Pressemitteilung des Paulinervereins vom 4. Februar 2009

Eindringlicher Appell an den sächsischen Ministerpräsidenten:
Keine Trennwand in der neuen Universitätskirche St. Pauli
Für gleichberechtigte Nutzung als Kirche und Aula

(Leipzig) Mit einem eindringlichen Appell, den von der Leipziger Universitätsleitung gegen alle Proteste verlangten Einbau einer Trennwand im derzeit entstehenden Neubau am Ort der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli zu verhindern, haben sich der Paulinerverein und die Freunde der Universitätskirche St. Pauli in einem Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten Tillich gewandt. In Hinblick auf die demnächst anstehende Entscheidung des Bauherren, ob dieser Bau durch eine Trennwand geteilt wird, heißt es darin, dass eine Trennung des Gesamtraumes - unabhängig von allen damit verbundenen bautechnischen und akustischen Problemen - als politische Antwort auf die Sprengung von 1968 unerträglich sei. Wird nicht gewährleistet, dass der gesamte Raum gleichberechtigt Kirche und Aula sein kann, entsteht ein pseudo-sakraler Nachfolgebau, der in seinem äußeren Erscheinungsbild lediglich daran erinnert, dass dort früher einmal eine Kirche stand.
Erinnert wird in dem Schreiben an die Aussage des sächsischen Finanzministers Prof. Dr. Unland auf dem Richtfest in Leipzig am 21.10.2008:

    "Diese Universität repräsentiert die Glaubens- und die Wissenschaftsfreiheit und vor allem auch die 1989 in Leipzig errungene politische Freiheit.
    Ich würde mir es also wünschen, wenn diese drei Freiheiten gemeinsam und nicht getrennt ihre Widerspiegelung in der Gestaltung des Innenraumes finden würden."

Eine solche - Glaubens-, Wissenschafts- und politische Freiheit verbindende - Innenraumgestaltung kann es bei Einbau einer Trennwand nicht geben.
Nur eine klare Entscheidung für die Universitätskirche St. Pauli, die als Kirche - mit Altar und Kanzel - und als Aula genutzt werden kann, ohne Trennwand zwischen Chorraum und Kirchenschiff, überwindet die Unrechtsentscheidung von 1968 wirklich.

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Lesen Sie eine Auflistung der
Befürworter der Wiedergewinnung einer ungeteilten Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig.

Antrag auf Mitgliedschaft im Paulinerverein


Pressemitteilung des Paulinervereins vom Januar 2009

Im Interesse der Sache und des Ansehens der Stadt und der Universität

Erklärung des Paulinervereins und der Freunde der Universitätskirche zum Ergebnis der Gespräche über den Neubau der Universitätsgebäude am Augustusplatz

Dem Ansehen von Stadt und Universität verpflichtet, gebietet es die Verantwortung vor dem Ort der gesprengten Universitätskirche St. Pauli dem Paulinerverein und den Freunden der Universitätskirche, sich jetzt und in Zukunft weiterhin uneingeschränkt zu äußern. Dabei geht es ausschließlich um eine sachliche Auseinandersetzung über offene Fragen der Gestaltung und Nutzung der Universitätskirche.

Die Universität war 1968 maßgeblich an der Vernichtung der Universitätskirche beteiligt. Sie hat sich vom Beginn des Neubaues ihres Campus an der Wiedergewinnung dieser Kirche verweigert und thematisiert das auch heute noch öffentlich durch ihren derzeitigen Rektor: "Es ist nämlich nicht die Aufgabe des Staates und der Universität, eine neue Kirche zu bauen" (Journal Universität Leipzig, Dezember 2008, S. 6). Damit bleibt die Wunde ungeheilt, die der demokratischen Bürgerschaft in Leipzig und darüber hinaus zugefügt wurde.

Die Beseitigung der Kirche war eine programmatische Handlung zur Bekämpfung des christlichen Glaubens, des humanistischen Geistes und einer Kultur, die nicht die der Herrschenden von damals war. Die Universität Leipzig will jetzt ein Neues Augusteum und eine neue Aula haben, aber keine Universitätskirche. Damit wird sie an entscheidender Stelle ihrer historischen Aufgabe nicht gerecht und wird neu schuldig.

Das in der "Erklärung vom 15. Dezember 2008" von Frau Professor Monika Harms mitgeteilte Ergebnis der Gespräche über den Neubau der Universitätsgebäude am Augustusplatz hält offen, ob der Bauherr im Einvernehmen mit der Universität die Trennung in einen sakralen und einen weltlichen Raum vornimmt. Eine solche Trennung wäre neben allen damit verbundenen bautechnischen und akustischen Problemen zuvorderst ein Bruch mit der Geschichte der Universität: Die Doppelnutzung des Gesamtraumes als Gottesdienststätte - mit Kanzel und Altar - sowie als Aula war über Jahrhunderte die identitätsstiftende Grundlage universitären Lebens an der Alma mater Lipsiensis.

Den historischen Ort am Augustusplatz nicht wieder eindeutig "Universitätskirche St. Pauli" zu nennen, würde die Vernichtung von 1968 bestätigen und die damals herrschende Ideologie fortsetzen. Auch in dieser Namensfrage erweist sich das Vermittlungsergebnis als unvollständig und unklar: Die im Protokoll festgehaltene Namensregelung "Paulinum - Aula . Universitätskirche St. Pauli" hindert - wie jüngst u.a. im Neujahrsgruß des Rektors nachzulesen - die Universitätsleitung nicht daran, unverändert ausschließlich vom "Paulinum" zu sprechen. Sie unterläuft damit bereits jetzt den Geist des Vermittlungsergebnisses.

Dies gilt erst recht für die Frage der "vor der Sprengung 1968 geretteten Teile der Universitätskirche St. Pauli". DER SONNTAG vom 4. Januar 2009 zitiert Rektor Häuser, der Paulineraltar verbleibe bis zum Jahr 2013 in der Thomaskirche. Ferner: "Wo sie [die Kanzel] danach [nach der Restaurierung] aufgestellt wird, ist noch offen." Das Rektorat stellt mit diesen Aussagen in bemerkenswerter Weise - innerhalb von weniger als 4 Wochen - offen das Ergebnis des Vermittlungsgespräches weiterhin in Frage. Wenn die Teilnehmer des Gespräches, zu denen der Paulinerverein nicht eingeladen war, mit der Erklärung vom 15. Dezember 2008 meinen, dass die Diskussion um Gestaltung, Nutzung und Namen beendet sei, irren sie.

Der Paulinerverein ist inzwischen in grundsätzlicher Sorge über den Ansehensverlust, den das Rektorat mit aktuellen Äußerungen billigend in Kauf nimmt. So hat Rektor Häuser in einem im Leipzig Fernsehen am 12. Dezember 2008 ausgestrahlten Interview Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse angegriffen, der sich zuvor für eine ungeteilte Universitätskirche ausgesprochen hatte. Der Rektor hatte das Angebot einer persönlichen Begegnung und eines Dialogs zum Thema Universitätskirche mit Wolfgang Thierse unbeantwortet gelassen, sodann aber nach dessen Besuch in Leipzig in diffamierender Weise und ohne seriöse Sachauseinandersetzung wörtlich geäußert: "Herr Thierse hat keine Ahnung von der Baugeschichte der Universität. Er hat keine Ahnung von den historischen Nutzungen der Gebäude der Universität. Er hat keine Ahnung von den Ausschreibungsbedingungen. Er hat keine Ahnung von dem, was der Architekt hier vorgeschlagen hat."

[.........]
An dieser Stelle standen 3 Sätze, die aufgrund einer von der Universität Leipzig geforderten Unterlassung entfernt wurden.

Als Bürgerbewegung können wir dazu nicht schweigen, schon gar nicht im Jubiläumsjahr der Revolution von 1989, als an diesem Ort die Freiheit der Meinung erstritten wurde. Für uns bleibt es dabei: Nur eine klare Entscheidung für die Universitätskirche St. Pauli, die als Kirche - mit Altar und Kanzel - und als Aula genutzt werden kann, ohne Trennwand zwischen Chorraum und Kirchenschiff, überwindet faktisch die Unrechtsentscheidung von 1968.


Quelle: FREIES WORT - 6. Februar 2009
© FREIES WORT

Leipzig: Streit um Aula hält an

Leipzig – Der Paulinerverein lässt im Streit um eine Trennwand in der Aula der Leipziger Universität nicht locker. In einem gestern veröffentlichten Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) sprechen sich mehrere Vorstandsmitglieder des Vereins um den Vorsitzenden Ulrich Stötzner dagegen aus, eine Trennwand zwischen Andachtsraum und Aula zu errichten. „Eine solche Trennung wäre ein Bruch mit der Geschichte der Leipziger Universität – unabhängig von allen damit verbundenen bautechnischen und akustischen Problemen“, heißt es in dem Schreiben.

epd

Aktionsbündnis 'Neue Universitätskirche St. Pauli' mahnt Kompromiss und Konsens an

Das Aktionsbündnis 'Neue Universitätskirche St. Pauli' hat anlässlich der Aufführung des Oratoriums 'Paulus' am 07. Februar 2009 in der Thomaskirche angemahnt, dass jetzt die wesentlichen Eckdaten des Kompromisses vom Dezember 2008 auch umgesetzt werden müssen! Unter dem Titel 'Damit Paulus in der Universitätskirche bleiben kann - ein offenes Wort zum Beginn des Jubiläumsjahres' wurde dazu eine Erklärung verteilt.

Hier der Wortlaut:

1409 wurde die Universität Leipzig in der Thomaskirche resp. im Refektorium des Thomasklosters gegründet. 1837 fand die Leipziger Erstaufführung des Oratoriums "Paulus" von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Universitätskirche St. Pauli statt.
Dort gab Mendelssohn auch sein letztes Konzert vor seinem Tod am 04. November 1847. Dies nehmen wir zum Anlass, an die Bedeutung und Chance der neuen Universitätskirche St. Pauli zu erinnern, die am Augustusplatz entsteht. Wir setzen uns dafür ein, dass aus dem sog. Kompromiss ein Konsens in Universität und Stadt wird:

  • Der Freistaat Sachsen baut auf dem Campus der Universität Leipzig die Universitätskirche St. Pauli. Nach dem Kompromiss sollte unstrittig sein, dass das Gebäude auch so heißen wird.
  • Die Universität Leipzig garantiert die Universitätsgottesdienste an Sonn- und Feiertagen um 11.00 Uhr. Damit wird die Universität Leipzig ihren geistlichen Einrichtungen und Institutionen (Universitätsgottesdienst, Universitätsprediger, Universitätsorganist, Universitäts-musikdirektor) gerecht.
  • Der Aufstellung der Kanzel am historischen Ort, deren Restaurierung von der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens finanziert wird, steht nichts mehr im Wege.
  • Die Glaswand wird, so sie denn gebaut werden sollte, die meiste Zeit offen stehen, da viele Menschen die neue Universitätskirche St. Pauli in ihrer Dreifachnutzung - gottesdienstlich, akademisch, musikalisch - in Anspruch nehmen werden. Dem kann jetzt schon Rechnung getragen werden. Denn die Glaswand ist auch nach akustischen, klima-tischen, funktionalen und finanziellen Gesichtspunkten überflüssig.
  • Die Universität erhält mit der Universitätskirche/Aula einen herausragenden Ort der Begegnung von Glauben und Wissenschaft im kritischen Dialog. Es wird darauf ankommen, dass sich Universität und Stadt sich der Einmaligkeit dieses Raumes würdig erweisen.
Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli"
Dem Aktionsbündnis gehören an: Prof. Dr. Rainer Eckert - Rainer Fornahl - Martin Henker - Regina Schild - Rolf Sprink - Walter Christian Steinbach - Dr. Ulrich Stötzner - Gunter Weißgerber - Christian Wolff

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Lesen Sie die Ansprache zum Konzert.


Quelle: http://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Erick_van_Egeraat_insolvent_730588.html
© Baunetz - 23.01.2009

Credit Crunch

Erick van Egeraat insolvent

Tragische Breaking News am Freitag Nachmittag: Erick van Egeraat Associates melden Insolvenz an. Der niederländische Architekt sei in Zahlungsschwierigkeiten geraten, nachdem gleich mehrere seiner Großprojekte infolge der weltweiten Finanzkrise (die auf englisch credit crunch heißt) gestoppt worden sind. Dies meldet Building Design am 23. Januar. Ein Rechtsanwalt erklärte, dass man versuche, einige Projekte dennoch zu vollenden oder aber Partner zu finden, die in diese Projekte einsteigen – sofern sie die ursprünglichen Entwürfe zum Abschluss führen. Noch sei nichts entschieden.

Nach den Banken und der Autoindustrie nun also auch die international aufgestellten Architekturfirmen?

Bei van Egeraat geht es immerhin um 150 Mitarbeiter in Rotterdam, London, Moskau, Budapest und Prag. Welche Projekte betroffen sind, lässt sich noch nicht absehen. In Deutschland ist van Egeraat mit der Uni Leipzig beschäftigt; hier konnte im letzten Herbst Richtfest gefeiert werden (siehe BauNetz-Meldung vom 21. 10. 2008). Der heilige Paulus möge verhindern, dass die stilisierte Paulinerkirche auf dem Leipziger Campus unvollendet bleibt...


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 9. Januar 2009 (Lokalteil, Seite 15

Paulinerverein kritisiert Uni erneut

Der Paulinerverein wolle sich nach den Vermittlungsgesprächen von Generalbundesanwältin Monika Harms zum Nachfolgebau der Uni-Kirche „weiterhin uneingeschränkt äußern“, kündigte gestern dessen Vorsitzender Ulrich Stötzner an. Gesagt, getan: In einer Erklärung des Vereins heißt es, die Alma mater werde, weil sie keine Uni-Kirche baue, sondern ein Augusteum und eine Aula, „ihrer historischen Aufgabe nicht gerecht“ und „neu schuldig“.
Nach den Harms-Gesprächen sei offen, ob der Bauherr im Einvernehmen mit der Uni die Trennung in einen sakralen und einen weltlichen Raum vornimmt. Letztere wäre „ein Bruch mit der Geschichte der Universität.“ Die im Protokoll festgehaltene Namensregelung „Paulinum. Aula – Universitätskirche St. Pauli“ hindere „wie jüngst im Neujahrsgruß des Rektors nachzulesen“, die Universitätsleitung nicht daran, unverändert ausschließlich vom Paulinum zu sprechen. „Sie unterläuft damit bereits jetzt den Geist des Vermittlungsergebnisses.“

kru

Quelle: Bauwelt 3 | 2009
© BAUWELT

Paulinum

In Leipzig ist und bleibt das Thema Paulinerkirche ein Minenfeld.
Dort, wo der Nachfolger des 1968 gesprengten Bauwerks in Gestalt des „Paulinums“ – sprich der neuen Aula auf dem ebenso neuen Campus der Universität – derzeit in die Höhe wächst, hört man von einem „Thesenanschlag“ am Bauzaun und findet in der örtlichen Zeitung spaltenweise Leserbriefe nebst Sonderbeilagen und Telefonabstimmungen. In den Baulärm mischt sich Protestgeschrei von der Straße, als müsse noch mal von vorn begonnen werden.

Dabei entzündet sich der Volkszorn an scheinbar nebensächlichen Fragen. Debattiert wird, ob die Aula mit einer durchsichtigen Wand in zwei Räume getrennt werden soll – einen eher kirchlichen und einen eher profanen. Damit verbunden ist ferner ein Streit um den Namen: Die Universität möchte mit „Paulinum“ weltanschauliche Neutralität signalisieren, der „Pauliner-Verein“ und seine Kreise wollen dagegen „Universitätskirche St. Pauli“ zurückhaben, im Namen und in der Funktion das Gebäude wieder religiös aufladen.

Nun haben sich die Parteien auf eine angeblich salomonische Lösung geeinigt. Das Bauwerk soll „Paulinum“ heißen, an den Türschildern drinnen aber wird „Aula“ für den Hauptsaal und „Universitätskirche St. Pauli“ für den Quasi-Chorraum stehen.
Das semantische Verwirrspiel spiegelt aber nicht nur die Bockigkeit der Beteiligten wider. Es hat auch mit der Baugeschichte zu tun. „Architektur als Bedeutungsträger“: Das ist hier das eigentliche Thema.

Die politisch gewollte Sprengung von 1968 hat in die Köpfe das Bild von dem Bauwerk eingebrannt, wie es in einer Staubwolke dahinsinkt, und damit das Bild von seinem spät-neugotischen Antlitz. Die platzbeherrschende Ostfassade nach dem Vorbild des Doms von Orvieto schuf 1897 Arwed Rossbach, um der Kirche Halt zu geben neben dem pompösen Säulenportikus an der Fassade des Augusteums. Zum Innenleben der Kirche, im Wesentlichen noch die Dominikanerkirche des 13. Jahrhunderts, hatte dieser Auftritt mit seiner gerahmten Fenster- Rosette kaum noch einen Bezug.

Aber in dem Bild lebt auch die kollektive Erinnerung an die Schändung einer Stadt weiter, gepaart mit der Schmach, der Obrigkeit nicht getrotzt zu haben, wie das in Dresden beim Residenzschloss der Fall gewesen war. Als bald nach der Wende darüber diskutiert wurde, den Universitäts-Campus der späten sechziger Jahre am Augustusplatz komplett neu zu bebauen, mussten diese Kränkungen aufflammen, und sie fanden ihr Organ im Pauliner-Verein, der lautstark den Wiederaufbau der Kirche forderte. Aber anders als bei der Dresdner Frauenkirche war eine geradlinige Rekonstruktion in Leipzig nicht automatisch konsensfähig. Die Stimmung war jedoch stark genug, um das Ergebnis des ersten Architekturwettbewerbs vom Mai 2002 (Heft 24.02) in einem Aufschrei der Empörung untergehen zu lassen.

Der damals zur Ausführung ausgewählte zweite Preisträger (es gab keinen ersten Preis), das Büro Behet und Bondzio aus Münster, machte nicht nur keine Konzessionen an historische Bauformen, der Anklang an die Kirche war mit dem Modell einer „Box in der Box“ zudem intellektuell zu abgehoben. So gab es einen gesonderten Nachfolge-Wettbewerb zur Aula, bei dem die Münsteraner ihr Konzept tiefgreifend veränderten. Sie wollten nun in ihrer Box quasi den Negativ-Abdruck des Kirchenraums mitsamt seinem Spitzdach entstehen lassen.
Im Inneren würden Besucher den Raum nicht nur vom Boden, sondern geschossweise auch auf Stegen betrachten. Eingeätzt auf der Glasfront zum Augustusplatz, wäre draußen wie drinnen das Bild der historischen Kirche wahrzunehmen.

Gegenüber seinem Vorgänger besaß dieser Entwurf durchaus poetische Kraft und blieb bei aller Abstraktion erkennbar als wachgerufene Erinnerung an das Verlorene. Doch bei der unterschwelligen Stimmung in der Stadt musste die Wahl auf den sehr viel illustrativeren Kompromiss von Erick van Egeraat fallen (Heft 15–16.04). Besonders am Außenbau hantiert der Niederländer erkennbar mit zeitgenössischer Ästhetik. Sein Empfangsgebäude an der Stelle des Augusteums lässt dessen Säulenordnung in einer schlank und zierlich durchgliederten Fassade schwerelos anklingen. Schwieriger ist das schon mit der Aula. Äußerlich will van Egeraat auch für diesen Baukörper das Vorbild nicht buchstäblich Gestalt werden lassen. So reduziert er ihn auf seine Umrisse mit dem steilen Satteldach und hebt ihn ein wenig puppenstubenhaft aus dem Baukomplex heraus.

Ist das Vorbild außen also im Wesentlichen als Silhouette präsent, setzt es im Inneren unübersehbar Zitate vom Altbau in Szene. Wenn das keine Rekonstruktion ist, so doch ein Abbild. Maßwerkfenster, Bündelpfeiler und Netzgewölbe lassen St. Pauli mit allem gotischen Vokabular aufleben, freilich in Beton. Die moderne Materialästhetik wird ästhetisch noch überhöht – vom Granitboden soll sich der Raum weiß verputzt und damit hell und edel abheben, die Stützen werden mit Glas, die Rippen mit Keramik veredelt, sogar von Porzellan war die Rede, bis der Rotstift dazwischenfuhr. Der Raum, von aller Schwere befreit, wird zweifellos beeindrucken.

Aber die Ambivalenz ist es, die jetzt der dogmatischen Haltung beider Seiten Auftrieb gibt. Es ist genau so, wie van Egeraat selbst es formuliert: „Wer eine Kirche sehen will, sieht eine Kirche, wer eine Aula sehen will, sieht eine Aula.“ Eine räumliche Trennung war schon im Wettbewerb gefordert, die Universität war ängstlich darauf bedacht, Wissenschaft und Glauben säuberlich zu trennen, und wollte deshalb eine Trennwand einziehen. Aber mit van Egeraats Entwurf hat sie eine dreischiffige Pfeilerbasilika bekommen. Der Aulabetrieb muss sich entsprechend anpassen. Um überhaupt Platz für größere Veranstaltungen zu schaffen, enden die Pfeiler der drei mittleren Joche über dem Boden. In einer Broschüre der Universität wird vorgeführt, mit wie viel Aufwand die Bestuhlung für die Zwecke „Große Andacht“, „Festkolloquium“, „wissenschaftlicher Disput“ und „Orgelkonzert“ arrangiert werden muss.

Bei aller Transparenz, und selbst wenn man den Vergleich mit mittelalterlichen Chorschranken bemüht, bleibt die Glaswand ein Widersinn angesichts des Raumzusammenhangs. Offenbar provoziert sie auch noch einen anderen Zielkonflikt. Der Musikdirektor der Universität David Timm klagt über die beeinträchtigte Raumakustik für die Orgelkonzerte, der Universitätskustos Rudolf Hiller von Gaertringen dagegen sieht in der Trennwand die Möglichkeit, im „Chor“ ein kontrolliertes Raumklima zu erzeugen. Dort sollen nämlich die barocken Holzepitaphien aufgehängt werden, die aus St. Petri gerettet, aber feucht gelagert wurden und nun in einem prekären Zustand sind. Doch die Dogmatiker der kirchlichen Seite wollen unter anderem auch die alte Kanzel zurückhaben, und zwar wie einst an einem Pfeiler aufgestellt, was die ganze Aula- Raumplanung noch weiter in Bedrängnis brächte. Die Universität verweist auf Gremienbeschlüsse und einen „breiten Prozess der Meinungsbildung“. Erklärtermaßen wird eben eine Aula und keine Kirche gebaut. Kampagnen, die kurz vor der Einweihung etwas anderes wollen, schaden letztlich nur dem Ruf der Stadt und ihrer Universität. Doch bildhaft wie das Bauwerk nun daherkommt, beschwört es die Geister einer Vergangenheit, die man nicht mehr los wird.


Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/82333.html
© LVZ-Online, 16.12.2008, 00:02 Uhr

Harms erzielt Durchbruch im Streit um Uni-Kirche

Konflikt um Namen und Glaswand offiziell beendet / Untertitel für Paulinum

Leipzig (A.G.). Durchbruch im Konflikt um den Nachfolgebau der Uni-Kirche: Der Freistaat Sachsen, die Universität, die evangelische Kirche und die Stadt Leipzig haben sich gestern darauf geeinigt, „den öffentlich geführten Streit im Interesse der Sache und des Ansehens der Stadt und der Universität beizulegen“, wie es in einer gemeinsamen Erklärung heißt.

„Das Papier ist einstimmig beschlossen worden“, sagte Monika Harms der Leipziger Volkszeitung. Die Generalbundesanwältin, die sich vielseitig für Leipzig engagiert, war von Denkmalschützern gebeten worden, in die Auseinandersetzung schlichtend einzugreifen.

Der Nachfolgebau des 1968 auf Forderung der SED-Führung gesprengten Gotteshauses soll demnach den Namen „Paulinum“ und den Untertitel „Aula – Universitätskirche St. Pauli“ tragen. Zwar gab es in der Debatte über die Notwendigkeit einer von der Uni geforderten Glaswand zwischen Aula- und Andachtsbereich keinen Konsens, doch auch hier wird das Tauziehen beendet. „Die bislang über diese Frage in der Öffentlichkeit streitig geführte Auseinandersetzung wird nicht fortgesetzt“, heißt es. Die Beteiligten sind sich zumindest darüber einig, „dass die Entscheidungskompetenz rechtlich dem Bauherrn“ – also dem Freistaat Sachsen – „im Einvernehmen mit der Universität zusteht“. Falls es zum Einbau der Glaswand komme, werde man diese nicht völlig öffnen können, erläuterte Harms. Für die Nutzung als Konzertraum werde dies keine Nachteile bringen. „Die Akustikprobleme sind gelöst.“

Eine erste Runde mit Harms hatte es im November gegeben – nach einem weiteren Treffen am gestrigen Nachmittag wurde der Konflikt von allen Seiten für beendet erklärt. An der Einigung hatten, neben Vertretern des Freistaates, Landesbischof Jochen Bohl, Leipzigs Superintendent Martin Henker, Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), Rektor Franz Häuser sowie unter anderem Vertreter der Theologischen Fakultät und des Studentenrates teilgenommen. Die Kritiker um Thomaspfarrer Christian Wolff, „waren durch den Landesbischof und den Superintendenten mit vertreten“, so Harms.

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Prof. Monika Harms

Erklärung vom 15. Dezember 2008

Am 15. Dezember 2008 wurden die am 6. November d. J. begonnenen Gespräche über den Neubau der Universitätsgebäude am Augustusplatz fortgeführt.

Zum Kreis der Gesprächsteilnehmer zählten hochrangige Vertreter des Bauherren - des Freistaates Sachsen -, der Universität Leipzig und ihres Universitätsgottesdienstes, Vertreter der Studierendenschaft sowie hochrangige Vertreter der evangelischen Landeskirche, der Stadt Leipzig und der im Rahmen der Baumaßnahme konkret vor Ort engagierten Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Zur Erläuterung einzelner Sachfragen nahmen darüber hinaus der Bauleiter und ein Diplom-Restaurator an den Gesprächen teil.
Es besteht Einigkeit darüber, dass am Augustusplatz auf der Grundlage eines überzeugenden architektonischen Konzepts ein großartiger Universitätsneubau entsteht, der in seinem Gesamtentwurf keinen Vergleich zu scheuen braucht. Die Architektur findet eine moderne Formensprache, welche die am 30. Mai 1968 aus politischen Gründen willkürlich zerstörte historische Bebauung zitierend bewahrt und an die Geschichte der Universität erinnert. Die Universität wird in angemessener Form im Neuen Augusteum an diesen Willkürakt erinnern. Die Verantwortung für das neue Bauwerk der Universität Leipzig und die in diesem Rahmen vorgesehenen Veranstaltungen im bevorstehenden Jubiläumsjahr aus Anlass des 600-jährigen Bestehens der Alma mater Lipsiensis gebietet es, den öffentlich geführten Streit im Interesse der Sache und des Ansehens der Stadt und der Universität beizulegen.

Es besteht ferner Einigkeit darüber, dass der unter dem Namen "Paulinum" derzeit entstehende Teil des Gesamtbauwerkes am historischen Ort der Universitätskirche St. Pauli neben der fakultären Nutzung in den Obergeschossen die Aula der Universität und die Universitätskirche beherbergt und als zentrale Stätte für die Universitätsmusik ebenso seine kulturelle Bedeutung erhalten soll wie als Rahmen für gerettete und vor der Zerstörung bewahrte Kunstschätze aus der ehemaligen Universitätskirche St. Pauli. Dementsprechend soll das Gebäude den Namen tragen:

Paulinum
Aula - Universitätskirche St. Pauli

Es soll in vielfältigen Funktionen allen Universitätsangehörigen, den Studierenden und dem Lehrkörper, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und zu gegebener Zeit auch der Allgemeinheit als ein gemeinsamer Ort der Versammlung, wie auch der Besinnung und des Erinnerns zur Verfügung stehen, eine Vielfalt unter einem einigenden Dach, wie es von Anfang an im Gesamtkonzept des Architekten Erick von Egeraat vorgesehen war.
Um allen unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden zu können, bedarf es eines abgestimmten Nutzungsplanes, der die verschiedenen universitären Veranstaltungen zeitlich - soweit erforderlich auch langfristig - harmonisch aufeinander abstimmt. Dabei wird von Seiten der Universität anerkannt und bei der übrigen Planung bedacht, dass die kirchliche Nutzung für Universitätsgottesdienste sonn- und feiertags zu den üblichen Zeiten grundsätzlich ermöglicht wird.
Es besteht schließlich Einigkeit darüber, die vor der Sprengung 1968 geretteten Teile der Universitätskirche St. Pauli nach ihrer Restaurierung an den historischen Ort zurückzubringen, um sie dort auch der Öffentlichkeit in einem würdigen Rahmen zugänglich zu machen. Sie sind untrennbar mit der langen Universitätsgeschichte verbunden und sollen auch in ihrer kultur-historischen Bedeutung gewürdigt werden.
Keine Einigkeit konnte darüber erzielt werden, ob es zur Wahrung aller Interessen im Sinne der vorgesehenen multifunktionellen Aufgaben des Gesamtraumes einer Glaswand (Raumteiler) bedarf, die je nach Nutzung zu öffnen sein soll. Die unterschiedlichen Auffassungen hierzu bleiben unverändert.
Die vom Kustos der Universität vorgetragenen fachlichen Gründe zur Klimatisierung des Raumes zum Schütze der Kunstwerke wurden ausführlich erörtert und bedacht.

Die Beteiligten sind sich ungeachtet der verbleibenden unterschiedlichen Beurteilungen in dieser Frage aber darin einig, dass die Entscheidungskompetenz rechtlich dem Bauherrn im Einvernehmen mit der Universität zusteht. Die bislang über diese Frage in der Öffentlichkeit streitig geführte Auseinandersetzung wird nicht fortgesetzt.

Sollten sich nach Ausschreibung des Vorhabens die Entscheidungsträger für den Einbau einer Glaswand auch unter Bedacht auf Wirtschaftlichkeitsberechnungen hinsichtlich der zu erwartenden Energiekosten und möglicher Folgekosten einer solchen Maßnahme aus praktischen und klimatechnischen Gründen entscheiden, so bitten die Beteiligten ausdrücklich darum, zu berücksichtigen,

  • dass eine weitgehende Öffnung zur Nutzung des Gesamtraumes bei Bedarf möglich sein muss, um dem oben dargestellten Gesamtkonzept Rechnung tragen zu können;
  • dass während der laufenden Bauphase die Akustik mit dem Universitätsmusikdirektor eng abgestimmt wird, um möglichen, bislang nicht absehbaren Veränderungen der Akustik durch den Einbau des Glaskörpers mit Ausgleichsmaßnahmen Rechnung tragen zu können.

Ziel soll die künftig bestmögliche Nutzung des Raumes für die vorgesehenen vielfältigen Angebote und Veranstaltungen der Universität sein, unabhängig vom Einbau der Glaswand und ihrer jeweiligen Öffnung im Einzelfall.

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Die Erklärung lesen Sie auch unter: www.lvz-online.de/download

© LVZ - Seite 17

Friedensschluss im Paulinum-Streit

Durchbruch bei Harms-Gesprächen / Aktionsbündnis um Thomaspfarrer Wolff begrüßt Einigung

Der Konflikt um den Nachfolgebau der Uni-Kirche ist offiziell beendet: Darauf haben sich gestern der Freistaat Sachsen, die Universität, die evangelische Kirche und die Stadt Leipzig in einem von Generalbundesanwältin Monika Harms moderierten Gespräch verständigt. Auch das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ mit Thomaspfarrer Christian Wolff begrüßte am gestrigen Abend die Einigung.

Harms, die viele Jahre als Bundesrichterin in Leipzig wirkte, sich für die hiesige Kultur weiterhin einsetzt und von Denkmalpflegern als Schlichterin eingeschaltet worden war, zeigte sich am gestrigen Nachmittag bei einem Gespräch mit der LVZ sichtlich erleichtert. Bereits am 6. November hatte sie eine erste Diskussionsrunde mit den Konfliktparteien moderiert, danach zahlreiche Einzelunterredungen geführt und nun erneut zur großen Beratung im Uni-Rektorat geladen. Mit am Tisch: 18 Vertreter von Freistaat, Kirche, Universitätsleitung, Theologischer Fakultät, Studentenrat, Stadt und Denkmalpflege, darunter Landesbischof Jochen Bohl, Rektor Franz Häuser und Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Nach zwei Stunden wurde einstimmig eine Erklärung verabschiedet. „Ich hoffe das Papier trägt zum weihnachtlichen Frieden ein wenig bei“, sagte Harms.

Die Universitätskirche war 1968 auf Wunsch des SED-Regimes gesprengt worden. Der an gleicher Stelle derzeit entstehende Bau soll laut Konsens-Erklärung nunmehr den Namen „Paulinum“, zugleich aber den Untertitel „Aula – Universitätskirche St. Pauli“ tragen. Über die Glaswand zwischen Aula- und Andachtsbereich im Innern des Baus wurde man sich nicht einig, aber die Debatte darüber soll nicht mehr öffentlich fortgesetzt werden. Die evangelische Kirche akzeptiert, dass die Entscheidungskompetenz in diesem Punkt bei Freistaat und Universität liegt.

Das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ mit Thomaspfarrer Wolff begrüßte gestern das Ergebnis des Vermittlungsgesprächs als Erfolg. Wolff hatte am 31. Oktober, dem Reformationstag, mit einem Thesenanschlag am Bauzaun für das Gebäude den Namen Universitätskirche St. Pauli gefordert und gegen die Glaswand protestiert. Zu seinen Mitstreitern gehören unter anderem Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, die SPD-Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber und Rainer Fornahl, Regina Schild, Außenstellenleiterin der Birthler-Behörde, Landesdirektionspräsident Walter Christian Steinbach (CDU) sowie der Leipziger Superintendent Martin Henker, der gestern an der Runde mit Harms teilnahm und dem Papier zustimmte.

Auch im Streit um die aus der Paulinerkirche stammende Kanzel zeichnet sich eine Annäherung ab. „Die Kanzel wird restauriert“, sagte Harms. Bautechnisch sei im Paulinum ein Platz für ihre Aufstellung vorgesehen. Eine Entscheidung dränge jedoch nicht. Gleiches gelte für den Altar, der aufgrund eines Leihvertrages ohnehin bis 2013 der Thomaskirche überlassen wurde.

Armin Görtz

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Stellungnahme des Aktionsbündnisses "Neue Universitätskirche St. Pauli" zum Ergebnis des Vermittlungsgesprächs bei Bundesanwältin Prof. Monika Harms vom 15. Dezember 2008

Das Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli" begrüßt das Ergebnis des Vermittlungsgesprächs bei Bundesanwältin Prof. Monika Harms. Im Einzelnen stellt das Aktionsbündnis fest:

  • Wir stellen fest, dass der Freistaat Sachsen die Universitätskirche St. Pauli baut und diese von der Universität Leipzig auch so benannt wird.
  • Wir gehen davon aus, dass die Universität Leipzig die Universitätsgottesdienste an Sonn- und Feiertagen um 11.00 Uhr garantiert.
  • Wir freuen uns, dass durch die Erklärung die Weichen dafür gestellt wurden, dass die Kanzel am historischen Ort aufgestellt wird.
  • Wir bedauern, dass der Dissens zur Glaswand weiter besteht.

Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli"
Prof. Dr. Rainer Eckert - Rainer Fornahl - Martin Henker - Regina Schild - Rolf Sprink - Walter Christian Steinbach - Dr. Andreas Stötzner - Gunter Weißgerber - Christian Wolff

15. Dezember 2008


BILD Leipzig vom 16.12.2008, S. 3:

Paulinum nun doch offiziell Uni-Kirche!

Von MARTINA KURTZ

Leipzig - Salomonische Einigung im Namensstreit: Der Neubau am Augustusplatz wird nun doch offiziell eine Kirche!
Das Paulinum soll den Untertitel "Aula - Universitätskirche St. Pauli" tragen.
Darauf einigte sich gestern eine Schlichtungsrunde mit Vertretern von Freistaat, Uni, Kirche und Stadt unter Leitung von Monika Harms (62). Die Generalbundesanwältin: "Damit kann sicher in Leipzig jeder leben. Ich bin sehr zufrieden, dass wir noch vor Weihnachten zu so einer Lösung gekommen sind."
Auch über die Durchführung von Gottesdiensten einigte sich die Runde. "Von Seiten der Universität wird anerkannt, dass die kirchliche Nutzung sonn- und feiertags grundsätzlich ermöglicht wird", heißt es in einer Erklärung. Nur über die trennende Glaswand habe man sich leider nicht verständigen können.
Thomaspfarrer Christian Wolff, einer der St. Pauli-Aktivisten: "Wir haben viel erreicht. Das Ergebnis muss jetzt aber noch festgeklopft werden."


21. Dezember 2008

Dr. Klaus Knödel
29223 Celle

Offener Brief an den Vorstand des Paulinervereins

Sehr geehrte Damen und Herren!

"Harms erzielt Durchbruch im Streit um Uni-Kirche" titelte die LVZ vom 16. 12. 2008 und schreibt weiter: ""Die bislang über diese Frage in der Öffentlichkeit streitig geführte Auseinandersetzung wird nicht fortgesetzt", heißt es." So etwas konnte zwar unter der SED-Diktatur verordnet werden, ist aber mit Artikel 5, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland nicht vereinbar: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt." Auch Juristen können, wie der frühere Innenminister Hermann Höcherl von den Verfassungschützern gesagt hat, "nicht ständig das Grundgesetz unter dem Arm tragen". Für mich als Diktaturgeschädigten ist dieser Grundgesetzartikel besonders wertvoll.

"Die Akustikprobleme sind gelöst.", zitiert die LVZ die Generalbundesanwältin. Das kann für mich als Physiker nur heißen, und da werden mir die Musiker sicherlich zustimmen: Es wird keine Glaswand gebaut und die Säulen und Gewölbe werden nicht mit Glas und Keramikplatten verkleidet. Wenn das die Kompromißformel ist, dann könnte man wirklich von einem "Durchbruch im Streit um Uni-Kirche" sprechen.

Alles, was zu einer würdige Innengestaltung der Universitätskirche St. Pauli zu sagen ist, hat der hochverdiente ehemalige Landeskonservator in Sachsen Prof. Dr. Heinrich Magirius gesagt. Daran werden auch Freistaat und Universität nicht vorbeikommen. Sollten die Vorschläge von Professor Magirius in der Amtszeit des noch amtierenden Rektors nicht verwirklicht werden, sollte der Freistaat jetzt schon Mittel für eine spätere "gestalterische Sanierung" des Baus in die Mittelfristfinanzplanung einstellen.

Den Namen "Paulinum" mit dem Untertitel "Aula. Universitätskirche St. Pauli" finde ich grotesk. Wenn die "Universitätsgremien" nicht aus Gründen falsch verstandener weltanschaulicher "Neutralität" an Paul Fröhlich (er sorgte 1968 als erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Leipzig und Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED maßgeblich mit für die "Baufreiheit" am damaligen Karl-Marx-Platz) erinnern wollen, sollten sie den Mut zum Namen "Universitätskirche St. Pauli" haben, der sich beim "Volk" sowieso durchsetzen wird. Die "Salomonische Einigung" (LVZ) ist kein "Durchbruch", sondern ein Bruch mit der Geschichte der Universität. Das hat Salomo nicht verdient. Er ist durch seine Weisheit geachtet worden. Mir drängt sich in diesem Zusammenhang ein anderer Text auf: Sie "heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: "Friede! Friede!", und ist doch nicht Friede. Sie werden mit Schande dastehen." (JEREMIA 6, 14/15)

Ich erkläre, daß ich den "Maulkorb" nicht annehme! Ruhe ist hier nicht die erste Bürgerpflicht.

Ich wünsche dem Paulinerverein und dem Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli" Gottes Segen und ein erfolgreiches Jahr 2009. Sie können auf meine Unterstützung zählen.

Klaus Knödel


Quelle: http://www.leipzig-fernsehen.de/
© Leipzig Fernsehen - Dienstag, 16. Dezember 2008 17:26

Vorerst Frieden

Es scheint, als wäre der anhaltende Konflikt um das Paulinum endlich beigelegt.

Am Montag bat Generalbundesanwältin Monika Harms die Konfliktparteien erneut an einen Tisch. Und tatsächlich, nach zwei Stunden wurde einstimmig ein Papier unterschrieben.

Noch bis zuletzt war eine Einigung in ferner Sicht. Mehr als 6 Wochen dauerte die Auseinandersetzung um den Namen der Universitäts-Kirche und die Glaswand im Inneren des Baus. Nun der Durchbruch.

Interview: Christian Wolff, Pfarrer

Der gesamte Nachbau der zerstörten Kirche soll Universitätskirche St. Pauli heißen? Die im Oktober gegründete Bürgerinitiative für eine weltoffene, weltliche und autonome Universität Leipzig drückte das am Dienstag ganz anders aus.

Interview: Jana Adler, Bürgerinitiative "pro Uni"

Aha. Paulinum also! Untertitel: Aula - Universitätskirche St. Pauli. Wen das noch nicht genug verwirrt: Über der Aula im Paulinum sollen Institute einziehen.

Einigkeit herrscht immerhin darüber, wie das Paulinum funktional genutzt werden soll. Vielfalt unter einem Dach lautet der Aufruf. So wie es von Anfang an von Architekt Erick von Egeraat vorgesehen war.

Interview: Jana Adler, Bürgerinitiative "pro Uni"

Über den besagten Raumteiler allerdings wurde man sich nicht einig. Laut Generalbundesanwältin Monika Harms, blieben die Auffassungen darüber unverändert.

Interview: Prof. Dr. Franz Häuser, Rektor Universität Leipzig

Gut ist, dass wenigstens der weitere Streit darüber der Öffentlichkeit erspart bleibt.

 

Schauen Sie sich das Video an.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 17. Dezember 2008 (Printausgabe, Seite 17)
© LVZ - Seite 17

Jung begrüßt Einigung im Streit um Uni-Kirche
Öffentliche Debatte nach Meinung des Oberbürgermeisters nicht überflüssig

Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat die Einigung im Streit um den Nachfolgebau der 1968 gesprengten Universitätskirche begrüßt. „Ich bin mit dem Ergebnis sehr einverstanden und trage es mit“, sagte das Stadtoberhaupt gestern gegenüber der LVZ.

Er hoffe, dass nun Ruhe in die Diskussion komme. Es müsse nun das Ziel sein, „dieses großartige Bauwerk nicht zu beschädigen“. Auch Franz Häuser, Rektor der Universität, baut auf ein Ende der Debatte. „Ich erhoffe mir, dass die schädigende öffentliche Diskussion nun endlich aufhört. Ich bin sogar in Brasilien darauf angesprochen worden“, sagte er.

Das Gebäude, in dem die Universität ihre Aula unterbringen wird, ist nach Auffassung von Jung „ganz wichtig“ für die 600-Jahr-Feier der Alma mater 2009. Das Jubiläum biete die große Chance, „die Welt nach Leipzig einzuladen und die Internationalität von Stadt und Universität zu steigern“, sagte Jung. Die heftige öffentliche Debatte sei „trotz mancherlei Polemiken“ nicht überflüssig gewesen. Schließlich sei es um eine geistige und geistliche Auseinandersetzung gegangen. Es sei um Fragen gegangen, worauf die Gesellschaft sich beziehe, welche ethischen Wurzeln sie habe.

Wie berichtet, soll der Bau auf dem Augustusplatz den Namen „Paulinum“ und den Untertitel „Aula – Universitätskirche St. Pauli“ tragen. Keine Einigung wurde über die Glaswand erzielt, die den geistlichen vom universitären Teil trennen wird. Jedoch verständigten sich die Seiten unter Vermittlung von Generalbundesanwältin Monika Harms (Jung: „Ich danke ihr ausdrücklich für ihre Moderation“) darauf, diesen Streit nicht mehr öffentlich auszutragen. Die Uni will dafür sorgen, dass das Paulinum an Sonn- und Feiertagen für Universitätsgottesdienste genutzt werden kann. Während die Uni stets betonte, sie brauche eine Aula, hatten Kritiker um Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff und Landesdirektionspräsident Walter Christian Steinbach wiederholt gefordert, den Neubau Universitätskirche zu nennen und auf die Glaswand zu verzichten.

mi

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© LVZ - Seite 20

Allseitige Zufriedenheit über den Kompromiss

Leipziger begrüßen die Einigung über den Namen des Nachfolgebaus der gesprengten Universitätskirche

Die Diskussionen waren hitzig, jetzt ist ein Kompromiss für den Namen des Nachfolgebaus der gesprengten Universitätskirche gefunden: „Paulinum“ mit dem Untertitel „Aula – Universitätskirche St. Pauli“. Wie die Leipziger die Einigung beurteilen, hat Jenifer Hochhaus sie gefragt.
„Die Diskussion um den Namen hat mittlerweile genervt“, meint Irene Bandermann. Die 66-jährige Rentnerin ist froh, dass endlich ein Kompromiss gefunden ist. „Der Name spiegelt wieder, dass es einerseits kirchlich und andererseits universitär genutzt wird. Das finde ich gut.“
Auch Ralf Griger begrüßt die Entscheidung: „Der Name ist gut. Den Bezug zur Geschichte, der enthalten ist, finde ich wichtig.“ Schließlich habe man den historischen Hintergrund auch bei dem Bauwerk an sich berücksichtigt, sagt der 25-jährige Student. „Die Verbindung von modernen und historischen Elementen ist gut gelungen.“
Dem kann Heidi Baumgärtel nur zustimmen: „Das Gebäude sieht super aus. Es wird ein Aushängeschild für die Stadt.“ Sie hat die Diskussion zwar verfolgt. „Aber mir selbst ist der Name oder die Entscheidung über die Glaswand relativ egal“, meint die 27-jährige Controllerin. Deutlich für die Glaswand ist Hans-Joachim Appel. „Es ist die Aula ei-ner Universität und dementsprechend hat der Uni-Rek- tor oder der Bauherr darüber zu ent-scheiden.“ Ohnehin habe für ihn eine Kirche in der Universität nichts zu suchen. „Aber der Name, der gefunden wurde, gefällt mir gut“, betont der 66-jährige Rentner.
Eva-Maria Stuhr vertritt die andere Position: „Ich bin selbst gläubig und sehr dankbar, dass es in dem neuen Bauwerk auch einen Andachtsraum gibt.“ Über die Einigung und den neuen Namen ist die 51-jährige Kauffrau glücklich.
„Der neue Name verbindet die beiden Positionen. Er bezieht die Studenten ein, lädt aber auch Gäste ein, die Kirche zu besuchen“, sagt Hans-Joachim Schmidt. „Es ist gut, dass sowohl im Bau als auch im Namen Tradition und Modernes vereint werden“, meint der 72-jährige Rentner.


Quelle: http://www.erf.de/index.php?content_item=4173&node=1104
© ERF Medien (Evangeliums-Rundfunk) - 18.12.2008

Fragwürdige Einigung im Streit um Universitätskirche Leipzig
Paulinerverein bekommt Maulkorb

Es war ein Akt brachialer Gewalt: die Sprengung der Leipziger Universitätskirche unter dem SED-Regime 1968. 40 Jahre sind seitdem vergangen. Jetzt entsteht ein Neubau. Der allerdings sorgt seit Monaten für öffentliche Diskussionen. Es geht um die Innengestaltung.

Jetzt gab es eine offizielle Einigung der verschiedenen Interessengruppen. Ob der Freistaat Sachsen, die Universität, die evangelische Kirche und die Stadt Leipzig sich tatsächlich geeinigt haben, dass ist allerdings so sicher nicht.

Tobias Schier spricht mit Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins. [MP3-File]

Weitere Beiträge zum Thema:
- 40 Jahre nach der Sprengung - Beitrag von Regina König
- Bitterster Tag für Leipzig - Beitrag von Heiko Brattig
- Ulbrichts späte Rache - Interview mit Dekan Professor Rüdiger Lux 
- Leipzig braucht die Universitätskirche - Interview mit Pfr. Christian Wolff
 

Neue Vermittlungsrunde für Paulinerkirche [Audio-Datei]
© Deutschlandradio Kultur - Leipzig 15.12.08 23:20 Uhr


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 3. Februar 2009 (Kulturteil, Seite 9
© LVZ-Online vom: Dienstag, 3. Februar 2009

Mendelssohn, sein „Paulus“ und sein Zeichentalent

Mendelssohn-Aquarell des heutigen Augustusplatzes, die Paulinerkirche ist gut zu erkennen.
Repro: Bach-Archiv

Die Universität Leipzig ehrt den Großkomponisten mit einem besonderen Konzert

Heute feiert die Musikwelt den 200. Felix Mendelssohn Bartholdys – und der gebürtige Hamburger, der als Spross einer so reichen wie Kultur- und Bildungs-beflissenen Bankiersfamilie Zeit seines Lebens selbst die besten Privatlehrer hatte, ist nicht nur der Stadt Leipzig, sondern auch ihrer Universität sehr verbunden. 1836 erhielt der weltweit gefeierte Gewandhauskapellmeister die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät. Und in St. Pauli führte er viele seiner Werke auf, darunter das berühmte Oratorium „Paulus“, im März 1837 als umjubelte Leipziger Erstaufführung. Der Erfolg des Meisterwerks und die bemerkenswerte Akustik der 1968 gesprengten Kirche mögen dazu beigetragen haben, dass Mendelssohn, der auch als Maler und Zeichner nicht ganz unbegabt war, sie – mit einigen Freiheiten – aquarellierte.

So ist es nachgerade Ehrensache für Universitätsmusikdirektor David Timm, Mendelssohns 200. im Jahr des 600. Uni-Geburtstags am Samstag mit eben diesem „Paulus“, würdig zu begehen. Da es die Paulinerkirche bekanntermaßen seit 1968 nicht mehr gibt, weichen die akademischen Klangkörper auf die Thomaskirche aus, immerhin auch eine authentische hiesige Wirkungsstätte des romantischen Großkomponisten. Aber unabhängig von der unwidersprochenen Würde dieses Gotteshauses als Musikort, wird doch das Fehlen eines eigenen Konzertsaals der Leipziger Universität erneut schmerzlich bewusst. Der Neubau des Paulinums könnte mittelfristig Abhilfe schaffen – vorausgesetzt, die Belange einer geeigneten Akustik fließen ein in die Endplanung des Raumes, der nicht nur aus historischen und symbolischen Gründen mehr sein muss als eine Aula. Mendelssohn beschreibt in seinem Paulus die Geschichte des jüdischen Saulus, der durch die Erscheinung Jesu zum Christen wird und fortan unter geändertem Namen das Evangelium verkündet.
Wie im „Elias“ thematisiert der christlich erzogene und getaufte Sohn jüdischer Großbürger also hier das Miteinander der Religionen. Und einer wie Robert Schumann lobte das Werk als „Juwel der Gegenwart“. Bei der Aufführung am 7. Februar spielt das Mendelssohnorchester Leipzig auf historischen Instrumenten – im Mendelssohnjubiläumsjahr 2009 in Leipzig noch immer eine Besonderheit.

kfm.

Konzert: Samstag (7. Februar, 19.30 Uhr), Thomaskirche Leipzig;
Karten an der Abendkasse oder unter Tel. 0341 22224200

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Lt. der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sollen die Einnahmen des Konzertes der Restaurierung des Steinepitaphs Hieronymus Cronemeyer dienen. "... und soll in der neuen Universitätskirche St. Pauli wieder seinen Platz finden."

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Informieren Sie sich:
Wie Mendelssohn zum deutschen Streitfall wurde
© WELT.de - 3. Februar 2009, 06:00 Uhr

Von Zeitgenossen verehrt, von den Nazis verbannt: Bei keinem anderen Komponisten war die posthume Beurteilung so wechselhaft und unberechenbar wie bei Felix Mendelssohn Bartholdy. Zu seinem 200. Geburtstag schreibt Biograf R. Larry Todd auf WELT ONLINE über das Universalgenie.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 2. Januar 2009 (Lokalteil, Seite 16
© LVZ-Online vom: Freitag, 2. Januar 2009

"Wir rechnen mit viel Prominenz"

Ab Mai feiert die Uni ihr 600. Jahr: Rektor Franz Häuser blickt zurück und nach vorn

Nicht im Elfenbeinturm sitzen, sondern mit Sachverstand eine breite Öffentlichkeit interessieren - das ist eines der Ziele, denen Uni-Rektor Franz Häuser im 600. Jahr der Alma Mater näher kommen will. Im LVZ-Interview spricht er über die Harms-Initiative, die Uni-Geschichte und Pläne fürs Jubiläum.

Frage: Sie hatten geruhsame Festtage?
Franz Häuser: Wenn Sie darauf anspielen, dass dank der Initiative von Generalbundesanwältin Monika Harms Ruhe in die öffentliche und oft sehr unsachliche Debatte um die Innengestaltung des Paulinums gekommen ist, dann erfreulicherweise ja. Das Faszinierende bei dem Disput war die Art und Weise des Vorgehens von Frau Professor Harms. Sie ermittelte zunächst die Sachverhalte, wie das eben ein Staatsanwalt tut. Im Ergebnis soll sich nun keiner als Sieger, aber auch nicht als Verlierer fühlen. Das dient der Sache sehr.

Gehen wir also davon aus, dass der Uni-Campus rechtzeitig fertig gebaut sein wird. Was wissen Sie eigentlich von Ihren Vorgängern und wie sie die vergangenen großen Jubiläen, beispielsweise die 500-Jahr-Feier, meisterten?
1909 hieß der Rektor Karl Binding. Allerdings waren damals die Rektoren nur maximal zwei Semester im Amt, weshalb ich mir nicht richtig vorstellen kann, dass die Vorbereitung eines solchen Jubiläums ähnlich intensiv gewesen ist wie heute. Über all die damaligen Aktivitäten gibt der Berichtsband des Rektors an den Senat Auskunft. Kurios zu lesen ist der folgende Satz: "Die Meinung des Senats ging dahin, die finanzielle Seite außer Betracht zu lassen." Schön wär's … 1909 gab es viele Veranstaltungen von der Basis, so auch einen großen Umzug durch die Stadt. Es war aber natürlich eine ganz andere Zeit. Als der sächsische König von Bozen kommend anreiste, traf sich der gesamte Senat huldigend zum Empfang auf dem Bahnhof.

Ein Uni-Jubiläum im Kontext eines großen Campus-Neubaus ist aber wohl doch eine Einmaligkeit in der 600-jährigen Geschichte dieser Alma Mater!?
Einmalig schon, aber partout kein Zufall. Der Auslöser für das, was jetzt entsteht, war zunächst nicht das Jubiläum, sondern der Zustand der Baulichkeiten, die nicht mehr den modernen Anforderungen entsprachen. Darüber hinaus hieß es in den 90er-Jahren immer wieder, dass die Universität auch entsprechende Möglichkeiten für ihre Außendarstellung erhalten muss. Da zudem der so genannte Uniriese, der zu DDR-Zeiten auch als Logo diente, abhanden gekommen war, bestand die Forderung nach einem eigenen, attraktiven Auftritt am Augustusplatz, mit dem nicht zuletzt an die 1968 gesprengte Paulinerkirche und das Augusteum erinnert werden sollte.

Der König kam 1909 mit dem Zug. Steht denn schon die Rangliste der kommenden erlauchten Gästeschar fest?
Unsere Feierlichkeiten stehen, da der Festakt erst im Dezember stattfindet, unter dem Vorbehalt des Wahljahres 2009. Wir rechnen mit viel politischer Prominenz von Land und Bund sowie mit wissenschaftlichen Persönlichkeiten aus aller Welt. Gerade hat mir der Rektor der Prager Karls-Universität, mit der ja unsere Bildungseinrichtung in ihrem Ursprung eng verbunden ist, seine Zusage und seine Wünsche für 2009 kundgetan. Und das in Latein! Ich lese daraus sehr viel an Verbundenheit und Traditionsbewusstsein.

2009 ist generell für Leipzig ein großes Jahr, denken wir nur an die Friedliche Revolution. Gibt es Gemeinsamkeiten des Gedenkens und des Feierns?
Die Bedeutung von 2009 ist in der Tat beeindruckend. Wir versuchen die Jubiläen, wenn sich Gemeinsamkeiten anbieten, miteinander zu verbinden, und wir sehen keinerlei Rivalität.

Wann beginnt das Uni-Jubiläum?
Konkret am 9. Mai, weil an diesem Tag vor 600 Jahren die aus Prag kommenden Magister und Scholaren in Leipzig ankamen. In Folge bis zur Festwoche rund um den 2. Dezember wird es drei große Kongresse geben. Es gibt viele Veranstaltungen, die in zentraler Verantwortung liegen, und 200 Ereignisse, für die die Fakultäten den Hut aufhaben oder die sich aus außeruniversitären Anstößen herleiten - wie die Hochschulrektorenkonferenz, die Jahrestagung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Tagungen und studentische Initiativen. Am 9. Juni eröffnen wir im Alten Rathaus die Jubiläumsausstellung "Die Erleuchtung der Welt" mit dem Schwerpunkt der Alma Mater in der Zeit der Aufklärung. Auch dieser Termin hat einen historischen Grund. Die Uni bekam in jenen Tagen vor 600 Jahren drei Grundstücke in der heutigen City geschenkt, was als unsere Einnistung in die Stadt verstanden werden kann.

Eigentlich sollte das Jubiläum unter anderem Thema der Sächsischen Landesausstellung sein …
Das Vorhaben war nicht zu verwirklichen. Görlitz scheiterte leider mit seiner Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas und erhält dafür gleichsam als Trostpflaster im Jahr 2010 die Landesausstellung. Der Freistaat betonte, nicht zwei so große Ausstellungen finanzieren zu können, er unterstützt uns aber sehr bei der jetzigen Schau.

Apropos Dresden: Die Technische Universität wurde nach 1990 zur Volluniversität ausgebaut, die so genannte Landesuniversität Leipzig wurde, sagen wir es positiv, umstrukturiert. Sind die Wunden, die damals geschlagen wurden, verheilt?
Die Umstrukturierung der ehemaligen Karl-Marx-Universität war sicher schwierig und in vielen Fällen schmerzhaft, aber konsequent und zielorientiert. Nach 1990 spielte vor allem der Zeitfaktor eine große Rolle. Es ging ja darum, in Konkurrenz zu Bildungseinrichtungen zu treten, die sich in 40 Jahren Bundesrepublik entwickeln konnten. Das Konzept der Neugliederung der sächsischen Hochschullandschaft war alles in allem nicht schlecht und unter den gegebenen finanziellen Zwängen wohl nicht viel anders zu gestalten.

Leipzig nennt sich noch immer Landesuniversität?
Wir pflegen diesen Titel. Ob er aber irgendwo förmlich niedergelegt ist, weiß ich nicht. Wenn man uns in Dresden Streicheleinheiten zukommen lassen will, spricht man von der Landesuniversität.

Dem Status angemessen ist auch die gedruckte Universitätsgeschichte, die zum Jubiläum erscheint. Wie ist der Stand der Dinge?
Es geht seinen guten Gang, so dass der Verlag mit dem fünfbändigen Werk nun auch in die Werbung geht. Die ersten drei Bände bieten die historische Abfolge aus Sicht der Geschichtswissenschaftler, Band 4 beinhaltet die Instituts- und Fakultätsgeschichten und Band 5 gibt die Baugeschichte der Universität wieder. So ein Projekt war schon einmal vor über 100 Jahren geplant worden, es scheiterte aber. Eine so kritische, so analytische und so umfangreiche Geschichtsdarstellung hat es bis dato noch nicht gegeben.

Um modern zu sein, muss sich eine Universität entsprechend vermarkten. Was ist, sagen wir mal fürs Volk, im Angebot?
Es gibt Jubiläumspralinen, die sehr gut nachgefragt sind, eine Schale aus Meissner Porzellan mit der ersten Entwurfsskizze für den Neubau von Erick van Egeraat, aber auch T-Shirts mit Aussprüchen wie "Der Mensch soll lernen, nur Ochsen büffeln" von Erich Kästner und eine Schürze mit "Die Vernunft beginnt in der Küche", was vom ehemals Leipziger Studenten Friedrich Nietzsche stammt.

Immer mal wieder lautet der Vorwurf, die Universität öffne sich nicht genügend gegenüber der Stadt und ihren Bürgern. Stimmt das?
Natürlich sind wir vor allem für Lehre und Forschung da, wir haben aber auch einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen. Den können wir sicherlich noch besser wahrnehmen. Wir wollen nicht im Elfenbeinturm sitzen. Trotz heutigen Spezialistentums müssen wir mit unserem Sachverstand, mit unserer Kompetenz ran an jene Dinge und Fragestellungen, die eine breite Öffentlichkeit interessieren. Und das über den traditionellen Campustag und manch eine Sonntagsvorlesung hinaus. Auch das ist eine Aufgabe für das Jubiläumsjahr.

Heute wird die so genannte Exzellenz-Debatte hoch und runter geführt. Was hat Leipzig damit zu tun?
Natürlich aktuell sehr viel. Wir sollten dabei nie vergessen, dass vor 100 Jahren darüber in Leipzig nicht diskutiert wurde. Und warum? Weil diese Universität exzellent war. Eine solche Frage hat damals niemand zu stellen gewagt. Dort müssen wir wieder hin.

Warum kann diese Universität 600 Jahre alt werden?
Weil sie nie alt geworden ist.

Interview: Thomas Mayer

Internet: www.sechshundert.de


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 31. Dezember 2008 (Lokalteil, Seite 19
© LVZ-Online vom: Mittwoch, 31. Dezember 2008

Arbeitskreis

Spannende Frage im Paulinum-Streit

Als einen „weisen Kompromiss“ bezeichnete der Evangelische Arbeitskreis (EAK) der Leipziger Union die von Generalbundesanwältin Monika Harms ausgehandelte Lösung, dem Paulinum den Untertitel „Neue Universitätskirche St. Pauli“ zu geben. Dies helfe, die erhitzten Gemüter der Honoratioren von Universität, Stadt, Freistaat, Kirche und Aktionsbündnissen abzukühlen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Dass die Universitätskirchenkanzel wieder in alter Pracht in der neuen Kirche erstrahlen soll, hält der EAK für „wichtig und bemerkenswert“. Noch bleibe aber die „spannende Frage zum Beginn des Jahres 2009“, ob der „schädliche Streit“ damit endete, da keine Glaswandlösung gefunden werden konnte.

r.

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Leserbriefe

Aufbauleistung herabgewürdigt

Zum Beitrag „Gestern am Lesertelefon: Getrübte Freude über neue Uni-Kirche“ vom 23. Dezember:
In der Lokal-Ausgabe der LVZ ist ein Herr Schütt stolz, ein Leipziger zu sein, weil in Leipzig nicht solch eine Attrappe wie die Frauenkirche gebaut worden ist. Da muss ich mich als Leipziger für solche Bürgeraussagen aus Leipzig eher schämen. Wird doch damit die großartige Aufbauleistung der Dresdner Frauenkirche, welche weltweit Beachtung gefunden hat, herabgewürdigt. Für dieses Bauwerk wurden viele originale Baumaterialien verwendet. Viele traditionelle Gewerke sowie neueste Technologien aus der Region sowie aus Europa haben hier mitgewirkt.
Für viele hundert Menschen war es eine Lebensaufgabe und eine Ehre, an diesem Bauwerk mitzuwirken. Die Frauenkirche ist ein Friedenssymbol, aus Feinden sind Freunde geworden. Der Dresdner Bau ist jedenfalls ein Bauwerk mit Seele. Ob es der großartige Kompromiss „Leipziger Unineubau“ sein wird, muss die Zeit zeigen.
Die Paulinerkirche, die Frauenkirche zu Dresden und auch die Potsdamer Garnisonskirche sind eben Bauwerke, welche den Begriff Heimat definieren und in einer globalisierenden und enthemmten Welt Halt geben.

Markus Mechold, 04318 Leipzig

Christian Wolff, Pfarrer an der Thomaskirche

Rundbrief zu Weihnachten und zum Jahreswechsel 2008/2009

Debatte nicht nur nötig, sondern geboten

"Schon Mitte Januar nahm mich die Auseinandersetzung um die neue Universitätskirche St. Pauli voll in Beschlag. Anlässlich einer Podiumsdiskussion im Zeitgeschichtlichen Forum über die Dimension der Sprengung der Universitätskirche und ihrer Folgen kam es zu einer heftigen Kontroverse zwischen dem Rektor der Universität Leipzig, Franz Häuser, und mir [Chr. Wolff]. Diese entzündete sich vor allem daran, dass die Universität Leipzig versucht, sich buchhalterisch von ihrer eigenen Geschichte abzukoppeln. Das kommt nicht nur in ihrem Vorhaben zum Ausdruck: "wir bauen eine Aula und keine Kirche", sondern auch in der Rede vom "Sühnebau" (so der Kunsthistoriker Frank Zöllner) - als ob es eine Strafe ist, dass auf dem Campus die neue Universitätskirche errichtet wird. Solange aber die Universität bei ihrer geschichtslosen Haltung bleibt, wird sie die Debatte nicht los - völlig unabhängig davon, ob die berüchtigte Glaswand gebaut wird oder nicht. Denn während am Augustusplatz tatsächlich eine Kirche in beeindruckender Architektur entsteht, werden die neutralistischen Säkularisten unter den Gebildeten der Universität nicht müde zu erklären: das, was wie eine Kirche aussieht, darf keine sein. Das kommt mir so vor wie jemand, der vor einem Auto steht, aber behauptet: es ist ein Fahrrad. So transzendiert man das Sein zum Schein - eine Umkehrung der Verhältnisse besonderer Art. Doch nicht nur dies bringt die Universität in Erklärungsnöte. Auch ihr Unvermögen, sich der eigenen Geschichte zu stellen und mit einer inhaltlichen Prägung der neu entstehenden Universitätskirche eine Prägung zu verleihen, die einem Wissenschaftsbetrieb gut ansteht, der im nächsten Jahr sein 600-jähriges Jubliäum feiert, offenbart eine Leere, die im krassen Gegensatz zur prachtvollen Hülle steht. Natürlich ist das vielen Universitätsangehörigen bewusst. Darum reagieren sie auch so genervt auf die Debatte und versuchen sich dieser mit dem Hinweis zu entziehen, das "eine durch nichts legitimierte Minderheit" [...] die Mehrheitsbeschlüsse universitärer Gremien und ihre Autonomie missachte. Wenn es doch so einfach wäre. Die Universitätskirche war aber nie nur ein Gebäude der Universität. Sie war immer ein Ort der freien Kommunikation und des Glaubens für Universität und Stadt. Und als solcher wurde sie 1968 gewaltsam beseitigt. Darum ist unabhängig von den Entscheidungskompetenzen - das äußere und innere Wie der Universitätskirche eine Angelegenheit, die alle Bürgerinnen und Bürger angeht. Hier ist die Debatte nicht nur nötig, sondern geboten. [...]

Wir hatten damals [in Westdeutschland] einen geschönten Blick in Richtung Osten, von der innerdeutschen Grenze bis nach China. Das dürfen wir nicht einfach übergehen - so wie die Leipziger Universität nicht übergehen darf, dass diese Universität in der Nazizeit einer der braunsten, in der DDR-Zeit eine der rötesten war, dass die Beseitigung der Universitätskirche von ihr schon 1960 (!) gefordert wurde und dass der Aufbruch zur Demokratie am 9. Oktober 1989 im wahrsten Sinne des Wortes an der Universität vorbeigegangen ist. Ich kann nur hoffen, dass die Auseinandersetzung um die Unikirche nahtlos übergeht in die kritische Debatte über die Rolle der Universität im 20. Jahrhundert. So bin ich 35 Jahre nach meiner AStA-Zeit in Heidelberg noch einmal Beteiligter an einer universitären Auseinandersetzung, an der offenbar wird, wie sich die politischen Koordinaten nach 1989 verschoben haben. Sicher hätte ich mir damals nicht vorstellen können, heute dafür zu streiten, dass ein Marx-Relief eben nicht aufwendig restauriert und neu aufgestellt gehört, sondern vor sich hin rotten soll. Aber auch dazu konnte sich die Universität nicht verstehen, die in diesem Machwerk genauso wenig ein ideologisches Kampfinstrument zu erkennen vermag, dass 1974 bewusst an die Stelle des Kreuzes der Unikirche gesetzt wurde, wie sie dem Verbrechen der Sprengung und den Verwundungen in der Stadt gerecht wird."

Christian Wolff


Quelle: http://www.christ-in-der-gegenwart.de/
CIG 49/2008, Bilder der Gegenwart, Dezember 2008, „Kirche der Studierenden“, S. 542

Deutschlands renommierteste katholische Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ widmet in seiner Dezemberausgabe „Bilder der Gegenwart“ den Universitätsgemeinden einen mehrseitigen Artikel.

Darin heißt es:
„[...] Eine Kirche, die auch von der Universität als Aula genutzt wird, ganz so, wie es 450 Jahre lang üblich war, wünscht sich Leipzigs Erster Universitätsprediger, Martin Petzoldt. Doch entgegen der bisherigen Planung soll eine Plexiglaswand den Chorraum vom Hauptschiff abtrennen. Das hat der Bauausschuss beschlossen. Vonseiten des Rektorats wird der nachträgliche Eingriff damit begründet, dass der Chorraum mit seiner vor der Zerstörung geretteten Holz-Epitaphien nur in einem exakt klimatisierten Raum auf Dauer erhalten werden könne. Und ein kleinerer Raum sei einfacher und kostengünstiger zu klimatisieren.
Martin Petzoldt hält das für eine „ideologische Argumentation, um die Trennung von Gottesdienstraum und Universitätsaula durchzusetzen“ und erinnert an die großen Verdienste der Christen unter dem DDR-Regime. [...] Gerade angesichts der Rolle der Kirche bei der friedlichen Revolution 1999 müssten die Gottesdienste heute wieder dort stattfinden, wo sie jahrhundertelang gefeiert wurden: inmitten der Universität. „Wir ziehen uns nicht in den Winkel zurück“, gibt sich Petzoldt kämpferisch. Und wenn die Wand trotz offenen Briefes und Protesten weit über Leipzig hinaus errichtet wird? „Dann ist es auch nicht aus“, ist sich der Universitätsprediger sicher. Schließlich werde es auch einmal einen neuen Rektor geben, und die Einstellung an der Uni könne sich ändern. „Es ist an uns, die Gottesdienste in ihrem geistlich-liturgischen Charakter so interessant zu gestalten, dass sich die Menschen angesprochen fühlen.“
Dass der Universitätsleitung jedoch vorgeworfen wird, sie führe das zerstörerische Werk Ulbrichts fort, findet Martin Petzoldt falsch: „Es ist doch unsere große Stärke, dass wir den Rektor anfragen können. Das war zu DDR-Zeiten nicht möglich.““


Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
© Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.12.2008, S. 42:

Eine Einigung, die keine Einigkeit schafft: Der Streit um den Neubau der Leipziger Paulinerkirche geht weiter

Von ANDREAS PLATTHAUS

Und Friede in Leipzig. So zumindest verkündete es Generalbundesanwältin Monika Harms in dieser Woche. Unter ihrer Vermittlung - Frau Harms arbeitete lange als Senatsvorsitzende am Bundesgerichtshof in Leipzig - haben sich jetzt die dortige Universität, die Evangelische Landeskirche, die Stadt und der Freistaat Sachsen darauf geeinigt, den Konflikt über den Wiederaufbau der 1968 auf Geheiß Walter Ulbrichts gesprengten Paulinerkirche zu beenden, um die Sechshundertjahrfeier der Universität im kommenden Jahr damit nicht zu belasten. Leicht gesagt, denn der Streit tobt schon seit Jahren, und die nun getroffenen Absprachen vertagen ihn bestenfalls.

Kern der Auseinandersetzung ist die Absicht der Universität, die ehemalige Universitätskirche nicht als ganzen sakralen Raum neu errichten zu lassen, sondern im Inneren eine Trennung vorzunehmen, die im Chor des Gebäudes einen Sakralraum schafft, der vom Rest des der ehemaligen Kirchengestalt nachempfundenen Raums durch eine Glaswand abgetrennt werden soll (F.A.Z. vom 30. Oktober). Damit werden zwei Ziele verfolgt: die Schaffung einer funktionalen Aula für die Belange der Hochschule und der Schutz der 1968 vor der Sprengung demontierten wertvollen Epitaphien, die derzeit restauriert werden und ihren Platz wieder in der Kirche einnehmen sollen - sprich: im sakral genutzten Chor.

Gegen diese Pläne protestierten von Beginn an der bürgerliche Paulinerverein, der sich um eine Rekonstruktion der gotischen Kirche bemüht hatte, und die Evangelische Landeskirche, die keine Abtrennung des sakralen Bereichs will. Die Glaswand wird dabei als Abgrenzung von der religiösen Vergangenheit des Bauwerks interpretiert. Ein weiteres wichtiges Symbol des Streits ist die barocke Kanzel, die gleichfalls demontiert erhalten ist, allerdings in kleinsten Stücken. Für sie ist ein Platz in der Aula vorgesehen, weil sie im Chor zu mächtig wirken würde. Doch eine Kanzel, so argumentierten bislang Kirche und Paulinerverein, gehöre unabingbar zum kirchlichen Bereich. Die Trennung raube der Kanzel somit ihre Funktion.

Die jetzt erzielte Einigung, bei der der Paulinerverein, der den größten Widerstand leistet, außen vor blieb, besagt, dass die vor der Zerstörung der geretteten Teile nach der Restaurierung "an den historischen Ort" zurückkehren sollen. Aber ist der historische Ort das ganze neu entstehende Bauwerk oder darin der konkrete Anbringungsplatz? Den gibt es im neuen Baukkonzept meist gar nicht mehr - auch nicht für die Epitaphien. Sie werden deshalb eine eher museale Präsentation erfordern. Da sie zudem meist in schlechtem Zustand waren (F.A.Z. vom 30. Mai), während der Zustand der Bruchstücke der Kanzel als stabil gilt, wird diese zuletzt restauriert werden - also erst in einigen Jahren. Dann aber wird der Andachtsraum im sogenannten Paulinum längst geweiht und mutmaßlich auch die Trennung in einen sakralen und einen weltlichen Raum vollzogen sein. Denn die Einigung hält fest, dass der Freistaat Sachsen als Bauherr im Einvernehmen mit der Universität über die Konzeption des Neubaus entscheidet. Damit sind die Würfel gefallen. Da es sich aber nicht um einen Kompromiss handelt, sondern um die Bekräftigung der alten Pläne, ist die Fortführung der Auseinandersetzung sicher.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
© FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG VOM 17. JANUAR 2009

Ein fauler Kompromiss in Leipzig

Zu "Der Streit um den Neubau der Leipziger Paulinerkirche geht weiter" (F.A.Z.-Feuilleton vom 18. Dezember):

Man kann den Ausführungen von Andreas Platthaus nur zustimmen. Hier ist zwischen den Beteiligten ein Kompromiss geschlossen worden, der keiner ist, zumal das Anliegen des bürgerlichen Paulinervereins, die volle Restaurierung der Kirche als Kirchenraum, der er immer war, in keiner Weise berücksichtigt worden ist. Es handelt sich bei diesem sogenannten Kompromiss nur um eine Bestätigung der alten Pläne, die seitens der Universität immer schon bestanden haben. Was einen in Verwunderung versetzt, ist die Tatsache, dass man beim Freistaat Sachsen, bei der Stadt Leipzig und erstaunlicherweise auch bei der evangelischen Kirchenleitung Sachsens nicht erkannt hat oder erkennen will, welch eine Bedeutung die Paulinerkirche in der Geschichte der Reformation gespielt hat. In wenigen Jahren findet die Fünfhundertjahrfeier der Reformationstatt, in der die Leipziger Paulinerkirche eine so bedeutende Rolle innehatte. Da fragt man sich wirklich äußerst besorgt, wie es dazu kommen konnte, dass die evangelische Kirche Sachsens einer geplanten Trennung der Paulinerkirche in einen durch eine Glaswand getrennten Chorraum, vom übrigen Kirchenraum getrennt, den die Universität als Aula nutzen will, so kampflos zustimmen konnte. Es bleibt zu hoffen, dass die Leitung der evangelischen Kirche Deutschlands und vor allem Bischof Huber diese Fehlentscheidung der evangelischen Kirche Sachsens, wahrscheinlich im Alleingang getroffen, revidieren kann um das einmalige evangelische Kulturerbe der Paulinerkirche zu retten. Bei der evangelischen Kirche Sachsens scheint sich die bei allen anderen Konfessionen zu beobachtende Erkenntnis noch nicht durchgesetzt zu haben, dass die Pflege der kirchlichen Tradition die Liebe zur Kirche fördert und den Glauben bestärkt. So kampflos darf man den Verächtern der kirchlichen Tradition das Kampffeld nicht überlassen. Die Paulinerkirche in Leipzig muss in ihrem gesamten Bestand wiedererstehen und weiter der evangelischen Kirche dienen.

Heinrich Kemper, Warendorf

Quelle: http://www.welt.de/welt_print/article2890423/Wo-kommt-die-Kanzel-hin.html
© WELT.de - 17. Dezember 2008, 02:32 Uhr

Wo kommt die Kanzel hin?

Leipzig meldet eine Einigung im Streit um den Wiederaufbau der Paulinerkirche. Doch wichtige Fragen bleiben ungeklärt

Von Dankwart Guratzsch

1968 wurde die Universitätskirche in Leipzig auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt. Seit langem soll sie wieder aufgebaut werden. In der Stadt tobt eine heftige Debatte. Jetzt gibt es eine Entscheidung. Doch ein wichtiger Verein ist nicht mit im Boot – und die Hauptfrage bleibt ungeklärt.

Die Meldung klingt versöhnlich: „Der Freistaat Sachsen, die Universität, die evangelische Kirche und die Stadt Leipzig haben sich am Montag darauf geeinigt, den öffentlich geführten Streit im Interesse der Sache und des Ansehens der Stadt und der Universität beizulegen“.

Gemeint ist der Streit um den Wiederaufbau der auf Geheiß von Ulbricht 1968 gesprengten traditionsreichen Leipziger Universitätskirche. Bis zum Jubiläum der Leipziger Universität im Dezember 2009 soll der Bau zumindest äußerlich fertig sein.

Aber seltsam genug: In die „Einigung“ ist der „Paulinerverein“ nicht einbezogen worden, ohne den vermutlich weder der Wiederaufbau noch der Streit darüber in Gang gekommen wäre. Auch über die Hauptstreitfrage, den Einbau einer 17 Meter hohen Glaswand, die künftig den größeren „weltlichen“ Teil des Innenraums vom Altarraum abschotten soll, wurde kein Einvernehmen erzielt.

Gänzlich ungewiss ist nach wie vor, wie viele von den mehr als 50 Epitaphen, Bildern und Skulpturen, die vor der Sprengung aus der Kirche gerettet werden konnten und zur Zeit mit großem Aufwand restauriert werden, wieder aufgestellt werden können. Sicher ist allein, dass die Bürger der Stadt keinen Einblick mehr in den Verlauf der Debatte erhalten sollen. Einen „Maulkorb“ nennt das der Vorsitzende des Paulinervereins, Ulrich Stötzner.

Entzündet hat sich der Streit an den Wiederaufbauplänen des holländischen Architekten Erick van Egeraat, die zuerst vorgesehen hatten, den Innenraum mit Kreuzrippengewölbe und gotischen Säulen in enger Anlehnung an den Originalbau zu gestalten. Doch dem amtierenden Universitätsrektor Franz Häuser war dieses Konzept zu „kirchlich“. Er verlangte die Umwandlung des Gotteshauses in eine weltliche Aula und deren Abtrennung vom kirchlichen Restbereich.

Nun ist die „Kohabitation“ von Kirche und Universität in dem alten Klosterbau keine Novität, sondern jahrhundertealte Realität. Sie schloss zuletzt auch die gemeinsame Nutzung durch Protestanten und Katholiken ein. Aber eine förmliche Trennung der Bereiche hat es nie gegeben. Gegen sie liefen denn auch die Kirchen, die Kirchenmusiker, die Denkmalpfleger und der Paulinerverein Sturm.

Für die Kirchen ist die „Einigung“ nicht ohne Brisanz. Denn wenn sie festlegt, die Beteiligten seien sich einig, „dass die Entscheidungskompetenz rechtlich dem Bauherrn“ (dem Freistaat Sachsen) „im Einvernehmen mit der Universität zusteht“, ist die Kirche ausgebootet. Unterschrieben haben das neben Vertretern des Freistaates, Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und Universitätsrektor Franz Häuser erstaunlicherweise auch Landesbischof Manfred Bohl und Superintendent Martin Henker.

Für den Architekten ist aus dem Wiederaufbauprojekt inzwischen so etwas wie ein technisch-gestalterisches Experiment geworden. Um bessere Sicht im „weltlichen“ Bereich zu schaffen, kappte er sechs neugotische Säulen hoch über dem Boden und lässt sie nun wie Stalagtiten von der Decke hängen.

Überdies sollen Säulen und Gewölbe mit Glas und Keramikplatten verkleidet werden – eine Verfremdung des räumlichen Eindrucks, der auch die Musiker schreckt. Sie fürchten laut Stötzner Beeinträchtigungen der Akustik. Hauptstreitpunkt ist und bleibt jedoch die Glaswand, die das Raumerlebnis wie die Akustik beeinträchtigen und auch die Wiederaufhängung der 1738 von Valentin Schwarzenberger geschaffenen kostbaren Barockkanzel unmöglich machen würde. Der frühere sächsische Landeskonservator Heinrich Magirius ist darüber empört: „Selbst in der Zeit der DDR gelang es, liturgische Ausstellungsstücke in zu Konzertsälen umgestalteten Kirchenräumen zu erhalten.“

Die nun erzielte „Einigung“ versucht die Streitpunkte auszuklammern, ohne einen einzigen davon einer Klärung näherzubringen. So ist für das neu erstehende Bauwerk ein monströser Name mit „Unterzeile“ ersonnen worden, der alle Interessen abdecken und die Gemüter beruhigen soll: „Paulinum. Aula. Universitätskirche St. Pauli“.

Theologen und Universitätsleitung sollen einen „harmonisch aufeinander abgestimmten“ Nutzungsplan für den Raum erarbeiten. Der Theologischen Fakultät wurde zugesichert, an Sonn- und Feiertagen zur üblichen Zeit „grundsätzlich“ einen Gottesdienst abhalten zu dürfen. Dass dies überhaupt hatte strittig sein können, wird aus einem Nebensatz erkennbar, wonach diese Regelung „von Seiten der Universität anerkannt und bei der übrigen Planung bedacht“ werden solle.

Die vielleicht folgenreichste Vereinbarung betrifft die „vor der Sprengung geretteten Teile der Universitätskirche St. Pauli“, zu denen neben den Epitaphien auch die Kanzel gehört. Sie sollen, heißt es zweideutig, „nach ihrer Restaurierung an den historischen Ort zurückkehren, um sie dort auch der Öffentlichkeit in einem würdigen Rahmen zugänglich zu machen“.

Das lässt zwar Interpretationsspielraum, aber eines ist klar: Wird die Kanzel, die laut Magirius im Originalbauwerk eine „entscheidende Rolle als Bindeglied zwischen dem Chor und dem Langhaus“ gespielt hat, wieder an ihrem alten Ort an einem der nördlichen Pfeiler angebracht, ist die Plexiglaswand „gestorben“. Erst dann würde wohl auch der Paulinerverein von einem „Durchbruch“ sprechen können.


 

www.paulinerkirche.de