Namen der Richter - für Salzgitter, die Erfassungsstelle für DDR-Unrecht. Wenn möglich, wurden Angehörige von Verhafteten befragt.

Am Heiligabend 1988 verfassten Mitglieder der Initiativgruppe Leben außerdem einen Protestbrief an den Staatsrat und das DDR-Innenministerium. Darin wurde die Einschränkung verfassungsmäßig garantierter Rechte in der DDR kritisiert.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:36 Uhr


Schweigemarsch durch die City

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie "Revolutionsgeschichte(n)" blickt die LVZ - unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig - auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um den 15. Januar 1989. An diesem Tag demonstrierten nahezu 800 Menschen auf dem Markt für mehr Freiheit.

Bereits in der Nacht vom 11. zum 12. Januar 1989 hatten Bürgerrechtler einen Aufruf verteilt. Darin wurden die Leipziger aufgefordert, für Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit zu demonstrieren. Sie sollten sich am 15. Januar auf dem Markt einfinden, sich aus Anlass des 70. Jahrestags der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg für mehr Freiheit einsetzen. Fernab der offiziellen Kundgebung - "Es ist an der Zeit, offen und mutig unsere Meinung zu sagen", hieß es im Flugblatt, das in viele Leipziger Briefkästen gesteckt wurde. Absender: die Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft. Die Demonstration sollte auf dem Markt stattfinden, um "nicht die offizielle Kundgebung in ihrem Anliegen zu stören". Die traditionelle Kampfdemonstration, eine vierstündige Manifestation für Sozialismus und Frieden, war an jenem Sonntag in Berlin. In Leipzig organisierte die FDJ-Stadtorganisation im Filmtheater Capitol eine Matinee. "Namensgeberkollektive" legten vor dem Geburtshaus Karl Liebknechts in der Braustraße außerdem Blumengebinde nieder.

Die Aktion der Bürgerrechtler rief schon im Vorfeld das Ministerium für Staatssicherheit auf den Plan, dessen Mitarbeiter innerhalb der nächsten drei Tage fast alle Flugblattverteiler verhafteten. Zugeführt wurden, wie es im Stasideutsch hieß, Mitglieder verschiedener Basisgruppen. Dazu gehörten Altenpfleger Uwe Schwabe, Krankenschwester Constanze Wolf, Möbeltischler Frank Sellentin, Theologiestudent Rainer Müller, Sachbearbeiterin Gesine Oltmanns, Stomatologiestudent Michael Arnold, Theologiestudent Joachim Lässig, Hausmann Andre Botz, die angehende Krippenerzieherin Michaela Ziegs sowie die Leipziger Carola Bornschlegel und Udo Hartmann.

Der Liebknecht-Luxemburg-Protestzug kam dennoch zustande. 600 bis 800 Menschen waren damals auf den Markt gekommen. Anschließend formierte sich ein Marsch durch die Petersstraße am Neuen Rathaus vorbei. Ziel war das Liebknecht-Haus in der Braustraße. In einer Rede auf dem Markt erinnerte Fred Kowasch an die beiden Arbeiterführer. "Sie wurden verfolgt, weil sie sich nachdrücklich für den gesellschaftlichen Fortschritt einsetzen. Wir wollen ihrer mit einem Schweigemarsch gedenken. Aber bevor wir schweigen, wollen wir reden und zwar von den erneuten massiven staatlichen Eingriffen in die Freiheit der Persönlichkeit", sagte er. Kowasch protestierte gegen die elf Verhaftungen im Vorfeld, die erfolgten Hausdurchsuchungen und zahlreichen Zuführungen. Das Vorgehen verdeutliche, sagte er, dass praktisch grundlegende Artikel der Verfassung außer Kraft gesetzt seien. "Es betrifft im besonderen Andersdenkende, die sich für Reformen in der erstarrten Gesellschaftsstruktur in der DDR einsetzen", so Kowasch weiter. Anschließend setzte sich der Protestzug über die Petersstraße in Bewegung. Am Neuen Rathaus standen Polizei-LKW, mit denen einige Demonstranten abtransportiert wurden. Der Zug zog aber weiter zum Dimitroffmuseum (heute Bundesverwaltungsgericht). Dort hinderte eine Polizeikette ihn jedoch am Weiterkommen. Weitere Verhaftungen folgten. Auch Kowasch wurde zugeführt, am Abend aber entlassen, einen Tag später erneut verhaftet.

Die Pressestelle der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei erwähnte den Vorfall lediglich mit einer kurzen Meldung, die am 18. Januar auch in der LVZ unter der Überschrift "Provokation verhindert" abgedruckt wurde. Demnach versuchte am 15. Januar "eine Gruppe von Personen mit einer das Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mißbrauchenden öffentlichen Zusammenkunft Ordnung und Sicherheit in der Leipziger Innenstadt zu stören." Diese Provokation wurde durch die zuständigen Organe unterbunden, hieß es. So waren 53 Personen zugeführt und nach Überprüfung des Sachverhaltes wieder entlassen worden. Offenbar waren neben Stasi und Polizei auch Kampfgruppenmitglieder in Zivil im Einsatz. Einige weigerten sich allerdings, gegen Eltern mit Kindern vorzugehen. In innerkirchlichen Materialen ist sogar die Rede davon, dass bis zu 65 Männer die Kampfgruppen aus diesem Grund verließen.

Die Verhaftungen riefen vielfältige Reaktionen hervor, auch im Ausland. Selbst Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD) schrieb einen Brief an seinen Leipziger Amtskollegen Bernd Seidel (SED): "Die geschilderten Verhaftungen sind der Anlaß für zahlreiche Anfragen und Hilfeersuchen besorgter Bürgerinnen und Bürger an mich", formulierte Schmalstieg und bat, ihm nähere Informationen und Hintergründe der Verhaftungen zukommen zu lassen.

Mittels Flugblättern wurden innerhalb der Kirchen Informationen rund um die Verhaftungen weitergereicht. Die beiden Superintendenten Friedrich Magirius und Johannes Richter verfassten am 16. Januar 1989 einen Brief an Pfarrämter und kirchliche Einrichtungen. "Wir bekennen uns sowohl zum Einsatz für alle Menschen, die unserer Fürsorge und Fürsprache bedürfen als auch zum Dialog mit denen, die die Verantwortung in Staat und Gesellschaft wahrnehmen", schrieben sie. Klargestellt wurde allerdings, dass "politische Demonstration nicht die geeignete Form des Zeugnisses der Kirche" sein kann.

Aufgrund der vielfachen Proteste in und außerhalb der DDR, selbst der bundesdeutsche und polnische Außenminister kritisierten die Inhaftierungen beim KSZE-Folgetreffen über Menschenrechtsfragen in Wien, ließ die DDR-Staatsmacht alle Inhaftierten bis zum 20. Januar frei. Sechs Tage später stellte sie die Ermittlungsverfahren ein.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:36 Uhr


Bürgerrechtler ringen um Bibliothek

Heute geht es um den 18. Februar 1989. Die Markusgemeinde öffnete ihre Räume für den Aufbau einer Umweltbibliothek.

Im Januar 1988 wurde in Berlin der Liedermacher Stefan Krawczyk, der nach seinem Auftrittsverbot 1985 nur noch in Kirchen spielen durfte, verhaftet. Außer ihm zahlreiche Oppositionelle wie Freya Klier und Wolfgang Templin. Auch Leipziger Basisgruppen unterstützten über ein Kontaktbüro bei der evangelischen Studentengemeinde die Solidaritätsbewegung zur Freilassung der Berliner Inhaftierten. Die Erfahrungen zeigten, dass auch an der Pleiße eine ständige Info- und Treffstelle benötigt wurde.

Daraufhin entstand die Idee für ein Kommunikationszentrum (KOZ). Das sollte Aktivitäten innerhalb der ökumenischen Bewegung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung bündeln. Denn das sind Themen, die alle Christen angehen. Im Mai 1988 legten die Bürgerrechtler Michael Arnold, Brigitte Moritz, Bernd Oehler, Gesine Oltmanns, Roland Quester und Andreas Radicke eine Konzeption für so ein Zentrum vor. Vorbild war dabei die Berliner Umweltbibliothek in der Gethsemanekirche. Geplant war, auch in Leipzig Literatur bereitzustellen und von den Gruppen erarbeitete Studien, Ausstellungsmaterial und regionale Infoblätter zu sammeln. Möglich sein sollten auch Treffs der Gruppen untereinander, um gemeinsame Projekte wie zur Friedensdekade oder die Verteilung offener Briefe vorzubereiten.

In Kirchenkreisen stieß die Idee zunächst auf viel Sympathie, obwohl es sich als schwierig erwies, das passende Domizil zu finden. Das Ministerium für Staatssicherheit hingegen wollte es mit aller Macht verhindern.

Brigitte Moritz, eine der Beteiligten, wandte sich im Juni 1988 an den Kirchenvorstand der Heilig-Kreuz-Gemeinde mit der Bitte um Räume. Der wollte die Konzeption prüfen, stellte eine positive Entscheidung in Aussicht, sofern die kirchliche Rechtsträgerschaft geklärt sei. "Die Situation war absurd. Das Ganze ist unsäglich verzögert worden", erinnert sich Moritz. Nach langwierigen Bemühungen lehnte es der Kirchenvorstand von Heilig Kreuz ab, einen Raum zur Verfügung zu stellen. Später sollte sich herausstellen, dass auch Pfarrer Erler an planmäßigen Verzögerungen "nicht unbeteiligt war". Denn "Amos" stand als informeller Mitarbeiter im Dienste der Staatssicherheit.

Bei Heilig Kreuz abgeblitzt, bemühte sich der Trägerkreis um Räume bei der Markusgemeinde in der Dresdner Straße. Aus taktischen Gründen sollte erstmal die bestehende Gemeindebibliothek ausgebaut werden. "Die existierte seit vielen Jahrzehnten, spielte aber eigentlich keine Rolle. Viele Bücher waren regelrecht verstaubt", so der damalige Gemeindepfarrer Rolf-Michael Turek. Bibliothek klingt eigentlich harmlos. "Dennoch gab es auch innerkirchlich Widerstände. Superintendent Magirius hat mir verboten, Räume für das Zentrum bereitszustellen", konstatiert Turek, der heute Seelsorger am Universitätsklinikum Leipzig ist. In einer Chronik ist zu finden, dass die Markusgemeinde am 18. Februar 1989 Räume für die Umweltbibliothek bereitstellte. Turek will sich aber nicht auf ein Datum festlegen, spricht eher von Februar/März.Die Stasi boykottierte die Pläne mit großem Aufwand. Wie heute aus Akten hervorgeht, gab es allein rund ums KOZ zwölf operative Vorgänge. Zersetzung, Verunsicherung, Isolierung - systematisch wurde die Gemeinde ausspioniert, innerkirchlicher Konfikt geschürt. "Jede Info wurde genutzt, um Verdächtige zu diskreditieren. Sogar die Scheidungsakte einer Mitarbeiterin", so Turek, der sich mit Vorwürfen auseinandersetzen musste, die Gemeindearbeit zu vernachlässigen. Aus einer Schule, einem Kindergarten und einer gegenüberliegenden Wohnung heraus wurde die Gemeinde operativ überwacht - sogar mit Hilfe von Richtfunk. "Diese muss eine Unmenge Kraft und Kräfte gebunden haben", konstatiert Turek. Moritz: "Ich habe später Fotos gefunden, die mich beim Einkaufen zeigen. Das ist lächerlich."

Dabei arbeitete die Stasi durchaus erfolgreich. Denn sie schürte Differenzen zwischen Trägerkreis und der Gemeinde. Die Umweltbibliothek funktionierte dennoch. "Wir haben 24 Untergrund-Zeitschriften vorgehalten. Vieles wurde als Archivmaterial deklariert, damit es unverdächtig ist", so Turek.

Bürgerrechtler haben vieles vervielfältigt oder abgeschrieben. Plakate durften allerdings nicht mehr in die Fenster gehangen werden, da die Gemeinderäume an einer Straßenbahnhaltestelle lagen. Deshalb nutzte man Wandzeitungen im Inneren.

Ein richtiges Kommunikationszentrum, wie ursprünglich vom Trägerkreis gewollt, kam trotzdem nicht zustande. Das konnte die Stasi verhindern. Allerdings: Das Interesse kirchlicher Oppositionskreise daran wurde im Herbst 1989 von der Geschichte überholt. Der Bestand der Bibliothek in der Markusgemeinde war übrigens der Grundstock für das 1991 gegründete Archiv Bürgerbewegung Leipzig.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:32 Uhr


Das andere Plakat bei der Maidemo

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie "Revolutionsgeschichte(n)" blickt die LVZ - unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig - auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um den 1. Mai 1989. Mitten in der Maidemo gab es neben DDR-Bekenntnissen auch ein anderes Plakat.

Für das Wohl des Volkes, für Frieden und Sozialismus - wie an jedem 1. Mai prägten Lebensfreude und Optimismus die stimmungsvollen Maizüge in der gesamten DDR. Dabei bekundeten, wie es offiziell hieß, die Bürger ihr Vertrauen zur Politik der Partei der Arbeiterklasse. "Leipzig: 300.000 bei großer Demonstration am Georgiring" meldete die LVZ damals. Was in offiziellen Berichten allerdings keine Rolle spielte: Im Volk brodelte es längst. Viele wollten einfach weg, was auch zu den Friedensgebeten in den überfüllten Kirchen immer deutlicher wurde. An jenem 1. Mai, einem Montag, waren die Türen der Nikolaikirche allerdings verschlossen. An diesem Tag war kein Gebet geplant. Doch die Staatssicherheit blieb wachsam. Sie registrierte, dass sich zwischen 17.10 und 17.50 Uhr etwa 50 Personen, darunter Ehepaare mit Kindern, wie Spaziergänger von der Nikolaikirche über den Markt in Richtung Thomaskirche und zurück bewegten. "Kräfte des politischen Untergrundes wurden nicht festgestellt", hieß es in einem späteren Protokoll. Da keine Symbole und Losungen mitgeführt worden sind, nahmen andere Passanten die Aktion kaum wahr. Laut Protokoll wurde diese Aktion "als Gegendemonstration von 100 Personen in Leipzig" spektakulär hochgespielt. "Das Filmmaterial gibt es tatsächlich, wir wollen es ab Mitte Juli in unserer Ausstellung zeigen", kündigt Tobias Hollitzer, der Leiter des Museums in der "Runden Ecke" an.

Doch es gab auch innerhalb des Demonstrationszuges am Vormittag Widerstand. Zwei mutige Männer trugen ein Plakat mit der Aufschrift: "Wahrheit ist kein Monopol, offen sein für Alternativen". Es handelte sich um Torsten Beinhoff und Ralf Der, die auch bei anderen Aktionen wie dem Pleißegedenkmarsch aktiv waren. Noch vor der Ehrentribüne wurden die beiden von der Staatssicherheit aus dem Demonstrationszug herausgelöst. Von dieser Aktion existieren Fotos, die der Leipziger Fotograf Gerhard Gäbler abgelichtet hat. "Ich habe die Bilder aus dem Demonstrationszug heraus aufgenommen", erinnert sich der damalige Student der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Das Bürgerkomitee Leipzig sucht Torsten Beinhoff und Ralf Der übrigens als Zeitzeugen, um ihre Geschichte aufzuarbeiten.

Die Staatssicherheit war in jenen April- und Maitagen besonders aktiv, was wohl auch mit den bevorstehenden Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 zu tun hatte. Einige Oppositionsgruppen hatte im Vorfeld zum Wahlboykott aufgerufen. Andere forderten die DDR-Bürger auf, erst recht zur Wahl zu gehen und aus Protest mit Nein zu stimmen. Oder ungültige Stimmen abzugeben.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:32 Uhr


Zwei Heavy-Metal-Fans rufen zum Wahlboykott auf

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um zwei Leipziger, die im Vorfeld der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 Plakate klebten.

„Freiheit für alle politisch Inhaftierten – Freiheit für Kai Kuhlmann und Uwe Drescher“ – das war auf einem Plakat zu lesen, das Montagsdemonstranten im Herbst 1989 über den Leipziger Ring trugen. Doch wer waren diese beiden Männer eigentlich? Der Gerüstbauer und der Facharbeiter für Anlagentechnik sind im August 1989 „wegen Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“, wie es „im Namen des Volkes“ hieß, verurteilt worden. Das hing mit den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 zusammen. Die jungen Männer, damals 21 und 22 Jahre alt, hatten in den frühen Morgenstunden des 2. Mai 1989 etwa 50 Plakate in der Leipziger Innenstadt angebracht. Sie klebten die mit der Schreibmaschine verfassten Zettel an die Volkshochschule, an Schaukästen, an Straßenbahnhaltestellen. Darauf riefen sie zum Boykott der Kommunalwahlen und zu einer nicht genehmigten Demonstration auf.

„Jeder Bürger der Stadt hat es am 7. Mai selbst in der Hand, mit seiner Beteiligung am Wahlboykott gegen eine Fortführung der zur Zeit von der Regierung der DDR betriebenen Politik zu protestieren“, hieß es in dem Aufruf. Dieser war mit O.N.D. gezeichnet, was Organisation Neuer Demokraten heißen sollte. „Wir glauben, daß es an der Zeit ist, endlich die Regierung der DDR auf die hohe Fehlerquote in ihren wirtschaftlichen und politischen Entschlüssen hinzuweisen und sie aufzufordern, eine Politik der Umgestaltung sowie die seit 40 Jahren versprochene demokratische Grundordnung einzuführen.“

Der Entschluss, die mit Maschine geschriebenen Zettel anzubringen, sei bei ihm und seinem Freund lange gereift, erinnert sich Kuhlmann, der heute als Bauleiter in Hamburg arbeitet. „Als Jugendliche haben wir uns für Heavy Metal interessiert, was als die Musik der arbeitslosen Jugendlichen im Westen verpönt war“, so der heute 41-Jährige. „Deshalb haben wir immer wieder Probleme bekommen.“ Eigentlich sei er gelernter Koch, habe auch im Panorama-Café gearbeitet. Doch mit seinen politischen Ansichten sei die damalige Handelsorganisation (HO) nicht einverstanden gewesen. Immer wieder tauchte die Stasi im Betrieb auf. „Schließlich habe ich im Februar 1988 einen Ausreiseantrag gestellt“, so Kuhlmann, der danach Gerüstbauer wurde.

Beim Kleben des Aufrufs zum Wahlboykott wurden die beiden Männer gegen 4.45 Uhr am Münzfernsprecher am Erich-Weinert-Platz festgenommen. Die Abnahme des Blattes mit einer sterilen Zange dauerte laut Stasi-Protokoll 30 Minuten, sogar eine Geruchsspur wurde damals gesichert. Kai Kuhlmann, der zu 18 Monaten verurteilt worden war, trat am Tage seiner Inhaftierung in den Hungerstreik. Jens-Uwe Drescher, heute Berufskraftfahrer, bekam zehn Monate und stellte in der Haft einen Ausreiseantrag. Im Oktober/November sind beide nach einer politischen Amnestie entlassen worden.

Mathias Orbeck

© LVZ-Online, 08.05.2009, 18:36 Uhr


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom Dienstag, 7. Juli 2009
© Leipziger Volkszeitung

Demokratie auch auf Chinesisch

Vor 20 Jahren: Basisgruppen reagieren mit Statt-Kirchentag auf offizielle Veranstaltung

Bilder von der Friedlichen Revolution gingen um die ganze Welt. Doch wie war das eigentlich? In der Serie „Revolutionsgeschichte(n)“ blickt die LVZ – unterstützt vom Archiv Bürgerbewegung und dem Bürgerkomitee Leipzig – auf Ereignisse vor 20 Jahren zurück. Heute geht es um den Kirchentag der sächsischen Landeskirche, der vom 6. bis 9. Juli 1989 in Leipzig stattfand.

Die sächsische Landeskirche wollte 1989 in Leipzig einen überregionalen Kirchentag organisieren. Diesen genehmigte der Staat auch, was der Öffentlichkeit bereits im Januar 1988 mitgeteilt worden war. Dennoch begann hinter den Kulissen ein Tauziehen, denn einen „politischen Kirchentag“ wollte die DDR-Staatsführung in einer Stadt, die sich im Zuge der montäglichen Friedensgebete zu einem Zentrum der Opposition entwickelte, auf jeden Fall verhindern. So wurde in „vertraulichen Gesprächen“ versucht, die Veranstaltung nach Riesa zu verlagern. Anfang März 1989 gab SED-Generalsekretär Erich Honecker dann persönlich die Zustimmung für das Großereignis. Das sollte eine Ausnahme sein, hieß es. Auf staatlichen Druck hin verzichteten die Veranstalter jedoch bewusst auf politische Themen. Vielmehr sollte der Leipziger Kirchentag ein „Fest des Glaubens“ werden. Der zum Kirchentag gehörende Kongress wurde auf Drängen des Staates in einen abgegrenzten Bereich des Messegeländes verlagert. Für jenes Quartier musste die Landeskirche noch eine hohe Miete zahlen. Dass die Staatssicherheit einen enormen Aufwand betrieb, um alles zu überwachen, versteht sich. Sie richtete sogar einen operativen Einsatzstab Kongress ’89 ein, die SED bereitete 600 Genossen im Mai 1989 auf einer Parteiaktivtagung ideologisch auf den Kirchentag vor.

Leipziger Oppositionsgruppen stellten hingegen schon im Juni 1988 den Antrag, in die Vorbereitungen auf das Großereignis einbezogen zu werden. Einen „Markt der Möglichkeiten“, bei dem sie sich vorstellen konnten, wollte der Landesausschuss der Kirche diesmal nicht. Stattdessen beschloss er, einen „Treffpunkt Glauben heute“ zu veranstalten. Die Gruppen sollten diskutieren, wie ihr Engagement von der Bibel her motiviert wird. Politische Statements sollten dabei aber nicht gehalten werden. Es kam zu Protesten verschiedener Basisgruppen, die daraufhin in der Lukaskirche ab 7. Juli 1989 einen Statt-Kirchentag organisierten, an dem etwa 2500 Personen teilnahmen. Dort trafen sich Oppositionelle aus der ganzen DDR und tauschten sich über die aktuelle Lage sowie künftige Aktionen aus. Einer der Hauptakteure war Christoph Wonneberger, damals Pfarrer in Volkmarsdorf. „Bis zuletzt wurden wir an der kurzen Leine gehalten, bestimmte Themen sollten ausgeklammert werden. Daraufhin haben wir uns entschlossen, den Statt-Kirchentag zu organisieren“, erinnert er sich. Die AG Menschenrechte und der AK Gerechtigkeit veröffentlichten zum Auftakt der Veranstaltung einen Brief an die Bevölkerung der DDR, in dem sie die „offen zutage tretende Gewalt staatlicher Organe in Leipzig“ anprangerten und den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft forderten. „Wir haben darauf verzichtet, eine Demo zu organisieren. Sonst wäre es schwierig geworden, wichtige Themen rund um Frieden, Umwelt und Menschenrechte anzusprechen“, so Wonneberger.

Es kam dennoch auch zu öffentlichkeitswirksamen Aktionen. Trotz der Abgrenzung versuchten Basisgruppenvertreter auch auf der offiziellen Veranstaltung ihre Positionen zu vertreten. Darunter auch beim Abschlussgottesdienst auf der Galopprennbahn am Scheibenholz, an dem immerhin 40 000 Menschen teilnahmen. Dort formierte sich eine Demonstration gegen die Fälschung der DDR-Wahlen und für Demokratie. Die zahlreich anwesenden Sicherheitskräfte griffen nicht ein, da zu viele westliche Journalisten und Gäste das Geschehen beobachteten und darüber berichteten. Kirchliche Ordner verhinderten aber, dass die Plakate auf der Tribüne gezeigt werden konnten, in dem sie diese absperrten. Daraufhin verließen etwa 500 Demonstranten aus Protest das Kirchentagsgelände und zogen schließlich vom Scheibenholz zur Peterskirche. Auf einem Transparent hatten sie „Demokratie“ in deutscher und chinesischer Sprache geschrieben – mit dieser eindeutigen Botschaft wurde gegen die blutige Niederschlagung der friedlichen Studentenproteste in Peking am 4. Juni 1989 protestiert. In der Peterskirche fand anschließend eine improvisierte Andacht statt. Auf dem Weg dorthin entrissen Stasi-Mitarbeiter den Demonstranten das Transparent. Sie flüchteten damit in eine Straßenbahn. Mathias Orbeck

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Schon erschienene Beiträge der Reihe unter www.lvz-online.de/revolutionsgeschichten

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Christian Führer: Und wir sind dabei gewesen, Ullstein, 334 Seiten, 19,90 Euro.

Produktinformation
* Preis: EUR 19,90
* Gebundene Ausgabe: 334 Seiten
* Verlag: Ullstein Hc (1. Februar 2009)
* Sprache: Deutsch
* ISBN-10: 3550087462
* ISBN-13: 978-3550087462

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Quelle: http://www.berlinonline.de/
© BERLINONLINE.de - 05. September

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Textarchiv

1949 1989 2009

"Gott hat Großes an mir getan"

Die Leipziger Nikolaikirche und ihr Pfarrer Christian Führer sind zum Symbol der friedlichen Revolution von 1989 geworden. Warum eigentlich?

Dirk Pilz

Zwanzig Jahre danach sitzt die friedliche Revolution im Kaffeehaus Riquet und spricht von einem "Wunder biblischen Ausmaßes". Die Revolution trägt T-Shirt und Jeansweste. Eine ausgewaschene, unförmige Weste, die so tut, als hätte die Zeit vor zwei Jahrzehnten beschlossen, nicht mehr weiterzugehen. "Es war unglaublich, was damals geschah." Es ist unglaublich geblieben. Wunder vergehen nicht, Wunder fallen aus der Zeit.

Jede Revolution hat ihre Helden. Die Nachwelt braucht sie, um sich erinnern zu können. Für Christian Führer hat die friedliche Revolution in der DDR von 1989 nur einen Helden: Jesus. Jesus hat bis dato zu '89 zwar geschwiegen, dafür aber spricht Christian Führer. In dem Kaffeehaus im Leipziger Schuhmachergässchen fragt er: "Wann war uns je eine Revolution gelungen?" Er wartet die Antwort nicht ab, er will sie selbst geben: "Noch nie zuvor." Christian Führer zupft an seiner Weste und schiebt die Augenbrauen in die Stirn. "Wann hat es je eine Revolution gegeben, die in den Kirchen heranwächst, die aus der Kirche kommt und gewaltfrei ist?" Eben. Ein Wunder.

Christian Führer war der 122. Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche seit der Reformation. Am 13. Oktober 1980 wurde er in sein Amt eingeführt, am 30. März 2008 in den Ruhestand verabschiedet. "Es war ein wunderbarer Gottesdienst", erinnert sich Führer. Mit den Pfarrern der benachbarten Gemeinden zog er "in einer schönen Schar" über den Kirchplatz, "um uns herum standen und liefen Journalisten, Fotografen und Kameraleute". Als er die Kirche betritt, ist Führer "wie benommen". Die Reihen sind voll besetzt, sofort kommt ihm die Erinnerung an jenen Tag als die Kirche "überfüllt" war, den 9. Oktober 1989. In seiner Abschiedspredigt spricht er davon, dass Anfangen und Aufhören immer zusammenfallen. Als Pfarrer hat Führer aufgehört, aber die Nikolaikirche ist sein Haus geblieben, das Zentrum seiner wahren Berufung: dem Dienst am Wunderverkündertum. Seine Lieblingsworte sind Jesus und ich. Selbst wenn er "Wir" sagt, meint er "Ich und die anderen". Ich war dabei damals, ich kann das Wunder bezeugen, und ich habe die Friedensgebete an der Nikolaikirche begründet. Am 9. Oktober 1989, nach dem Friedensgebet mit 2 000 Menschen in der übervollen Kirche, zog ein Demonstrationszug durch Leipzig. 70 000 nahmen teil, es kam zu keiner Gewalt. "Ich hatte es immer wieder in den Friedensgebeten gesagt, nehmt die Gewaltlosigkeit mit auf die Straßen und Plätze." Die Menschen hörten auf ihn, und wenn er zurückdenkt, fällt ihm ein Vers aus dem Lukasevangelium ein: "Er hat Großes an mir getan."

In den Zeitungen steht "Wende-Pfarrer", wenn von Christian Führer die Rede ist. Wende würde er niemals sagen, von einer "Wende" hat Egon Krenz gesprochen, als er noch glaubte, die DDR ließe sich retten. Diese Wende jedoch sollte aus dem Politbüro kommen. Verhängnisvollerweise rechneten die Genossen dabei nicht mit Jesus. "Es gibt nicht nur die vier Hebel der Politik: Geld, Armee, Wirtschaft, Medien", es gibt auch den "Geist Jesu". Und wenn er die Menschen ergreift, so Führer, gibt es "gewaltige Veränderungen". Am 9. Oktober 1989 hat er sie ergriffen, in der Christian-Führer-Kirche. Dieser Tag ist für ihn deshalb das "Kerndatum" der friedlichen Revolution. Danach war die DDR nicht mehr, was sie 40 Jahre lang gewesen ist, jedenfalls für Christian Führer. Er weiß, dass auch "andere Kräfte" im Herbst '89 wirksam waren, er aber fühlt sich "verpflichtet, diesen Aspekt zu bezeugen".

Christian Führer hat jetzt ein Buch geschrieben, sein Leben auf 334 Seiten. Es heißt "Und wir sind dabei gewesen", von Wunder ist gleich auf der ersten Seite die Rede. Was er mit seinem Buch erzählen will, sei "keine Erfolgsgeschichte, sondern eine Glaubensgeschichte". Für Christian Führer ist sie beides: eine Erfolgs- und eine Glaubensgeschichte. Und er ist stolz darauf - nicht immer hat der Glaube Erfolg. Er ist stolz auf seinen Jesus, denn er hat Wort gehalten: "Jesus sät das Gotteswort, und wo es aufgeht, versetzt es die Welt in Erstaunen." Er ist stolz, noch immer seine Jeansweste zu tragen: "Ich bin Gemeindepfarrer geblieben, es hat mich auch niemand gefragt, ob ich Ministerpräsident werden will." Er ist stolz auf den Augsburger Friedenspreis, den er 2005 gemeinsam mit Michail Gorbatschow erhielt, stolz auch, dass der "namhafte Schriftsteller" Erich Loest einen Roman mit dem "wunderbaren" Titel "Nikolaikirche" geschrieben hat - Christian Führer hat ihm den Anstoß gegeben und Frank Beyer das Buch später verfilmt, mit Ulrich Mühe als Pfarrer Ohlbaum alias Christian Führer. Darauf ist Führer nicht so sehr stolz. Er ist zwar ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht: in der Nikolaikirche, auf dem Kirchhof, in Führers Arbeitszimmer. "Manches im Film aber wirkt irgendwie künstlich." Manches ist anders, als Christian Führer es erinnert. Weniger aufregend, nicht so unglaublich. Immerhin aber können "Menschen aus Westdeutschland, die logischerweise kein Hintergrundwissen haben", sehen, wie friedlich die Friedensgebete waren.

Die Friedensgebete gibt es seit dem 20. September 1982 an der Nikolaikirche. Sie entstanden aus der jährlichen Friedensdekade, zehntägigen Friedensgebeten im Herbst. Zehn Tage im Jahr war einigen in der Jungen Gemeinde zu wenig: Sie forderten wöchentliches Beten. Der damalige Superintendent Friedrich Magirius, der Kirchenvorstand und Christian Führer nahmen den Wunsch auf. Es gab bereits vorher Friedensgebete an anderen Kirchen, in Erfurt zum Beispiel, aber nur in der Nikolaikirche finden sie seitdem ohne längere Unterbrechungen statt, bis heute. Und bis heute hängt an der Nikolaikirche in einem verwitterten Schaukasten ein vergilbtes Schreiben Führers. Die Wurzeln der friedlichen Revolution sind die Friedensgebete, heißt es darin. Er meint seine Friedensgebete an der Nikolaikirche.

Das Unruhepotenzial der Gebete fürchtete seinerzeit auch die Stasi. In einer "Gesamteinschätzung" von 1988 steht: "Der absolute Schwerpunkt des sich gegenwärtig vollziehenden Differenzierungs- und Polarisierungsprozesses innerhalb der evangelischen Kirchen und zugleich erhöhter Aktivität negativ politisch orientierter Kräfte bleibt die Stadt Leipzig." Die Nikolaikirche erweise sich als "Sammelbecken von Provokateuren und subversiven Kräften". Der gesamte vierseitige Bericht ist ein einziges Aufatmen - die Stasi glaubte, den Unruheherd identifiziert zu haben. Insgesamt 28 Spitzel waren in der "Operation Igel" auf Christian Führer angesetzt, zum Friedensgebet am 9. Oktober schickte die Stasi hunderte SED-Mitglieder in die Nikolaikirche, denn "wo die Partei ist, hat der Klassenfeind keinen Platz". Aber die Stasi hat sich geirrt, die gesamte DDR war ein Sammelbecken subversiver Kräfte.

Im Leipziger Friedensgebet erfuhren die Parteimenschen von Jesus, sie waren, sagt Führer, "dem Evangelium und seiner Wirkung ausgesetzt". Und die Provokateure haben, zum Erschrecken der Stasi, außerhalb des "absoluten Schwerpunktes" Leipzig gewirkt, am 7. Oktober im vogtländischen Plauen, der - gemessen an der Einwohnerzahl - größten Revolutionsdemonstration in der DDR, am 4. Oktober auf dem Dresdner Hauptbahnhof, wo es im Zusammenhang mit Ausreisewilligen auf dem Weg nach Prag zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. Das weiß man heute, damals wusste die Mehrheit vor allem von der Leipziger Demonstration - sie wurde gefilmt und in der "Tagesschau" gezeigt. Leipzig, die Nikolaikirche, Christian Führer sind durch das Fernsehen zu Stellvertreterfiguren, zu Revolutionssymbolen geworden. Sie sind es geblieben.

Zwanzig Jahre danach hat das Land noch nicht gelernt, differenzierter zu erinnern. Ihre Helden der Revolution sind Fernsehhelden.

Differenzieren produziert Widersprüche, ärgerliche Ungereimtheiten. Den subversiven Kräften an der Nikolaikirche, den Umwelt- und Friedensgruppen, hatte Magirius die "bestehende Praxis der Eigenverantwortung" für die Friedensgebete im September 1988 entzogen, ganz im Sinne Führers - er fürchtete eine "geistliche Entleerung der Friedensgebete". Die Empörung unter den Gruppen war damals groß. Christoph Wonneberger, Pfarrer an der Lukaskirche Leipzig, Mitbegründer der Initiative "Sozialer Friedensdienst" und der weitaus politischere Kopf als Führer, wollte den Dissens beim Friedensgebet vom 24. Oktober 1988 ausdiskutieren. Für Führer war das eine "Kampfarena", kein Friedensgebet mehr. Er stellte sich auf einen Stuhl: "Ihr könnt draußen auf dem Nikolaikirchhof weiter diskutieren." Es gab Tumult und Geschrei. Führer stieg vom Stuhl. "Die Menschen standen auf. Sie folgten mir und verließen die Kirche." Monate später hielt er den Konflikt nicht mehr aus: "Ich musste die Gruppen zurückgewinnen."

Er hat sie zurückgewonnen. Die Nikolaikirche verwandelte sich, sagt er, zum "Wallfahrtsort" Kerzen tragender DDR-Bürger. Wonneberger dagegen wurde von der Koordination der Friedensgebete ausgeschlossen. Im Oktober 1989 erlitt er einen schweren Schlaganfall, er gab sein Pfarramt auf. Führer findet es heute "erschreckend, wie schnell ein Mensch aus dem kollegialen und gesellschaftlichen Gedächtnis verschwindet, sobald er nicht mehr in der ersten Reihe steht". Als er 1995 gemeinsam mit 26 Menschen aus der ehemaligen DDR das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte, bat er um ein 27. Kreuz für Wonneberger. Er ist dennoch aus dem Gedächtnis der Erinnerungsgesellschaft gefallen.

Christian Führer hat man nicht vergessen. Wolfgang Tiefensee, einst Leipziger Oberbürgermeister, inzwischen Bundesminister, schrieb ihm aus Anlass der Verleihung der Hans-Böckler-Medaille: "Für die meisten Menschen bist Du - auch wenn Du das nicht gern hören magst - einer der wirklichen Helden unserer friedlichen Revolution." Er hört das gern, noch lieber aber spricht er über seine Friedensgebete. Im Kaffeehaus Riquet, zwanzig Jahre danach, ahnt man, wie oft er sie inzwischen erzählt hat - sie klingen nach auswendig gelerntem Schulstoff. Und ganz gleich, worüber Führer spricht, alles passt er seiner Lehre an, in der Jesus der gute Onkel der Entrechteten ist. In den Neunzigerjahren hat Führer mit seinen Friedensgebeten gegen Neonazis, gegen den Irak-Krieg und für den Erhalt einer lokalen Bierbrauerei gebetet. Gott ist keiner, der nur zuschaut. Gorbatschow erscheint ihm im Rückblick als "Perspektivträger Gottes", der Herbst '89 als Wunder, und die Brauerei wurde auch gerettet.

Eigentlich, sagt er, müsste der 9. Oktober Nationalfeiertag sein, nicht der 3. Oktober. In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 saß er dennoch beim ZDF in einer Live-Sendung . Er kann es kaum glauben: "Ich als kleiner Gemeindepfarrer!"


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Gunter Weißgerber MdB

27.5. 2009

Kein Fenstersturz, aber Rauswurf mit Folgen

Gastbeitrag von Gunter Weißgerber, SPD-Bundestagsabgeordneter, zur Rolle der Ausgewiesenen aus der Nikolaikirche

Am 29. August 1988 mussten Angehörige oppositioneller Basisgruppen die Nikolaikirche verlassen. Mit den Worten „Das sind keine Leute von uns!“ wies Pfarrer Christian Führer die Aufmüpfigen aus der Kirche – nicht ahnend, damit den endgültigen Treibsatz an die Erosion des SED-Staates, vor dem er seine Kirche schützen wollte, zu legen. Schon eine Woche vorher entzog Superintendent Friedrich Magirius den oppositionellen Basisgruppen per Brief die eigenständige Gestaltung der Friedensgebete.

Die Nikolaikirche bot seit 1982 schützendes Dach für Christen, aber auch für Ausreisewillige unabhängig eines Glaubensbekenntnisses und für junge, kritische Leute – eine ernste Herausforderung für SED und Staatssicherheit. Zwischen staatlichem Druck und jugendlichem Aufbruch wurden die Spielräume für die Kirchenleitung eng, sehr eng. In der Abwägung, Schutz für eine (vermeintliche) Minderheit zu Lasten der eigenen Verantwortung für die Gläubigen und die provokativen Ausreisewilligen, fiel die – sicher mühsam getroffene – Entscheidung, einen Teil der nicht mehr zu reglementierenden jungen Leute der Kirche zu verweisen.

Dieser Rauswurf war es, der eine Kommunikation zwischen Oppositionellen und Bevölkerung erzwang. „Die da draußen“ warteten von nun an montags auf „die da drinnen“, die nach dem Gottesdienst aus der Kirche kamen. Das erzwang die Aufmerksamkeit des Staates, initiierte jedoch auch die Aufmerksamkeit der Leipziger Mitbürger und der internationalen Medien. Die aufmüpfigen Leute wurden zum „Hingucker“ im Nikolaikirchhof. Zumal sie diese Öffentlichkeit zu nutzen begannen. Sie artikulierten ihre Kritik, Wünsche und Hoffnungen. Der Motor der friedlichen Revolution begann langsam, aber stetig zu laufen.

Von Montag zu Montag wurden es mehr, die auf das Forum der Mutigen schauen oder mitmachen wollten, und es kamen auch mehr, die beobachten und zersetzen mussten. Genutzt wurden die Messemontage für die Weltöffentlichkeit, die Straße für Straßenmusik, thematisiert wurde die Umweltverschmutzung. Eine Mixtur, die Dank der besseren außenpolitischen Rahmenbedingungen – Neue Ostpolitik, KSZE-Prozess, polnischer Papst (Johannes Paul II.), Nato-Doppelbeschluss und dessen Folge Gorbatschows Glasnost und Perestroika, Charta ’77, Solidarnost und ungarische Grenzöffnung – den Ostblock hinwegfegte.

Wichtig war die Oppositionsbewegung in der ganzen DDR: Initiative Frieden und Menschenrechte (Anfang 1986), Ostberliner Umweltbibliothek (2. September 1986), die Ereignisse in der Gethsemanekirche, die oppositionelle Nutzung der Luxemburg-Liebknecht-Demonstrationen im Januar 1988 in Ostberlin wie die vielen, vielen einzelnen Initiativen in der gesamten DDR (24. 8. 1989 Initiativgruppe zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei, 10. 9. Gründungsaufruf des Neuen Forums, 12. 9. Aufruf zur Einmischung in die eigene Sache – Demokratie Jetzt, Oktober 1989 Demokratischer Aufbruch, 5. 11. 1989 Grüne Partei ). Wichtige moralische Hilfe waren öffentliche Auftritte aus der DDR ausgewiesener und geflüchteter Oppositioneller in den Westmedien. Waren es anfangs wenige, später Dutzende, Hunderte auf dem Nikolaikirchhof (die im Juni 1989 mit dem Internierungslagergeruch verbreitenden LVZ-Artikel „Was trieb Frau A. K. ins Stadtzentrum“ und der „chinesischen Lösung“ deutlich gewarnt wurden), so wurden es auf dem Weg zum Augustusplatz und um den Ring Tausende, Zehntausende und Hunderttausende, die ihre eigenen Dinge in die eigenen Hände nahmen. Aus dem Ruf „Wir bleiben hier!“ wurde „Wir sind das Volk!“ Bereits vor dem Mauerfall gab es die ersten Rufe, die dem „Wir sind ein Volk!“ des Spätherbstes 1989 den Boden bereiteten.

Holprig wurde der Weg um die Jahreswende 1989/90. Der Runde Tisch verschaffte der SED und ihrem Propagandaapparat mit der stillen und Lichterketten-erfüllten Montagsdemonstration am 18. Dezember 1989 eine Atempause bis ins neue Jahr hinein. Plötzlich sahen sich die Menschen in der skurrilen Situation, nicht nur gegen den alten Staatsapparat zu demonstrieren, sondern dem Runden Tisch auf die Sprünge helfen zu müssen. Stillstand hätte Umkehr bedeutet, was die meisten Menschen nicht wollten. Die Hurra-Stimmung auf Seiten der alten Eliten wuchs in der Demopause beträchtlich, mehr noch gesundete deren Optimismus. Anfang Januar schien dies vielen innerhalb der Demonstrationsbewegung genug, es musste wieder demonstriert werden und vor allem bedurfte es politischer Kundgebungen.

Noch war die SED, jetzt SED-PDS, fest im Sattel, aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wurde das Amt für nationale Sicherheit (AfNS). Das medial massenhaft eingespielte Lied hieß „Für unser Land“ und meinte den Erhalt des SED-Staates. Die Menschen erzwangen den Weitergang der Montagsdemonstrationen, ebenso erzwangen sie erneute Kundgebungen vor dem Hintergrund aufkommender Putschgerüchte gegen Gorbatschow (was im August 1991 – wir waren bereits in Sicherheit des westlichen Bündnisses – tatsächlich eintrat). Verschiedene oppositionelle Gruppen verständigten sich in der zweiten Kalenderwoche 1990 auf die Erklärung, so schnell wie möglich wieder Ansprachen auf dem Karl-Marx-Platz zu organisieren und selbst zu gestalten. „Wir werden unser Ziel, das Machtmonopol der SED zu brechen, nur erreichen, wenn die Montagsdemonstration ihren ausschließlich friedlichen Charakter behält und alle Panikmache der SED gegen eine rechte Gefahr, die die Restauration des Sicherheitsapparates rechtfertigen soll, ins Leere greift.“

Die Menschen kamen, wenn auch zum Wahltag hin in geringer werdender Zahl, bis zum 18. März 1990 jeden Montag in beeindruckender Menge und sicherten so die ersten freien Wahlen in der DDR ab. So gut wie alle Ostdeutschen (Wahlbeteiligung 93,8 Prozent) nutzten ihr jungfräuliches Wahlrecht und stimmten mit 75,2 Prozent für die Parteien, die die Deutsche Einheit klar wollten – ein eindeutiger Auftrag an die erste frei gewählte Volkskammer. Insgesamt waren es zwischen dem Herbst 1989 und den Volkskammerwahlen 1990 in 540 Orten mehr als 3200 Demonstrationen und Kundgebungen. Lag der Fokus der Welt anfangs besonders auf Leipzig, so nahmen die Demonstrationen nach dem 9. Oktober 1989 überall ihren eigenständigen und vielfach ähnlichen Verlauf.

Mein Fazit: Ohne „die nach draußen Gewiesenen“ auf dem Nikolaikirchhof würden „die da drinnen“ vielleicht noch immer in der Nikolaikirche beisammen sitzen, Fürbittgottesdienste und Friedensgebete innerhalb der DDR abhalten. Und keiner kann wissen, wie viele Menschen nach Chris Gueffroy an der innerdeutschen Grenze ihr Leben bis heute hätten lassen müssen, wie niedrig unsere Lebenserwartung infolge der inzwischen wesentlich schlechteren Umweltbedingungen wäre und wie viel Leid die politisch motivierte Justiz seit 1989 weiter über die Menschen gebracht hätte.

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Ungekürzte Fassung des Artikels: www.lvz-online.de/download

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Quelle: LVZ, 8.6. 2009

Führer kontra Weißgerber
Ex-Pfarrer: Abenteuerliche Thesen zu Friedensgebeten

Ex-Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer weist Darstellungen des SPD- Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber im LVZ-Gastbeitrag „Kein Fenstersturz, aber Rauswurf mit Folgen“ entschieden zurück, spricht sogar von „abenteuerlichen Thesen“. Es geht um die Friedensgebete 1988. Richtig sei, dass damals Vertreter der Basisgruppen erzürnt waren, „dass ihnen vom Superintendenten die ,bestehende Praxis der Eigenverantwortung‘ sowie die freie Gestaltung der Friedensgebete entzogen worden war“, so Führer. Dem vorausgegangen wären einzelne Abende, die „nur scharfe politische Veranstaltungen waren und dem Staat die erwünschte Steilvorlage“ für die Behauptung lieferten, „die Gebete hätten nichts mit Kirche zu tun, sondern seien blanke staatsfeindliche Hetze“. Besonders eskaliert sei die Stimmung ob des Unmuts der Basisgruppenvertreter am 29. August 1988. Es habe zumindest die Gefahr verbal gewalttätiger Auseinandersetzungen bestanden, was dem Staat einen lang ersehnten Vorwand zur Beendigung der Gebetsreihe gegeben hätte. In dieser Situation habe er, Führer, alle gebeten, nach dem Gebet die Kirche zu verlassen. „Weißgerbers Feststellung ,Am 29. August 1988 mussten Angehörige oppositioneller Gruppen die Nikolaikirche verlassen … Pfarrer Christian Führer wies die Aufmüpfigen aus der Kirche‘ ist so geschickt ungenau und halbwahr gehalten, dass eine konkrete Unwahrheit herauskommt“, so Führer. Die Folgen, die der Politiker noch daraus ziehe, seien „abenteuerlich und kriminalromanverdächtig“.
Der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche reagiert auch auf den LVZ-Leserbrief „Pfarrer Wonneberger war der Initiator“. Er habe sich, so Führer, „nie als Initiator der Friedensgebete bezeichnet, sondern war lediglich deren ständiger Begleiter und Betreuer von 1982 bis 2008“. Wenn in Leipzig vom Thema Friedensgebet die Rede sei, denke natürlich zuerst keiner an Friedensgebete in Rostock oder Dresden, sondern an die in der Nikolaikirche. „1982 war eine Junge-Gemeinde-Gruppe mit Hans-Joachim Döring und Günter Johannsen über Superintendent Magirius an den Kirchenvorstand der Nikolaikirche herangetreten, um nicht nur Friedensgebete während der Friedensdekade, sondern wöchentlich durchzuführen“. Der Kirchenvorstand, dessen Vorsitzender Führer war, habe daraufhin beschlossen, der Bitte zu entsprechen. So gebe es diese Gebete seit dem 20. September 1982. Wonneberger sei bekanntlich 1986 von Dresden an die Pleiße gewechselt. „Die Friedensgebete in der Nikolakirche hat Wonneberger eindeutig nicht initiiert. Und in Erfurt gab es sie bereits seit 1978.“ kru

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Leserbrief von Christoph Mike Dietel

Wenn es eines Beweises bedürfte, wie treffend Gunter Weißgerbers Fingerzeig auf die historische Bedeutung des in jeder Hinsicht höchst merkwürdigen 29. August 1988 ist - Christian Führer hat ihn mit seinen Einlassungen zur Sache geliefert.

Denn endlich stellt der ehemalige Pfarrer fest, worum es ihm damals ging: alles zu unterbinden, was dem Staat einen Vorwand zur Beendigung der Friedensgebete geliefert hätte. Führer, Superintendent Magirius und der Kirchenvorstand hatten erkannt, was unverkennbar war: daß die spürbare und spürbar gewollte politische Anreicherung der Betstunden, die Staatsgewalt herausfordern sollte und zu einer gewaltsamen Lösung provozieren konnte, die das weiland vielziztierte Dach der Kirche zertrümmert hätte. Angesichts solch bedrohlicher Aussichten auf die Eskalationsbremse getreten zu haben, ist Christian Führer nicht vorzuwerfen. Er hatte gute Gründe, den Versuch zu wagen, das zu verhindern, was man seinerzeit auf staatlicher Seite wohl eine (konter)revolutionäre Situation genannt hätte, eine Zuspitzung nämlich, die der Staatsgewalt keine andere Wahl mehr gelassen haben würde, als sich mit Mord und Totschlag Geltung zu schaffen oder zu kapitulieren.
Sich solch einer revolutionären Zuspitzung entgegenzustemmen, war eingedenk der erprobten Gewaltbereitschaft des Regimes sehr wohl ehrenwert und jedenfalls verantwortungsbewußt. Hierfür muß sich weder Pfarrer Führer noch Superintendent Magirius rechtfertigen. Sehenden Auges eine Situation heraufzubeschwören, wie die vom 9. Oktober, in der den entscheidenden Funktionären die Entscheidung abverlangt wurde, beiseite zu treten oder den Widerstand in Blut zu ersticken, das konnte und wollte Pfarrer Führer nicht.
Die jungen Leute aber , die er zu bremsen suchte, konnten und wollten ihrerseits nicht mehr zurück, und so haben sie die Provokation der Staatsgewalt - ohne Führer - vor der Kirche soweit getrieben, daß geschehen konnte, was Pfarrer Führer das Wunder des 9. Oktober zu nennen pflegt. Nichts anderes hat Gunter Weißgerber behauptet.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom Mittwoch, 10. Juni 2009
© Leipziger Volkszeitung

Kontroverse in St. Nikolai

Diskussion zu den Friedensgebeten mit den Beteiligten von vor 20 Jahren

Eigentlich steht nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche nur eine weitere Gesprächsrunde im Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution auf dem Programm. Und doch ist dieser Talk ein besonderer.

Zum ersten Mal nach 20 Jahren sitzen die Pfarrer Friedrich Magirius und Christian Führer mit ihrem einstigen Kollegen Christoph Wonneberger auf dem Podium. Mit dabei auch die ehemaligen Bürgerrechtler Ute Leukert, Brigitte Moritz und Uwe Schwabe. Man will zum Thema „20 Jahre Friedliche Revolution – Basisgruppen unterm Dach der Nikolaikirche“ diskutieren.

Das Ereignis, um das es geht, geschah im August 1988. Bis dahin war St. Nikolai ein wichtiger Schutzraum für die Bürgerrechtsgruppen, die sich unter dem Dach der Kirche gebildet hatten. Hier konnten sie sich jeden Montag zum Friedensgebet treffen und es inhaltlich selbst gestalten; die Koordination lag in den Händen von Pfarrer Wonneberger. Weil der Kirchenleitung die Einflussnahme auf die Gestaltung der Friedensgebete mehr und mehr entglitt und die Veranstaltungen selbst immer politischer wurden, was die Stasi aufmerksam registrierte, wurden Leipzigs Superintendenten Friedrich Magirius und Johannes Richter unter Druck gesetzt, derartiges Treiben zu unterbinden. Magirius teilte Wonneberger schriftlich mit, dass er nicht mehr zuständig sei für die Gestaltung der Friedensgebete. „Wir haben eine neue Gestaltung der Friedensgebete für die nächsten Wochen vorbereitet. Meinerseits stelle ich noch einmal fest, dass Sie damit von Ihrer bisherigen Aufgabe entbunden sind“, hieß es.

Bei der jetzigen Debatte zwar nicht erwähnt, aber sehr wohl in den Kontext passen folgende Dokumente. Am 5. September 1988 verlas Jochen Läßig nach dem Friedensgebet eine Erklärung der Basisgruppen vor der Nikolaikirche: „Uns wurde die Sprecherlaubnis durch die Verantwortlichen entzogen. Entgegen der öffentlichen Beteuerung des Superintendenten und des Pfarrers dieser Kirche, dass ihre Entscheidung allein von ihrem Gewissen und vor Gott getroffen ist, wissen wir, dass massiver äußerer Druck zur Absetzung des Friedensgebetes der Gruppen geführt hat.“ In einer Notiz von einem Gespräch von Magirius im Oktober 1988 beim Rat des Bezirkes, Bereich Kirchenfragen, ist zu lesen: „Er (Magirius; Anm. d. A.) habe in letzter Zeit immer mehr die Erfahrung machen müssen, dass mit den Initiatoren solcher Aktionen nicht mehr zu reden ist … Dabei werde für ihn auch die ausschließlich politisch negative Profilierung einiger Gruppen immer deutlicher.“ Auch im Fall von Pfarrer Wonneberger helfe nichts Anderes mehr, als dass man diese Leute staatlich zur Verantwortung ziehe. Läßigs Erklärung wie die Wiedergabe des Gesprächs sind seit 1994 publik, als in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig das Buch „Freunde und Feinde“ erschien.

Magirius fühlt sich nicht angeklagt: „Als Superintendent hatte ich das einzige Stück Freiraum, das es in der DDR gab, unsere Kirche, zu sichern.“ In diesem Kontext hätten er und Richter sich mit der Staatsmacht einlassen müssen. Beiden zur Seite stand Pfarrer Führer. Er führte die Friedensgebete fortan so durch, dass der Staat keine Handhabe zum Eingreifen hatte. Jesus als Etikettenschwindel sollte mit ihm nicht sein, die Entchristlichung der Friedensgebete wollte er nicht tolerieren.

Die Bürgerrechtler reden über diesen Konflikt noch immer mit Betroffenheit. Moritz: „Uns wurde von der Kirchenleitung mitgeteilt: ‚Demonstration ist keine Form‘ des kirchlichen Zeugnisses und ‚Geht doch mit euren Anliegen in die Jugendklubs‘.“ Schwabe: „Wir fühlten uns von der Kirche im Stich gelassen, ja verraten.“ Schwabe saß im Januar 1989 zehn Tage in Haft und kam nur deswegen frei, weil die Basisgruppen in den Kirchen mobil machten und in vielen Städten der DDR Protestveranstaltungen zur Freilassung der Inhaftierten stattfanden. Das führte dazu, das Honecker selbst die Freilassung der insgesamt zehn inhaftierten Bürgerrechtler verfügte, um beim in Wien stattfindenden KSZE-Treffen nicht mit unliebsamen Fragen konfrontiert zu werden.

Zwar durften Basisgruppen 1989 doch wieder die mittlerweile Montagsgebete heißende Veranstaltung mitgestalten, doch unterstanden die jetzt der kirchlichen Kontrolle. Wonneberger fällt dazu nur das Wort „Zensur“ ein. Er ist genervt von der Debatte und sagt: „Nicht noch einmal.“ Schwabe beklagt den zu späten Zeitpunkt, der jetzt stattgefundenen öffentlichen Debatte. Für ihn steht fest: „Die Konflikte um die Friedensgebete rücken die fast immer nur heroisch dargestellten Taten der Kirche für die Friedliche Revolution in ein anderes Licht.“

Thomas Mayer

 

Brigitte Moritz: Uns wurde von der Kirchenleitung mitgeteilt: „Demonstration ist keine Form des kirchlichen Zeugnisses“ und „Geht doch mit euren Anliegen in die Jugendklubs“.


Uwe Schwabe:
Auzug aus einem Artikel

Die Friedensgebete wurden in dieser Zeit (1988) zum zentralen Ort der politischen Auseinandersetzung. In dieser Zeit entwickelte sich aus der intimen Andacht und aus dem »Gruppentreff« ein Forum, in dem die gesellschaftlichen Probleme öffentlich gemacht wurden. Am Rande der Friedensgebete eroberten die Gruppen das Gebiet, auf dem die Macht der SED hinterfragt und in Frage gestellt werden konnte.

Die Basisgruppen versuchten, neben dem Friedensgebet eine zweite Öffentlichkeit herzustellen. Sie wollten aus dem engen kirchlichen Raum ausbrechen und sahen in der Organisation von Demonstrationen eine neue Möglichkeit dazu. Ein erster Versuch wurde zum Weltumwelttag im Juni 1988 gestartet. Vorerst tarnte man diese Demonstrationen noch und benutzte dafür andere Bezeichnungen. Thema des geplanten »Gedenkumzuges« war die Umweltsituation im Leipziger Chemiedreieck und hier vor allem die starke Verschmutzung der Pleiße, die 1956 innerhalb der Stadt unter die Erde verlegt worden war. Mit Handzetteln wurden die Leipziger aufgerufen, sich an dem »Gedenkumzug« zu beteiligen.

Schon im Vorfeld wurden vermeintliche Organisatoren des Gedenkumzuges vom MfS vorgeladen und verhört. Sie wurden beauftragt, diese »nichtgenehmigte Demonstration« abzusagen. Ihnen wurde untersagt, selbst daran teilzunehmen. Da »natürlich« niemand wußte, wer diese Demonstration vorbereitet hatte, konnte auch niemand diese absagen. Die »Vorgeladenen« nahmen das Verbot nicht ernst und beteiligten sich am Gedenkumzug. Die Superintendenten Leipzigs distanzierten sich von dieser Aktion, und verlangten, daß Plakate, die zu diesem Gedenkumzug einluden, aus den Schaukästen der Kirchgemeinden entfernt würden. Außer Christoph Wonneberger nahm kein anderer Pfarrer am »Umzug« teil. Die Polizei schritt nicht ein und begleitete den Umzug aus der Distanz, was nun wiederum dazu führte, daß die Mitglieder der Basisgruppen in Zukunft nicht abzuhalten waren, weitere Demonstrationen zu organisieren. Damit spitzten sich die Auseinandersetzungen um die Friedensgebete immer mehr zu.
Die Antragsteller auf Ausreise führten im Anschluß an die Friedensgebete eigene Demonstrationen durch. Gerade an den Messe-Montagen nutzten sie die Möglichkeit, in Anwesenheit vieler Journalisten aus den westlichen Ländern, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Mit deren Aufmerksamkeit und Hilfe war es möglich, eine internationale Öffentlichkeit herzustellen, die aus eigenen Kräften vor Ort nicht organisiert werden konnte. Die westlichen Medien spielten also, wie auch schon 1983, eine große Rolle.28 In den Nachrichtensendungen am Abend konnte ein Millionenpublikum diese Auseinandersetzungen miterleben. Damit aber wurde der Druck des Staates auf die Kirchenleitung noch stärker.

Auch zwischen den Gruppen in Leipzig gab es keine einheitliche Meinung, wie man mit den Antragstellern umgehen sollte, die immer stärker in die Friedensgebete drängten. Einige in den Gruppen meinten, die Ausreisewilligen hätten nur egoistische Ziele und wollten mit der Teilnahme am Friedensgebet ihre Ausreise beschleunigen.
Bei den meisten Gruppen spielte aber der Öffentlichkeitsgewinn durch die Beteiligung der Ausreisegruppen eine große Rolle. Es bestand damit die große Chance, den noch immer als eng empfundenen Raum der Gruppenszene zu durchbrechen. So wurden in den Friedensgebeten die Probleme der Ausreiser stärker thematisiert. Dies waren vor allem die Fragen der Rechtsunsicherheit beim Stellen eines Ausreiseantrages und die fehlende Freiheit. Andere Gruppen weigerten sich sogar, weiter die Friedensgebete zu gestalten.

Einen Höhepunkt der Auseinandersetzung bildete das Friedensgebet am 27. Juni 1988. Die »Initiativgruppe Leben« hielt zusammen mit Pfarrer Wonneberger das letzte Friedensgebet vor der Sommerpause. Zum Schluß wurde eine Kollekte zur Finanzierung des Strafgeldes gesammelt, das Jürgen Tallig zahlen sollte.
Er hatte am 5. Februar 1988 Losungen an einer Fußgängerunterführung angebracht, wurde am 15. 2. 1988 vom MfS verhaftet und zu 6.000 Mark Ordnungsstrafe verurteilt. Bei der Sammlung kamen über 1.000 Mark zusammen. Der anwesende Stellvertreter des Superintendenten, Pfarrer Wugk, distanzierte sich noch während des Friedensgebetes von der Aktion, die die IGL als »konkreten Fürbitte« bezeichnet hatte, da dies eine »illegale« Sammlung sei. Andere Gruppenmitglieder warfen der IGL vor, die »Revolution zu proben«.
Nach diesem Friedensgebet kam es zu verschärften Auseinandersetzungen zwischen Pfarrer Wonneberger und der Kirchenleitung. Pfarrer Wonneberger verbat es sich daraufhin, öffentlich gegen ein von ihm zu verantwortendes Friedensgebet vorzugehen.
Es stellte sich immer drängender die Frage, wer für die Friedensgebete letztlich verantwortlich war. Dem Superintendenten, auf den von staatlicher Seite immer mehr Druck ausgeübt wurde, war dies zu viel. Am 15. August 1988 schrieb er einen Brief an die Gruppen, in dem er mitteilte, daß das Friedensgebet nach der Sommerpause in die alleinige Regie des Kirchenvorstandes von St. Nikolai übergehen solle.

Er schrieb:
»Liebe Freunde! [/] Die Nikolaikirchgemeinde übernimmt nach der Sommerpause Durchführung und Verkündigung der Friedensgebete selbst.
Die meisten Teilnehmer an den Zusammenkünften sind nicht interessiert und engagiert an den Fragen 'Frieden-Gerechtigkeit-Bewahrung der Schöpfung' im Sinne des konziliaren Prozesses, sondern erwarten von der Kirche, daß diese sich für ihre Probleme einsetzt. So wenig wir konkret helfen können, wollen wir uns doch dafür einsetzen, daß diejenigen, die einen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft gestellt haben, nicht ins Abseits gedrängt werden. Doch dem Einzelnen können wir im Grunde nur helfen mit der uns anvertrauten Botschaft des befreienden Evangeliums, das seine Gültigkeit in jeder Gesellschaftsordnung hat. Einige Gruppen haben sich seit der veränderten Situation ohnehin nicht mehr an der Gestaltung der Friedensgebete beteiligt, anderen scheint die Aufgabe belastend zu sein.
So bitte ich darum, daß sich die Gruppen in der nächsten Zeit verstärkt ihren spezifischen Aufgaben zuwenden, wie sie etwa in den zwölf Themenbereichen der konziliaren Versammlung von Dresden aufgenommen worden sind. Ich wäre dankbar, wenn durch Gespräche und Impulse mehr noch die Gemeinden unserer Stadt in den Prozeß einbezogen werden könnten. Denn gemeinsam mit allen, die hier bleiben, wollen wir doch verantwortlich das Leben in unserer Gesellschaft verändern und verbessern. [...]
Mit besten Grüßen [/] Schalom! [/gez.] Magirius«.

Der Brief an Pfarrer Wonneberger, der bis zu diesem Zeitpunkt die Friedensgebete koordiniert hatte, fiel noch etwas schärfer aus:
»Lieber Bruder Wonneberger! [/] Da Sie einschließlich Freitag, 26.8, im Urlaub sind, möchte ich mich schriftlich an Sie wenden. Wie Ihnen bekannt ist, hat mein Stellvertreter Bruder Wugk Ihnen im Zusammenhang mit dem letzten Friedensgebet vor der Sommerpause erklärt, daß Sie sich selbst durch Ihre Handlungsweise Ihre Kompetenz für die Funktion der Koordinierung begeben haben. Wir haben unterdessen eine neue Gestaltung der Friedensgebete für die nächsten Wochen vorbereitet. Meinerseits stelle ich noch einmal fest, daß sie damit von Ihrer bisherigen Aufgabe entbunden sind. Am Mittwoch, 31. August, um 10.00 Uhr, möchte ich gern zu Ihnen kommen, um das verschobene Abschlußgespräch zur Visitation zu halten. [/] Ihr [gez.] Friedrich Magirius [/] Superintendent«

Einige Gruppenmitglieder reagierten auf diesen Brief sofort mit einer Protesterklärung. Denn jetzt fühlten sie sich nicht nur vom Staat sondern auch von der Kirche ins Abseits gedrängt:
»Am 22.08.1988, eine Woche vor Beginn der Friedensgebete nach der Sommerpause, erhielten wir von Ihnen einen Brief, in dem Sie uns erklären, daß 'in der nächsten Zeit' die Basisgruppen von der Gestaltung der Friedensgebete ausgeschlossen sind. Damit beenden Sie eine Gottesdienstform, deren Ablauf und Inhalt seit 1985 durch kirchliche Basisgruppen geprägt wurde. Sie nehmen dadurch den Gruppen eine wesentliche Möglichkeit der öffentliche Selbstdarstellung sowie eine verbindliche gemeinsame Aufgabe. [...] Ungeachtet dessen nutzen Sie Ihr Hausrecht (in Abwesenheit des zuständigen Gemeindepfarrers) und stellen die Gruppen und die Gemeinde des Friedensgebetes vor vollendete Tatsachen. [...] Die in den letzten Monaten vorwiegend durch Ausreiseantragsteller vergrößerte Gemeinde stellt in den Augen der Staatsorgane (für wen auch immer) eine potentielle Gefahr dar. Mit der beabsichtigten Ausgrenzung der Antragsteller stellen Sie sich auf die Seite derer, die dieser Gemeinde ein ehrliches Interesse an Inhalt und Botschaft dieser Gottesdienste absprechen. Die Gemeinde nimmt aber diszipliniert und aufmerksam an den Gottesdiensten teil und wächst mit ihnen.

Ihr Urteil über 'die meisten Teilnehmer' ist eine Diffamierung! Mit Befremden stellen wir fest, daß die versammelten Teilnehmer von Ihnen nicht als Gemeinde Christi angenommen werden.
Wir fordern:
- Offenlegung der tatsächlichen Hintergründe Ihrer uns unverständlichen Entscheidung
- Wiederherstellung der Möglichkeit für die Leipziger kirchlichen Basisgruppen, die Friedensgebete in Eigenverantwortung (unzensiert) zu gestalten«.

Die Bemerkung »unzensiert« bezog sich auf die Tatsache, daß die Kirchenleitung schon seit dem Frühjahr 1988 ein Instrumentarium geschaffen hatte, um auf den Ablauf der Friedensgebete Einfluß zu nehmen. So mußten die Gruppen eine halbe Stunde vor Beginn der Friedensgebete vor einem Gremium von Mitgliedern der Sächsischen Kirchenleitung, dem Superintendenten und dem Gemeindepfarrer, den Inhalt ihrer Friedensgebete vorstellen.
Mit diesen Briefen verschärfte sich der Konflikt zwischen Kirchenleitung und Gruppen immer mehr. Beim Friedensgebet am 29. August 1988, dem ersten nach der Sommerpause, kam es zur Eskalation. Da der Superintendent nicht, wie zuvor den Gruppen versprochen, seinen Brief vom 15. August 1988 während des Friedensgebetes verlas, versuchte Jochen Läßig zum Abschluß des Friedensgebetes, die oben zitierte Protesterklärung zu verlesen.
Da wurde ihm das Mikrofon abgeschaltet. Er las jedoch weiter. Nach wenigen weiteren Worten und einem Handzeichen von Superintendent Magirius übertönte dann die Orgel Jochen Läßigs kräftige Stimme. Daraufhin kletterte ein anderes Mitglied der IGL zur Orgelempore und schaltete den Orgelmotor ab. Nun konnte die Protesterklärung weiter verlesen werden.
Währenddessen stieg Pfarrer Führer auf eine Kirchenbank und gab folgende Erklärung ab: »Liebe Zuhörer, falls Sie jetzt weiter hierbleiben, wird das bedeuten, daß das Friedensgebet nicht weitergeht.
Eine Stellungnahme dieser Gruppe wird auf alle Fälle erfolgen. Es wird Herr Superintendent Magirius mit den Gruppen noch sprechen. Er hat dies auf alle Fälle zugesagt. [...] Uns geht es hauptsächlich darum, daß Sie weiter in unserer Nikolaikirche kommen können. Das hab' ich am Anfang gesagt. [...] Deshalb bitte ich jetzt, daß wir miteinander die Kirche verlassen.
[...] Sie haben mich vorhin verstanden. Das sind keine Leute von uns. Wenn Sie hier weiter bleiben, arbeiten wir nur dem Staat in die Hände, der das Friedensgebet je eher je lieber aufhören lassen will. Wenn Sie jetzt nicht die Kirche verlassen, wird das vermutlich Konsequenzen haben.« In der am Abend stattfindenden Sitzung des Kirchenvorstandes von St. Nikolai machte der Kirchenvorstand die Entscheidung des Superintendenten im nachhinein auch zu seiner Entscheidung, dies wohl noch unter dem unmittelbaren Eindruck des eine Stunde zuvor zu Ende gegangenen Friedensgebetes.

Zum nächsten Eklat kam es beim Friedensgebet am 5. September 1988.
Die Basisgruppenmitglieder hatten in der Zwischenzeit einen Offenen Brief an Landesbischof Dr. Hempel verfaßt, indem sie sich über die Vorgehensweise von Superintendent Magirius beschwerten. Sie warfen Magirius unter anderem vor, daß er verschiedenen Abhängigkeiten unterläge, welche er nicht offenlegen wolle. Sie schrieben in diesem Brief weiter:
»[...], hat er unseren Respekt als kirchenleitende Persönlichkeit, unser Vertrauen auf seine geistliche Kompetenz und unser Glauben an seine moralische Integrität verloren. [...]
Wir gewinnen den Eindruck, daß Sup. Magirius bewußt Mißverständnisse schafft und Voreingenommenheit bei Pfarrern gegen unsere Arbeit erzeugt, um unser Engagement zu behindern. Wir müssen uns immer wieder die Frage stellen, ob diese Vorgehensweise wirklich einer christlichen Motivation entspringt oder ob Sup. Magirius andere Interessen vertritt.«
Die Unterzeichner des Offenen Briefes verteilten diesen während des Friedensgebetes und schickten ihn außerdem an verschiedene Vertreter der Kirchenleitung, an Presseagenturen und kirchliche Zeitungen.
Gleichzeitig verlasen sie vor der Nikolaikirche eine Erklärung der Basisgruppen, in der die Änderung der Friedensgebete als skandalös bezeichnete wurde.
Sie forderten von der Kirchenleitung, die Entscheidung zu überdenken und wenigstes das Recht auf freie Meinungsäußerung in ihren Räumen zuzulassen. Im Anschluß daran demonstrierten ca. 150 Teilnehmer zum Marktplatz, was ein großes Echo in den Medien fand.

Seit dieser Zeit trugen einige Basisgruppenmitglieder jeden Montag eine Mundbinde mit der Aufschrift »Redeverbot«. Sie standen während des Friedensgebetes demonstrativ im hinteren Teil der Nikolaikirche und beobachteten das Geschehen. Nach dem Friedensgebet stellten sie sich an den Ausgang der Nikolaikirche und nutzten im Anschluß den hofartigen Platz vor der Kirche als Versammlungsort. Die dort lagernden Betonplatten einer Baustelle dienten als Rednerbühnen. Die Informationen, die in den Friedensgebeten nicht verlesen werden konnten, wurden hier verlesen. Viele Besucher der Montagsgebete nutzten diese Möglichkeit, nach der kirchlichen Veranstaltung noch weitere Informationen zu erhalten, und diskutierten über die Lage im Land. Die engen Mauern der Kirche wurden somit symbolisch durchbrochen und der öffentlcihe Raum erobert..
Auch andere Gruppen, die den Offenen Brief an Bischof Hempel bisher nicht unterzeichnet hatten, solidarisierten sich daraufhin mit den Unterzeichnern.

Das Friedensgebet am 24. Oktober 1988 wurde von Vertretern der Basisgruppen erneut genutzt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Während des Eingangsliedes »Oh komm' du Geist der Wahrheit« stellten und setzten sie sich mit Kerzen und Transparenten in den Altarraum. Auf den Transparenten standen folgende Forderungen:
1. Wir mahnen uns, an die zu denken, die gehen mußten
2. Wir mahnen uns, die Wahrheit zu sagen
3. Wir mahnen uns, danach zu handeln
4. Mündigkeit verpflichtet - ziviler Ungehorsam
Zum Schluß versuchte Gesine Oltmanns, eine Unterzeichnerin des Offenen Briefes, eine Erklärung zu dieser Aktion abzugeben, aber das Mikrofon wurde von Superintendent Magirius sofort abgeschaltet. Es kam zu einer tumultartigen Diskussion.
Die Träger der Plakate stellten sich danach auf die Betonplatten vor der Nikolaikirche und verlasen ihre Erklärung. Alle wurden am nächsten Tag zugeführt und zu ihrer Aktion befragt, ihnen wurden hohe Ordnungsstrafen auferlegt, deren Zahlung sie aber verweigerten. Sie begründeten ihre Verweigerung damit, daß sie nur Ihr Recht auf Versammlungsfreiheit genutzt hätten.

Während der alljährlichen Friedensdekade im November 1988 verteilten einige Gruppenmitglieder in der Nikolaikirche ein Flugblatt der »Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft«, indem Parallelen zwischen den Verhältnissen in der Zeit des Nationalsozialismus' und der DDR gezogen wurden. Außerdem wurden konkrete Menschenrechtsverletzungen in der DDR angeklagt. Pfarrer Führer kommentierte dies zwei Tage später im Friedensgebet mit folgenden Worten: »Einige scheinen unsere Kirche mit einem Warenumtauschplatz zu verwechseln«.

 

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Quelle: Leipziger Volkszeitung

Quelle: www.lvz-online.de/sechsleipziger

AUFRUF DER LEIPZIGER SECHS

Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.

Der Aufruf der Leipziger Sechs am 9. Oktober 1989 – Die Protagonisten erinnern sich

Es ist der 9. Oktober 1989. 70 000 Menschen gehen im Anschluss an die kirchlichen Friedensgebete zur Montagsdemonstration auf die Straße. Den Demonstranten steht die bewaffnete Staatsmacht gegenüber. Sechs Leipziger, unterschiedlich von politischen Überzeugungen und von Beruf, verfassen in eigener großer Not und getragen von ihrer Angst vor der Eskalation den Aufruf zum Dialog. Es ist ein Beitrag zum Durchbruch der Friedlichen Revolution. 20 Jahre später erinnern sich die Protagonisten: der damalige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, die SED-Bezirksleitungssekretäre Roland Wötzel, Kurt Meyer, Jochen Pommert, der Theologe Peter Zimmermann und Kabarettist Bernd-Lutz Lange.

Heute: Kurt Masur
© Leipziger Volkszeitung vom 11. Mai 2009

„Wir müssen etwas tun“

Von THOMAS MAYER

„Es war eine ganz große Zeit. Unsere eigene Tat will ich aber nicht so sehr loben. Den Respekt, den ich vor der Leipziger Bevölkerung bekam, der ist wirklich enorm. Ich hoffe sehr, dass dieser Geist für ewig erhalten bleibt.“ Für Kurt Masur, heute fast 82 Jahre alt, rangiert der 9. Oktober 1989 in seinem erfüllten Leben sehr weit vorn. Er nimmt für den Maestro einen Platz neben künstlerisch einmaligen Konzerten und Begegnungen ein. Masur: „Wenn man eine Stadt und ihre Menschen zunächst doch oft nur blass und hoffnungslos wahrnimmt, dann vergisst man diese Bilder mit den Kerzen tragenden Menschen und ihren genau so leuchtenden Augen nie mehr.“ An jenem Montag probte Masur mit dem Gewandhausorchester für das abendliche Konzert während der Internationalen Gewandhaus-Festtage. Neben dem Konzert für Orchester, Pauken und Trompete von Siegfried Matthus standen Johannes Brahms' 2. Sinfonie und Richard Strauss' „Till Eulenspiegel“ auf dem Programm. Beunruhigt durch die sich abzeichnenden gewaltsamen Konflikte rief der Kapellmeister gegen Mittag den SED-Bezirksleitungssekretär, Kurt Meyer, zuständig für Kultur, an. Masur pflegte ohnehin einen guten Kontakt zu ihm, man achtete sich, der Genosse galt als Schöngeist, Masur wusste, bei ihm gibt es keine unüberwindlichen Schranken, schon in den Tagen zuvor hatte sich beide über die sich verschärfende politische Situation ausgetauscht. Masur zu Meyer: „Hör' mal, heute Abend soll geschossen werden, da kann ich ja unmöglich den ,Till Eulenspiegel' spielen. Wir müssen etwas tun.“ Er habe bewusst auch seinen schwarzen Humor heraus gekehrt. Nach der Probe fuhr Masur nach Hause. Gegen vier Uhr meldete sich Meyer bei ihm und berichtete, mit seinen Bezirksleitungssekretären Roland Wötzel, der schon in Kontakt mit dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange und dem Theologen Peter Zimmermann stand, und mit Jochen Pommert gesprochen zu haben. So trafen sich schließlich die Leipziger Sechs in Masurs Haus, um ihren Aufruf gegen Gewalt zu formulieren.

Masur akzeptierte die Zusammensetzung des Sextetts: „Es ging doch in diesem Moment nur um eins: Wir wollten Frieden halten und nicht irgendetwas gewinnen oder sogar politische Befindlichkeiten pflegen. Nein, Frieden, das war alles. So war uns auch ein Mann wie Pommert willkommen. Er galt ja als der vielleicht einflussreichste Mann nach ganz oben.“ SED-Funktionär Pommert wollte im Aufruf das Wort „vertrauensvoll“ mit genannt haben. Masur intervenierte energisch: „Geht nicht. Vertrauen ist weg!“ – Masur heute: „An dem Text haben wir viel dran rum gerätselt. Jeder hat mindestens ein Wort verändert. Zum Schluss konnten aber alle damit leben.“ Mit dem Textentwurf fuhren die Sechs ins Gewandhaus. Die Straßen waren schon verstopft, die Demonstranten bereits in Sichtkontakt mit der bewaffneten Staatsmacht. Im Gewandhaus wurde der Text von Bernd-Lutz Lange mit Durchschlägen ins Reine getippt. Peter Zimmermann rannte los, um den Aufruf in jene Kirchen zu bringen, in denen die Friedensgebete statt fanden. Während dessen organisierten die anderen ein Tonbandgerät, um den Aufruf für den Sender Leipzig und den Stadtfunk aufzunehmen. Lange schlug vor, dass Masur den Aufruf spricht: „Er besitzt von uns die meiste Autorität.“

Die Friedensgebete waren zu Ende. Gegen 18 Uhr drängten die Menschen auf die Straße und vereinigten sich hier mit zig Tausenden. Da vernahmen sie eine ernste, ein klare Stimme: „Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. Es sprach Kurt Masur.“ Masur erinnert sich an seinen wohl für immer ungewöhnlichsten Auftritt vor seinen Leipzigern: „Mir zitterten nicht die Knie, denn all das, was an diesem Abend geschah, das musste ja sein. Es war unvorhersehbar, was passieren würde. Ich hatte meine Frau gefragt: Wie schnell kannst du packen? Sie war auch in dieser Situation eine ganz starke Frau. Ich wusste natürlich, dass die drei Bezirksleitungs-Genossen mehr riskierten als ich, Zimmermann oder Lange. Sicher war ich mir aber auch nicht. Denn als es die Biermann-Affaire gab, schreckte ja der Staat auch nicht davor zurück, prominente Künstler abzuservieren.“

Es kam zu keinen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Am Abend musizierten im Gewandhaus wie geplant Masur und sein Orchester. Masur: „Das Haus war rappelvoll, und jeder Musiker war da. So, als sei nichts geschehen.“ Matthus' Pauken und Trompeten ertönten auf einmal so sinnfällig für einen geschichtsträchtigen Tag wie die fröhliche musikalische Dichtung „Till Eulenspiegel“. Kurt Masur wurde gefeiert als Dirigent und als Friedensstifter. Am nächsten Tag fand er sein Auto und den Zaun zu seinem Anwesen in Leutzsch mit Blumen geschmückt. Er bekam auch Briefe, in denen sogar stand: „Sie haben uns das Leben gerettet.“ Noch heute wird Kurt Masur auf seinen Reisen durch die weite Welt vor allem mit jenem Tag im Oktober in Verbindung gebracht: „Ich sitze in einem Café irgendwo in Italien. Da sagt doch die Bedienung, die aus Leipzig stammt: Wächen ihn'n kann'ch jetzt hier sein.“ Masur lächelt, wenn er davon berichtet: „Die schieben das alles mir zu. Das war ich aber nicht alleene.“

Kurt Masur: Es ging doch in diesem Moment nur um eins: Wir wollten Frieden halten und nicht irgendetwas gewinnen oder sogar politische Befindlichkeiten pflegen.

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Heute: Roland Wötzel
© Leipziger Volkszeitung vom 12. Mai 2009

„Dreimal klüger als wir“

Von THOMAS MAYER

Leipzig-Leutzsch ist ein schönes Villenviertel. Hier lebt und arbeitet Roland Wötzel. Obwohl schon einige Jahre jenseits des üblichen Rentenalters, kann sich der Rechtsanwalt sein Dasein ohne seine Berufung nicht vorstellen. Wötzel hat sehr gut zu tun, ist als juristischer Beistand prominent. Mit Klagen will er sich nur berufswegen auseinander setzen.

Der noch immer drahtige und mit ziemlich vollem Haar daher kommende Mann stammt aus proletarischem Elternhaus in Plauen. Der Krieg beutelte die Familie, die Mutter stand auf einmal allein da mit ihren vier Kindern, ihr fünftes war der NS-Euthanasie zum Opfer gefallen. Roland war weiß Gott kein Musterschüler, er lernte zu lernen und konnte Dank der sozialen Situation die Oberschule besuchen. Roland durfte Wirtschaftswissenschaften und später auch Jura studieren, womit, wie er sich erinnert, „der Turbo zündete“, denn das ganze Heimatdorf schaute jetzt auf ihn.

Das protegierte Kind armer Leute wurde schon mit 24 Jahren Exportchef des mächtigen Leuna-Kombinats und war schon bald für den gesamten DDR-Erdölimport mitverantwortlich. Auch konnte er nun im Gegensatz zu den meisten Bürgern dieses Landes beruflich in alle Welt reisen. Mit 30 folgte Wötzel einem Ruf in die Plankommission nach Berlin. Er war angekommen ziemlich weit oben. Nun hatte er sogar den Auftrag, das ökonomische System des Sozialismus weiter zu entwickeln. Mit dem Aus dieser DDR-spezifischen Entwicklungsstrategie endete mit der beginnenden Honecker-Ägide Wötzels zentrale Karriere. Er wurde nach Leipzig weggelobt – man könnte wohl dazu auch degradiert sagen –, kam zunächst beim Rat des Bezirkes unter und war nach seinem Studium des Marxismus-Leninismus an der Parteihochschule in Moskau in der SED-Bezirksleitung der Sekretär für Wissenschaft und Bildung.

Als politischer Hardliner galt Wötzel, der sich gerade heute einen überzeugten Marxisten mit soliden Kenntnissen der Volkswirtschaft nennt, nie. Er verweist immer wieder gern auf seinen „Spielraum“, auch im Umgang mit der Kirche, den er sich erarbeitete und ahnte wohl früher als manch anderer, dass die Inanspruchnahme der absoluten Wahrheit seitens der SED nicht gut gehen konnte.

An jenem Tag im Oktober hatte Genosse Helmut Hackenberg in der Bezirksleitung das Sagen. Als 2. Sekretär vertrat er den erkrankten Horst Schumann und war damit auch der Chef der so genannten Bezirkseinsatzleitung. Hier liefen alle Fäden zusammen. Hier mussten auch alle rapportieren, die Stasi, die Polizei, das Militär. Wötzel erinnert sich mal haargenau und dann doch mal zweifelnd – „Sie wissen, es ist ja schon 20 Jahre her“: „Mir wurde klar, dass es in der SED-Bezirksleitung keinerlei Lösungsansatz für die sich abzeichnende Konfrontation gab. Anfänglich hatte ich die Absicht, in der Nikolaikirche das Wort zu ergreifen und deshalb schon mit Bernd-Lutz Lange Kontakt aufgenommen. Am Mittag rief dann Kurt Masur bei unserem Kultursekretär Kurt Meyer an und sagte: ‚Ich bin sehr beunruhigt ob der dramatischen Lage.‘ So kam es am Nachmittag zum Treff jener sechs Leute in Masurs Villa.“

Der Gewandhaus-Chef war echt besorgt. Der Aufruf gegen Gewalt wurde formuliert, um den Text wurde gerungen, Bernd-Lutz Lange, sozusagen der Schriftführer der Sextetts, nahm den Stift. Wötzel: „Wir sind dann ins Gewandhaus gefahren, kamen aber kaum durch die friedlich versammelten Menschenmassen. War es dann aber auch der Bernd, der unseren Text, weil der Kopierer nicht funktionierte, mit Durchschlägen in die Maschine tippte, oder war’s doch Masurs Sekretärin? Masur verlas jedenfalls den Text im Stadtfunk. Zuvor brachte ihnen Theologe Zimmermann die Aufrufe zu den Friedensgebeten in Leipzigs Kirchen.“

SED-Funktionär Wötzel war an jenem Nachmittag klar: „Wir hatten unsere Vorgesetzten übergangen. Hackenberg fühlte sich brüskiert, er machte uns Vorwürfe, fragte fast hilflos: Was ist zu tun? Noch war ja nicht abzusehen, wie sich die Lage entwickelt, was Honecker & Co dazu sagen würden. Auf der Straße meinte man indes, wenn diese drei SED-Sekretäre sich so in die Öffentlichkeit trauen, dann muss das doch von oben abgesegnet sein.“ Die Staatsmacht gab noch am frühen Abend den Befehl zur „Eigensicherung“ – und ließ 70 000 im Hochgefühl der neuen Freiheit friedlich demonstrieren.

Roland Wötzel spricht 20 Jahre später von einer „abgebrochenen Revolution“. Die habe etwa bis Weihnachten stattgefunden. Mit dem Wandel des Slogans „Wir sind das Volk“ – „eine geniale Losung, dreimal klüger als wir daher redeten“ – in „Wir sind ein Volk“ habe mehr und mehr ein bundesparteipolitisch bestimmter konservativer Umsturz stattgefunden. Rückblickend sagt er zudem: „Mir fiel es mitunter schwer, mich auf der anderen Seite der Barrikade wieder zu finden. Als 1989 die Bürgerrechtler ihren Pleiße-Marsch durchführten, meinte ich, wir, die Genossen, müssten da doch mitmachen, die Gulaschkanonen und die Spaten organisieren und uns an die Spitze stellen. Die SED war doch auch für die Erhaltung der Umwelt. Das war uns von Karl Marx auf die Fahne geschrieben worden.“ Solche und andere Meinungen hatten aber in einer mehr und mehr stalinistisch geführten Partei keinerlei Chance, ernsthaft in Erwägung gezogen zu werden. Auch deshalb kam es schließlich zu jenem folgenreichen 9. Oktober 1989, mit dem sich auch für Wötzel das Leben „wendete“.

Der Anwalt philosophiert heute trefflich über Gott und die Welt und hält Vorträge zum Thema „Ist Jesus ein Linker?“ Denn eins ist Wötzel trotz seiner politische Überzeugung auch: sehr kenntnisreich im Umgang mit der Bibel. Manch einer sagt: Der hätte Pfarrer werden können.

Roland Wötzel: Wir hatten unsere Vorgesetzten übergangen. Hackenberg fühlte sich brüskiert, er machte uns Vorwürfe, fragte fast hilflos: Was ist zu tun? Noch war nicht abzusehen, wie sich die Lage entwickelt.

Roland Wötzel: Mir fiel es mitunter schwer, mich auf der anderen Seite der Barrikade wiederzufinden. Als 1989 die Bürgerrechtler ihren Pleiße-Marsch durchführten, meinte ich, wir, die Genossen, müssten da doch mitmachen.

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Heute: Peter Zimmermann
© Leipziger Volkszeitung vom 13. Mai 2009

„Alle sind versorgt“

Von THOMAS MAYER

Wie bringt man sich ins Gespräch für eine ganz besondere politische Mission? Man gibt eine Auszeichnung an den zurück, von dem man sie empfangen hat – in dem Fall an Erich Honecker, damals noch allmächtiger SED-Generalsekretär. So geschehen durch Peter Zimmermann, Theologe an der Universität Leipzig. Er war anlässlich des 40. Republikgeburtstages mit einem, wie er sagt, „Allerwelts-Orden“ ausgezeichnet worden, wollte aber diese Ehre wegen der zunehmend dramatischen Ereignisse rund um den 7. Oktober – Jubelfeier in Berlin contra zunehmend brutalem Vorgehen gegen die Bürgerrechtler, Aufruf zum Gebrauch der Waffen durch einen Kampfgruppenführer in der LVZ – dann doch nicht akzeptieren. Dieses Begründungsschreiben, die Auszeichnung zurück zu geben, kam auch auf den Schreibtisch des Leipziger SED-Wissenschaftssekretärs Roland Wötzel, der als Parteiauftrag mit Zimmermann reden sollte. Es war der 9. Oktober 1989.

Peter Zimmermann fühlte sich in der Kirche zu Hause, die Mutter unterrichtete in Tharandt bei Dresden Christenlehre. Sohn Peter kam ohne politischen Hintergrund zum Studium an die Karl-Marx-Universität. Ihn trieben auch keine oppositionellen Gedanken, er galt eher als positives Beispiel für die Existenz der christlichen Kirchen im Sozialismus. Zimmermann zog es später auch nicht in die kirchliche Praxis, sondern er blieb an der Universität, war Assistent und wissenschaftlicher Sekretär der Sektion Theologie und damit für die Organisation des Studiums zuständig; er schrieb Studienberichte, musste viele Pläne aufstellen und wurde später freigestellt zur Mitarbeit in der Christlichen Friedenskonferenz in Prag. Nach drei Jahren kam er zurück, promovierte, lehrte und forschte nun im neuen Institut für Ökumene und war damit auch involviert ins vielschichtige Beziehungsgeflecht zwischen Kirche und Staat.

Die Ereignisse des 9. Oktobers 1989 stellen für Zimmermann das Wichtigste dar, an dem er in seinem Leben hat mitwirken dürfen. Als die Leipziger Sechs ihren Aufruf im Haus von Kurt Masur verfasst und ihn später im Gewandhaus mit Durchschlägen in die Maschine getippt hatten, lief Zimmermann los. Er brachte das Blatt zuerst in die von Demonstranten und Polizei umzingelte Nikolaikirche, wo gerade das Friedensgebet beginnen sollte. Er ging weiter zur Thomas- und zur Reformierten Kirche. Überall das gleiche Bild: Demonstranten voll Angst und Zorn, und ihnen gegenüber Polizei und Armee, einsatzbereit, gestiefelt und gespornt. Zimmermanns Bekannte aus dem Neuen Forum versorgten weitere Zentren der Gebete mit dem Aufruf der Leipziger Sechs. Der Überbringer der Botschaft konnte zufrieden sein: „Alle sind versorgt.“ Seine Sorge blieb, ob der Appell auch wirklich etwas bewirken wird. Als er später zurück mitten in die Stadt kam, sah er die Kampfgruppenangehörigen und die Demonstranten fast eins, wie sie sogar im Gespräch Zigaretten austauschten. „Es war wirklich ein großer Tag“, erinnert Zimmermann, und, weil er eben auch Theologe ist, zudem: „Gottlob.“

Er glaubt auch zu wissen, was geschehen wäre, wenn die Staatsmacht sich durchgesetzt hätte: „Masur als Weltstar hätten sie am wenigsten antun können. Lange hätte vielleicht Auftrittsverbot erhalten. Für mich hätte sich vielleicht doch die Kirche eingesetzt. Für die drei SED-Sekretäre hätte es aber schlimm enden können, vielleicht sogar eine Bendlerblock-Lösung.“ Ein Jahr nach jenen Revolutionstagen sorgte Peter Zimmermann wieder für Schlagzeilen, die ihm freilich nicht zur Ehre gereichten. Er wurde als IM enttarnt, als der er als sozialistischer Christ in Universitäts-Diensten geworben worden war. Zimmermann heute: „Ich weiß, dass ich falsch gehandelt habe, doch ich glaubte damals im Gespräch mit denen, die die Macht haben, einiges bewirken zu können. Ich weiß aber auch, dass mich das nicht frei spricht.“ Er musste seinen Dienst an der Universität quittieren. Die Familie zog um, als seine als Ärztin tätige Frau in Bremen eine andere Arbeitsstelle fand. Das bot ihm die Möglichkeit, sich aus Leipzig zu verabschieden. „Es war ein Weglaufen, auch weil ich keine Arbeit bekam, es war aber kein Ausreißen aus politischen Gründen“, erinnert er sich. In Bremen angekommen, war er zunächst Hausmann, arbeitete später ohne feste Anstellung als Honorarkraft in der Erwachsenenbildung, engagierte sich in seiner Kirchgemeinde, hielt sogar Gottesdienste, wenn der Pfarrer mal fehlte. Mittlerweile hat er sich fast bis in die offizielle Rentenzeit gehangelt.

Seine ureigene Stasi-Geschichte beschäftigt ihn auch noch nach 20 Jahre. In mancher Lebenslage wird ihm bewusst: „Einmal IM, immer IM. Das ist so wie die Priesterweihe in der katholischen Kirche, lebenslänglich. Als Staatsangehörigkeit könnte ich auch IM hinschreiben. Ob ich mich bewerbe oder ob ich einen Leserbrief schreibe – zuerst wird gegoogelt. Und oft bin ich dann nur noch der IM, der überhaupt nicht Recht haben kann.“ Er könne aber wenigstens von sich behaupten, weder „wendehälsig“ noch „veteranentrotzig“ zu sein. Seine Verbindungen zur Leipziger Universität sind längst passé, die meisten Vertrauten von einst schon gestorben oder in Pension.
Heute ist Leipzig für Peter Zimmermann eine Stadt, die er früher einmal sehr gut kannte, die er dann verlassen hat und heute hin und wieder besucht, in der noch einige treue Freunde leben und wo das Leben vom Kopf auf die Füße gestellt wurde – oder, wie in seinem Fall, dann doch wieder sehr schnell retour.

Peter Zimmermann: Masur als Weltstar hätten sie am wenigsten antun können. Lange hätte vielleicht Auftrittsverbot erhalten. Für mich hätte sich vielleicht doch die Kirche eingesetzt. Für die drei SED-Sekretäre hätte es aber schlimm enden können, vielleicht sogar eine Bendlerblock-Lösung.

Peter Zimmermann: Einmal IM, immer IM. Das ist so wie die katholische Priesterweihe, lebenslänglich. Als Staatsangehörigkeit könnte ich auch IM hinschreiben. Ob ich mich bewerbe oder ob ich einen Leserbrief schreibe – zuerst wird gegoogelt. Und oft bin ich dann nur noch der IM, der überhaupt nicht Recht haben kann.

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Heute: Jochen Pommert
© Leipziger Volkszeitung vom 14. Mai 2009

„Jetzt bist du durch“

Von THOMAS MAYER

Als vor 20 Jahren die DDR unterging, war er in der SED-Bezirksleitung für Agitation und Propaganda zuständig. 20 Jahre nach dem Abschied von seinem großen Lebensentwurf sieht der 80-jährige Jochen Pommert die veränderte Zeit mit einer dem Alter angemessenen Gelassenheit. Gesellschaftliche Probleme werden zudem zeitweise von ureigenen gesundheitlichen überlagert. Eigentlich möchte er nicht mehr über 1989 sprechen, aber im Kontext der damals Verbündeten erinnert er sich doch.

Pommert verweist zunächst auf „ereignisreiche, komplizierte, aber auch auf schöne Zeiten“, zum Beispiel als Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung zwischen 1963 und 1967. Er stammt aus dem Mansfelder Land. Das Arbeiterkind lernte Dreher und gestaltete Wandzeitungen. Er gehörte seit 1945 der SPD und ab dem Vereinigungsparteitag mit der KPD der neu gegründeten SED an. Der junge Mann gab die Betriebszeitung im Walzwerk Hettstedt heraus und wurde nach Berlin geholt, um Chefredakteur des Politmagazins „Notizbuch des Agitators“ zu werden. Er studierte Gesellschaftswissenschaften in Moskau und wurde in Potsdam Chefredakteur der „Märkischen Volksstimme“, bevor Leipzig ihn rief. Seine Entwicklung bezeichnet er als „ganz normal für die DDR“. Bei ihm hatten aber wohl doch so einflussreiche Genossen wie Horst Sindermann und Albert Norden die Hand mit im Spiel. Pommert auf den Zwischenruf: So kam also der Ruf nach oben? – „Oben? Wenn Sie davon ausgehen, dass die LVZ näher am Stadtzentrum liegt als die Bezirksleitung, dann stimmt das schon.“ 20 Jahre diente er der Partei hauptamtlich, immer zuständig für Agit-Prop. Das konnte er, darüber wusste er Bescheid. Pommert, ein Hardliner der Partei? – „Was sagen Sie da? Ich kenne bitteschön keinen, der in der Bezirksleitung die Beschlüsse unserer Partei nicht umsetzen wollte.“

Der 9. Oktober ist für ihn nicht ohne die Ereignisse im Sommer 1989 möglich, „als der Bürgerprotest immer lauter und sichtbarer wurde, dem wir mit unsäglichem Schweigen begegneten“. Dann kam der 7. Oktober, der Feiertag der Republik. Die DDR feierte sich – „leider“ –, ohne die Probleme des Lebens zu erkennen. Jegliche Analyse fehlte, Politik, die schweigt, ist aber keine, weiß Pommert. Und: „Der 9. Oktober war der Anlass, was zu tun in einer dramatischen Situation für Leipzig. Es ging nicht so weiter. Was Wötzel, Meyer und ich vorhatten, verstieß gegen jede Norm der Partei. Wochen später habe ich einen Brief an Politbüro-Mitglied Schabowski geschrieben, in dem ich mich dagegen verwahrte, dass wir mit Deckung gehandelt hätten. Ich verlangte, dass der Brief im ,Neuen Deutschland‘ veröffentlicht wird, was geschah. Wir sind in freier Verantwortung und ohne Auftrag den Schritt gegangen, den wir gegangen sind.“

Pommert war von seinen Bezirksleitungsgenossen Meyer und Wötzel ins Vorhaben, den Aufruf zu verfassen, eingeweiht worden. Ob das zufällig oder bewusst geschah, interpretiert jetzt jeder auf seine Weise. Man traf sich in Masurs Wohnung und hat laut Pommert „um jede Formulierung gerungen, schließlich war getextet, was der Situation entsprach“. Pommert: „Es war wie ein innerer Aufstand. Ich wusste: Jetzt bist du durch.“ Als „Lacher der Geschichte“ vernahm er später in einem Honecker-Buch, der SED-Oberste habe die Leipziger Genossen für ihre mutige Tat beglückwünscht: „Ich habe davon nie etwas gehört, wohl aber davon, dass ich für die Parteikontrollkommission eine Stellungnahme schreiben sollte. Das habe ich nicht gemacht, weil ich mit mir im Reinen war.“ Ob ohne den Aufruf der 9. Oktober anders zu Ende gegangen wäre, kann er nicht sagen. Er weiß nur, dass die Leute, die auf dem Karl-Marx-Platz standen und Masur im Stadtfunk reden hörten, Beifall klatschten, manch einem kamen die Tränen.

Am nächsten Tag wurde der Aufruf nicht in der LVZ publiziert. Der für die Presse Zuständige: „Das Sekretariat der Bezirksleitung war gespalten. Wir Drei standen allein, ich wusste nicht, wie es weiter gehen wird. Da wollte ich die Zeitung nicht in Schwierigkeiten bringen.“ Noch hielt man sich an die SED-Vorgaben. Nur in den Mitteldeutschen Nachrichten erschien der Text quasi gut getarnt am Mittwoch danach inmitten einer Lokalspitze unter der Überschrift „Wichtige Worte an einem Montagabend“. Redakteur Hartmut Karich hatte sich den Wortlaut „besorgt“. Heute ist der Journalist, 53 Jahre alt, wieder mal auf Arbeitssuche.

Die Leipziger Sechs übten in den Wochen danach den von ihnen eingeforderten friedlichen Dialog und formulierten die „Leipziger Postulate“. Pommert blieb noch wenige Monate Sekretär der Partei, nun mit Roland Wötzel als Übergangschef, und trat bald aus der PDS aus. Auch heute ist er in keiner Partei, aber, wie er sagt „politisch wach und aktiv“. Er prangert den Verlust von 100 000 Industriearbeitsplätzen an, räumt freilich ein, dass daran die desolate wirtschaftliche Situation der DDR nicht schuldfrei ist, nennt Leipzig „eine arg gebeutelte Stadt“ und fühlt sich noch immer nicht im neuen Deutschland angekommen: „Das hat nichts mit Überzeugungen zu tun, sondern mit den vergebenen Chancen des Neuanfangs für eine lebendige Demokratie von unten.“ Die Ereignisse von 1989 sind für ihn ein Volksaufstand, aber keine Revolution. Heute lebt er wieder nah seiner einstigen Wirkungsstätte. Längst unerkannt geht er sogar rein ins ehemalige Haus der Macht. Die Postbank ist auch ihm zu Diensten …

Jochen Pommert: Der 9. Oktober war der Anlass, was zu tun in einer dramatischen Situation für Leipzig. Es ging nicht so weiter. Was Wötzel, Meyer und ich vorhatten, verstieß gegen jede Norm der Partei.

Jochen Pommert: Das Sekretariat der Bezirksleitung war gespalten. Wir drei standen allein, ich wusste nicht, wie es weiter gehen wird. Da wollte ich die Zeitung nicht in Schwierigkeiten bringen.

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Heute: Bernd-Lutz Lange
© Leipziger Volkszeitung vom 15. Mai 2009

„Viva Lipsia!“

Von THOMAS MAYER

Kabarettist Bernd-Lutz Lange schreibt bekanntlich gern und erfolgreich die eigene Geschichte unterhaltsam-nachdenklich auf. In Ebersbach in der Oberlausitz geboren und in Zwickau aufgewachsen, ist er seit über 40 Jahren Leipziger und wird hier bald 65 Jahre alt. Für seine Bücher, die längst den Status der Bestseller (Wie benennt man so etwas auf Sächsisch?) besitzen, gräbt er immer wieder tief im eigenen Brunnen der Vergangenheit und findet darin Bewahrens- und Mitteilenswertes. Sogar für diese Zeitungsserie.

„Das muss ich noch irgendwo haben“, sagt Lange auf die Bitte, nach den Originalen des Aufrufs gegen Gewalt und für den friedlichen Dialog zu suchen. Lange kramt in seiner Wohnung in der Kurt-Eisner-Straße und findet das Unikat des von ihm auf der Gewandhaus-Schreibmaschine getippten Dokuments und sogar, was als Revolutionsreliquie im Zeitgeschichtlichen Forum präsentiert werden soll, jenes Blatt, auf dem er im Privathaus Masurs die von den Leipziger Sechs entwickelten Gedanken als „Schriftführer“ mit dem Faserschreiber festhielt.

Dass dieser Wort- und Darstellungskünstler zu jenen Sechs gehörte, die deutsche Geschichte schrieben, war kein Zufall. Er war ja schon damals durch seine Arbeit bei den „academixern“ eine stadtbekannte Person. Zu Lange und Kollegen strömten die Leipziger, wenn sie hintersinnig formulierte Sozialismus-Kritik hören wollten. Über das Kabarett entwickelte sich auch der Kontakt zu Roland Wötzel.

Der Genosse war dabei, wenn die allmächtige SED das neue Kabarettprogramm „abnahm“. Lange: „Ich schätzte Wötzel als einen Mann, mit dem man reden konnte, er war keiner jener Art, die mir bei Kontroversen so unvergessliche Sätze wie ,Dir fehlt das entsprechende Bewusstsein‘ entgegen hielten.“

Schon im Sommer ’89, als die Widersprüche zwischen Partei und Widerstand immer heftiger wurden, bot Lange den Antipoden Vermittlung an. Der Kabarettist und der Funktionär kamen auf die Idee, eine Diskussionsrunde von Leipzigs kirchlichen Umweltgruppen mit dem SED-Sekretär zu organisieren. Es wäre ein runder Tisch gewesen, als dieser gemeinhin noch sehr kantig war. Der Disput kam nicht zu Stande, weil das Neue Forum vom Ministerium des Innern zur „Staatsfeindlichen Plattform“ erklärt wurde. Wötzel sagte ab, er könne nicht an einer Debatte mitwirken, bei der vielleicht Herr Sowieso aufsteht und sich als Mitglied des Neuen Forums zu erkennen gibt. Das verbiete ihm die Parteidisziplin.

Künstler wie Politiker beunruhigte die sich abzeichnende Eskalation im Herbst 1989. Sie wurde offenkundig, als nach einem Protestmontag die Leipziger Volkszeitung schrieb: „Der Einsatz von Hilfsmitteln der Deutschen Volkspolizei war unumgänglich.“ Lange erbost: „Was sind denn Hilfsmittel, etwa Kochlöffel, Rechenschieber, Pflanzenhölzer?“ Die Lage spitzte sich weiter zu. Kampfgruppenkommandant Lutz durfte in der LVZ mitteilen: „Wir sind bereit und willens, das von uns Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand.“

Der 9. Oktober war gekommen. Der Kabarettist konfrontierte den SED-Funktionär Wötzel an jenem Tag mit Brechts Versen zum 17. Juni 1953, in dem der Dichter der Regierung empfahl, sich ein neues Volk zu wählen, und auch mit einem Zitat von Martin Buber: „Das Einzige, was dem Menschen zum Verhängnis werden kann, ist der Glaube an das Verhängnis, denn er verhindert die Umkehr.“

Im Lada der Bezirksleitung fuhren beide zu Masur, der mit seinem Anruf beim SED-Sekretär Kurt Meyer für die Initialzündung des Treffens der Sechs gesorgt hatte. Lange schrieb die Gedanken für den Aufruf zum Dialog auf, er ordnete die Worte. Von den drei SED-Funktionären verlangte er an diesem Nachmittag: „Nun müsst ihr dafür sorgen, dass sich die Polizei zurückzieht.“

Die Sechs fuhren ins Gewandhaus, blieben stecken im Menschenstau. Masur witzelte: „Und daran scheitert die Revolution …“ Er verlas dann doch den Text im Stadtfunk. Lange hatte ihn dafür vorgeschlagen: „Der Mann mit der größten Autorität.“ Am Abend ging der Kabarettist, so wie immer montags, in den Pfeffermühlen-Club: „Unbeschreiblich die Stimmung. Irgendwie fühlten wohl alle, gewonnen zu haben.“

Lange heute über seine Beweggründe für die gemeinsamen Aufruf-Aktivität mit den SED-Genossen: „Ich sagte mir: Die hatten die Macht, also haben sie auch die Macht, das Schlimmste zu verhindern.“

Die Ereignisse dieses Tages werden für Bernd-Lutz Lange immer wach und abrufbar bleiben. Sie beeinflussen sein Denken auch heute – gerade im Kontext des viel diskutierten Einheits- und Revolutionsdenkmals: „Wir haben ja, und da gebe ich Erich Loest Recht, schon ein großes Denkmal – die Nikolaikirche. Ein schöneres, das wir sogar begehen können, ist nicht vorstellbar. Dazu gibt es die Säule im Kirchhof, die als Symbol dafür gilt, dass die Revolution von drinnen nach draußen getragen wurde, und den Brunnen vor der Kirche, der symbolisiert, was heute schon wieder vergessen ist, dass das Fass übergelaufen war. Und dazu gibt es leuchtende Pflastersteine. Wozu noch ein Denkmal?“

Lange spricht von einem Denkmalspark rund um St. Nikolai. „Die billigste Variante“, so scherzt er, „wäre es natürlich, den Mendebrunnen in Wendebrunnen umzubenennen. Ich weiß aber, dass sich das verbietet, weil der Wende-Begriff im Büro Krenz erfunden wurde. Also schlage ich in vollem Ernst vor, die drei wichtigsten Losungen, die für die Friedliche Revolution stehen, mit jenen Orten zu verbinden, an denen sie skandiert wurden. Im Nikolaikirchhof ,Wir bleiben hier‘. Auf dem Karl-Marx-Platz ,Wir sind das Volk‘. An der Runden Ecke ,Keine Gewalt‘.“

Bernd-Lutz Lange ist bei manch einer Kritik an seiner Stadt ihr unverbesserlicher Fan geblieben. In sein „Dämmerschoppen“-Buch, das „Geschichten von drinnen und draußen“ mit den Erinnerungen an den 9. Oktober enthält, schreibt er eine Widmung, die sein Credo ist: „Viva Lipsia!“

Erstmals zu sehen nach 20 Jahren: Langes Niederschrift des Aufrufs der Sechs.

Bernd-Lutz Lange: Ich sagte mir: Die hatten die Macht, also haben sie auch die Macht, das Schlimmste zu verhindern.

Bernd-Lutz Lange: Wir haben ja, und da gebe ich Erich Loest Recht, schon ein großes Denkmal – die Nikolaikirche.

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Heute: Kurt Meyer
© Leipziger Volkszeitung vom 16. Mai 2009

„Nun mag kommen, was will“

Von THOMAS MAYER

Der einstige Sekretär für Kultur der SED-Bezirksleitung weiß es noch genau: „Es gab damals dieses Fernschreiben von Honecker, in dem er forderte: Die Konterrevolution ist in Leipzig auf der Straße. Mit ihr ist heute ein für allemal Schluss zu machen.“ Da sei ihm klar geworden, sich um eine friedliche Absicherung der Bürgerproteste bemühen zu müssen.

Kurt Meyer stammt aus einfachsten Verhältnissen. Er wuchs, im Dezember 1935 geboren, im Thüringischen vor allem bei seiner religiös bestimmten Großmutter auf. Ihre schlichte Vorgabe für sein Leben hieß: „Junge, werde du mal kein Tagedieb, der dem lieben Gott die langen Tage wegstiehlt …“ Über Arbeiter- und Bauernfakultät, Studium in Berlin und Leipzig wurde Kurt Lehrer. Er promovierte sogar und war leidenschaftlich gern Pädagoge, bevor ihn die Partei in ihren Apparat holte und er sich in Dankbarkeit gegenüber seinem Staat, der ihm doch so eine Ausbildung ermöglicht hatte, ohne Gegenrede der eingeforderten Disziplin beugte.

In der Leipziger SED-Bezirksleitung war er zunächst für die Hoch- und Fachschulen zuständig, bis ihn SED-Chef Horst Schumann 1986 für die Funktion des Kultursekretärs protegierte. Denn Meyer galt als vermittelnden Typ, er war kein Krawallmacher, Meyer wollte und konnte vor allem auch mit den Menschen reden. Er zeigt als einen Beweis eigener Kontaktfreudigkeit den umfangreichen Briefwechsel mit vielen Leipziger Künstlern, unter anderem mit Wolfgang Mattheuer. Der hätte ihn gern – die SED-Zeit war da schon einige Jahre vorbei – zu seinem 70. Geburtstag begrüßt. Denn auch Mattheuer, bekanntlich eher DDR-Staatskritiker denn Sympathisant, achtete den Genossen. Meyer ging aber nicht hin – „ich wollte den Jubilar mit meinem Erscheinen nicht in Erklärungsnot bringen“.

Leipzigs Parteikultursekretär legte sich schon mal mit der seiner Meinung nach all zu engstirnigen SED-Politik an. So, als er den bundesdeutschen Barden Peter Maffay in Leipzig auftreten lassen wollte. Das damals durchaus kühn zu nennende Vorhaben wurde aber von Schumann mit den derben Worten „Solche Leute gehören in den Urwald, und du gehörst auch dorthin“ verhindert. Meyer nahm sich vor, nicht parteiborniert zu handeln. Er sorgte auch mit dafür, dass Stücke von Bulgakow, Aitmatow und Volker Braun auf die hiesige Schauspielhausbühne kamen und erinnert sich an manch anderen „Partisanenritt“, wenn etwa zum Beginn der Messe nochmal das alte Kabarett-Programm gespielt wurde und erst am Tag danach, als die Berliner SED-Oberen nicht mehr in der Stadt waren, der neue, kritischere Abend Premiere hatte.

Ein Widerständler ist er nicht gewesen, er hat aber die Widersprüche erkannt, die seiner Meinung nach diskutiert werden mussten, ohne damit an den Grundfesten des Systems rütteln zu wollen. Meyer sagt rückblickend: „Ich wollte eine DDR, in der es demokratischer zugeht und in der es sogar eine Opposition geben kann. Ich wollte ein liebenswertes Land und habe jeden Tag so gehandelt, dass ich mich dafür nicht schämen muss.“ Im Detail habe er sich nichts vorzuwerfen, im Großen und Ganzen aber schon – „vor allem, weil ich einer zunehmend arroganten und dummen Parteiführung so lange gefolgt bin“.

Der für die sozialistische Kultur Zuständige kannte natürlich Kurt Masur, durfte das Gewandhausorchester auch mal auf Reisen gen Westen begleiten. So war es kein Zufall, dass der Gewandhauskapellmeister ihn an jenem 9. Oktober anrief und dringend bat, in Anbetracht der kritischen Situation etwas zu unternehmen. Der ehemalige SED-Sekretär über seine damalige Gefühlslage: „Wir mussten handeln. Alles ist aber an diesem Tag doch ein bisschen unwirklich an mir vorbei gezogen. Mir kamen die Tränen, als ich dann gegen Mitternacht fix und fertig zu Hause in den Sessel fiel. Ich sagte zu meiner Frau: Eva, nun mag kommen, was will, wir haben gehandelt, hinter diesen Punkt können wir nie wieder zurück. Wenn es jetzt klingelt, kann es aber schon passieren, dass sie mich abholen.“

Am nächsten sehr frühen Morgen musste auch Meyer in der SED-Bezirksleitung „antreten“ und wurde zum Verfassen einer Stellungnahme über sein „Fehlverhalten“ aufgefordert, die der amtierende SED-Bezirkschef Helmut Hackenberg dem SED-Politbüro zu überbringen hatte. Meyer schrieb das, was er dachte, auf. Was noch am Tag zuvor wie ein Sakrileg hätte empfunden werden können, blieb nun ohne Sanktionen. Die allmächtige Partei hatte durch die Straße doch schon viel von ihrer Macht verloren.

Meyer lebt heute so, wie und wo er schon als guter Genosse zu Hause war. Als ihn in den 1990er Jahren die damalige „Zeit“-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff für ein Gespräch in seiner Leipziger Plattenbauwohnung besuchte, meinte sie, er habe sich wohl in der neuen Zeit verkleinern müssen. Meyer konnte lächelnd dementieren. Nach 1989 durfte er aufgrund seiner früheren Verhaltensweisen bis zu seinem planmäßigen Vorruhestand noch einige Jahre als Lehrer am Thomas-Gymnasium arbeiten und Deutsch und Geschichte unterrichten. Zum Abschied sangen für ihn die Thomaner.

Meyer zitiert Johann Wolfgang von Goethe. Auf ihn lässt der gebildete Bürger nun gar nichts kommen: „Die Tätigkeit ist, was den Menschen glücklich macht …“

Kurt Meyer: Ich wollte eine DDR, in der es demokratischer zugeht und in der es sogar eine Opposition geben kann.

Kurt Meyer: Wir mussten handeln. Alles ist aber an diesem Tag doch ein bisschen unwirklich an mir vorbei gezogen.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 10. Juli 2009
© Leipziger Volkszeitung

„Folgen der Friedlichen Revolution“

Ministerpräsident Wolfgang Böhmer über Stasi-Aufarbeitung, Verjährung und den Tillich-Fragebogen

Berlin. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) plädiert in der neuen Stasi-Debatte für weniger Aufgeregtheit und erinnert an die Friedliche Revolution sowie an das Prinzip der Verjährung von Taten.

Frage: Ist es noch angemessen, 20 Jahre nach der Wende Karrieren danach zu bemessen, ob jemand zur DDR-Staatssicherheit gehört hat?
Wolfgang Böhmer: Wenn jemand aktiv dazugehört und dabei auch noch anderen Menschen geschadet hat, dann darf das nicht mit dem Mantel des Schweigens bedeckt werden. Aber mehr wird nach 20 Jahren nicht mehr machbar sein. Es ist auch nicht nötig, dass wir eine schon bewältigte Vergangenheit wieder neu und mit großer Kontroverse durchdiskutieren. Das bringt nichts.

Was haben wir denn bewältigt?
Wir haben in allen neuen Bundesländern Mitarbeiter, die ihre Tätigkeit für die Staatssicherheit zugegeben haben, ohne dass bei den Kontrollen und Prüfungen schwerwiegende belastende Momente bekannt geworden sind. Die arbeiten heute noch im öffentlichen Dienst. Das soll nicht erneut ganz grundsätzlich in Frage gestellt werden. Das haben wir hinter uns.

Heute weiß man mehr aus den Akten. Wie soll man mit entstehenden Ungerechtigkeiten umgehen?
Bei allen Vorwürfen, die wir uns gegenseitig machen, gibt es auch den Begriff der Verjährung. Nach 20 Jahren kann man nicht mehr so tun, als ob wir plötzlich wieder am Anfang stünden.

Wie erklären Sie Opferverbänden, dass heute noch tausende ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit im öffentlichen Dienst arbeiten?
Auch die Opferverbände waren in der ersten Hälfte der 90er Jahre in den Überprüfungskommissionen für den öffentlichen Dienst. In Sachsen-Anhalt wurden nach Vorlage der Rosenholz-Dateien 2004 die meisten, insgesamt 17 700 Bedienstete des Landes, noch einmal überprüft. Auch da gab es Entlassungen. Wir konnten aber nicht auf alle Mitglieder der Polizei oder auf alle Lehrer grundsätzlich verzichten.

Bedauern Sie das heute?
Es gehört zu den Folgen einer friedlichen Revolution. Wir haben nicht Revolution à la Lenin gemacht und die herrschende Klasse liquidiert. Wir waren stolz darauf, das nicht gemacht zu haben. Dann muss man sich aber auch mit Nachfolgeproblemen auseinandersetzen, von Pensionsregelungen für ehemalige Funktionsträger bis zur Weiterbeschäftigung von Mitläufern. Nicht die kleinen Stasi-Wichtigtuer waren die eigentlichen Verantwortungsträger. Das waren die hohen Parteifunktionäre. Deswegen sage ich, wir sollten diese Debatte jetzt nicht überbewerten.

Also doch Schlussstrich?
Öffentlich gestellte Fragen müssen beantwortet werden, sonst schwelt das weiter. Für den Wahlkampf eignet sich diese Vergangenheitsfrage nicht mehr.

Das wird der heutige leitende Mitarbeiter der CDU, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, gern hören. Der beantwortete, wie er selbst einräumt, seinen Vergangenheits-Fragebogen nicht sehr glücklich.
Ich habe jetzt diesen Fragebogen zum ersten Mal gelesen, auch die vier sogenannten Stasi-Fragen. Die sind so undeutlich formuliert, dass man nicht unterscheiden kann zwischen aktiver Tätigkeit und passiver Inanspruchnahme. Ich hätte das wohl auch so verstanden, dass nach aktiven Stasi-Kontakten gefragt ist. Es sind alle mal von Stasi-Leuten gefragt worden. Es war nicht besonders glücklich, wie Herr Tillich in dem Fragebogen geantwortet hat. Ich hätte mir das leichter gemacht. Auf die Frage, hatten Sie dienstlich Kontakte zu denen, hätte ich gesagt: Nein, aber gelegentlich die mit mir.

Möglicherweise nutzt diese Debatte eher der CDU im Wahlkampf. Wäre das ein Zeichen demokratischer Reife?
Es geht nicht nur um demokratische Reife. Es geht da auch um eine gewisse Schicksalsgemeinschaft derer, die den gleichen biografischen Hintergrund haben. Wenn jemand ohne diesen Hintergrund als moralischer Oberlehrer versucht, das zu instrumentalisieren, dann führt das automatisch zu einem Schulterschluss derer, die in dieser Schicksalsgemeinschaft sind. Die werden zusammenrücken und auch im Wahlkampf sagen, so lassen wir uns wirklich nicht behandeln.

Hat die CDU die 20 Jahre nach der Wende gut genutzt, um sich über die eigene Vergangenheit klar zu werden?
Ich war bis 1990 aus Überzeugung parteilos. Die CDU besteht heute zum Großteil aus Mitgliedern aus den alten Bundesländern. Da wird es immer unterschiedliche Perspektiven geben. Aber es ist doch schon genug, wenn wir uns gegenseitig zuhören und nicht versuchen, oberlehrerhaft zu belehren.

Ihre Partei verspricht nach der Wahl Steuerentlastungen trotz Krise. Wünschen Sie ihr auch den Mut zu einem unmissverständlichen Zeitplan dafür?
Nein. Gegenwärtig ist niemand in der Lage, Termine für Steuerentlastungen zu nennen. Das geht einfach nicht. Man kann Absichten und Ziele erklären. Aber schon heute so zu tun, als ob man ganz klar wüsste, dass wir das am 15. Mai 2011 machen, das kauft uns doch kein vernünftiger Mensch ab.

Interview: Dieter Wonka

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 16. Mai 2009
© Leipziger Volkszeitung

Die Legende des Polizei-Generals

Gerhard Straßenburg will am 9. Oktober 1989 in Leipzig die geplante Zerschlagung der Demonstration verhindert haben

Leipzig. Gerhard Straßenburg war 1989 Chef der Volkspolizei im Bezirk Leipzig. Am 9. Oktober – dem entscheidenden Tag der Friedlichen Revolution – will er es gewesen sein, der die Zerschlagung der Massendemonstration abgeblasen hat. Dokumente belegen anderes.

Von ARMIN GÖRTZ

Interviewwünsche dieser Zeitung lehnt Gerhard Straßenburg seit Jahren ab. Auch gestern war er nicht zu erreichen. Der Chef sei in Urlaub, hieß es in der Leipziger Sicherheitsfirma, die der 65-Jährige leitet. Am Montag allerdings tritt er bei einer Buchpremiere auf, Mittwoch hat ihn gar das ZDF-Morgenmagazin eingeladen. Bereits kürzlich hatte Erich Loest im Roman „Löwenstadt“ das Wirken des Ex-Volkspolizei-Generals am 9. Oktober 1989 gewürdigt, und nun legt Sachbuchautor Reiner Tetzner im Band „Kerzen-Montage verändern die Welt“ nach. „Entscheidend war natürlich das Volk auf der Straße“, betont der freie Autor, der selbst an jenem Abend über den Ring zog. Doch auch der Generalmajor, der ihm Interna anvertraut habe, findet Tetzners Lob. „Er hat am 9. Oktober eine positive Rolle gespielt.“

An jenem Tag sollte die Montagsdemo unterbunden werden, so hatte es Honecker zuvor gefordert. Die Befehlsgewalt vor Ort lag beim amtierenden Chef der SED-Bezirksleitung, Helmut Hackenberg, der dazu eine Bezirkseinsatzleitung führte.

Deren Mitglieder Straßenburg und Stasi-Bezirkschef Manfred Hummitzsch aber, so wird im Buch behauptet, hätten sich vor dem Abend verständigt, von sich aus nicht einzugreifen. Die Polizei habe einen friedlichen Ablauf gewollt, erklärt der Polizeichef in dem Band und meint, man habe mit einem Angriff auf das Stasi-Gebäude rechnen müssen. Darauf habe er „auch zum Schutz der Masse der friedlichen Demonstranten sowie der Gebäude, Einrichtungen und des privaten Eigentums“ vorbereitet sein müssen. Auf einem Monitor in seinem Dienstzimmer habe er die sich formierende Demo beobachtet. „Das Volk so friedlich – das gewaltsam aufzulösen, hätte eine Katastrophe bedeutet“, schildert der Ex-General seine Empfindungen. Um 18.15 Uhr will er Innenminister Friedrich Dickel angerufen und vorgeschlagen haben, auf Gewalt zu verzichten. „Mach, was du denkst“, soll der Minister schließlich um 18.25 Uhr erklärt und Straßenburgs Vorschlag bestätigt haben, die Zerschlagung der Demo abzublasen. Der will diesen Befehl um 18.35 Uhr erteilt und erst danach Hackenberg in der SED-Bezirksleitung informiert haben.

„Inzwischen ist die Zahl derer, die sich das Verdienst für den friedlichen Ausgang des 9. Oktober 1989 an die Brust heften, nicht mehr zu überschauen“, staunt Tobias Hollitzer. Der Chef des Leipziger Stasi-Museums verweist die Schilderung des einstigen Generalmajors ins Reich der Legenden. Der versicherte vor dem Einsatz schriftlich, „Provokationen und andere Störversuche rechtzeitig zu erkennen und kompromißlos zu bekämpfen“. Präzise schrieb er auf, wie die „ungesetzlichen Ansammlungen durch Räum- und Sperrhandlungen aufzulösen“ seien. Dazu, so erläutert Hollitzer, hätten unter anderem 3100 Polizisten und acht Hundertschaften der Kampfgruppen bereitgestanden, außerdem Schützenpanzerwagen, Wasserwerfer und LKW mit Räumgitter. Um 18.15 Uhr – als Straßenburg einen Gewaltverzicht vorgeschlagen haben will – hat er nach einem Ministeriumspapier „um die Unterstellung der 4 Kompanien VP-Bereitschaft Halle mit Sonderausrüstung“ gebeten. Stunden später hielt Straßenburg selbst in einem Bericht fest, der Verzicht auf Gewalt sei „vom amtierenden Vorsitzenden der Bezirkseinsatzleitung befohlen“ worden, also von Hackenberg. Dieser hatte zuvor vergeblich versucht, Honecker zu erreichen. Dickel oder Hackenberg können Straßenburg nicht mehr widersprechen, sie sind tot. Die Entscheidungsgewalt in Leipzig habe aber bei Hackenberg gelegen, betont Hollitzer. Die Sicherheitskräfte seien der Masse von 70 000 Demonstranten nicht gewachsen gewesen, das sei der Grund für den friedlichen Ausgang. Minister Dickel erklärte noch am 21. Oktober über die Demos: „Ich würde am liebsten hingehen und diese Halunken zusammenschlagen, dass ihnen keine Jacke mehr passt.“

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Reiner Tetzner: Kerzen-Montage verändern die Welt, edition vulcanus 2009, 319 Seiten, 16,95 Euro – Buchpremiere: 18. Mai, 19.30 Uhr, Stadtbibliothek Leipzig, Wilhelm-Leuschner-Platz 10


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 5. Oktober 2009 (Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung

Der siebte Mann

Aus Sorge um eine Eskalation in Leipzig fuhr Jugendforscher Walter Friedrich am 9. Oktober 1989 zu Egon Krenz

„Der Aufruf wäre auch ohne mich gekommen.“ Walter Friedrich wehrt ab. Und doch: Irgendwie befördert hat er das berühmte Papier, mit dem sich am 9. Oktober 1989 sechs prominente Leipziger an ihre Mitbürger wandten und zu Besonnenheit und friedlichem Dialog aufriefen, allemal. Eigentlich wollte der Leipziger, damals noch Chef des hiesigen Zentralinstituts für Jugendforschung (ZfI), am 5. Oktober seinen 60. Geburtstag feiern. Der befreundete Politbüro-Mann Egon Krenz in Berlin hatte indes mit den Vorbereitungen zum 40. Geburtstag der Republik zu tun. „Nur, mir war nicht wie feiern. Ich war absolut beunruhigt“, so Friedrich. Kurzerhand bat er Krenz um einen Termin. „Er war der einzige, dem ich mich anvertrauen wollte. Die anderen, ach ...“, Friedrich winkt ab. „Aber die Lage hier in Leipzig war so angespannt, drohte vor allem nach den letzten Montagsdemos zu eskalieren. Zumindest das wollte ich Krenz irgendwie mitteilen, ich musste einfach etwas tun.“

Tatsächlich erhielt der Professor gleich für Montag, den 9. Oktober, das Okay nach Berlin zu kommen. Würde Krenz sich wirklich Zeit für ihn nehmen? Friedrich setzte sich übers Wochenende hin, dokumentierte nochmals in einem 20-Seiten-Brief, was ihn bewegte. Völlig unverblümt. Dazu prädestiniert war er allemal. Immerwieder hatten der Professor und sein Team seit Gründung des Leipziger ZfI 1966 Lebens- und Gefühlslagen der DDR-Jugend erforscht. Doch schon sehr früh und immer wieder konterkarierten die dabei gewonnenen Erkenntnisse das von Volksbildungsministerin Margot Honecker propagierte sozialistische Menschenbild. Und so ließ speziell sie die Leipziger forschen, woran sie wollten, allein das meiste davon wurde weder kommuniziert noch publiziert. „Frau Honecker glaubte besser zu wissen, wie die Jugend tickt, und zwar bis zum letzten Tag“, so Friedrich heute noch bitter. „Aber Jugendforschung bedeutete letztlich Generationenforschung, über Jahrzehnte. Und so hatten wir sehr zeitig bemerkt, dass da in der Gesellschaft was gegen den Baum läuft.“ Und weil nun genau das in jenen heißen Oktobertagen ’89 auf Geheiß Erich Honeckers – und wohl exemplarisch in Leipzig – militant unterbunden werden sollte, warnte Friedrich in seinem Brief: „Ich sage mit aller Leidenschaft und Verantwortung für die DDR: Lieber Egon, es darf kein Blut fließen. Es darf in Leipzig nicht geschossen werden.“ Und mit der Einleitung „Eine letzte Bemerkung“ forderte er schließlich auf drei separat gehaltenen Seiten: „Meines Erachtens sollte Genosse Honecker bald zurücktreten“. Und, weil „man den Eindruck hat, dass er jetzt aufgebaut wird“, bloß nicht Genosse Mittag der Nachfolger werden! Das „wäre für die DDR eine Tschernenko-Lösung, wahrscheinlich mit noch schlimmeren Folgen“.

20 Minuten dauerte am Vormittag des 9. Oktober dann das Gespräch mit Krenz. Hinterher wird Friedrich sagen, dass Krenz aufgeschlossen gegenüber seinem Papier war, und versprochen hatte, „alles zu tun, damit heute Abend bei der Montagsdemo in Leipzig kein Blut fließen wird“. Vor allem aber hatte Krenz ihm zugesteckt, dass er eigentlich vorhabe, mit anderen Politbüroleuten am nächsten Tag Honecker abzulösen. Nur fehle ihm dafür momentan in dem Gremium noch die nötige Mehrheit.

Diese wichtige Botschaft beflügelte Friedrich. „Ich musste schnell nach Leipzig zurück und die Nachricht entscheidenden Leuten zukommen lassen.“ Im Blick hatte er dabei den SED-Bezirksleitungssekretär Roland Wötzel, den er schon länger „als kritischen und mutigen Geist“ schätzte. „Ich dachte, wenn er vielleicht hier der Einsatzleitung den Hinweis gibt, dass Honeckers Sturz bevorsteht, hat man vielleicht eher die Courage, einem etwaigen Befehl von ihm zu negieren.“

So zwischen 14 und 15 Uhr machte Friedrich Wötzel in Kurt Masurs Wohnung ausfindig, wo zu sechst – mit zwei weiteren SED-Sekretären, mit Kabarettist Bernd-Lutz Lange und einem Theologen – gerade eingangs erwähnter Aufruf formuliert wurde, der abends dann etwa per Sender Leipzig und Stadtfunk die Menschen auf den Straßen und in den City-Kirchen erreichte. Friedrich, zu der Stunde wieder mal ein Mit-Demonstrant, vernahm ihn an einer innerstädtischen Tonsäule stehend – und war erleichtert.

„Nein, also der Aufruf kam auch ohne mich zustande“, betont er nochmals. Aber dass parallel dazu auch Krenz an dem Tag telefonisch auf verantwortliche Stellen in der Republik einwirkte, um das Blutvergießen zu verhindern – in diesem Sinne hatten die Leipziger Sechs mit Friedrich ihren siebten Mann.

Angelika Raulien

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 11. August 2009 (Seite 14)
© Leipziger Volkszeitung

Leserbriefe

Zum Beitrag „Andersherum wird ein Schuh daraus“ vom 27. Juli:

Ich bezeuge gegen Herrn Külow und für Herrn Wolf: Am 9. Oktober 1989 gegen 9 Uhr bin ich vom damaligen stellvertretendem APO-Sekretär und Sicherheitsbeauftragten der Sektion Journalistik, Hans Hüttl, über die Ziele der Kirchenbesetzung folgendermaßen belehrt worden:

1. Man wolle die Kirche rechtzeitig so füllen, dass für die üblichen Teilnehmer der Friedensgebete kein Platz mehr in der Kirche ist, deren harter Kern draußen vor der Nikolaikirche gegriffen werden soll, um so den Demonstrationen die Spitze zu nehmen, sie zu beenden. Wir sollten, damit man uns nicht von vornherein von den wirklichen Teilnehmern des Friedensgebetes unterscheiden kann, keine Parteiabzeichen tragen.

2. Wir müssten damit rechnen, dass einzelne von uns ebenfalls mit auf LKWs verladen würden, weil die Sicherheitskräfte, wenn der Zugriff erst später erfolgen sollte, uns nicht von den anderen unterscheiden könnten. Zu diesem Zweck werde eine Namensliste von uns angefertigt und der Polizei übergeben, damit wir dann spätestens am nächsten Morgen aussortiert werden und wieder nach Hause gehen können.

3. Meine Motive, an dieser Kirchenbesetzung teilzunehmen, waren vor allem zwei:
Ich wollte mich nicht wieder belügen lassen, was in der Kirche wirklich stattgefunden hat, wer wofür steht. Und ein zweites vielleicht noch wichtigeres Motiv war, dass mein Sohn damals seinen Wehrdienst leistete. Ich hatte große Angst, dass er wie die Soldaten in China am 3. und 4. Juni 1989 den Befehl erhalten würde, die Demokratiebewegung niederzuschießen. Wenn wirklich geschossen werden sollte, sollten sie zuerst seine Mutter erschießen. Von beabsichtigter Deeskalation keine Spur! Ich hatte während der gesamten Kirchenbesetzung fürchterliche Angst, nicht vor den Pfarrern und den Teilnehmern der Friedensgebete, sondern vor den Machthabern der SED. Die Kirchenbesetzung war eine bodenlose Unverschämtheit und hat die verantwortlichen Pfarrer und Kirchenvorstände bis zum äußersten gefordert, ihren Grundsätzen von Gewaltfreiheit und Feindesliebe treu zu bleiben und dies auch von ihren Gemeindemitgliedern zu erbitten: „Lasst euch nicht provozieren, durchbrecht keine Polizeiketten, geht behutsam miteinander um!„

Henrike Dietze, 04109 Leipzig

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 13. August 2009 (Seite 4)
© Leipziger Volkszeitung

„Wir sind ein Volk“

Muldentaler Klaus Erfurth will auf Demo am 20. November 1989 die vier berühmten Worte als Erster geprägt haben

Trebsen/Altenhain. Bei den Montagsdemos in Leipzig habe er alles notiert „und zu Hause ins Reine geschrieben“, sagt Reiner Tetzner, Autor des Wende-Tagebuches „Leipziger Ring“. Am 20. November 1989, so Tetzner, skandierte ein Handwerker als Demo-Redner „Wir sind ein Volk“. – „Ja, es stimmt, ich war der Mann“, bestätigt Klaus Erfurth aus Altenhain (Kreis Leipzig).

Der heute 69-Jährige ist sich zu 100 Prozent sicher, die geschichtsträchtige Losung als Erster geprägt zu haben. An seiner schriftlich vorbereiteten Rede feilte er ganze zwei Wochen lang, immer wieder verwarf er etwas und fügte Neues hinzu. „Auf der Operntreppe drängelten sich bereits die Redner, ich stellte mich einfach dazu. Als ich dran war, nannte ich meinen Namen nicht, obwohl das die Leute auf dem Karl-Marx-Platz lautstark forderten. Klar, ein bisschen Schiss hatte ich schon. Es war meine erste Rede.“ Wir sind ein Volk – das Westfernsehen strahlte die berühmten vier Worte noch am Abend in den Hauptnachrichtensendungen aus. Sabine Christiansen machte den namenlosen Handwerker gar zum Tagesthema.

Nicht ihm, sondern jenem viel zitierten Volk gebühre der Dank, sagt Erfurth: „Wenn es nach dem Willen der Leute auf der Operntreppe gegangen wäre, hätten die mich am liebsten gleich von der Bühne gezerrt. Denn ich forderte die Einheit. Und zwar schnellstmöglich. Nur dadurch war meiner Meinung nach die Ausreisewelle zu stoppen und das Ausbluten des Ostens zu verhindern.“ Kritiker warfen ihm Populismus vor. „Lasst den Mann ausreden“, schrien dagegen die Demonstranten auf dem Platz.

Wer ist dieser Ur-Altenhainer Klaus Erfurth, der für einen Moment Geschichte schrieb? Als Handwerkersohn war er zunächst schlechter gestellt als die Arbeiterkinder. Deshalb hagelte es Absagen – erst von der Ingenieurfachschule Zwickau, dann von der Energiefachschule Zittau. Also begann er seine Lehre im Braunkohlenkombinat Espenhain. Nach ein paar Jahren als Betriebsschlosser meldete er sich 1959 freiwillig zur NVA – er wollte ja noch auf die Fachschule. Als aber der Major kam und ihm einen Job in der Werkstatt anbot, verpflichtete er sich sogar für länger. Er erlernte den Beruf des KFZ-Schlossers und des Elektromechanikers. Noch in der Armeezeit heiratete er und baute sich in Altenhain im Muldental ein Haus.

1963 startete der spätere Vater von vier Kindern bei der PGH Straßen- und Tiefbau Brandis und stieg kurz danach in der privaten Autowerkstatt seines Vaters ein, die er 1974 als Meister übernahm. Erfurth, der nach 35 Jahren noch immer Vertragshändler von Simson und MZ ist, schmunzelt: „Simson und MZ waren ja nie ganz tot. Aber es stimmt schon, damals hätte ich mir nicht träumen lassen, wie viele Betriebe in der neuen Zeit platt gemacht werden.“ Im Nachhinein ärgere sich der zweimal in den Kreistag gewählte Erfurth über die Verschleuderung von Volksvermögen. Politik sei ein schmutziges Geschäft. „Oft scheuen sich Politiker, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, weil sie wiedergewählt werden wollen. Und Arbeiter trauen sich nicht, gegenüber ihrem Chef aufzumucken, da sie fürchten müssen, entlassen zu werden.“

Dennoch bereut er nichts, zieht Klaus Erfurth positive Bilanz. „Ich habe den Anstoß zur schnelleren Einheit gegeben. Und Hand aufs Herz: Es ist doch auch einiges geworden. Mehr Freiheit bedeutet auch mehr Verantwortung, daran gibt es nichts zu rütteln.“

Haig Latchinian

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 16. Juni 2010 (Seite 21)
© Leipziger Volkszeitung

"Wir sind das Volk"

Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 schlägt den Bogen ins Jahr 1989 und zu Ferdinand Freiligrath

Leipzigs CDU-Ortsverbände Nord und Nordost erinnern auch in diesem Jahr an den Volksaufstand des 17. Juni 1953. Für Donnerstag laden sie zu einer Gedenkveranstaltung an den Bismarckturm in Lützschena-Stahmeln.
Für Wolf-Dietrich Rost, Ortsverbandsvorsitzender und sächsischer CDU-Landtagsabgeordneter, steht fest: "Wir ehren die mutigen Menschen und die Opfer, die mit ihrem damaligen Protest gegen die weitere Entfremdung der beiden deutschen Staaten und für eine Zukunft in Einheit eintraten. Der Ort des Bismarckturms ist bewusst gewählt. Otto von Bismarck war nun mal vom Willen geprägt, einen deutschen Einheitsstaat zu schaffen."

In ganz Mitteldeutschland gingen vor nunmehr 57 Jahren über hunderttausend Menschen aus Protest gegen das herrschende und von Sowjet-Unterstützung getragene SED-Regime auf die Straßen. Auch in Leipzig gab es Todesopfer: Dieter Teich, 19 Jahre jung, Gießereifacharbeiter, wurde erschossen. Das gleiche Schicksal erlitt Elisabeth Bröcker. Die Rentnerin war 64 Jahre alt. Der erst 16 Jahre alte Schlosserlehrling Paul Ochsenhauer kam ebenso in Leipzig zu Tode. Der Uhrmacher Johannes Köhler (45) erlag in der Leipziger Universitätsklinik seinen Schussverletzungen. Der Mühlenwärter Eberhard von Cancrin (43) gehört zu den Todesopfern wie der Polizist Erich Kunze (28). Herbert Kaiser, Bäcker von Beruf, wurde in Folge des Aufstands, dem Stalins Diktatur mit militärischer Gewalt Einhalt gebot, im Dezember 1953 im Moskauer Geheimdienstgefängnis hingerichtet.

"Der 17. Juni 1953 darf nicht vergessen werden. An diesem Tag wurde der Volksaufstand gegen die Diktatur noch brutal beendet. 1989 wagten es die Mächtigen nicht mehr, die Panzer in Bewegung zu setzen", sagt Wolf-Dietrich Rost.

Der 17. Juni 2010 ist in noch einem Kontext ein besonderer Tag. Zum 200. Mal jährt sich dann genau der Geburtstag von Ferdinand Freiligrath. Er war neben Heinrich Heine und Georg Herwegh der bekannteste Lyriker in der Mitte des 19. Jahrhunderts, seine Liebesgedichte sind legendär. Seine schönsten Gedichte hat er als kaufmännischer Angestellter geschrieben. Karl May war später einer seiner größten Bewunderer. Noch später hat Freiligrath in der Schauspiel-Diva Marlene Dietrich seine Verehrerin, ihr Lieblingsgedicht "O lieb', solang Du lieben kannst!" wird sogar 1992 an Marlenes Grab in Berlin rezitiert.

Man konnte Freiligraths Gesänge einst in ganz Deutschland auswendig. Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy haben die Lyrik vertont. 1848 wurde der Dichter zu einem der Wortführer der damaligen Revolution. Zusammen mit Karl Marx, Friedrich Engels und Georg Weerth redigierte er die Neue Rheinische Zeitung. In dieser Zeit schrieb er auch sein wohl berühmtestes Freiheitslied. Der "Trompeter der Revolution", wie Freiligrath damals nur genannt wurde, dichtete in seinem Epos "Trotz alledem":
"Nur, was zerfällt, vertretet ihr! / Seid Kasten nur, trotz alledem! / Wir sind das Volk, die Menschen wir, /Sind ewig drum, trotz alledem! / Trotz alledem und alledem: / So kommt denn an, trotz alledem! / Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht - / Unser die Welt trotz alledem!" "Wir sind das Volk" - Ferdinand Freiligraths Worte nahmen sich die Menschen 1953 noch eher still zu Herzen. 1989 erschallten diese Worte aber vor allem in Leipzig mehr und mehr lauthals über die Straßen. Und die Panzer rollten nicht. Thomas Mayer iTreffen am Bismarckturm in Lützschena-Stahmeln, 17. Juni, ab 19 Uhr. Der Bismarckturm ist mit der LBV-Linie 11 zu erreichen. Ab 18.30 Uhr ist ab der Straßenbahnhaltestelle ein Fahrdienst eingerichtet.

Wolf-Dietrich Rost: Der 17. Juni 1953 darf nicht vergessen werden. An diesem Tag wurde der Volksaufstand gegen die Diktatur noch brutal beendet. 1989 wagten es die Mächtigen nicht mehr, die Panzer in Bewegung zu setzen.

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Eintragung der Wortmarke "Wir sind das Volk"
im Jahr 2002 beim Deutschen Patent- und Markenamt als Wortmarke.

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Stand: 28. Juli 2010
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