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Veranstaltungsprogramm 30. Mai 2008
Reden zum 40. Jahrestag des Gedenkens der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli
Quelle: http://www.zeit.de/online/2008/23/bg-uni-kirche-leipzig
© ZEIT online, 30.05.2008
Vier Sekunden Sozialismus
Vor 40 Jahren wurde die Leipziger Paulinerkirche gesprengt. Die damals in Eile geborgenen Kunstschätze erinnern an einen Kulturkrieg.
Eine Bildergalerie.
Von Evelyn Finger
Nur vier Sekunden dauerte die Sprengung der über 700-jährigen Universitätskirche in Leipzig am 30. Mai 1968. Die Fotografin Karin Wieckhorst erlebte den apokalyptischen Moment vom Grassi-Museum aus. Ehe an jenem Maimorgen vor 40 Jahren das Dynamit gezündet wurde und die Kirche in sich zusammensank, hatte man hastig das historisch Wertvollste geborgen: Epitaphe, Skulpturen, Gemälde, Grabmale, Kanzel, Altar, ein spätgotisches Kruzifix und auch die Engel. 80 Prozent der Innenausstattung wurden damals in Sicherheit gebracht, womit sie jedoch noch nicht gerettet waren. Denn nun lagerten sie in den muffigen Kellern des Leipziger Reichsgerichtes, gelangten später in das nasskalte Depot der Heilandskirche, wo sie bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit vor sich hin moderten. Man muss nicht fromm sein, um die Engel der Paulinerkirche zu lieben. Denn sie sind die Überlebenden eines Kulturkriegs und ihr jahrhundertealtes Lächeln ist vielleicht der größte Triumph über die Feinde der christlichen Tradition, der sakralen Baukunst, des altmeisterlichen Raumschmucks. Mittlerweile liegen sie in einem wohltemperierten Magazin und werden von den Kustoden der Universität Leipzig restauriert. Fragt sich nur, ob sie bis Ende 2009 zur 600-Jahr-Feier der Alma Mater sämtlich in den Kirchenneubau zurückkehren dürfen. "Die Engel schützen uns und Gottes Kreaturen in Seinem Auftrag", hieß es bei Luther, "um uns schützen zu können, haben sie lange Arme, den Satan zu verjagen." Jetzt ist es einmal andersherum und die Menschen brauchen lange Arme, um die Engel zu schützen.
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Leipziger St. Pauli-Kirche
Geschichte einer Sprengung
»Das Ding muss weg«, lautete das Verdikt, das der berühmteste Leipziger der DDR, Walter Ulbricht, über die Universitätskirche St. Pauli verhängte. Doch deren Vernichtung war nicht die einsame Entscheidung des Staatschefs. Seit Ende der fünfziger Jahre mehrten sich die Signale, dass der antiklerikale Kulturkampf im Zentrum Leipzigs besonders brutal geführt würde. Im Januar 1963 versuchte der sächsische Landeskonservator Hans Nadler einem hohen Staatsfunktionär die Schönheit des über 700-jährigen Denkmals zu vermitteln. Nadlers Protokoll der gemeinsamen Kirchenbegehung dokumentiert die Bedrängnis, in der die Verteidiger der Kirche sich bereits sahen, denn deren planmäßige Herabwürdigung durch die SED war bereits im Gange. Am 28. März 1968 endete der Architektenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung der Karl-Marx-Universität. Am 7. Mai bestätigte das Politbüro die Liquidierung der Kirche, am 17. stimmte der akademische Senat zu, am 23. die Stadt, am 30. wurde gesprengt. Weder Stadt noch Universität haben sich bis heute von diesen Unrechtsbeschlüssen distanziert. Die aktuelle Ausstellung über den Widerstand gegen die Sprengung wurde denn auch vom Verein Bürgerbewegung e. V. ausgerichtet. Im Foyer des Neuen Rathauses Leipzig sind die Zeitzeugnisse zu sehen. Das 33 Tonnen schwere Marx-Relief Aufbau (siehe kleines Bild oben) befindet sich derzeit auf dem Gelände des Uni-Sportforums, es soll eventuell auf den neuen Campus zurückkehren. Zum Gedenken an die Sprengung findet am Donnerstag, dem 29. Mai, eine Konferenz der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig statt. Am Freitag, dem 30. Mai, um 10 Uhr wird in der Nikolaikirche ein Universitätsgottesdienst abgehalten. Für 11 Uhr hat der Paulinerverein zu einer Kundgebung auf den Augustusplatz eingeladen. Vor der Baustelle sprechen unter anderem Friedrich Schorlemmer und der Oberbürgermeister Burkhard Jung. Danach findet eine Demonstration gegen die Entkirchlichung der Aula statt, zu der Pfarrer Christian Führer aufgerufen hat.
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Quelle: http://www.zeit.de/2008/23/Leipziger-Bilderstreit
© DIE ZEIT, 29.05.2008 Nr. 23
Die Angst vor der Kirche
Von Evelyn Finger
In Leipzig sprengten die Kommunisten vor 40 Jahren die älteste Universitätskirche Deutschlands. Nun errichtet die Hochschule eine Aula mit Andachtsnische
Noch ragen die Betonwände nackt in den Himmel. Noch dominieren Kräne, klaffen Zufahrten, wuchern Gerüste. Doch die hohen Fenster erinnern bereits an jene gotische Säulenhalle, die einst der Stolz Leipzigs war; und der holzverschalte Giebel gemahnt an die fein ziselierte Fassade der Universitätskirche, deren Abriss im Mai 1968, genau vor 40 Jahren, zur bleibenden Schande der Stadt wurde. Das staunende Publikum am Bauzaun könnte glauben, hier sei die große, längst fällige Geschichtsaufarbeitung, die sühnende Wiederherstellung des Gotteshauses im Gange.
Weit gefehlt. Denn die Kirche wird nicht wieder Kirche, sondern eine Aula. Wer dieser Tage im Rektorat versehentlich das Wort Paulinerkirche benutzt, wird barsch korrigiert. Man sei eine moderne Universität! Man lebe nicht mehr im Mittelalter, sondern vollziehe die Trennung von Kirche und Staat! Wollen Sie etwa zum Verfassungsbruch aufrufen? Der Ton lässt ahnen, dass die Leipziger Propagandisten »weltanschaulicher Neutralität« nervös sind, seit öffentlich wurde, dass sie einen Symbolbau der wiedervereinigten Republik neutralisieren, einen Akt politischer Wiedergutmachung sabotieren und eine der kostbarsten Kirchen Europas im Moment ihrer Auferstehung entkirchlichen wollen. Sie darf den Namen St. Pauli nicht wieder tragen, sondern soll Paulinum heißen. Weder die gerettete Barockkanzel aus dem Jahr 1738 noch der prächtige Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert werden aufgestellt. Eine mächtige Glaswand zwischen Schiff und Chor wird das Kirchenganze in einen profanen Hauptteil und ein mickriges sakrales Reservat namens Andachtsraum trennen.
Der Affront gegen das Geistliche ist auch ein Affront gegen das Geistige
Aber lässt sich überhaupt das Sakrileg heilen? Eine nationale Kulturbarbarei ungeschehen machen? Der Pfarrer Nikolaus Krause, der als Theologiestudent den Abriss erlebte, das Zusammenklappen des Gotteshauses wie das eines »alten Esels«, das ächzende Umsinken des Dachreiters und schmerzliche Sichverzerren der Giebelrosette, konnte sich eine Wiederherstellung nicht vorstellen. Vergebens hatte er seinerzeit Unterschriften gegen die Sprengung gesammelt, saß dann 20 Monate in Haft, haderte mit der DDR. Weil er um das Gebäude trauerte »wie um einen Verstorbenen«, wollte er nach der Wende, nunmehr Klinikseelsorger in Dresden, keine Rekonstruktion. Heute bereut er das. Es ist Mai 2008, und Krause absolviert seinen Ortsbesuch mit Tränen in den Augen: »Ich hätte 1989 nach Leipzig gehen und einen Wiederaufbau fordern sollen.«
Zu spät. Schon wird die Glaskonstruktion als »Terrarium für Christen« bespöttelt, man scherzt über die »Paula«, aber tatsächlich handelt es sich gerade bei der Trennung von Aula und Kirche um den entscheidenden Traditionsbruch: Denn das Gebäude, an das hier eigentlich erinnert werden sollte, war jahrhundertelang Kirche und Aula in einem. 1231 als Klosterkirche gegründet, 1545 von Martin Luther als Universitätskirche geweiht, diente es immer religiösen wie weltlichen Zwecken, wurde nach 1945 für Gottesdienste beider christlicher Konfessionen genutzt, versinnbildlichte also ein Toleranzideal, letztlich die Utopie des friedlichen Miteinanders.
Das ist es, wovon sich die Uni nun verabschiedet. Sie vergisst, wie untrennbar Wissenschaft und Religion in der abendländischen Geschichte verbunden waren. Sie übersieht, dass eine Glaswand nicht nur ahistorisch, sondern als künstliche Trennung zwischen Wissenschaft und Ethik auch ein fatales Zukunftssignal wäre. Der Affront gegen das Geistliche ist hier auch ein Affront gegen das Geistige, gegen kritische Vernunft und aufgeklärte Moral. Kein Wunder, dass die Universität in jüngster Zeit noch mit anderen Gesten ihrer peinlichen Unfähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung Schlagzeilen machte: Das gigantische Marx-Relief will sie würdig aufstellen, aber dort, wo die von der DDR geschändeten Grablegen der Paulinerkirche waren, baut sie einen Fahrradkeller.
Diese Universität scheint anhaltend froh, dass Ulbricht die Kirche sprengen ließ, und rechtfertigt ihren militanten Säkularismus mit der Behauptung: Es war von Anfang an klar, dass wir nur eine Aula bauen. Vielen Gutgläubigen war es komischerweise nicht klar, dem Pfarrer Krause ebenso wenig wie seinem Landesbischof Jochen Bohl und dem Dekan der Theologischen Fakultät Rüdiger Lux, dem Universitätsprediger Martin Petzoldt, dem Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt und all den anderen, die jetzt eilends Protestbriefe schreiben. »Kann sein, dass der Rektor schon immer die Kirche ausräumen wollte, aber das hat er nicht gucken lassen«, schimpft in zornigem Sächsisch der Wendepfarrer Christian Führer, Galionsfigur der friedlichen Revolution.
Führer versteht nicht, dass Kirche ausgerechnet in Leipzig als Bedrohung für die Demokratie empfunden wird, nachdem sie den Weg aus der Diktatur ebnete. Mag sein, man hätte die Strategiepapiere der Uni genauer studieren sollen. Ihm schwant, es gab da ein Informationsdefizit – in Sachsen leider üblich bei heiklen Themen wie Flutgeldern, Landesbank, Waldschlösschenbrücke. Während Führer gegen Hartz IV und Irakkrieg demonstrierte, entging ihm, was vor der Haustür rumorte, kaum fünf Gehminuten von seiner Nikolaikirche entfernt. »Offen für alle« ist das Motto von St. Nikolai, doch St. Pauli wird stilisiert zur Zentrale der Gegenaufklärung.
Deshalb hat Führer nun eine Demo angemeldet für den 30. Mai. »Wir mauergeschädigten Menschen wollen keine Glaswand. Wir protestieren dagegen, dass der Zerstörungsakt von vor 40 Jahren heutige Duldung erfährt.« Führers berühmte Bürstenfrisur steht kampflustig zu Berge. Warum er nie für einen Wiederaufbau eintrat? »Wir wollten keinen Machterweis der Kirche.« Aufgeklärte Theologie, protestantische Demut, Widerwille gegen den Rechristianisierungskurs der Katholiken: Vielleicht ist Toleranz manchmal Schwäche. Vielleicht war Führer zu dankbar, dass überhaupt gebaut wird am Ort der Zerstörung.
Weil Ende nächsten Jahres die Uni Leipzig ihr 600jähriges Bestehen feiert, begann 2005 im Herzen der Stadt ein wildes Abreißen, Aufbaggern, Umbauen. Die Bürger sahen es als Zeichen gegen den brachialsozialistischen Plattenbaufortschritt. Weg mit der früh verrotteten Karl-Marx-Universität! Vorwärts, aber nicht vergessen! Nach vielem Streit hatte 2004 der Rotterdamer Architekt Erick van Egeraat mit einem Wettbewerbsentwurf gesiegt, der anstelle der Universitätskirche eine verfremdete Hülle vorsah, den gotischen Innenraum jedoch kopierte. Diesen Kompromiss akzeptierte sogar der Paulinerverein, nachdem er jahrelang für einen Wiederaufbau gestritten hatte. Endlich schien sich ein würdiger Raum für die geretteten Kirchenschätze von St. Pauli aufzutun.
Deren hektische Bergung innerhalb zweier Tage im Mai 1968 ist Legende: Während draußen schon Sprenglöcher in den Kirchensockel gebohrt wurden, meißelte man drinnen kostbare Epitaphien von den Wänden. Steinmetze hatten die traurige Aufgabe, eine Auswahl zu treffen. Hilfsarbeiter zerlegten die Kanzel, schraubten vorsichtig die Orgelpfeifen ab, um sie dann scheppernd ins Kirchenschiff zu werfen, weil die Zeit nicht mehr reichte. Dieses Weltuntergangsdröhnen hat sich den Dabeigewesenen eingeprägt.
»Der Innenraum hat den Charme eines sowjetischen Standesamtes«
Die anderen, die jenseits der Absperrung ausharrten und am 30. Mai 1968 Punkt 10 Uhr die Staubwolke schluckten, wollen nun dringend wissen, was übrig blieb. Weil die Stasi systematisch die Erinnerung an St. Pauli auslöschte, indem sie Gemälde abhängte und Archive flöhte, müsste man heute das Geschehene umso lauter benennen, das Gerettete möglichst vollständig zeigen. Achtzig Ausstattungsstücke blieben erhalten, zumeist Epitaphien, aber auch Grabplatten aus dem 15. Jahrhundert, Holzstatuen aus dem 14. Jahrhundert, ein Kruzifix, 18 liturgische Gerätschaften. Leider passt nur ein Bruchteil all dessen in den Andachtsraum. Warum darf es nicht in die Aula?
Weil die Aula sonst komplett klimatisiert werden müsste, sagt die Universität, das sei zu teuer. Tunlichst verschweigt man, dass die Glaswand weit teurer werden könnte, zumal sie plötzlich verschiebbar sein soll, ein Zugeständnis an die erzürnte Leipziger Kirchenmusiklobby. Die große Orgel wird nämlich in der großen Halle hängen. Für den kleinen Andachtsraum waren zuerst nur kleine Konzerte vorgesehen. Dann kursierte die Idee einer Art Tür, aber irgendwer erkannte wohl noch rechtzeitig das Schildbürgerhafte dieses Plans: Musik durchs Nadelöhr quetschen wäre ganz ähnlich wie Licht in Säcke verpacken, um es in eine fensterlose Kirche zu tragen.
Apropos Licht. Dass beim Egeraatschen Innenraummodell die Sonne von Norden einfällt, kann man als Flüchtigkeitsfehler entschuldigen. Doch dass keine einzige achteckige Säule vorkommt, die für die Montage der Kanzel geeignet wäre, hat Methode. Sie besteht in der freizügigen Auslegung unklarer Beschlüsse. Man könnte es auch arglistige Manipulation eines Siegerentwurfs nennen, wobei ununterscheidbar bleibt, ob sie eher vom Architekten oder von der Universität ausgeht.
»Der arme Architekt hat noch nie eine Kirche gebaut, aber darf sich nun selbst verwirklichen«, spottet der Emeritus für Missionswissenschaft und Ökumenik Christoph Haufe. Er gehört zu denen, die die Katastrophe kommen sahen. »Stadt, Land und Uni hielten schon während der Ausschreibung hermetisch zusammen und gewährten der Bürgerbewegung keinen Einblick in die Debatte.« Tatsächlich präsentierte man erst nach der Siegerkür die Bewerberentwürfe. Haben die Universität als Grundbesitzer und das Land als Bauherr je begriffen, dass die Erinnerung an die Kirche nicht der Universität gehört und dass hier für 53 Millionen Euro kein Kaufhaus entsteht, sondern ein Mahnmal von höchstem öffentlichem Interesse?
Das Land Sachsen, immerhin, beschloss Anfang der Neunziger mal einen Wiederaufbau, intervenierte Anfang der 2000er Jahre in diesem Sinne, aber da pochten die jeweiligen Rektoren (erst ein in Moskau studierter ostdeutscher Chemiker, dann ein katholischer westdeutscher Jurist) auf die Hochschulautonomie. Haufe wundert sich nicht, dass nun eine Aula »mit dem Charme eines sowjetischen Standesamtes« entsteht. Und selbst das ist ein Fortschritt, verglichen mit dem Klotz ohne Kirche, der ursprünglich gebaut werden sollte. Dass dieses schändliche Monument eines »steinzeitlichen Wissenschaftsoptimismus« verhindert wurde, verdankt Leipzig nach Haufes Meinung allein dem Paulinerverein.
Seit fünf Jahren gibt es im Internet ein dreidimensionales Modell der Kirche
Der Paulinerverein kämpft seit 1993, er besteht aus tapferen Leute ohne Mandat wie dem Geophysiker Ulrich Stötzner und dem Germanisten Thorsten Reich, dem Ingenieur Christian Jonas, dem Experimentalphysiker Manfred Wurlitzer und dem Kulturwissenschaftler Wieland Zumpe. Mit lächerlichen 10000 Euro Jahresetat unterlaufen sie das Desinformationsmonopol der Entscheider. Die Pauliner verteilen Flyer und drucken Broschüren. Sie boten eine Spende zur Restaurierung jener Kanzel an, neben der schon Johann Sebastian Bach dirigierte – doch das Geld wurde bis heute nicht angenommen, die Kanzel versauert in der Kustodie. »Wir sind nur das Volk«, sagen die Ehrenämtler in Anspielung auf eine Wendeparole. Zu glauben, die Mächtigen würden Bürgern Gehör schenken, bloß weil Demokratie herrscht!
So naiv konnte nur Wieland Zumpe sein, der zu DDR-Zeiten lernte, das »humanistische Kulturerbe« müsse bewahrt werden, und nach der Wende dachte, das gelte jetzt auch für Kirchenschätze. In mühevoller Kleinarbeit bastelte der Mann ein 3-D-Modell von St. Pauli. Er holte Informationen aus Archiven, fütterte seinen Computer. Per Mausklick kann man das Ergebnis betreten. Die Adresse lautet www.paulinerkirche.org. Und plötzlich steht man unterm weiten Kreuzrippengewölbe. Golden schimmert die Kanzel. Vom Altar herab grüßt Paulus. Hier hat also Luther gepredigt. Dort oben im hohen Chor saßen während der Promotionen die Rektoren. So viele Epochen auf engem Raum. Das Computerprogramm, entschuldigt sich Zumpe, sei etwas veraltet. Vor fünf Jahren bot er an, sein Wissen weiterzugeben an die Architekten des Wettbewerbs, die keine genauen Pläne der Kirche zur Verfügung hatten. Abgelehnt. Vor fünf Jahren informierte er die Hochschulrektorenkonferenz über die Geschichtsvergessenheit seiner Oberen. Seither hat er Hausverbot an der Universität.
Zumpe hat mittlerweile ein paar Theorien zu dem merkwürdigen Nachwende-Revisionismus der Universität, der zunächst nicht leicht erklärbar scheint. Denn die Genossen wurden entmachtet, die Linkspartei ist bloß Opposition, wichtige Apparatschiks wurden durch Westbeamte ersetzt. Ja, aber, gibt Zumpe zu bedenken, wer sitze denn in der zweiten, dritten Reihe? Wo, bitte, wenn nicht in CDU und SPD, flöten die DDR-Blockflöten? Und wohin seien 1990 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion sämtliche Akten der SED-Kreisleitung verschwunden, die an der Karl-Marx-Universität lagerten? Habe nicht der sächsische Innenminister Heinz Eggert 362 Stasispitzel und 161 Hauptamtliche eingestellt? Was tun heute die sogenannten B-Kader des Ministeriums für Staatssicherheit, für den Verteidigungsfall rekrutierte Nicht-SED-Mitglieder und Nicht-IMs?
Wo der Staat Vergangenheit vergisst und die Universität in der kirchenfeindlichen Logik der SED agiert, gedeihen Verschwörungstheorien. Aber selbst wenn sie zuträfen, wären nicht alle entscheidenden Westdeutschen im Osten Marionetten der Stasi. Der Autoritarismus des Leipziger Rektors wirkt jedenfalls authentisch. Deshalb hat einer seiner prominentesten Kontrahenten, der Pfarrer der Thomaskirche Christian Wolff, der sich selbst als »lupenreinen Wessi« bezeichnet, noch andere Erklärungen parat. »Alte Ordinarienherrlichkeit« sei der Grund für mangelnde Diskussionsbereitschaft. Hinzu komme das Duckmäusertum der Untergebenen, »diese Angst zu widersprechen, die schon zu den beiden deutschen Diktaturen geführt hat«.
Wolff predigt jeden Sonntag mit dem Rücken zum Paulineraltar, der bei ihm Asyl hat. Und er predigt fast immer auch über St. Pauli, am liebsten gegen das akademische Neutralitätsgerede. Ausgerechnet heute, da die Wissenschaft immer mehr ethische Fragen aufwerfe, erzeuge man Fachidioten. »Wir klagen in Sonntagsreden Werte ein und erziehen Führungskräfte in einem neutralistischen Vakuum.« Universitätskirche heute, ob in Heidelberg, Freiburg oder Cambridge, maße sich ja kein Bestimmungsrecht über die Forschung an wie zu Zeiten Galileo Galileis, sondern sei geeignet, einer Verabsolutierung der Wissenschaft vorzubeugen. Kürzlich, in einer Ansprache, hat Wolff das Thema ironisch durchdekliniert: »Stellen wir uns vor, der Oberbürgermeister unserer Stadt weist den Thomaskantor an, dass ab sofort die Motette nur noch im Alten Rathaus gesungen werden darf. Denn schließlich handelt es sich beim Thomanerchor seit der Reformationszeit um eine städtische Einrichtung. Darum muss der Chor sich in Zukunft weltanschaulich neutral verhalten. Das Weihnachtsoratorium ist zur Buchmesse aufzuführen und die Johannespassion im Gewandhaus…« Was so absurd klang, war eine präzise Interpretation der neuen Intoleranz, die sich als Überkonfessionalität gebärdet.
Den akademischen Willen zur Indifferenz kann man auch bei einer Baustellenführung besichtigen. Nur nicht zu viel kirchliche Anmutung! Bitte wertfrei! Wenn man von Osten her ins Innere tritt, hat man zwar das Gefühl, durch ein Portal zu gehen. Gar nicht übel, denkt man, aber der Baustellenleiter erklärt, dass das hier nur die Zufahrt sei, die werde noch geschlossen, und Andachtsraumbesucher müssten dann durch diese Tür links an der Seite. Es ist eine Art Mauseloch, den Dimensionen des »Christenterrariums« angemessen. Hier verlaufe übrigens die Glaswand. Und was kostet die nun? Komme ganz drauf an, sagt der Baustellenleiter. Je filigraner, desto teurer. Am aufwendigsten sei aber die Klimatisierung der Dachgeschosse. Ja, Sie haben richtig gehört, über den Kirchenraum kommen noch mehrere Geschosse mit Seminarräumen. Nein, nicht für die Theologen. Ins Paulinum ziehen die Mathematiker und Informatiker. Noch Fragen? Natürlich zur Klimatisierung des Andachtsraums. Der werde nur belüftet, wohingegen die Aula klimatisiert werde wegen der bis zu 700 Leute. Wie bitte? Der Baustellenleiter bestätigt geduldig, dass der Andachtsraum definitiv nicht klimatisiert werde, empfindliche Epitaphien kämen in eine separate Klimakammer. Das ist mal eine Überraschung. Beruht also der seit Monaten brodelnde Trennungsstreit auf einem Irrtum? Wieso nicht gleich das Ganze klimatisieren und Kirche nennen und als Aula nutzen?
Der Rektor Franz Häuser ist auch überrascht von dieser Neuigkeit, obwohl er nur wenige Schritte weiter in der Ritterstraße residiert. Er hat übrigens für die Restaurierung der Kirchenschätze gespendet. Wenn er schimpft, dass es die Theologen gewesen seien, die die Kanzel, »das barocke Scheißding«, nicht haben wollten, schwingt sogar etwas wie Missbilligung mit. Aber in der Klimafrage bleibt er cholerisch, ruft aus: »Jetzt ist mal egal, wie, es sind zwei unverträgliche Klimaszenarien! Und die Glaswand darf man nicht zu lange öffnen, weil sonst alles zusammenbricht.«
Zusammenzubrechen droht derzeit in Leipzig vor allem das Kartenhaus funktionalistischer Argumente. Zum Vorschein kommt eine Effizienz-Uni. In deren Aula soll alles Mobiliar beweglich sein, sogar die Akustik durch Vorhänge variabel bleiben. Man hat nämlich einen Kooperationsvertrag mit der Messegesellschaft. »Wir machen uns deren Logistik zunutze, und wenn die etwas Attraktives veranstalten wollen, werden wir nicht im Wege stehen.« Attraktiv sein könnten Bankette. Auch Modenschauen? Man munkelt von Laufstegen; und der Paulinerverein bekam bei einer Baustellenbegehung zu hören, die Glaswand sei nötig, weil Aulanutzer beim Tanzen schwitzten. Tanzen? Der Katholik Häuser gibt zu bedenken, dass Christen, um Zeugnis abzulegen, keine Kirche brauchen. »Schauen Sie doch mal in die Diaspora: Da finden Gottesdienste in Gaststätten statt, wo vorher Tanzveranstaltungen waren.« Aus westdeutscher Perspektive ist das protestantische Kernland eben Diaspora, und die Sachsen können froh sein über den Andachtsraum.
Das Leipziger Beispiel lehrt, wohin verordnetes Effizienzdenken an den Unis führt: zu einer Akademia der Geldbeschaffer, zu Kulturverachtung neuen Typs und Kirche als Ornament. »Wir wollen eine festliche Aula, die ihre Festlichkeit aus der Anmutung des Vorgängergebäudes bezieht.« Die Paulinerkirche ein bloßes Vorgängergebäude? Diese historische Leichtfertigkeit könnte noch Anlass zu gröberen Debatten geben. Der Kustos der Universität, der zugleich Vorsitzender der Kunstkommission ist, wird solcher Kritik nicht den Stachel nehmen. Auch Rudolf Hiller von Gaertringen benutzt gern das Wort »wertfrei«, etwa in Bezug auf Werner Tübkes monumentales Wandgemälde Arbeiterklasse und Intelligenz. Es wurde für den sozialistischen Neubau der Karl-Marx-Universität in Auftrag gegeben und prangte im Rektoratsflur: ein buntes Tableau sozialistischer Helden, die aus dem Schatten der Geschichte treten. »Man muss das Kunstwerk mal objektiv betrachten«, sagt von Gaertringen, der zwar in einem Aufsatz zeigte, dass Tübke seinen Auftraggebern half, ihr Tun am Ort der gesprengten Kirche zu verklären. Aber der Maler habe auf plakative Indoktrination verzichtet. Deshalb empfahl die Kunstkommission »dringend«, das Wandbild in den neuen Campus zu übernehmen.
Als wäre künstlerisch wertvolle Propagandakunst keine Propagandakunst. Als könnten die Zeitgenossen von 1968 Tübke unparteiisch betrachten. Das Jubelbild soll wiederaufgehängt, aber die Kirche darf nicht wiederaufgebaut werden – von Gaertringen versteht bis heute nicht den Protest, der sich an der historischen Ungleichbehandlung entzündet. Der berühmte Schriftsteller und einstige Student der Karl-Marx-Universität Erich Loest, wegen Unbotmäßigkeit sieben Jahre in Bautzen eingesperrt, heute Ehrenbürger Leipzigs, fühlt sich verhöhnt. Er spricht von »rüpelhaftem Vergessen« und »traditionslosem Geplärre ohne Kenntnis dieser Stadt und ohne Liebe zu ihr«. Denn auf dem Tübke-Bild sind die Kirchensprengmeister verewigt: der damalige Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Paul Fröhlich, der Vorsitzende des Rates des Bezirkes Erich Grützner und der Oberbürgermeister Walter Kresse. Sie stehen im Hintergrund, aber durchaus im Mittelpunkt des Gemäldes – und weiterhin im Zentrum der Universität?
Manchmal kommt einem die Wendestadt Leipzig vor, als sei die Wende ein Zwischenfall ohne Folgen gewesen. Loest schlug vor, das bronzene Marx-Relief, das nach der Sprengung als Begrüßungskunstwerk an die Stelle des Altars gesetzt wurde, einzuschmelzen. Aber für den Umgang mit Tübke hatte er eine mildere, geradezu salomonische Idee. Warum nicht auch die düstere Seite der Universitätsgeschichte bebildern? Loest gab ein zweites Wandgemälde in Auftrag. Es ist nicht bunt-bewegt, sondern blaugrau und strahlt die Atmosphäre einer politischen Eiszeit aus. Es ist die Stimmung der fünfziger Jahre. Der Maler Reinhard Minkewitz, selbst aus der Leipziger Schule stammend, hat das Prinzip Hoffnungslosigkeit dargestellt. Man sieht Loests einstige Lehrer Ernst Bloch und Hans Mayer, kritische Marxisten, die vor dem Parteidogmatismus gen Westen flohen. Außerdem setzt Minkewitz drei mutigen Studenten ein Denkmal, die gegen die Diktatur opponierten und mit harten Haftstrafen büßten: Georg-Siegfried Schmutzler, Wolfgang Natonek und Werner Ihmels, der in Bautzen starb.
Die Uni hat leider kein Interesse an einem solchen Bild. Erst signalisierte sie dem Maler, es sei kein Geld da. Jetzt heißt es, man habe nicht so viele freie Wände. Von Gaertringen findet, »Kunst ist nicht das richtige Mittel der Aufarbeitung«. Im Übrigen sei der Universität »bisher nichts angeboten worden« – obwohl Kustos, Rektor, Maler im August 2007 mit dem Leipziger Regierungspräsidenten zusammentrafen. Man kann eine Sache auch entscheiden, indem man sie nicht entscheidet.
Wohin verschwanden die Grabbeigaben? Wohin die Leichen?
Aber man kann die Wahrheit nicht dauerhaft hinter Bauzäunen verbergen. Letzten Sommer, als am Augustusplatz gebaggert wurde, kamen Bögen des Dominikanerklosters und Reste menschlicher Skelette zum Vorschein. St. Pauli war ja Grablege gewesen für Adlige, Honoratioren, Rektoren. In den Mainächten 1968 wurden unter heimlich die Bodenplatten der Kirche herausgerissen, um die Grabbeigaben zu plündern. Hilfsarbeiter erinnern sich noch an den Gestank beim Verpuffen der Leichengase, aber auch an die Pracht der Gewänder und des Schmucks.
Etwa 800 Tote müssen sich in der dreistöckigen Gruft befunden haben. Wohin die Kostbarkeiten verschwanden? Wohin die Leichen? Nicht die Universität erforscht es, sondern Manfred Wurlitzer vom Paulinerverein. Leider wurden letzten Sommer die Fundstellen in der Baugrube zubetoniert und verschüttet. Die Bauleitung beruft sich auf das Urteil von Archäologen, die allerdings erst auftauchten, nachdem Wieland Zumpe von der Grube Fotos gemacht und ins Internet gestellt hatte. Woher das Desinteresse an der unheilvollen DDR-Geschichte kommt, Wurlitzer kann es auch nicht genau sagen, er weiß nur aus seiner Arbeit beim demokratischen Umbau der Universität Anfang der neunziger Jahre, dass damals »nicht alle Macher abgesägt« wurden. Der letzte DDR-Rektor, nachdem er im Herbst 1989 zum Boykott der Demos aufrief, wurde bis ins neue Jahrtausend weiterbeschäftigt. Der persönliche Referent des langjährigen Nachwenderektors war bei der Stasi gewesen. Ein wichtiges Mitglied der heutigen Kunstkommission promovierte und habilitierte sich ausgerechnet über DDR-Architektur in Leipzig. Die Arbeiten waren, sagt Wurlitzer, der sie gelesen hat, keine eben kritischen.
Bis die Diktatur wirklich überwunden ist, muss noch viel gegraben werden in Leipzig. Vielleicht gibt es ja irgendwann den politischen Willen, die Trümmer der Kirche zu bergen, die in eine Sandgrube am Rande Leipzigs gekippt wurden. Mancher schlich damals ans Loch und stahl ein Erinnerungsstück, ein junger Geophysiker barg eine Helmzier. Heute ist Ulrich Stötzner Vorsitzender des Paulinervereins, manchmal fährt er hinaus nach Probstheida, zur Sandgrube, die jetzt ein grasüberwachsener, vom Grün üppiger Büsche umwehter Hügel ist. Tonnenweise Schutt wurde über die Kirchenreste getürmt, auf dass sie für immer begraben blieben. Man rechnete nur nicht mit der Hartnäckigkeit Stötzners. Der hat mittlerweile den »Hügel der Schande« geophysikalisch vermessen. Dreizehn Meter unter Gelände, sagt er, beginne die Kirche, wobei die großen Bruchteile natürlich ganz unten liegen. Aber sie liegen trocken. Ihre Bergung würde zwei Millionen Euro kosten, das klingt viel, aber wenn man bedenkt, dass ein Wiederaufbau auf 25 Millionen veranschlagt wurde, während der Neubau nun mehr als das Doppelte verschlingt…
Blickt man vom Grabhügel der Kirche in Richtung Völkerschlachtdenkmal, dann schrumpft die Gegenwart auf ihr Maß und erscheint weniger hoffnungslos. Über 700 Jahre alt wurde die Paulinerkirche, 600 Jahre wird bald die Universität. Der sozialistische Brachialbau währte kaum 40 Jahre. Gut möglich, dass auch die »Paula« nicht ewig steht.
32 LEBENSART REPORT Rheinischer Merkur · Nr. 22 / 2008
© Rheinischer Merkur
"Was weg ist, ist weg!"
LEIPZIG - Vor 40 Jahren ließ die SED die völlig intakte Universitätskirche sprengen. Der Wiederaufbau von St. Pauli spaltet die Region. Die Leitung der Alma Mater will keine Auferstehung des alten Gotteshauses.
Von Alexandra Gerlach
Der 30. Mai ist jedes Jahr ein schwerer Tag für Christoph Haufe. Doch in diesem Jahr, wenn sich die Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli zum 40. Mal jährt, ist es besonders schlimm. Wie eine nicht verheilende Wunde haben sich die Ereignisse in sein Gedächtnis eingefressen. Der 76-jährige ehemalige Leipziger Theologieprofessor erinnert sich noch sehr genau an jenen Morgen. Wenn er schildert, was damals geschah, glitzern Tränen in seinen Augen. "Alle evangelischen Pfarrer in Leipzig versammelten sich am Vormittag im Altarraum der Thomaskirche, um die schreckliche Stunde der Sprengung gemeinsam zu überstehen. Als uns um 10 Uhr tatsächlich der Knall erreichte und der Boden erbebte, sanken viele von uns in die Knie und verharrten lange so." Noch im Moment der Sprengung habe er gedacht: "Du Kirche wirst wieder auferstehen." Die Geißelung des Gotteshauses habe über eine Woche gedauert; es sei angebohrt, geschlagen, zerrissen worden - fast ein Abbild des Leidens Christi. Auch Ulrich Stötzner wird den Tag nicht vergessen. Der heute 70-Jährige war damals beruflich in Leipzig tätig und hatte den Auftrag, die Erschütterungen durch die Sprengung zu messen. In dieser Funktion war es ihm möglich, in den von der Polizei gezogenen Sperrkreis hineinzukommen und heimlich die Sprengung zu filmen und zu fotografieren.
Geistiges Zentrum
Heute steht der Ingenieur dem Paulinerverein vor, der sich für den Wiederaufbau der Universitätskirche St. Pauli einsetzt. Zahlreiche Vereinsmitglieder sind Zeitzeugen, haben 1968 selbst am stummen Protest gegen die Sprengung teilgenommen. Der Widerstand - auch von Studierenden - gegen die Willkür des SED-Staates hat manchen in Gefahr oder gar ins Gefängnis gebracht. Bis zur Wende gab es keine Hoffnung auf einen Wiederaufbau. Die SED-Staats- und -Parteiführung ließ im Zuge des Neubaus der sozialistischen Muster-Universität am neuen Hauptgebäude ein gigantisches Marx-Relief aus Bronze anbringen, exakt an jener Stelle, wo sich zuvor das Kreuz der Paulinerkirche befunden hatte: ein Triumph des Sozialismus über das freie und geistliche Wort. Dieser Akt sei symbolisch für den Umgang des DDR-Regimes mit den Wissenschaftlern und der altehrwürdigen Universität gewesen, sagt der Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolf. Aber es sei auch eine Mär zu glauben, dass sich die Mehrzahl der Professoren gegen die Sprengung gestemmt habe, weiß der aus Westdeutschland stammende Gottesmann. Mit dieser provokanten These hat er schon heftige Debatten angestoßen. Heute kämpft Wolf für eine Renaissance der Universitätskirche St. Pauli als geistiges Zentrum der Leipziger Universität, die ihre Wurzeln in jenem Dominikanerkloster hat, dem die Kirche einst gehörte. Die Ausgangslage ist an sich günstig. Die Universität Leipzig erhält derzeit einen komplett neuen Campus in der Innenstadt. Dafür sind die zu DDR-Zeiten errichteten Gebäude der ehemaligen Karl-Marx-Universität abgerissen worden, darunter auch das Hörsaal-Hauptgebäude auf dem Grundstück der untergegangenen Paulinerkirche. In zwei Wettbewerben wurde die Bebauung des Areals am geschichtsträchtigen Augustusplatz konzipiert und nach einigen Diskussionen sowie erheblicher Zeitverzögerung mit den Neubauten begonnen. Auf dem Terrain der einstigen Paulinerkirche soll ein neues Mehrzweckgebäude mit der Nutzung als Aula/Kirche entstehen. Der Vorschlag stammt vom holländischen Architekten Erick van Egeraat. Sein Entwurf fand im Wettbewerb 2004 die größte Zustimmung, da er die meisten Elemente der ehemaligen Kirche aufnahm. Die Einweihungsfeierlichkeiten sind bereits für Dezember nächsten Jahres terminiert. Doch jetzt tobt ein erbitterter Streit um die Innengestaltung der neuen Kirchenaula. Von Anfang an war die Bebauung der Fläche, auf der die Universitätskirche einst stand, Zankapfel Nummer eins. 1240 als Dominikanerkirche geweiht, wurde sie 1545 durch Martin Luther zur ersten evangelischen Universitätskirche umgewidmet. Viele bekannte Geistesgrößen haben hier gewirkt, akademische Vorträge gehalten und sich der geistlichen Musik gewidmet. In der Paulinerkirche wirkten Bach, Gellert, Kuhnau, Hiller, Mendelssohn, Reger und viele andere. Die Kirche war das geistige Zentrum der zweitältesten deutschen Universität. In dieser Kirche haben berühmte Prediger gesprochen, hier gab es wissenschaftliche Diskurse. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich reges Leben in dem schon damals dual genutzten Gotteshaus, das evangelischen wie katholischen Studenten gleichermaßen offenstand. Der Vorsitzende des Paulinervereins, Ulrich Stötzner, erinnert sich, dass es hier Predigten gab, die mehr als eine Stunde dauerten. "Wer eine solche Predigt nicht gehört hatte, hatte etwas verpasst." 1500 Zuhörer waren keine Seltenheit. Diese Anziehungskraft kollidierte schnell mit dem Zeitgeist jener Jahre, in denen die Staats- und Parteiführung der DDR daranging, die vom Krieg zerstörte Stätte im sozialistischen Stil neu aufzubauen. In Leipzig wurde der traditionsreiche Augustusplatz zum Karl-Marx- Platz umbenannt und die Universität in Karl-Marx-Universität. "Da passte dieses Haus nicht hin", sagt Stötzner. Eine Erzählung besagt, dass Walter Ulbricht bei einem Besuch in der Oper seiner Heimatstadt Zeuge der Attraktivität der Universitätskirche wurde. Ulbricht soll auf dem Balkon des Opernhauses am Augustusplatz gestanden und gefragt haben, was das für eine Ansammlung von Studenten sei, an der Kirche vis-à-vis? Als er hörte, die Studenten seien gerade aus der Kirche gekommen, soll er dies mit den Worten kommentiert haben: "Die muss auch noch weg!" Inzwischen sind auch die Nachfolgebauten auf dem Areal abgerissen. Gebaut wird jetzt ein neuer Campus für die Universität, mitten in der Stadt. Damit war die Diskussion wiedereröffnet, ob man die Kirche neu aufbauen sollte. Stadt und Universität waren strikt dagegen, die evangelische Landeskirche hielt sich über lange Zeit bedeckt. Die Paulinerkirche, so schien es, hatte keine Lobby. Nach heftigem Streit zwischen dem Paulinerverein und der Universität wurde im Jahr 2004 festgelegt, dass das neue Gebäude auf ihrem angestammten Grundstück die traditionelle duale Nutzung als Gotteshaus und Aula fortschreiben sollte. Doch genau das ist der Universitätsleitung ein Dorn im Auge. Rektor Franz Häuser fürchtet ebenso wie sein Vorgänger an der Spitze der Universitätsleitung eine zu starke Dominanz der Kirchlichkeit in seiner neuen Aula, die zugleich einen Andachtsraum haben soll. Die Haltung der Theologen der Universität Leipzig war zunächst indifferent bis ablehnend. Das hat sich inzwischen geändert. Einer der Dekane unterstützt den Paulinerverein aktiv. Bei seiner ablehnenden Haltung bleibt der aus Westdeutschland stammende Rektor, Franz Häuser. Sein Argument: Die alte Universitätskirche ist gesprengt, sie sei "in einem barbarischen Akt vernichtet worden und sie werde als alte Universitätskirche auch nicht wiederkommen. Was weg ist, ist weg!"
Rektor hat Hausrecht
Häuser hat de jure eine starke Position. Seit wenigen Jahren ist die Universität Eigentümerin des Grundstücks der früheren Paulinerkirche, hat damit also Hausrecht. Das macht die Sache schwierig. Obwohl das Geld für den Bau des Campus vom Freistaat Sachsen kommt, hat die Universitätsleitung eine hohe Autonomie in der Gestaltung ihrer neuen Aula. Und der Rektor, selbst katholisch, macht keinen Hehl daraus, dass er keine neue Kirche auf dem Areal wünscht. Er begründet das auch mit Rücksicht auf die Studenten, schließlich lebe man, so Häuser, in einem säkularen Staat. Außerdem sei die Universität eine Institution, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts in einem weltanschaulich-religiös neutralen Staat. Solange man diese Haltung nicht akzeptiere, sehe er "Probleme, zu einem Einverständnis zu kommen". Derzeit wächst der Beton-Rohbau von Tag zu Tag in die Höhe. Die bauliche Annäherung der neuen Aula-Kirche an die untergangene Universitätskirche ist schon im Rohbau nicht zu übersehen. Der hohe Innenraum mit seiner gewölbten Decke und den kirchenähnlichen Fensteröffnungen erinnert an das, was war. In dem neuen Gebäude soll jedoch nur ein kleiner Raum - etwa ein Drittel - für Andachten reserviert werden, abgetrennt durch eine meterhohe Glaswand. Häuser begründet dies mit akustischen und klimatischen Zwängen, die sich aus der Doppelnutzung des Raumes ergeben. Zugleich lehnt er es ab, die noch erhaltene barocke Kanzel aufzustellen. "Paulinum" nennt Häuser die neue Kirchenaula. So soll der Bau nach dem Beschluss des Universitätssenats heißen. Kostbare Epitaphe, die vor der Sprengung gerettet werden konnten, werden den Andachtsraum schmücken. Diese Vorstellung macht den Pfarrer der Thomaskirche wütend. Das alles sei doch keine nekrologische Veranstaltung, schimpft er und schüttelt sich bei dem Gedanken, in einem "Aquarium", umgeben von Grabtafeln, Gott zu preisen. Die Innenausstattungspläne der Hochschulleitung haben jüngst auch den evangelischen Landesbischof in Sachsen, Jochen Bohl, auf die Palme gebracht. Nach langem Schweigen hat er für die evangelische Landeskirche öffentlich ein Umdenken gefordert. Er ruft dazu auf, den Namen Universitätskirche für die neue Aula einzuführen, und kritisiert vehement den Plan, eine Glaswand in die Aula einzuziehen, als Trennung zwischen Aula und Andachtsraum. Eine solche Glaswand, so der Bischof, erwecke unter Umständen den Eindruck, als sei eine Trennung zwischen der geistlichen und der wissenschaftlichen Nutzung erforderlich. Der Rektor hält dagegen, dass "eine große Kirche, die auch als Aula genutzt wird", von der Leipziger Universität nicht gewünscht sei. Die ehemals duale Nutzung des alten Gotteshauses sei ohnehin nur aus der Raumnot und somit aus ganz praktischen Erfordernissen erwachsen. Der Kustos der Leipziger Universität, Rudolf Hiller von Gaertringen, reagiert noch schärfer auf die Äußerung des Bischofs. Gereizt antwortet er, es sei "schon erstaunlich, wer sich alles berufen fühlt, die Universität einrichten zu wollen". Er gehe ja auch nicht in fremde Wohnzimmer und hänge Bilder um. Inzwischen spitzt sich der Leipziger Kirchenstreit immer weiter zu. Die Befürworter der Wiederbelebung der alten Universitätskirchentradition gehen in die Offensive. So ruft der erst kürzlich pensionierte Nikolaikirchenpfarrer und Bürgerrechtler Christian Führer die Bürger der Stadt zum 40. Jahrestag der Sprengung zu einer Demonstration auf. Die Aula auf dem neuen Campus müsse "Universitätskirche" heißen, sagt er. Ein "Paulinum" habe es im Innenstadtbereich nie gegeben und in den neuen Raum gehörten auch die vor der Sprengung geretteten Inventarbestände, die barocke Kanzel und der Altar. Besonders kritisch sieht Führer die für ihn geschichtslose Haltung der Universitätsleitung und auch einer Mehrzahl der Studierenden. Jeder müsse sich fragen, wie er mit der diktatorischen Wirklichkeit aus dem Jahr 1968 umgehe. Damals hätten sich viele Studenten für den Erhalt der Kirche eingesetzt, Physikstudenten hätten mit Plakaten protestiert und seien dafür hart bestraft worden; Mitglieder des akademischen Orchesters hätten ihren Unmut kundgetan. Das sei auch Verpflichtung für die heutige Generation der Leipziger Studierenden.
Machtwort aus Dresden?
Diese Haltung des charismatischen Pfarrers im Ruhestand hat einen Sturm der Entrüstung im Leipziger Studentenrat ausgelöst. Doch Christian Führer ficht das nicht an, er gehört zu den neun Erstunterzeichnern eines Positionspapieres des Paulinervereins, das überschrieben ist mit einem Zitat des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart." An der Campus-Baustelle bleiben Passanten derweil immer wieder stehen, um den Baufortschritt zu beobachten. Dabei fällt der Blick auch auf eine Bautafel, die die Universitätsleitung aufgestellt hat. Darauf sind alle Epochen des Baugeschehens auf dem Augustusplatz ab dem 15. Jahrhundert abgebildet. Die Ereignisse von 1968 aber fehlen. Für den Pfarrer der Thomaskirche in Leipzig, Christian Wolf, ist das ein Skandal: "Plötzlich ist die Universitätskirche weg, unkommentiert!", ruft er aus. Das Schild hält er für ein "sichtbares Zeichen für die Geistlosigkeit der derzeitigen Universitätsleitung, wie sie mit diesem himmelschreienden Skandal und kulturellen und politischen Verbrechen der Sprengung der Universitätskirche umgeht". Unbehagen über die aktuelle Entwicklung regt sich auch in der sächsischen Staatsregierung, die das Geld für den Campus-Neubau gibt. Nur ein Machtwort könne die aktuelle verfahrene Lage lösen, heißt es inoffiziell. Doch ob sich der neue Ministerpräsident Stanislaw Tillich in den Streit einschalten wird, ist ungewiss.
Stellungnahme des Senats der Universität Leipzig zum 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli
Der Akademische Senat der Universität Leipzig hat auf seiner Sitzung vom 24. Juni [2008] nach intensiver Diskussion folgende Stellungnahme zum 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli und zur öffentlichen Diskussion über den Universitätsneubau am Augustusplatz einstimmig verabschiedet.
Aus Anlass des 40. Jahrestages der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli bekräftigt der Akademische Senat der Universität Leipzig sein wiederholt geäußertes Bedauern, dass im Mai 1968 nur wenige Mitglieder der Universität dem Druck des diktatorischen Regimes widerstanden. Die Sprengung der Universitätskirche und des Augusteums hat der Universität einen schmerzlichen und nachwirkenden Verlust zu gefügt. Der Senat würdigt zugleich den Mut derjenigen aus Universität und Bürgerschaft, die öffentlich der Sprengung entgegentraten und dafür einen hohen Preis zahlen mussten; er spricht den Opfern der Diktatur seine Anteilnahme aus.
Der Akademische Senat verwahrt sich gegen den Ton und die Schärfe der öffentlichen Diskussion über den Universitätsneubau am Augustusplatz. Er weist alle Versuche zurück, die in unsachlicher Weise darauf abzielen, im Widerspruch zu den Beschlüssen der akademischen und studentischen Gremien Einfluss auf die architektonische Gestaltung des Baus, dessen Nutzung und Namensgebung zu nehmen.
Der Senat sieht mit Zuversicht der Vollendung des Neubaus im Jahre 2009 entgegen. Das auf dem Grundstück der Paulinerkirche entstehende Gebäude vereint die Aula und den gottesdienstlich zu nutzenden Teil unter einem Dach und zeichnet sich durch gotisierte Elemente, Säulen und ein Netzgewölbe aus. Dies alles hält die Erinnerung an die gesprengte Universitätskirche wach. Wie seit jeher umfasst das neue Gebäude auch Räume für universitäre Forschung und akademische Lehre; so wird am Augustusplatz wieder die Fakultät für Mathematik und Informatik untergebracht und von dort eine unmittelbare Verbindung zum Neubau der Wirtschaftwissenschaftlichen Fakultät in der Grimmaischen Straße hergestellt."
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Quelle: http://www.epd.de/ost/ost_index_56647.html
© Evangelischer Pressedienst - (3217/25.06.2008)
Uni Leipzig: Neue Aula wird in unveränderter Weise gebaut
Hochschule sieht Vollendung 2009 "mit Zuversicht" entgegen
Leipzig (epd). Die Universität Leipzig baut ihre neue Aula am früheren Standort der Paulinerkirche unverändert weiter. Der Akademische Senat verwahre sich gegen Ton und Schärfe der öffentlichen Diskussion um den Neubau am Augustusplatz, hieß es in einer am 25. Juni verbreiteten Erklärung der Hochschule.
Das Gremium weise alle "unsachlichen" Versuche zurück, Einfluss auf die Gestaltung, Nutzung und Namensgebung zu nehmen. Mit seiner Gestaltung halte der Bau die Erinnerung an die Paulinerkirche ausreichend wach. Der Senat sehe der Vollendung im Jahr 2009 "mit Zuversicht" entgegen, hieß es. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche sowie lokale Initiativen sehen die Tradition des zerstörten Gotteshauses dagegen nur ungenügend gewürdigt.
Sie sprechen sich beispielsweise gegen eine Glaswand aus, die Aula und Gottesdienstraum voneinander trennt. Auch soll das Gebäude "Universitätskirche" heißen und nicht "Paulinum". Zum 40. Jahrestag der Zerstörung am 30. Mai bekräftigten mehrere hundert Leipziger die Forderungen mit einer Demonstration. Die über 700 Jahre alte Pauliner- oder Universitätskirche wurde 1968 auf Geheiß der SED gesprengt. Sie musste einem Uni-Vorgängerbau der neuen Aula weichen.
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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 26. Juni 2008 (Seite 18)
© LVZ-Online vom: Mittwoch, 25. Juni 2008
Paulinerkirche
Uni verwahrt sich gegen Einflussnahme
Die Universität Leipzig baut ihre neue Aula am früheren Standort der Paulinerkirche unverändert weiter. Der Akademische Senat verwahre sich „gegen Ton und Schärfe der öffentlichen Diskussion“ um den Neubau am Augustusplatz, sagte gestern nach einer Sitzung des Gremiums Uni-Rektor Franz Häusser.
Der Senat weise alle Versuche zurück, die „in unsachlicher Weise“ darauf abzielten, Einfluss auf die architektonische Gestaltung des Baus, dessen Nutzung und Namensgebung zu nehmen. Häuser verwies darauf, dass dieses im Widerspruch zu den Beschlüssen der akademischen und studentischen Gremien der Universität stünde.
Der Rektor betonte, der Senat sehe mit Zuversicht der Vollendung des vom Freistaat bezahlten Neubaus im nächsten Jahr entgegen. Das auf dem Grundstück der Paulinerkirche entstehende Gebäude vereine die Aula und den gottesdienstlich zu nutzenden Teil unter einem Dach und zeichne sich durch gotisierte Elemente, Säulen und ein Netzgewölbe aus. „Dies alles hält die Erinnerung an die gesprengte Universitätskirche wach“, meinte Häuser.
Wie seit jeher umfasse das neue Gebäude auch Räume für die universitäre Forschung und akademische Lehre. So werde am Augustusplatz wieder die Fakultät für Mathematik und Informatik untergebracht. Zudem werde von dort eine unmittelbare Verbindung zum Neubau der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in der Grimmaischen Straße hergestellt.
Häuser betonte, die am 30. Mai 1968 auf Veranlassung der SED erfolgte Sprengung der über 700 Jahre alten Pauliner- oder Universitätskirche habe der Hochschule „einen schmerzlichen und nachwirkenden Verlust“ zugefügt. Der Rektor würdigte den Mut derjenigen, die öffentlich der Sprengung entgegengetreten seien.
Viele Leipziger sowie die Evangelisch-Lutherische Landeskirche haben sich, wie berichtet, gegen die Pläne gestellt. Sie sind gegen die Glaswand, die Aula und Gottesdienstraum trennen wird. Auch solle das Gebäude Universitätskirche genannt werden und nicht Paulinum. Zum 40. Jahrestag der Zerstörung bekräftigten mehrere hundert Leipziger die Forderungen mit einer Demonstration.
Ulrich Milde
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 17. Juni 2008 (Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung
LESERBRIEFE
Rektor beweist Geschichtslosigkeit
Zum Beitrag „Rektor Häuser: „Zweck ist mir nicht plausibel“ am 29. Mai:
Seine Geschichtslosigkeit beweist immer wieder Rektor Franz Häuser, Universität Leipzig. Systematisch torpediert er den Aufbau und originalen Ausbau der entstehenden Paulinerkirche. Franz Häuser stellt sich nicht nur gegen die Bürgerschaft. Jetzt ist der Universitätsprediger Martin Petzold sein aggressives Angriffsziel. Dieser trat der Paulinerstiftung bei. Was will Rektor Häuser die Studenten lehren, wenn er selbst Kulturunterricht dringend benötigt? Zahlreiche Leipziger erwarten nun ein mutiges Wort des Oberbürgermeisters, der die Bürgerinteressen vertritt.
Hasso B. Kemnitz, 04329 Leipzig
Quelle: unsere zeit - Zeitung der DKP
© unsere zeit - 6. Juni 2008
Innenpolitik
Die Uni war´s und nicht das Politbüro
Einige Klarstellungen zur Sprengung der Leipziger Paulinerkirche am 30. Mai 1968 -
Von Maxi Wartelsteiner
Horror. Sogar die sozialistische Tageszeitung Neues Deutschland stimmt in das allgemeine Geheul ein und behauptet angesichts der Sprengung der Leipziger Pauliner Kirche am 30. Mai vor 40 Jahren: "Sie war unbeschädigt, aber stand dem Idealbild der sozialistischen Stadt im Weg". Und die Zeitung zitiert Walter Ulbricht, der 1960 während der Einweihung der neuen Oper mit Blick auf die Kirche erklärt haben soll: "Das Ding muss weg". Und weiter im ND: "Auch die LINKE kritisiert die damalige Entscheidung: Die Kirche sei in ´völlig unnötiger und barbarischer Art und Weise´ zerstört worden, sagt Stadtchef Volker Külow. In einem Beschluss, in dem von der ´moralischen Verantwortung für schmerzliche Fehler in der Vergangenheit´ die Rede ist, verpflichtete sich die Partei kürzlich 5000 Euro für die Restaurierung eines Epitaphs zu spenden, der im neuen ´Paulinum´ zu sehen sein wird."
Was dieses "Paulinum" betrifft, das ist eine von dem Holländer Erick van Eggerats entworfene Aula an Stelle der soeben abgerissenen Uni-Gebäude aus DDR-Zeiten. Sie soll das Herzstück des künftigen Campus und zum 600. Jahrestag der Leipziger Universität 2009 fertig sein. Sie ist in ihrer unpassenden Kathedralenform ein Kompromissangebot an den "Paulinerverein", der - entgegen der Universitätsleitung - unbedingt den Wiederaufbau der Kirche wollte. Immer noch schwelt der Streit um die Mischnutzung als Aula und Kirche und über eine Glaswand, die beide Bereiche trennen soll. Aber das ist ein weiteres Thema. Bleiben wir bei der Sprengung von 1968 und ihrer Vorgeschichte. Darüber schrieb ich schon vor zehn Jahren einen - hier leicht gekürzten - Bericht, für den ich mich auch auf die Recherchen von Katrin Löffler und ihren damals soeben erschienen Aufsatz "Der Entscheidungsprozeß für die Sprengung der historischen Universitätsgebäude in Leipzig" (in: hochschule ost, Leipzig, 1/1998) gestützt hatte.
Als wären die nachfolgenden Fakten nicht bekannt, wird der übrigens sehr fragwürdige historische Wert der bis ins 19. Jahrhundert immer wieder umgebauten und veränderten Paulinerkirche beschworen, werden Tatsachen verdreht und Unterstellungen weiter kolportiert. Wem nützt es?
August der Starke, dem das Bauen bekanntlich Lust und Leidenschaft war, ließ in "seinem" Dresden an Bauwerken aus zurückliegenden Zeiten rigoros wegräumen, was nur irgendwie im Wege stand - und das war meist Renaissancebaukultur vom Alleredelsten. Der erhaltene Lange Gang mit seinen toskanischen Säulen lässt uns erahnen, was da zerstört wurde, um neuer Kultur Platz zu machen. Was nichts anderes heißt als: Bauen ist Machtdemonstration, und es ist Politik. Zu allen Zeiten. Überall. Wir kennen das von den Pharaonen ebenso wie heute von den deutschen Banken. Warum sollte es unter der führenden Rolle der SED anders gewesen ein? Die beispielsweise hat ihren Bürgern einen nicht ganz ungeliebten Palast der Republik in Berlins Zentrum gebaut, ein architektonischer Zeitzeuge. Denkmalswürdig allemal. Aber der muss jetzt weg!
Was nun Walter Ulbricht betrifft, so formulierte er konsequent sozialistisch bereits 1951 vor den Gründungsmitgliedern der Deutschen Bauakademie, dass statt der Tempel, Schlösser, Kirchen, Villen für die Bourgeoisie oder der Verwaltungsgebäude für Konzerne und Banken endlich Bauten für das ganze Volk errichtet werden sollen. Ausdrücklich ergänzte er: "In hoher Achtung vor den großen Leistungen der deutschen Architektur der Vergangenheit werden wir die noch vorhandenen Bauwerke von Kunstwert unter Denkmalsschutz stellen". Er fügte hinzu, es dürfe nicht zugelassen werden, "die schöne Gestaltung historischer Plätze oder Gebäude durch Bauten von formalistischer Stillosigkeit zu zerstören".
Bei allem Geldmangel und vorrangiger Zielstellung, den Menschen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen - was in der DDR an zerstörter Architektur wieder aufgebaut wurde, hat Weltruhm. Augusts im angloamerikanischen Bombenhagel total zerstörter Zwinger gehört dazu. Andererseits wurde in Bilderstürmermanier manches Schloss und manche Burg geschleift oder dem Verfall überlassen, weil es "verhasste Zwingburgen des Feudalismus" waren. Wie auch immer: Es lässt sich nicht das eine gerettete Kunstwerk aufrechnen mit einem anderen zerstörten. Womit wir beim Thema sind, dem 30. Jahrestag der Sprengung der Paulinerkirche.
"Da hat das Ulbricht-Politbüro einfach mal eben so beschlossen, die Pauliner-Kirche wird gesprengt", verkündete im Brustton tiefster Überzeugung eine junge Stimme dieser Tage im Sender Leipzig. Wer ein Mikrofon vor sich hat, der ist wer. Dennoch darf die Wahrheit, auch wenn sie kompliziert und kaum zwischen zwei Musiktitel zu zwängen ist, nicht auf der Strecke bleiben. Aber warum soll man mit einem jungen Mann hadern, wo Ältere, die es besser wissen müssten, noch viel sorgloser mit der Wahrheit umgehen? Beispiel: "Und die Sprengung des Kirchenbaus war ja nicht nur die Zerstörung eines wertvollen Gebäudes. Sie war gleichsam Symbol für eine Bildungs,reform´, bei der viel mehr gesprengt wurde als das vorhandene Ausbildungsniveau. Die Zerstörung der Universitätskirche steht gleichsam für die systematische Vernichtung christlich-humanistischer Bildungsinhalte. Diese fehlen heute vielen von uns in ihrem Lebensalltag mehr als das architektonische Glanzstück Paulinerkirche." Wer so etwas schreibt, ist leider wirklich kein Aushängeschild für eine nachhaltige Bildung in der DDR.
Aber andererseits, warum sollten sich Schlagzeilenhascher und Wahlkämpfer eine unverzeihliche Untat, die die Sprengung der - zumindest in ihren Grundmauern alten - Kirche war, entgehen lassen? Wo etwas nach fetter politisch-ideologischer Beute riecht, da wird zugeschlagen. Beachtenswert ist allerdings: Der Autor obiger Leitartikelzeilen in der Leipziger Volkszeitung, Philipp von Wilcke, verkneift sich die so gern strapazierte Behauptung, die Kirchensprengung sei Politbürobeschluss gewesen. Er scheint zu wissen: Das war nicht der Fall. Aber dies zuzugeben, passt dem Zeitgeist nicht ins Kalkül.
Wessen Süppchen aber kocht Uni-Rektor Volker Bigl, der von der Kirchen-Sprengung glaubt sagen zu müssen, sie sei ein "barbarischer Willkürakt und eine dumpfe Machtdemonstration der Partei" gewesen? Die tatsächliche Rollenverteilung von SED und Universitätsleitung war jedenfalls ganz anders: Am 30. Juni 1959 beschloss das Politbüro den Aufbau des Zentrums der Messestadt. In den konkreten Plänen, nach denen das kriegszerstörte Bildermuseum wiederaufgebaut und das Augusteum erhalten werden sollte, hatte auch die Universitätskirche einen festen Platz auf einem rückwärtigen Standort. Von Moskau her kannte man die Methode, noch viel größere und schwerere historisch wertvolle Bauwerke zu verrücken. Spätere Bebauungen an der Ostseite (Hauptpost und Hotel Deutschland) entsprachen diesem Politbürobeschluss, doch mit dem Abriss der Reste des zerstörten Bildermuseums waren die Chancen tatsächlich kleiner geworden, das historische Platzensemble zu retten.
Der alsbald in Leipzig - und nicht in Berlin - einsetzende Streit, "ob es sich lohne, Ruinen auszubauen" (Stadtarchitekt Lucas) oder ob man stattdessen nicht Neuem, Schönerem Platz machen sollte, hatte mit dem Anliegen des Politbüro-Beschlusses wenig zu tun. In dieser Phase griff die Universitätsleitung mit ihren Forderungen nach mehr Raum entscheidend in die Planungen ein. Sie hatte längst eine neue Universität auf einem geschlossenen Areal favorisiert und war an der Erhaltung des Augusteums wenig interessiert, da es bei allen Reparaturen den neuen Anforderungen nicht genügen würde. Es wurden andere Nutzungen in Betracht gezogen, als Museum beispielsweise.
Das für 1959 bevorstehende 550jährige Universitätsjubiläum hatte jedoch die Planungen für den Wiederaufbau des Augusteums längst beschleunigt - wovon man an der Universität nicht völlig begeistert schien, favorisierte man doch, wie gesagt, ein eigenes Universitätsviertel. Dafür brauchte man alle Mittel. Auch Altmagnifizenz Mayer plädierte für einen Neubau. Lange war das Gelände an der Straße des 18. Oktober im Gespräch. Außerdem gab es zwei Innenstadtvarianten, und beide sahen immer noch vor, die Paulinerkirche - die übrigens nicht Kirchen-, sondern Universitätsbesitz war - knapp 50 Meter in die Universitätsstraße hinein zu verrollen. An ihre Stelle sollte ein vielgeschossiger Neubau treten.
Aus einem Sitzungsprotokoll im Bezirkswirtschaftsrat mit Rektor Mayer geht hervor, dass an der Uni ein Politbürobeschluss zur Erhaltung der Altbauten gar nicht bekannt gewesen sein soll. Die Universität wolle sich nun jedoch bemühen, dass er außer Kraft gesetzt werde. - Worauf der Verwaltungsdirektor der Universität, Hubert Jusek, unverzüglich vor das Sekretariat der SED-Bezirksleitung geladen und des parteiwidrigen Verhaltens beschuldigt wurde. Der 1. Sekretär, Paul Fröhlich, forderte in diesem Zusammenhang ausdrücklich den Wiederaufbau des traditionsreichen Augusteums, wobei er sich sowohl auf den Politbürobeschluss vom 30. Juni 1959 als auch auf spätere Äußerungen Walter Ulbrichts bezog. Auch Rektor Mayer blieb die Kritik der Partei nicht erspart, weil er es abgelehnt hatte, in das alte Augusteum zu ziehen.
Inzwischen setzte sich auch der neue OBM Walter Kresse - wir schreiben immer noch das Jahr 1959 - für die Erfüllung des Politbürobeschlusses ein. Er verdeutlichte den Universitätsvertretern, dass die Reste des alten Gebäudes unter Denkmalsschutz stehen und entsprechend behandelt werden müssen. Der Wiederaufbau des Augusteums sollte Bestandteil des kommenden Siebenjahrplanes sein. 1960 beklagte sich Stadtarchitekt Lucas über die mangelnde Unterstützung seitens der Universität, die - wenn auch nur scheinbar - eingelenkt hatte und das Augusteum nun doch nutzen wollte, mit Einschränkungen allerdings ... Verwaltungsdirektor Jusek engagierte sich weiter für einen Neubau. Über das Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen, das sich an die Arbeitsgruppe Hoch- und Fachschulpolitik beim ZK der SED wandte, gelangte schließlich die ernstzunehmende Beschwerde zu Walter Ulbricht, es habe keine ordentliche Abstimmung zwischen Parteiorganen und Universität gegeben. Der Rektor, der Universitätssenat, die Professoren hätten stark ablehnend reagiert, dass der Wiederaufbau des Augusteums ohne Wissen der Universität und des Staatssekretariats für Hoch- und Fachschulwesen in den Politbürobeschluss eingebracht worden sei.
Diesen Vorwurf konnte Ulbricht nicht vom Tisch wischen. Hinzukam, dass die Absicht, die Uni-Kirche zu verrücken, nicht umzusetzen war. Nimmt man dann noch wirtschaftliche Gesichtspunkte hinzu, so hatte die Universitätsleitung mit ihren beharrlichen Forderungen nach einem Neubaukomplex die besseren Karten. Außerdem: Das war der Zeitgeist, im Westen wie im Osten. Es herrschte eine Euphorie des Neuaufbaus. Besser und schöner als je zuvor sollten die Städte werden.
Von nun an nahm alles seinen Lauf, der mit der unheilvollen Sprengung der Kirche endete. Die Universität hatte offenbar in ihren Planungen spätestens 1962/63 die Kirche aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte beispielsweise Rektor Mayer an Oberbürgermeister Kresse geschrieben, dass es einhellige Meinung des Senats sei, die Altbausubstanz zu beseitigen - sie gehörte schließlich der Universität. Als Walter Ulbricht am 9. Oktober 1960 in Leipzig in der Ausstellung "Wir bauen unsere Stadt, alle helfen mit" den Kirchenabriss gegenüber CDU-Stadtrat Wittstock verteidigte, berief er sich auf Forderungen und Vorschläge der Universität zur Gestaltung eines Gesamtkomplexes.
Unbestritten ist, ohne Ulbrichts Segen hätte es keinen Abriss der Kirche gegeben. Dennoch lässt sich der tatsächliche Ablauf des Geschehens politisch nur schlecht vermarkten. Die vorläufigen Sieger der Geschichte brauchen den "barbarischen Willkürakt", "die dumpfe Machtdemonstration der Partei" zur Selbstlegitimation.
Quelle: Rheinischer Merkur
© Rheinischer Merkur Nr. 23, 05.06.2008
HERAUSGEBER ZU FRAGEN DER ZEIT / Ich bin nicht überzeugt, dass „1968“ in dieser Form notwendig und gut war
Fremde Welt der Achtundsechziger
VON STEFFEN HEITMANN
Vierzig Jahre sind kein rundes Jubiläum. Dennoch quellen in diesem Jahr die Feuilletons über von Betrachtungen und Deutungen des Jahres 1968. Selbst seriöse Zeitungen wie diese widmen ganze Seiten Persönlichkeiten, deren einzige Bedeutung darin zu bestehen scheint, dass sie damals durch besondere Unverschämtheit gegenüber dem „Establishment“ oder besonders lasziven Lebenswandel aufgefallen sind.
Vielleicht ist der Grund für diese Erörterungswelle darin zu sehen, dass die Akteure von damals ins Rentenalter gekommen sind und befürchten müssen, die Deutungshoheit über ihre Biografie zu verlieren. Politiker lügen sich ja auch rechtzeitig ihre Memoiren zusammen.
Wenn ich zurückdenke, dann fällt mir auf, wie fern und fremd uns das westliche Geschehen damals war und bis heute geblieben ist. Der Weg in den Westen über die Zonengrenze in Berlin, den mein älterer Bruder schon gegangen war, war uns seit 1961 vermauert. 1968 war ich Student an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, die den Namen „Karl Marx“ verordnet bekommen hatte. Die Abschaffung der Fakultätsstruktur wurde vorbereitet.
Zu der Zeit lief die dritte Hochschulreform der DDR: „Es erfolgt die vollkommene Einfügung des Hochschulwesens in die entwickelte sozialistische Gesellschaft unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution und der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialismus.“ (Meyers Neues Lexikon 1973)
Im Mai 1968 wurde die gotische Universitätskirche gesprengt, auf deren Kanzel ich im Homiletischen Seminar gerade noch meine erste Predigt halten konnte. Die Wirkungslosigkeit unserer schwachen Proteste wurde uns nachhaltig vor Augen geführt; einige Kommilitonen bezahlten mit zweijährigen Haftstrafen.
Im Sommer war ich mit Frau und Tochter in einem bescheidenen Urlaubsquartier in der Sächsischen Schweiz, abgeschnitten von Telefon, Radio und Zeitungen. Ich erinnere mich noch der diffusen Ängste, als wir nachts Panzer über die sonst so stille Dorfstraße rollen hörten und tagsüber in den sonst einsamen Felsengründen zur tschechischen Grenze hin den Aufmarsch der Nationalen Volksarmee beobachten konnten.
Ende August erstarben die Blütenträume des Prager Frühlings unter den Panzern des Warschauer Pakts. Angesichts dieser Lage waren uns die dünnen Nachrichten über die Konfusionen an westdeutschen Universitäten mit ihren skurrilen Parolen allenfalls ein ungläubiges Kopfschütteln wert.
Welche Verwirrung in westdeutschen Studentenköpfen vor sich gegangen war, habe ich dann Anfang der Siebzigerjahre als Pfarrer in der Evangelischen Studentengemeinde Dresden erlebt. Zwischen den Kirchen in Ost und West gab es ein segensreiches Partnerschaftssystem. Dresden war mit Hannover, Darmstadt und Stuttgart verbunden. Treffen fanden in Berliner Kirchengemeinden statt; die westdeutschen Partner kamen mit einem Tagesvisum nach Ostberlin.
Da trafen dann merkwürdige Gestalten auf unsere eher stillen, vorwiegend den naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen verbundenen Studenten. Unsere Besucher waren meist sehr beredt, übergaben uns – stolz ob ihres Mutes – die durch die Grenzkontrollen geschmuggelten „Mao-Bibeln“ (kleine rote Büchlein mit eher belanglosen Aussprüchen des „Großen Vorsitzenden“) und erklärten uns, dass wir im besseren Teil Deutschlands lebten. Dableiben wollten sie aber nicht, sondern waren ängstlich darauf bedacht, pünktlich vor Mitternacht wieder die Grenze nach Westberlin zu passieren, um keinen Ärger mit den Sicherheitsorganen des besseren Teils Deutschlands zu riskieren.
Mich verwundert immer wieder, wie sehr und wie positiv die Achtundsechziger-Vorgänge in das westdeutsche Allgemeinbewusstsein integriert worden sind. Selbst konservative Denker würdigen heute die „notwendigen“ Veränderungen, die von „1968“ ausgegangen seien.
Ich glaube, dass „1968“ im westdeutschen Diskurs überbewertet wird, was die politischen Wirkungen, und unterbewertet, was die kulturellen Folgen anlangt. Ich bin nicht überzeugt, dass „1968“ in dieser Form notwendig und gut war.
Die nationalsozialistischen Verbrechen als Rechtfertigung jeder Unverschämtheit anzusehen, kann ich nicht nachvollziehen. Der tiefsitzende Antiamerikanismus, die grundsätzliche Feindschaft dem eigenen Staat gegenüber, die moralische Rechthaberei und die gnadenlose Ideologisierung aller gesellschaftlichen Bereiche – das prägt Westdeutschland bis heute.
Die Wiedervereinigung hat nicht dazu geführt, die Berechtigung solcher Haltungen in Frage zu stellen; und wir weigern uns, diese Entwicklung nachzuholen. Hier liegt wohl eine Ursache der immer noch diskursiven Spaltung unseres Volkes. Oder sind das Fragen von gestern?
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 3. Juni 2008 (Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung
Der Sühnebau
Nachdenken über Leipzig – Heute der Kunsthistoriker Frank Zöllner
Von FRANK ZÖLLNER
Die von heftigen Polemiken begleitete Frage, ob die Universität Leipzig im Rahmen ihrer Neubauvorhaben am Augustusplatz die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli in Gestalt einer originalgetreuen Rekonstruktion wieder auferstehen lassen soll, berührt zwei wichtige Kontroversen. Beide werden nach der von Leipzig ausgehenden Friedlichen Revolution des Jahres 1989 und der Wiedervereinigung im Jahr 1990 mit zunehmender Schärfe ausgetragen.
Zum einen bewegt sich der „Streitfall Paulinerkirche“ im Rahmen aktueller Rekonstruktionsdebatten, die mit dem vollendeten Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche und dem Beschluss des Deutschen Bundestages zur Wiederherstellung des Berliner Stadtschlosses einen vorläufigen Höhepunkt erreicht haben. Zum anderen geht es unter dem Stichwort „Erinnerungskultur“ um die Frage, wie DDR-Unrecht zu verarbeiten und zu sühnen sei. Abgesehen davon, ist mit dem Campus-Neubau die wichtige stadtplanerische Aufgaben zu bewältigen, den Leipziger Augustusplatz, einen randständigen und überdimensionierten Großstadtplatz, mit funktionierenden und aussagekräftigen Gebäuden einzufassen.
Die ursprüngliche Planung eines Universitätsneubaus am Augustusplatz sah in den 1990er Jahren einen Komplex symbolisch weitgehend unbelasteter Zweckbauten vor, ohne dass eine Rekonstruktion der Universitätskirche eine ernsthafte Option gewesen wäre (warum eine Kirche für eine säkulare Universität in einem Bundesland mit einer mehrheitlich nicht-christlichen Bevölkerung?). Doch schon seit Beginn der 1990er Jahre stand die Forderung im Raum, dass die Universität ihrer Verantwortung vor der Geschichte gerecht werden und mit einer Art Sühnebau die gotische Kirche originalgetreu wieder aufbauen müsse. Scharfe Auseinandersetzungen und mehrere Architektenwettbewerbe führten nicht zu konsensfähigen Ergebnissen.
Eine dramatische Wende brachte der Januar 2003, als die Sächsische Staatsregierung entgegen den Gremienbeschlüssen der Universität die Realisierung des bis dahin gültigen Entwurfs kippte und somit die Rekonstruktion der Paulinerkirche in den Bereich des Möglichen rückte. Der hieraus resultierende neue Wettbewerb für die Gestaltung der Fassade und des Kirchenareals endete bekanntlich mit der Auswahl des Entwurfes von Erick van Egeraat, der durch gotisierende Elemente und eine expressiv überhöhte Dachlandschaft sowie mit Säulen und fingierten Netzgewölben die Anmutung eines mittelalterlichen Sakralbaus geradezu plakativ in eine moderne Architektursprache übersetzt.
Der Preis für die Realisierung des Egeraatschen Entwurfs, der visuell einer Kirche mehr ähnelt als einem Profanbau, ist hoch: Die bisherigen Querelen haben sowohl die Universität als auch die Stadt Leipzig tief gespalten; die aus den Entscheidungen des Staatsministeriums resultierenden Bauverzögerungen gefährden die Eröffnung des Baus zum Universitätsjubiläum im Jahr 2009 und führen zu erheblichen Problemen im universitären Alltag; die Mehrkosten durch Neuausschreibung, Bauverzug und Neugestaltung der Pauliner-Aula belaufen sich auf rund 25 Millionen Euro.
Und damit nicht genug: Die Veränderung des Bauvolumens führen zu höheren Betriebskosten, die die Handlungsspielräume der Universität in den nächsten Jahren einschränken werden. Aber vielleicht ist das der Preis, den Universität und Freistaat für den „Streitfall Paulinerkirche“ zu zahlen haben. Leider geht dieser Preis allerdings zu Lasten der Ausbildungsmöglichkeiten zukünftiger Studentengenerationen.
In der neu entflammten Debatte um den Wiederaufbau der Paulinerkirche hat man der Universität die Rolle des Sündenbocks zugewiesen – ganz so, als ob nicht auch andere Institutionen für das Unrecht der DDR verantwortlich zu machen wären. Diese Situation ist geradezu grotesk, denn die Universität arbeitet ihre Geschichte während zweier Diktaturen geradezu vorbildlich auf. Überhaupt haben die Universitäten in Ostdeutschland – und darunter auch die in Leipzig – durch ihre Personalpolitik (mit so genannten „Abwicklungen“) den Bruch mit der DDR-Vergangenheit sehr viel deutlicher und radikaler vollzogen als so manche andere Institution im wieder vereinigten Deutschland.
Andererseits haben die Debatten dazu geführt, dass die Universität für das Jahr 2009 neben den modernen Funktionsbauten des Architektenbüros Behet Bondzio und Lin eine große architektonische Geste erhält, die sowohl an den gotischen Kirchenbau als auch an die Forderung seiner Rekonstruktion erinnert und zudem mit dem Namen eines international bekannten Architekten verbunden ist. Im Stadtbild wird damit ein Akzent gesetzt, der die Bedeutung der Universität für Leipzig zum Ausdruck bringt.
Außerdem stehen Stadt und Universität angesichts der inzwischen gängigen Rekonstruktionen historischer Bauten geradezu glänzend da: Landauf, landab – zuletzt in Braunschweig mit dem Residenzschloss – werden Kopien verlorener Bauten in unsere Innenstädte gesetzt, nur in Leipzig entsteht buchstäblich „im großen Stil“ etwas Neues, das zugleich die Erinnerung an die eigene Geschichte anschaulich zum Ausdruck bringt.
Und ein letzter Aspekt sei angeführt: Die Rückkehr des Universitätscampus an den Augustusplatz wird die Wahrnehmung der Stadt Leipzig nachhaltig verändern. So hat sich die Studentenzahl der Leipziger Hochschulen seit der Wiedervereinigung vervielfacht; gleichzeitig sind mehrere Universitätsinstitute dauerhaft ins Zentrum umgezogen. Diese Entwicklung wird durch die Eröffnung des neuen Campus nochmals dramatisch verstärkt. Leipzig wird ab 2009 also als das wahrgenommen werden, was es jetzt schon ist: als wichtiger Hochschulstandort und Studentenstadt, als junge Stadt, die ihre Erinnerung an das Geschehene pflegt und in die Zukunft mitnimmt, ohne sich zur Geisel der Vergangenheit zu machen.
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Anmerkungen:
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 7. Juni 2007 - Seite 18
© Leipziger Volkszeitung
Augustusplatz
Stadt verkauft Mini-Fläche für 840 000 Euro
Die Stadt Leipzig will ein 390 Quadratmeter großes Grundstück am Augustusplatz an den Berlin-Leipziger Projektentwickler MIB verkaufen. Dabei geht es um das Flurstück 737, auf dem einst das berühmte Café Felsche stand. Der gutachterlich festgestellte Wert der Fläche beträgt rund 840 000 Euro. Die Kommune hat bereits einen entsprechenden Vertrag ausgehandelt. Der Grundstücksverkehrsausschuss soll in seiner nächsten Sitzung in zwei Wochen diese Vereinbarung absegnen.
Bekanntlich schloss MIB schon vor Jahren einen Vertrag mit der Universität Leipzig, um im Zuge der Grimmaischen Straße einen Institutsneubau zu errichten, in den auch Wohnungen und Geschäfte integriert werden. Grundlage dafür ist ein Erbbaurechtsvertrag mit der Uni. An der Ecke zum Augustusplatz soll dabei auch das Café Felsche in moderner Form wieder auferstehen. Deshalb will die Kommune nun ihre Flächen in diesem Bereich an MIB veräußern – zu einem stolzen Quadratmeterpreis von 2138 Euro. MIB hat dieser Summe bereits zugestimmt. Die Erwerber verpflichten sich in dem Papier außerdem, den Neubau binnen drei Jahren zu errichten und in dem Gebäude mindestens 20 Prozent der Flächen als Wohnraum zu nutzen.
Jens Rometsch
Informieren Sie sich.
Quelle: http://www.nzz.ch/
© NZZ Online - Montag, 02. Juni 2008, 16:09:19 Uhr,
30. Mai 2008, Neue Zürcher Zeitung
Leipzigs «Mai 68»
Die Sprengung der Paulinerkirche
Joachim Güntner
Heute Vormittag 10 Uhr läuten in Leipzig alle Kirchenglocken ein Gedenken, denn fast auf die Minute genau vor vierzig Jahren sank auf dem Augustusplatz, der in der DDR Karl-Marx-Platz hiess, die Universitätskirche St. Pauli in den Staub. 700 Kilogramm Dynamit besorgten am 30. Mai 1968 einen barbarischen Akt der Zerstörung. Was die Bomber der Alliierten heil gelassen hatten – der gotische Kirchenbau war unbeschädigt durch den Krieg gekommen –, vernichtete nun der Wille der Stadtverordneten. Bei ihrem Beschluss zur Neugestaltung des Platzes im Geiste sozialistischen Fortschrittes wussten sich die Herrschaften im Rathaus einig mit Walter Ulbricht. Der DDR-Staatsratsvorsitzende soll schon 1960, vom Balkon der neuen Oper mit irritiertem Blick auf Hunderte junger Kirchgänger schauend, gesagt haben: «Das Ding muss weg.»
Zu populär für Kirchenfeinde
St. Pauli, von den Leipzigern «Paulinerkirche» oder einfach «Uni-Kirche» genannt, war das an Kunstschätzen reichste Gotteshaus der Stadt. Im Jahre 1231 als Klosterkirche des Dominikanerordens gegründet, ging sie in der Reformation als Geschenk des sächsischen Kurfürsten in den Besitz der Universität über; Martin Luther weihte die später immer wieder auch als Aula genutzte Kirche im August 1545. Sie überstand den Dreissigjährigen Krieg, die Völkerschlacht bei Leipzig, den Ersten Weltkrieg und die Bombennacht des 3. Dezembers 1943, nicht aber die plebejische Kunst- und Religionsfeindschaft des SED-Regimes und die Feigheit des schwachen bürgerlichen Blocks (die «Blockflöten» von der CDU hatten im Rathaus gleichfalls für den Stadtumbau gestimmt). Bald nach der Sprengung von St. Pauli fielen auch die angrenzenden Universitätsgebäude, darunter das Albertinum mit dem legendären Hörsaal 40, wo Ernst Bloch und die Literaturprofessoren Hans Mayer und Hermann August Korff ihre Vorlesungen gehalten hatten – und wo der Philosoph Bloch vor Studenten und ausnahmsweise anwesenden Funktionären gesagt haben soll: «Der Marxismus ist schön, aber bei uns ist er leider Idioten in die Hände gefallen.»
An der Paulinerkirche störte nicht nur, dass ihre herrlich anzusehende Gotik zu dem geplanten Neubau der Universität einen unerwünschten städtebaulichen Kontrast abgegeben hätte. Sie war einfach zu populär, zählte in Leipzig die meisten Gottesdienstbesucher und hatte in Pater Gordian Landwehr einen Prediger, der junge Leute ansprach, dessen Stimme «eine Mischung von Willy Brandt und Satchmo» war, der klare Worte zu Mauerbau und Stacheldraht nicht scheute und «zu den von der Parteiführung besonders gehassten Menschen zählte», wie sich der Leipziger Kabarettist und Chronist Bernd-Lutz Lange erinnert. Als die Kunde umging, die schöne, beliebte Kirche solle der sozialistischen Moderne geopfert werden, empfanden dies viele Bürger als Schlag vor den Kopf. Ohnmacht, Wut, Fassungslosigkeit waren, folgt man den Berichten der Zeitgenossen, die vorherrschenden Gefühle.
Aber viele gab es, die nicht einfach stillhielten. Studenten übten mit Sitzstreiks stummen Protest, Blumen wurden niedergelegt (und von der Stasi wieder eingesammelt), Geistliche mit Gebetbüchern in der Hand lasen an den Zäunen, welche die Staatsmacht rings um die Kirche errichtet hatte, eine Messe für das Gotteshaus. Der Karl-Marx-Platz füllte sich täglich mehr mit Menschen, die Polizei setzte Schlagstöcke und Hunde ein, es kam zu willkürlichen Festnahmen und Ausweiskontrollen, die auf SED-Kurs getrimmte «Leipziger Volkszeitung» schmähte die Demonstranten als «Gammler und Nichtstuer».
Wären solche Töne nicht auch den Achtundsechzigern jenseits der innerdeutschen Grenze, in Berlin oder Frankfurt am Main, seltsam bekannt vorgekommen? Man sagt zur Erklärung der Mentalitätsunterschiede zwischen Ossis und Wessis im vereinigten Deutschland gern, und gewiss zu Recht, dass die DDR «kein 1968 gehabt» habe. In Leipzig gab es indes für Momente sogar ein Superioritätsgefühl der Protestler. Einer schrieb nach einer gelungenen Aktion in sein Tagebuch: «Diese lautlose und gewaltlose Demonstration der Leipziger Studenten bedeutet wohl mehr als Strassenschlacht und Barrikadenbau im Westen.»
Die Plakataktion
Am 20. Juni, die Kirche war gesprengt, eine historische Wirkungsstätte von J. S. Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy war vernichtet, gab es ein Nachspiel: In der Leipziger Kongresshalle entrollte sich während des Abschlusskonzerts des III. Internationalen Bachwettbewerbs unvermittelt ein grosses gelbes Plakat. Darauf eine Umrisszeichnung der Paulinerkirche, die Jahreszahl 1968, ein Kreuz und der Satz: «Wir fordern Wiederaufbau.» Das Auditorium klatschte, die Obrigkeit tobte, und die Stasi suchte zwei Jahre lang vergeblich nach Urhebern der subversiven Tat, der auch ein Sponti aus Frankfurts Westend den Beifall nicht hätte versagen können. Ein Wecker, vom Physikstudenten Dietrich Koch zum «Zeitzünder» umgebaut, hatte für das automatische Ausrollen gesorgt. Leider wurde Koch dann doch noch inhaftiert. Ein Westberliner Genosse von der Sorte, die sich bei der DDR gern lieb Kind machte, hatte ihn denunziert.
Quelle: http://www.landeskirche-sachsen.de/landeskirche/landesbischof/9579.html
© Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens
Predigt zum 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli, Leipzig am Freitag, 30. Mai 2008
Glauben und Wissen gehören zusammen - es wäre töricht, eine Wand zwischen sie zu stellen
Predigttext:„Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.“
Psalm 71, 20
(Dieser Vers ist zugleich die Losung der Herrnhuter Brüdergemeine vom 30. Mai 1968)
Liebe Gemeinde,
die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli heute vor 40 Jahren war ein Ereignis von großer Bedeutung weit über den Tag hinaus; als ein solches wurde die Tat von beiden Seiten aufgefasst.
Die SED und jene Funktionsträger, die der Partei ihre Ämter verdankten, begründeten sie mit ihrer religions- und kirchenfeindlichen Ideologie, die davon ausging, dass die Sphäre der Wissenschaft mit der des Glaubens unvereinbar sei. Ihm komme an einer Universität kein Platz zu, weil die Religion jene Entwicklung hemme, die man als den gesellschaftlichen „Fortschritt“ bezeichnete; überdies sei es zwangsläufig, dass sie in Kürze „absterben“ werde. Das Gotteshaus habe der „neuen Zeit“ nicht im Wege zu stehen.
Für alle, die auf der anderen Seite das Handeln der Mächtigen kritisierten oder sich nach Kräften bemühten, die ruchlose Tat zu verhindern, war es nicht nur ein Angriff gegen den christlichen Glauben, sondern auch gegen eine jahrhundertealte Wissenschaftstradition. Die Doppelnutzung der Kirche als Gottesdienstraum und als Aula veranschaulichte ja in einer Deutlichkeit, wie man sie sonst wohl nur in den traditionsreichen angelsächsischen Colleges findet, dass und wie fruchtbare Wechselwirkungen sowohl für den Glauben als auch für die Wissenschaft erwachsen waren aus dem gemeinsamen Bemühen um wertgebundene Erkenntnis.
Nein, es gab keinen Zweifel, weder auf der einen noch auf der anderen Seite: eine geistige Tradition sollte abgeschnitten werden, die unser Land und seine Kultur bis in die Tiefe geprägt hat. Das Evangelium des Friedens und der Versöhnung über alle Schranken und Begrenzungen der menschlichen Gesellschaft hinweg sollte verstummen, die in dieser verwirrenden Welt niemals endende Suche nach Wahrheit und einem guten Leben sollte als beendet erklärt werden. Die Macht wähnte sich im Besitz der Wahrheit. Einige Monate später, im August, wurde es dann endgültig und unmissverständlich klar, was diese Verbindung bedeutete.
An diesem Tag der Erinnerung verneigen wir uns vor dem Mut derer, die vor 40 Jahren der allgegenwärtigen Angst widerstanden. Wir gedenken des Leids, das über sie kam, als sie in der Folge mit Freiheit, Gesundheit, dem Verlust der Heimat oder der Aussicht auf den gewählten Beruf bezahlten. Wir bringen vor Gott die angesichts der grenzenlos erscheinenden Macht des Staates erlebte Ohnmacht jener Tage, die Angst und Verzweiflung, aber auch die Zuversicht und den Glauben, alles Bangen und Hoffen.
Heute vor 40 Jahren haben am Morgen viele Schwestern und Brüder die Losung der Herrnhuter Brüdergemeine gelesen; und in banger Erwartung, was der Tag bringen würde. Es war der Psalm 71, 20.
„Du lässest mich erfahren viele und große Angst
und machst mich wieder lebendig
und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.“
Liebe Gemeinde,
es ist ganz und gar erstaunlich, wie das Gotteswort und die Situationen heute und vor 40 Jahren für sich sprechen.
Ja, viele haben damals große Angst erfahren, es war nicht zu erkennen, wie es weitergehen sollte, nicht mit dem eigenen Leben, nicht mit der Kirche und ihrem Auftrag. Es waren finstere Tage, Zeit der Anfechtung, ein gutes Ende nicht zu erkennen, nicht einmal in Umrissen. Das Wort des Psalmsängers bringt in seinem ersten Teil eine Dimension unseres kleinen Menschenlebens zum Ausdruck, die jeder von uns kennt – ohne die Verlassenheit tiefer und großer Angst erfahren zu müssen, können wir nicht sein und sind es nicht; zu keiner Zeit, auch nicht in diesen Tagen der großen Freiheit. Denjenigen aber, die auf Gott vertrauen, gegen alle Anfechtungen, denen wird eine Perspektive der Hoffnung eröffnet. Wer glaubt, darf zuversichtlich erwarten, dass neues Leben möglich ist und Aufstieg aus den dunklen Tiefen der Verlassenheit. Jesus Christus hat einmal gesagt, dass selig zu nennen sind, die nicht sehen, und doch glauben.
Heute nun ist ein Tag des Sehens, der zweite Teil des Losungswortes öffnet uns die Augen – du „machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.“ Ja, so ist es gekommen, und wir dürfen uns vergewissern, dass der Segen Gottes stärker ist als alle Macht der Mächtigen, und neues Leben schenkt.
Denn die Sprengung, wenn auch so gemeint, war nicht der Abschluss, die Geschichte nicht zu Ende. Erich Loest beschreibt in seinem großen Roman, wie der Turm der Nikolaikirche in den Blick geriet, als die Rauchwolke über den Trümmern von St. Pauli sich aufzulösen begann. Es begann eine Zeit des Widerstehens, an deren Ende nicht der Sieg des Sozialismus stand. Vielmehr wurde diese Kirche, in der über die 40 Jahre an jedem Sonntag die Universitätsgottesdienste gehalten wurden und werden, zu dem Ort, von dem die friedliche Revolution ihren Ausgang nahm. Sie setzte der Hybris der Mächtigen ein Ende. Gottes Geist ist in den Schwachen mächtig, und dankbar dürfen wir erkennen, wie sehr.
Seit den Ereignissen des Herbst 89 sind wiederum lange Jahre vergangen, und in einer eigenständigen, ganz der Moderne verpflichteten Architektursprache wird am Augustusplatz ein Bau errichtet, der doch die gotische Bautradition aufnimmt und die Besucherinnen und Besucher, wie sein Architekt zu Recht sagt, keinen Moment im Zweifel lassen wird, eine Kirche betreten zu haben. Wir verstehen den Neubau der Universitätskirche als ein Zeichen des Lebens und der Treue Gottes. Zuversichtlich sehen wir auf das nächste Jahr, in dem wir sie, so Gott will, weihen werden.
Sein Lob singt der Psalm: du „machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.“
Im Rückblick auf die 40 Jahre, die seit der Sprengung vergangen sind, auf den Herbst des Jahres 1989 und auf den Neubau dieser Tage finden wir die Worte der Losung vom 30. Mai 1968 bestätigt. Eine Geschichte von Verblendung, maßloser Hybris und böser Tat liegt hinter uns. Die Zeiten sind über die Ideologie hinweggegangen; die Kirche aber lebt ihrem Auftrag, sie verkündigt den Menschen das Evangelium von Jesus Christus, in dem wir zur Wahrheit finden und den Weg, auf dem wir bestehen können in den Herausforderungen, die uns das Leben stellt. So begehen wir diesen Tag in Dankbarkeit und voller Freude. Ja, Gott holt die Bedrängten herauf aus der Tiefe. Durch seine Güte ist erstaunliches, unerwartetes geschehen, und wir freuen uns an dem Segen, der auf Hoffnung und Widerstehen lag; wir loben Gott, der Aufbruch und neues Leben geschenkt hat.
Liebe Gemeinde,
wir werden aber nicht übersehen, dass in all dem auch eine Warnung liegt.
Denn wir leben, heute nicht anders als vor 40 Jahren, in einer Welt, in der es nicht möglich ist, Irrtümer zu vermeiden. So viele Widersprüche, Unverstandenes, nie Gesehenes, verwirrende Zusammenhänge, unterschiedliche Sichtweisen, gegensätzliche Interessen umgeben uns - wer meint, die Wahrheit über die Geheimnisse der Welt und unser Menschenleben in ihr besitzen zu können, hat sich bereits in große Gefahr begeben. Denn Erkenntnis ist niemals anders denn bruchstückhaft zu gewinnen, und ein Schleier des Nichtwissens wird stets über allem Bemühen, aller Suche liegen. Das gilt auch für die Wissenschaft und die staunenswerten Erkenntnisse, zu denen ihre verschiedenen Fachrichtungen gefunden haben und weiter vordringen werden. Wir Christen sehen die Vernunft als eine der guten Gaben, mit denen Gott die Menschen segnet. Wir sollen sie gebrauchen und nutzen, um Leid zu lindern, die Kranken zu heilen und das Zusammenleben in Frieden zu gestalten. Die Vernunft braucht aber, um nicht in die Irre zu gehen, den Glauben. In seinem Licht erst sehen wir, wie wir mit unseren Begabungen umgehen können - und auch mit dem Dunklen in uns; mit unserem Wissen und mit dem Unverstand; mit den zahllosen Möglichkeiten, die uns offen stehen und mit den Grenzen, die wir nicht überwinden können. Im Hören auf Gottes Wort suchen wir nach Wahrheit, und wie wir unseren Weg mit den Nächsten an unserer Seite in versöhnter Verschiedenheit gehen können.
Wir besitzen die Wahrheit nicht, wir suchen sie in Demut. Das ist ein leider selten gebrauchtes Wort. Es beschreibt eine Lebenshaltung, die nichts mit Unterwürfigkeit zu tun hat, wohl aber mit dem Wissen um die eigenen Grenzen, und um die Gefahren des Menschseins in dieser widersprüchlichen Welt. Ein nüchterner Realismus ist ihr zu Eigen, der den Blick nicht nur auf das eigene Wissen richtet, sondern zugleich auf die göttliche Wahrheit vertraut, die nur empfangen werden kann. So sieht ein Christenmensch sich selbst als ein Kind Gottes, beschenkt mit großen Gaben, doch angewiesen auf seine Gnade und Barmherzigkeit. Er allein kann uns davor bewahren, das menschliche Maß zu verlassen, Böses zu tun und Schaden über uns zu bringen.
Vor 40 Jahren sollten Glauben und Wissen getrennt werden, sie gehören aber zusammen. Es ist gut, dass sie auch in der Zukunft am Leipziger Augustusplatz einen gemeinsamen Ort besitzen werden. Ein Wand sollten wir nicht zwischen sie stellen.
Amen.
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Quelle: http://www.thomaskirche.org/neu/news/news.php?newsid=409
© Verein Thomaskirche Bach e.V.
Grußwort von Pfarrer Christian Wolff beim Gedenkkonzert am 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätkirche in der Thomaskirche
Pfarrer Christian Wolff hat in seinem Grußwort beim Gedenkkonzert am 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 2008 in der Thomaskirche noch einmal unmissverständlich dazu aufgerufen, dass der Neubau am Augustusplatz Universitätskirche St. Pauli heißen muss und auf den Einbau einer Glaswand verzichtet wird.
Sehr geehrter Herr Rektor Prof. Häuser,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Jung,
sehr geehrter Herr Minister Tiefensee,
sehr geehrte Frau Ministerin Stange,
liebe Studierende, liebe Sängerinnen und Sänger,
lieber David Timm,
meine Damen und Herren,
sehr herzlich begrüße ich Sie in der Thomaskirche. Dass das Gedenkkonzert für die 1968 gesprengte Universitätskirche in der Thomaskirche stattfindet, hat seinen guten Grund: hier, genau genommen im Refektorium des Thomasklosters, wurde 1409 die Universität Leipzig gegründet. Hier predigte 1539 Martin Luther zur Einführung der Reformation. Hier versammelten sich am 30. Mai 1968 zur Stunde der Sprengung alle Pfarrerinnen und Pfarrer zum Gebet. Hier wurde gestern die Stiftung Universitätskirche St. Pauli gegründet – ein eindrucksvolles Signal bürgerschaftlichen und universitären Engagements. Und hier steht seit 1993 der Paulineraltar, der vor der Zerstörung der Universitätskirche gerettet werden konnte. Er zeugt von ökumenischem Geist und mahnt uns, pfleglich mit Gotteshäusern umzugehen. Die mutwillige Zerstörung von Gotteshäusern, von Synagogen, Kirchen oder Moscheen, ist immer ein alarmierendes Zeichen der politischen und sozialen Verwahrlosung einer Gesellschaft.
Wenn wir heute dieses Konzert in der Thomaskirche mit der Aufführung von geistlichen und weltlichen Werken durchführen, versehen mit Wortbeiträgen von Universitätsangehörigen und Politikern, dann folgen wir damit der Nutzung, die auch die alte Universitätskirche hatte: als Gottesdienststätte, als Ort des akademischen Diskurses, als Aufführungsraum für die Universitätsmusik. Und wir manifestieren die Trias, von der die 800jährige Tradition der Thomana bis heute lebt: Glaube, Bildung, Musik als Bedingung und Tor zur Freiheit. Genau diese Nutzung soll auch dem Gebäude zukommen, das jetzt am Augustsplatz neu entsteht. Beglückt können wir feststellen: es ist eine Kirche. Es ist die Universitätskirche St. Pauli. Und so soll , ja muss sie auch heißen! Oder ist etwa jemand unter uns, der heute, würde die Universitätskirche noch stehen, eine Namensänderung in „Paulinum“ und den Einbau einer Glaswand fordern würde? Ich kann von dieser Stelle aus nur an uns alle appellieren: Nutzen wir die acht Minuten der Motette von Johann Sebastian Bach „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“, um zu erkennen: diese neue Universitätskirche verträgt keinen säkularen Lettner. Nein: auf die Glaswand können wir alle gut und gerne verzichten – allein schon im Blick auf die Universitätsmusik.
Es ist ein wunderbares Zeichen dafür, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will, dass wir dieses Gedenkkonzert in Erwartung der neuen Universitätskirche St. Pauli erleben können. Allen, die das ermöglicht haben, sei von Herzen gedankt.
Christian Wolff
Pfarrer an der Thomaskirche
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„Von Abgötterei, Lügen und Krämerei ganz loskommen“
Plädoyer für eine erneuerte Universitätskirche St.Pauli
Rede am 30. Mai 2008, 40 Jahre nach der Zerstörung der Universitätskirche in Leipzig
Friedrich Schorlemmer Wittenberg
Quelle: BILD-Leipzig vom 31.5.2008
Blumen und Gebete für St. Pauli
Leipzig - Gestern gedachte Leipzig der Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mal 1968.
Im Gedenkgottesdienst in der Nikolaikirche verurteilte Landesbischof Jochen Bohl die Vernichtung der Universitätskirche als "ruchlose Tat". Dabei forderte Bohl erneut, Aula und Andachtsraum im neuen Paulinum nicht wie geplant per Glaswand zu trennen. Die "Stiftung Universitätskirche St. Pauli" will Geld sammeln, um das Innere dahingehend umgestalten zu können. Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff bezeichnete die Trennung zwischen Aula und Kirche als "unhistorisch" und wiederholte die Forderung der Landeskirche, den Neubau "Universitätskirche St. Pauli" zu nennen. Unterstützt wird die Forderung auch von Ex-Nikolaipfarrer Christian Führer.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 31. Mai 2008 (Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung
Gedenktag mit Streitpotenzial
Leipzig ganz im Zeichen der gesprengten Paulinerkirche und des Neubaus, der für sie entsteht
10 Uhr läuteten gestern alle Kirchenglocken in Leipzig. Denn um 10 Uhr am 30. Mai 1968 verwandelten 700 Kilogramm Dynamit die Universitätskirche St. Pauli in Schutt und Asche.
Der Zufall will es, dass Oberbürgermeister Burkhard Jung und Paulinervereinschef Ulrich Stötzner gemeinsam die Nikolaikirche betreten, um am Morgen am Universitätsgottesdienst anlässlich der 40. Wiederkehr der Sprengung des Gotteshauses teilzunehmen. Man platziert sich und nimmt ergriffen Anteil am Geschehen samt Gesang, Gebet und vor allem Predigt von Jochen Bohl. Der Landesbischof interpretiert für diesen Tag die Herrnhuter Losung des 30. Mai 1968, die da lautete: „Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig.“ Es sei schon erstaunlich, wie Gottes Wort auch heute zutreffe. Bohl verneigt sich mit seinen Gedanken vor denjenigen, die, zwar gering an Zahl, mutig gegen die Sprengung demonstrierten. Er nimmt Bezug auf Erich Loests schon historisch zu nennende Worte, dass hinter der in sich zusammen fallenden Kirche St. Pauli der Turm von St. Nikolai sichtbar wurde, die Friedliche Revolution also, auch wenn man auf sie noch über 20 Jahre haben warten müssen, schon mal angezeigt war. Ohne diesen Herbst 1989 auch kein Neu-, kein Erinnerungsbau, sagt Bohl mit Bedacht. Und endet ganz eindeutig: „Nur eine Wand sollten wir nicht in den Neubau stellen, der Kirche und Aula sein soll.“
Jung und Stötzners Wege trennen sich danach. Der Oberbürgermeister besucht nicht die Gedenkveranstaltung der Pauliner auf dem Augustusplatz. Er will sich von ihnen nicht instrumentalisieren lassen. Die Bürgerbewegten nutzen den Gedenktag, um ihren Forderungen nach Verzicht auf eine Glaswand, die laut beschlossenen Bauunterlagen Aula und Chorraum wohl doch trennen wird, und dem Einbau der alten Kanzel Nachdruck zu verleihen. Prominente Redner sind verpflichtet. Stefan Welzk spricht über den wichtigsten Protest, als er mit weiteren jungen Akademikern die spektakuläre Plakataktion in der Kongresshalle inszenierte. Friedrich Schorlemmer sympathisiert mit den Forderungen des Vereins. Zu denen gehört nun sogar dezidiert die Rückführung des Paulineraltars, der auf Grundlage eines Leihvertrages bis 2012 in der Thomaskirche steht. Nein, sagt Vereinschef Stötzner gegenüber der LVZ, er gehe nicht davon aus, ihn schon 2009 haben zu wollen, die Rückgabe sei wohl doch eine Frage der Zeit.
Aus Dresden gekommen ist Ludwig Güttler, der wichtigste Fürsprecher des Wiederaufbaus der Frauenkirche. Er bläst zwar nicht die Trompete, aber sich und seinen Verbündeten den Marsch. Mit den erst jetzt immer lauter werdenden Forderungen sei man wohl zu spät aktiv geworden. Zum Schluss ruft Christian Führer zur Demonstration auf, mit der er unter anderem den Namen „Universitätskirche St. Pauli“ einfordern will. Der geborene Protestpfarrer: „Den Namen nicht wieder zu bekommen, wäre eine schlimmere Schädigung als die Sprengung vor 40 Jahren.“ Es ist heiß an diesem Mittag auf dem Augustusplatz.
Am Abend kommt Jung, keine Frage, zum Gedenkkonzert in die Thomaskirche und nimmt auch öffentlich Stellung zum neu entstehenden Bau des Architekten Erick van Egeraat: „Ich persönlich stehe ohne Wenn und Aber hinter dem kühnen Entwurf, der nun verwirklicht wird. Und jeder Blick auf das bisher Geschaffene verdeutlicht: Hier wird tatsächlich in einer Weise an das alte Gotteshaus erinnert, die ihresgleichen sucht.“ Auch der heutige Tag habe aber allen gezeigt, dass die Wunden dessen, was vor 40 Jahren geschah, noch immer nicht vernarbt sind. Noch immer gebe es offene Fragen, noch immer widerstreitende Interessen. Jung: „Aber gerade weil dies so ist, bin ich der Meinung: Dieser 30. Mai 2008 sollte auch das Datum sein, an dem die Kriegsbeile begraben werden.“ In einem offenen Gespräch aller Beteiligten sollte es möglich sein, im Interesse von Universität und Stadt die offenen Fragen – etwa des Altars und der Kanzel – einer einvernehmlichen Lösung zuzuführen.
Thomas Mayer
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KOMMENTAR
Von Micha Schneider
Gelungene Symbiose
40 Jahre nach der Sprengung tut sich sichtbar was an der Stelle, an der einst die Leipziger Uni-Kirche stand. Nach Plattenbau mit aufgesetztem Marx-Relief entsteht nach langem, noch immer nicht beendetem Gerangel eine Symbiose aus Erinnerung an die Paulinerkirche und von der Uni dringend gebrauchter Aula. Es ist richtig, über die äußere Gestaltung auch eine Mahnung gegen sinnlose, atheistisch begründete Zerstörungswut zu setzen. Ein originalgetreuer Wiederaufbau stand für die Universität als Eigentümer, für den Freistaat und den Bund als Geldgeber aber nie zur Diskussion. Mit der Mischung aus festlicher Versammlungsstätte und Gotteshaus wird künftig Notwendiges mit historisch Begründetem verbunden.
Dem in einer Endlosschleife laufenden Gezänk um Namen, Altar, Glaswand, Kanzel können und wollen viele nicht mehr folgen. Es trübt zudem die Freude darüber, dass ein Schandfleck aus der Innenstadt verschwindet und endlich gebaut wird. Die Bauarbeiter ließen sich übrigens gestern von Glockengeläut, Gedenk- und anderen Reden nicht stören. Sie werkelten bei bestem Wetter einfach weiter. Bis Dezember 2009, wenn die Universität 600 Jahre alt wird, wollen sie schließlich fertig sein.
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Etzoldsche Sandgrube
Gebete auf dem Trümmerberg
Kyrie eleison wurde gestern nach 18 Uhr auf dem Trümmerberg in Probstheida gesungen. Etwa 70 Gäste folgten der Einladung von Katholischer und Evangelischer Studentengemeinde zur Andacht in die Etzoldsche Sandgrube. Dort sind die Reste der Paulinerkirche verscharrt. „Wir haben heute in der Innenstadt gesehen, dass Fakten geschaffen werden“, mahnte der evangelische Studentenpfarrer Frank Martin zwischen den Gebeten. „Wir als Gläubige wissen, dass Fakten nicht für die Ewigkeit sind.“ Nach einer Schweigeminute ermunterte sein katholischer Amtsbruder Markus Luber die Besucher, die Zukunft der Stadt und der Universität mitzugestalten. Er finde es symbolisch, dass auf der Spitze des begrünten Hügels ein kleines Monument steht, auf dem die Blickrichtungen nach vielen Orten der Umgebung ablesbar sind. „Leipzig hat einen Orientierungsstein, der auf den Trümmern der Paulinerkirche steht“, sagte Luber.
Jedoch gehe Leipzig mit den Schuttmassen der Kirche nicht würdevoll um, so SPD-Bundestagsabgeordneter Gunter Weißgerber. Nach der Andacht kritisierte er im Gespräch mit Pfarrer Christian Führer und Stadtrat Clemens Meinhardt (CDU): „Das Marx-Relief wird für 300 000 Euro umgesetzt. Aber für den Hügel hier gibt es keine würdige Gestaltung, nicht mal eine kleine Kapelle.“ Dies war das Stichwort für Polizeiseelsorger Stephan Bickhardt. Die Stadt solle einen internationalen Wettbewerb zur Gestaltung des Trümmerberges ausloben, schlug er vor. „Ich fände es gut, wenn der Aufgang als Kreuzweg gestaltet wird – mit Motiven aus der Geschichte Leipzigs und der Universität.“
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DREI FRAGEN AN …
… Stephan Bickhardt, Ex-Bürgerrechtler, heute Leipzigs Polizeipfarrer
Welche Rolle spielt der 30. Mai 1968 in Ihrem Leben?
Ich erinnere mich noch genau an einen Tag kurz nach jenem Ereignis. Ich war damals neun Jahre alt. Meine Mutter weinte am weißen Küchentisch. Sie hatte vom plötzlichen Tod Robert Köblers, der bis zur Sprengung der Organist der Universitätskirche war, erfahren und erzählte mir nun auch vom Verlust dieser Kirche. Dieses Erlebnis prägt mein Leben bis heute und war auch wichtig für meine Aktivitäten als Bürgerrechtler und als Geschäftsführer des Hauses der Demokratie in der Berliner Friedrichstraße im Herbst 1989 und 1990.
Zum Gedenken wird in Leipzig gestritten. Der Oberbürgermeister sagte sogar seine Teilnahme an der Veranstaltung des Paulinervereins ab. Wie finden Sie das?
Zu streiten ist doch gar nichts Schlechtes, sind wir doch auch für die Freiheit des Wortes auf die Straße gegangen. Jungs Absage kann ich nicht nachvollziehen. Er hätte zu den Paulinern kommen und seine Meinung kund tun sollen.
Die Pauliner fordern für den Neubau unter anderem den Verzicht auf eine Glaswand, die Aula- und Kirchenraum trennen wird, und plädieren für den Namen „Universitätskirche St. Pauli“. Können Sie damit konform gehen?
Den Einbau einer Glaswand verstehe ich nicht. Sie darf nicht Realität werden. Der Neubau sollte, auch weil er ja für die Wissenschaft und die Geistlichkeit da ist, ganz einfach „Universitätsaula – Universitätskirche“ genannt werden.
Interview: Thomas Mayer
Quelle: http://www.domradio.de/aktuell/artikel_41686.html
© DOMRADIO - 31.5.2008
Kirche, Glaube und Vernunft
Leipzig gedenkt Kirchensprengung von 1968
Überschattet von Kontroversen hat Leipzig am Freitag der Sprengung der Universitätskirche Sankt Pauli durch das SED-Regime gedacht. Nach einem Läuten aller Kirchenglocken um 10.00 Uhr, dem Zeitpunkt der Zerstörung am 30. Mai 1968, nahmen mehr als 1.000 Menschen in der Nikolaikirche an einem Gedenkgottesdienst teil. Eine Reportage.
Ja, sagt die 81-Jährige, sie erinnere sich gut an diesen Tag: an die Sprengung der Leipziger Universitätskirche vor 40 Jahren. Und dann fängt sie fast an zu schluchzen, als sie den Schmerz schildert, auch die Sorge um die jungen Söhne bei den Protestaktionen.
Gut 1.000 Leipziger sind in der Nikolaikirche versammelt, als die Glocken des Gotteshauses und der anderen Kirchen in der Stadt um zehn Uhr zu läuten beginnen. Es ist der Zeitpunkt, als 40 Jahre zuvor der Sprengstoff den traditionsreichen Kirchenbau vernichtete, in dem der Reformator Martin Luther predigte und Johann Sebastian Bach die Orgel spielte. Das Gotteshaus störte bei der sozialistischen Neugestaltung des Stadtzentrums.
Die Erinnerung, so wirkt es an diesem Vormittag, lastet bis heute.
Noch vor Gottesdienstbeginn ruft ein Vertreter der Gemeinde am Mikrofon zum „Verzicht auf jedwede Form der Polemik“ auf. Denn Leipzig streitet seit Jahren über den Neubau, der nicht mehr Kirche sein, aber ab die Kirche erinnern soll.
Sachsens evangelischer Landesbischof Jochen Bohl kommt in seiner Predigt bald auf die „religions- und kirchenfeindliche Ideologie“ des SED-Regimes. „Die Macht wähnte sich im Besitz der Wahrheit.“ Für die Partei sei die Sphäre der Wissenschaft und der Vernunft mit der des Glaubens unvereinbar gewesen. „Das war ein Angriff auf den christlichen Glauben und jahrhundertealte Wissenschafts-Traditionen“, sagt der Bischof. „Vor 40 Jahren“, so schließt Bohl, „sollten Glauben und Wissen getrennt werden. Sie gehören aber zusammen. Eine Wand sollten wir nicht zwischen sie stellen.“
Eine Wand - daran eskaliert der Streit. Im entstehenden Neubau des Paulinum, eines Kirche-Aula-Projekts, soll nach dem Willen der Universität eine Glaswand Aula und Andachtsraum trennen. Während sich der Kirchenraum leert, spricht eine Journalistin den Universitätsrektor, den Juristen Franz Häuser, auf die mahnenden Worte des evangelischen Bischofs zu Glaube und Vernunft an. „In der katholischen Theologie“, meint der 62-jährige Westdeutsche prompt, gehe es beim Glauben stets um geoffenbarte Wahrheiten, aber in der Wissenschaft um die Suche.
Spätestens da wird deutlich, welche Gräben durch Leipzig gehen.
Minuten später versammeln sich einige Hundert am Bauzaun auf dem Augustusplatz. Einige hängen Blumen an den Zaun, wenige tragen Plakate, zwei Männer stemmen ein Transparent „Paulinerkirche - Innenausbau originalgetreu“. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) ist, entgegen einer Ankündigung, nicht gekommen. Auch Häuser bleibt fern.
Der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer, der die Sprengung als „Ulbricht'schen Talibanismus“ bezeichnet, spricht von Rektoren, die „feige, arrogant oder ignorant“ seien, und beklagt „ideologische Borniertheiten“. Er redet lang und zu lang, aber die Menschen sind dankbar für viele gewaltige Worte. „Das Wort ist für die Welt da, nicht für die Kirchensteuerzahler.“
Immer wieder das Thema Glaube und Vernunft. Erich Loest ist da, spricht aber nicht. Christian Führer, der frühere Pfarrer der Nikolaikirche, mahnt, christlicher Glaube und Wissenschaft gehörten zusammen. „Wenn man die Wurzeln kappt, lebt der Baum nicht mehr lange“, meinte er und ruft zum Demonstrationszug auf. Startrompeter Ludwig Güttler weist jeden Kompromiss zurück und fordert - auch das will die Universität verhindern - die Einbindung all jener Reste der
1968 zerstörten Kirche, die Mutige damals sicherstellten. Auch Luthers Kanzel, auch den Altar.
Den meisten Beifall erhält Stefan Welzk, einer der ganz Mutigen, der
1968 die Politführung mit Protesten narrte und bald in den Westen floh. Der Neubau, sagt er, reduziere Gotik auf Designerelemente.
„Leipzig hat ein Recht auf eine angemessene Wiedererstehung dieses Symbols seiner Identität“. Das sage er ausdrücklich als jemand, der keiner Kirche angehöre. Nicht jedes Wort versteht man. Manchmal kreischt Metall von der nahen Baustelle herüber. Die Universität wird im nächsten Jahr 600 Jahre alt. Es eilt. Sie braucht eine Aula.
(Christoph Strack / kna)
Quelle: http://www.welt.de/welt_print/article2048983/Das_Ding_muss_weg.html
© WELT.de - 30. Mai 2008, 04:00 Uhr
Von Dankwart Guratzsch
"Das Ding muss weg"
Vor 40 Jahren ließ Ulbricht die Leipziger Paulinerkirche sprengen. Die Debatte um ihren Wiederaufbau hält bis heute an
Die Wunde, die Walter Ulbricht seiner Vaterstadt Leipzig zufügte, als er heute vor 40 Jahren die unversehrte Universitätskirche St. Pauli sprengen ließ - sie ist bis heute nicht verheilt. Ihre Zerstörung war ein Donnerschlag, der das geistige Fundament der ältesten Universität auf deutschem Boden zerriss. Zwischen 1488 und 1521 als Gotteshaus für ein Dominikanerkloster errichtet, war die Paulinerkirche 450 Jahre lang geistig-geistliches Zentrum der Universität. Ihre Sprengung war eine Kampfansage an die bürgerliche Intelligenz der traditionsreichen Messe- und Verlagsstadt, der man ihre jahrhundertealte Führungsrolle streitig machen wollte. Sie war der Akt, mit dem die Diktatur des Proletariats seine Weihen erhalten und die Züchtung des neuen, von der "Vormundschaft" der Kirchen befreiten Menschen ausgerufen werden sollte.
"An diesem Tag war der Platz, wie schon seit einigen Tagen, weiträumig abgesperrt", erinnert sich der heute 72-jährige Alexander Ziegert, damals ein junger Leipziger Kaplan, "es wimmelte von Menschen. Ich stand auf einem Schutthügel nahe den Absperrungen inmitten einer bedrückten Menschenmenge und konnte die Sprenglöcher in den Mauern der Kirche gut erkennen. Am späten Vormittag erfolgte mit dumpfem Knall die Sprengung. Es stürzte der kleine Dachreiter in das zerbrechende Dach und die kippenden Mauern. Ich sah, wie Menschen weinten. Nun war geschehen, was ich nicht für möglich gehalten hätte in einer so bedeutenden Stadt."
Nicht für möglich gehalten hätten freilich auch viele Leipziger und darüber hinaus viele Sachsen, Wissenschaftler, Theologen beider Kirchen und Angehörige des Bildungsbürgertums in ganz Deutschland, dass der barbarische Akt der Zerstörung durch eine neue Universitätsleitung und die Regierung des Freistaates Sachsen eines Tages quasi verewigt werden würde. Denn anders als die Frauenkirche in Dresden wird die bestens dokumentierte, bei ihrer Sprengung völlig intakte gotische Kirche, in der Luther gepredigt und Bach und Mendelssohn die Orgel gespielt haben, nicht wieder aufgebaut. Zur Ausführung kommt eine "moderne Version" in Form eines Zweckbaus, die von vornherein nur noch als Aula der Universität firmiert. Dem kirchlichen Gebrauch bleibt ein so kleiner Raum vorbehalten, dass nicht einmal die Kanzel und die Epitaphien, die die großartige Geschichte des Leipziger Geisteslebens dokumentieren, Platz finden. Um weltliche Veranstaltungen nicht einer "Störung" durch Pfarrer oder Gläubige auszusetzen, wird der zur sakralen Nische eingeschrumpfte Altarbereich mit einer Glaswand gegen die Aula abgetrennt.
Es ist nur ein weiteres Zeugnis für eine nur noch "pragmatische" Politik, die in ganz Sachsen Kulturkämpfe bisher nicht bekannten Ausmaßes ausgelöst hat - sei es bei der Waldschlösschenbrücke oder beim Kampf um die verfallenden Gründerzeitviertel. In diese Reihe ordnet sich das Beispiel der Universitätskirche Leipzig auf beklemmende Weise ein. Da half es nichts, dass sich nach dem Fall der Mauer 27 Nobelpreisträger aus aller Welt zur Ehrenrettung der um ihren geistigen Mittelpunkt gebrachten Alma Mater für den spendenfinanzierten Wiederaufbau einsetzten, darunter Günter Blobel, Georg Bednarz, Rudolf Mössbauer, Heinrich Rohrer und Joseph H. Taylor. Der Aufruf war kein Appell von "Ewiggestrigen", aber die aus dem Westen Deutschlands an die Spitze der einst größten und traditionsreichsten mitteldeutschen Universität katapultierten Universitätspräsidenten wischten diese und alle anderen Petitionen wie lästige Einmischungsversuche vom Tisch. Der für Leipzig und Sachsen so ehrenvolle Appell wurde als Elaborat von "Preisträgern eines Dynamitherstellers" abqualifiziert, ohne dass Regierung oder Universitätsspitze auch nur ein Wort der Würdigung über die Lippen brachten. Ein SPD-Landtagsabgeordneter verstieg sich gar dazu, die Leipziger Wissenschaftler vor einer "Zwangs-Christianisierung" zu warnen.
Sebastian Storz, Vorsitzender des "Forums Baukultur e.V." in Dresden, hat als Ursache für die sich häufenden deutschen Streitfälle im Kulturbereich den "Mangel an geistiger Führung" identifiziert, der Unfrieden in die Bevölkerung trage und viele Menschen dem demokratischen Gedanken zunehmend entfremde. Am Leipziger Beispiel lässt sich dies Schritt für Schritt nachvollziehen. Zuerst wurde ein Architektenwettbewerb für eine "neue Kirche" ausgeschrieben, den der Holländer Erick van Egeraat gewann. Danach sollte die Kirche zwar zum aufgeweiteten Augustusplatz hin eine "moderne Fassade" erhalten, der Innenraum aber weitgehend historisch gestaltet werden. Mit diesem "Kompromiss" gewann die von Alt-68ern aus Westdeutschland dominierte Universitätsleitung die Zustimmung von Teilen der Bürgerschaft und selbst der Kirchen und des Paulinervereins, in dem sich die Freunde der gesprengten Kirche gesammelt haben, darunter auch der Physiker Dietrich Koch, der mit seinem Bruder einen Apparat zum Abwurf von Protestzetteln gebastelt hatte und von der DDR-Justiz dafür zu zweieinhalb Jahren Haft und anschließender unbefristeter Einweisung in die Psychiatrie verurteilt wurde.
Doch kaum hatte Universitätsrektor Franz Häuser die Zustimmung in der Tasche, ging er daran, die Pläne des Architekten auszuhebeln. Um den Entwurf zu "entsakralisieren", wurden die mittleren Säulen, die das Kreuzrippengewölbe trugen, von unten her abgesägt und wie Stalagtitenstümpfe an die Decke gehängt. Gleichzeitig wurde die unselige Idee der Glaswand geboren, um die Reste von "Kirche" gleichsam aseptisch wegzusperren.
Diese Umplanung, zu der die sächsische Regierung ihren Segen gab, lässt die Öffentlichkeit des Freistaates ähnlich wie der Dresdner Brückenkonflikt nicht zur Ruhe kommen. Wie in Dresden fühlen sich auch hier gerade Vertreter der bürgerlichen Intelligenz vor den Kopf gestoßen und kündigen zum Teil öffentlich der CDU ihre Gefolgschaft auf. Geschädigte des SED-Regimes und Ankläger der Stasi-Machenschaften wie Wieland Zumpe verweisen darauf, dass auch hier bei der Ausschachtung der Fundamente keine Nachforschungen nach den Gebeinen der einst in der Kirche beigesetzten herausragenden Physiker der Leipziger Universitätsgeschichte wie Wolffgang Corvin, Leonhardus Lycius und Christophorus Preibisius angestellt wurden. Aus den Katakomben der Kirche wird ein Fahrradkeller, unter dessen "weißer Wanne" die Ahnen deutschen Geisteslebens unzugänglich und namenlos wie Giftmüll einbetoniert sind.
"Da hier ethische Grenzen durchschlagen werden und jegliches christliche Selbstverständnis zerstört wird, das die Demut vor den 800 in der Paulinerkirche Begrabenen gebietet", mutmaßen Zumpe und viele Getreue, dass der Frieden auch durch Verleihung eines Doktorhutes an Bundeskanzlerin Angela Merkel und eine Laudatio des EU-Außenbeauftragten Javier Solana nicht wiederhergestellt werden könne. Dafür will auch der Paulinerverein sorgen, der soeben nach dem Vorbild der Frauenkirchenstiftung in Dresden eine Stiftung "Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig" gegründet und die Rückkehr zu den ursprünglichen Plänen der kirchlichen Ausgestaltung des Innenraums auf seine Fahnen geschrieben hat.
So wird der 30. Mai 2008 zu einem Tag, an dem Leipzig sein eigenes "1968" begeht. Zum Gedenken an die Sprengung vor exakt 40 Jahren läuten die Leipziger Kirchen heute um 10 Uhr sämtliche Glocken. Die Predigt in der Nikolaikirche hält Landesbischof Bohl. Ausstellungen, Gedenkkonzerte und die erste Leipziger Demonstration für die Kirche auf dem Augustusplatz schließen sich an. Und auf der Etzoldschen Sandgrube Probstheida, in der die Reste der Kirche mit all ihrem Figurenschmuck, ihren Säulen, Kapitellen und Kunstwerken von den Machthabern der DDR wie in einer Müllgrube versenkt wurden, versammeln sich am Abend die evangelische und die katholische Studentengemeinde zu einer Andacht.
"Die barbarische Zerstörung richtete sich gegen die Einheit von christlichem und humanistischem Geist", heißt es in einem Aufruf für die Änderung der Wiederaufbaupläne, in dem sich führende Persönlichkeiten dafür einsetzen, auf dem angestammten Platz nicht die sinnentleerte Hülle einer Aula, sondern eine Kirche wiedererstehen zu lassen. Denn, so die Unterzeichner: "Eine wiedergewonnene Universitätskirche St. Pauli wäre das Symbol für die Überwindung jener Epoche, die freiheitlicher Wissenschaft und akademischem Dialog zwischen Christen und Nichtchristen versuchte den Boden zu entziehen."
Unterschrieben haben das als "Erstunterzeichner" Thomaskantor Georg Christoph Biller, der ehemalige Chef des Gewandhausorchesters Herbert Blomstedt, der Mitinitiator der Leipziger Montagsdemonstrationen Pfarrer Christian Führer, der Konzerttrompeter Ludwig Güttler, die Dichter Reiner Kunze und Erich Loest, MDR-Intendant Udo Reiter, Pfarrer Friedrich Schorlemmer, der Leipziger Künstler Arnd Schultheiß und der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz (CDU). Dass die Liste inzwischen immer länger wird, dass sich Freunde der Kultur und Geschichte, Professoren und ehemalige Studenten Leipzigs anschließen, lässt vermuten, dass mit den Gedenkfeiern kein Schlusspunkt unter ein unbequemes Kapitel gesetzt werden kann.
Denn auch in Leipzig ist wahr, was sich wider alle politische Einäugigkeit in so vielen aktuellen Streitfällen in Deutschland täglich bestätigt und was Richard von Weizsäcker, der Altbundespräsident, einmal treffend so formuliert hat: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart."
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29. Mai 2008 (Seite 3)
© Leipziger Volkszeitung
„Bis heute eine Last“
Ludwig Güttler über die vor 40 Jahren gesprengte Leipziger Paulinerkirche und die Frage der Schuld
Leipzig. Am 30. Mai 1968, 10 Uhr, wurde in Leipzig die Universitätskirche St. Pauli gesprengt. Das Gotteshaus stand der sozialistischen Neugestaltung der Karl-Marx-Universität nicht nur räumlich, sondern vor allem ideologisch im Weg. Walter Ulbrichts Worte „Das Ding muss weg“ sind Legende. Trompeten-Virtuose Ludwig Güttler erinnert sich an die Kultur-Barberei.
Frage: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Leipziger Jahre?
Ludwig Güttler: Mein Aufenthalt war in den 1960-er Jahren eingebettet in große historische Daten – 1961 Mauerbau, 1968 Verlust der Paulinerkirche. Ich war damals Musikstudent, Kantor und Leiter der Evangelischen Studentengemeinde. Die Semesteranfangs- und Schlussgottesdienste fanden immer in der Uni-Kirche statt, wo ich auch musizieren durfte. Ich erinnere mich an den genialen Organisten Robert Köbler. Die Faszination von Leipzig bezog sich für mich auf die Messe und die Universität mit dem noch vorhandenen Augusteum und der angrenzenden Kirche. Sie war stehen geblieben wie ein Mahnmal. Dass sie einmal weg sein könnte, war jenseits des Vorstellbaren.
Sie kennen als Künstler viele Kirchen. Wie schneidet die Uni-Kirche in so einem Vergleich ab?
Ein herausragendes Merkmal war ihre große Aufführungen ermöglichende Orgelempore. Auch war diese Kirche der Thomaskirche akustisch gleichwertig. Ich weiß aber auch von liebenswürdigen Details, dass etwa Bach von dieser Orgelbank quasi rüber rutschte nach St. Nikolai – das löste bei einem Studenten, der sich im Musikleben ja auch organisatorisch bewähren wollte, schon stille Begeisterung aus.
Was verbinden Sie nun mit dem Verlust dieser Kirche von vor 40 Jahren?
Die Frage der Schuld. Diese Kirche, die unversehrt war, zu entfernen, ist bis heute eine Last. Stadtverordnete wie Universität konnten, ja wollten es nicht verhindern. Ich frage mich, wie so einer Barberei hätte Einhalt geboten werden können. Und was man tun kann, damit diese Tat im Nachhinein nicht gerechtfertigt wird. Wurde beispielsweise die Messe in neuer Zeit schnell und wohl sogar überdimensioniert in Angriff genommen, so wurde die Paulinerkirche, ein Stück des deutschen Geisteslebens, das Leipzig auch geschenkt bekam, zu spät und nur unterdimensioniert behandelt. Ich beklage die Unverhältnismäßigkeit der Interessen. Mit welch’ großem Willen sind demgegenüber unsere polnischen Nachbarn ausgerüstet, wenn sie das Warschauer Schloss oder das alte Danzig wieder aufbauen!
Leipzig hat versagt?
In einer Gesellschaft ist die Zahl derer, die für den Geist eintreten, stets geringer. Als wir den Wiederaufbau der Frauenkirche thematisierten, bestand die öffentliche Meinung zunächst auch aus 90 Prozent Ablehnung. Es bedurfte fünf Jahre mühsamer Überzeugungsarbeit. Es will nicht in meinen Kopf, dass in Leipzig nicht auch so eine Bündelung der Kräfte für den Wiederaufbau möglich gewesen wäre.
Was führte in Dresden zum Erfolg?
Unsere Beharrlich- und Unerbittlichkeit, jeden Einzelnen von einer kühnen Idee zu überzeugen, das war der stärkste Produktivitätsfaktor.
Mit Güttler und Co. wäre die Uni-Kirche im Original wieder erstanden?
Es gibt bestimmt auch in Leipzig Menschen, die das zu Wege hätten bringen können, wenn man bereit gewesen wäre, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen.
Wie fällt Ihr Urteil über den entstehenden Neu- und Erinnerungsbau aus?
Ich weiß von sehr ehrenhaften Kompromissbemühungen, halte aber eine Glaswand, die Andachtsraum und Aula trennen soll, für nicht nachvollzieh- bar.
In wenigen Tagen werden Sie 65 Jahre. Die Frauenkirche ist fertig und wird seither von Tausenden bevölkert – was nun?
Dieser Wiederaufbau ist ein einmaliges Erlebnis. Nun sind wir alle aufgefordert, das errichtete Haus mit Leben zu füllen. Die Frauenkirche ist für mich auch ein gesellschaftlicher Gegenentwurf. Besteht die öffentliche Wahrnehmung denn heute nicht aus einem hohen Anteil von Bedarfsanmeldungen? Zu viele wollen nur noch Geld, Freizeit, Sozialleistungen, weniger Arbeit und das Teuerste zum Nulltarif haben. Bei der Frauenkirche wurde nie die Frage gestellt, was zu kriegen, sondern was einzubringen ist. Nur so wurde dieses einzigartige Ergebnis möglich.
Interview: Thomas Mayer
Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/63242.html
© LVZ-Online vom: Freitag, 30. Mai 2008
Zank um Kundgebung: Jung sagt Teilnahme ab
Leipzig gedenkt Uni-Kirchen-Sprengung
L e i p z i g (tom). Das Gedenken an die heute vor 40 Jahren gesprengte Leipziger Paulinerkirche wird von einem Streit zwischen Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und dem Paulinerverein überlagert. Wie aus dem Rathaus verlautete, sagte Jung seine Teilnahme an der Veranstaltung des Vereins, die heute um 11 Uhr auf dem Augustusplatz beginnt, ab. Er habe vor Monaten zugesagt, weil es sich um eine Gedenkveranstaltung handeln sollte. Nun werde aber daraus eine Inszenierung gegen die Universität. Jung teilte seine Absage Paulinervereinschef Ulrich Stötzner in einem Brief mit. Einen Gottesdienst und ein Konzert werde er aber besuchen, hieß es.
40 Jahre nach der Sprengung wird in Leipzig nicht nur über den beispiellosen Gewaltakt, sondern auch über den Universitäts-Neubau am Augustusplatz heftig debattiert. Streitpunkt zwischen Uni-Leitung und Freistaat auf der einen und Paulinerverein, Uni-Theologen sowie Pfarrern auf der anderen Seite ist die Gestaltung des Innenraums des Kirche-Aula-Projekts des niederländischen Architekten Erick van Egeraat. Die Universität will eine Trennung zwischen Aula und Andachtsraum mittels einer Glaswand, Pauliner & Co. möchten die einheitliche Kirche und die Bezeichnung mit ihrem alten Namen „Universitätskirche St. Pauli“. Für diese letzteren Anliegen organisiert der frühere Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer heute einen Marsch durch die Innenstadt, für den Oberbürgermeister Jung nicht als Vorredner dienen will.
Die Stadt Leipzig steht heute trotz der politischen Querelen ganz im Zeichen des Gedenkens an die Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 1968. Am Augustusplatz stand sie damals, obwohl unversehrt, der sozialistischen Neugestaltung der Karl-Marx-Universität im Weg. Punkt 10 Uhr, dem Zeitpunkt der Zündung von 700 Kilogramm Dynamit, läuten heute alle Kirchenglocken. Danach findet ein Universitätsgottesdienst in der Nikolaikirche statt. Die Predigt hält der Bischof der evangelischen Landeskirche Sachsen, Jochen Bohl. Am Abend wird bei freiem Eintritt zum Gedenkkonzert in die Thomaskirche geladen. Bei dem Konzert wird ein Auftragswerk, das der einstige Uni-Kirchen-Organist Volker Bräutigam komponiert hat, uraufgeführt. Worte der Erinnerung werden unter anderem von Wolfgang Tiefensee, Bundesverkehrsminister sowie Ex-OBM Leipzigs, und von Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (beide SPD) gesprochen.
Für Franz Häuser, Rektor der Leipziger Universität, ist die Sprengung der Paulinerkirche noch immer eine offe- ne Wunde: „Die Stellung der Paulinerkirche über die Jahrhunderte im Leben dieser Universität ist etwas ganz Unfassbares. Man kann ja atheistisch sein, man kann die Historie leugnen und für Neuanfänge plädieren. Dass man dafür aber Zeitzeugnisse in die Luft jagt, ist von kaum zu überbietender Primitivität“, sagte er.
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GEDENKVERANSTALTUNGEN
10 Uhr läuten heute alle Kirchenglocken der Stadt, bevor in der Nikolaikirche ein Universitätsgottesdienst beginnt. Die Predigt hält Landesbischof Jochen Bohl. 11 Uhr lädt der Paulinerverein zur Gedenkveranstaltung auf den Augustusplatz ein. Es sprechen unter anderem Friedrich Schorlemmer und Ludwig Güttler. Danach wird es eine von Christian Führer, Ex-Pfarrer von St. Nikolai, initiierte Demonstration durch die Stadt (unter anderem über Schillerstraße und Neumarkt) geben. 18 Uhr findet auf den Trümmern der Universitätskirche in der Etzoldschen Sandgrube eine Andacht der Evangelischen und Katholischen Studentengemeinde statt.
Zum Gedenken veranstalten Universität und Stadt um 20 Uhr ein Konzert in der Thomaskirche. Es wird gemeinsam vom Universitätschor und dem Mendelssohnorchester gegeben. Neben Musik von Bach und Schostakowitsch wird ein besonderes Werk den Raum erfüllen: „Epitaph“ – ein Werk, extra für diesen Anlass komponiert, wird uraufgeführt. Sein Schöpfer, der Kirchenmusiker und Komponist Volker Bräutigam, spielte die Orgel der Universitätskirche bis kurz vor der Sprengung. Er war Assistent des Universitätsorganisten Robert Köbler.
Der jetzige Rektor der Universität, Franz Häuser, und Oberbürgermeister Burkhard Jung sprechen Grußworte. Weitere Redner sind der Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Wolfgang Tiefensee, und die Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen, Eva-Maria Stange.
tom
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Universitätskirche St. Pauli
Gedanken zum Wochenende von
Pfarrer Christian Wolff
Thomaskirche
Namen sind mehr als Schall und Rauch. Namen sind Programm. Und so ist es nicht gleichgültig, wie der Neubau am Augustusplatz heißen wird: Paulinum oder Universitätskirche St. Pauli. Architektonisch ist klar: hier entsteht die neue Universitätskirche – Gott sei Dank! Das ist ein stolzes Ergebnis der jahrelangen Bemühungen um eine angemessene Antwort auf das Verbrechen der Zerstörung vor genau 40 Jahren. Nun muss das neue geistliche Zentrum der Universität ab 2009 auch so genutzt werden, wie die 1968 gesprengte Universitätskirche immer genutzt wurde: gottesdienstlich, musikalisch, akademisch.
Bleibt die Frage: was veranlasst die derzeitige Universitätsleitung, so krampfhaft und verbissen für den Neubau den Namen Universitätskirche St. Pauli und die Aufstellung der Kanzel abzulehnen und zwischen dem sogenannten Andachtsraum und der „Aula“ eine Glaswand als beide Bereiche trennendes Monstrum zu errichten? Befürchten da einige, dass sich Glaube und Vernunft begegnen und in einen kritischen Diskurs geraten könnten? Will man den Erfolg der Befürworter eines geistlichen Zentrums für die Universität nun konterkarieren, indem man einen abgegrenzten „Andachtsraum“ baut, der mit dem Wissenschaftsbetrieb nichts zu tun haben soll?
Einmal abgesehen von dem architektonischen, klimatischen und akustischen Unsinn der Glaswand – einer Wissenschaft, die sich der religiösen Frage verschließt und sich nicht auf ihre gesellschaftliche Verantwortung befragen lässt, mangelt es an Wahrhaftigkeit. Und wie steht es um den Bildungsauftrag der Universität, wenn sie sich nicht auch um die ethischen Grundlagen und Werte kümmert, von denen unsere Gesellschaft getragen ist und die menschliches, auch das interreligiöse und interkulturelle Zusammenleben erst ermöglichen? Es führt kein Weg daran vorbei: Lehrende und Lernende können stolz darauf sein, mit der neuen Universitätskirche St. Pauli wieder über ein geistliches Zentrum zu verfügen, um das sie weltweit beneidet werden.
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Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/63242.html
© LVZ-Online vom: Freitag, 30. Mai 2008
„Das Ding muss weg“ - Leipzigs Paulinerkirche vor 40 Jahren gesprengt
Leipzig. Mit dem überlieferten Ausspruch „Das Ding muss weg“ besiegelte DDR-Staatschef Walter Ulbricht das Schicksal der Paulinerkirche in Leipzig. Am Vormittag des 30. Mai 1968 wurde das dreischiffige Gotteshaus, in dem einst auch Reformator Martin Luther gepredigt hatte, gesprengt. Die Kirche am Augustusplatz hatte nicht ins Bild der SED-Planer für ein modernes Stadtzentrum und zur 1953 in Karl-Marx-Universität benannten sozialistischen Hochschule gepasst. Während sich in wenigen Tagen die Sprengung jährt, entsteht gut sichtbar anstelle der zerstörten Kirche ein moderner Nachfolgebau, das Paulinum. Es wird Herzstück eines erneut modernisierten Universitätsgeländes - dem Nachfolger des sozialistischen Hochschulkomplexes.
Die Paulinerkirche, zwischen 1488 und 1521 als Gotteshaus für ein Dominikanerkloster errichtet, war 450 Jahre lang geistig-geistliches Zentrum der Universität. Sie diente als Aula, Begräbnisstätte für Universitätsprofessoren und Domizil akademischer Feierlichkeiten. Luther predigte in dem Gotteshaus, Johann Sebastian Bach spielte als Universitätsmusikdirektor Orgel und für Felix Mendelssohn Bartholdy gab es 1847 in St. Pauli die Trauerfeier. Den Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg überstand das gotische Baudenkmal unbeschadet.
Mit der Sprengung der Kirche und des im Krieg beschädigten 132 Jahre alten Universitäts-Hauptgebäudes „Augusteum“ wurde nicht nur Platz für schmucklose Neubauten - dem ersten „sozialistischen Universitätskomplex der DDR - geschaffen. Auch die Geschichte der bürgerlichen Universität und zweitältesten Uni auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands sollte damit ausgelöscht werden. Schon 1953 war sie in Karl-Marx-Universität umbenannt und im gleichen Zug der Augustusplatz zum Karl-Marx-Platz geworden.
Ausgerechnet zu Himmelfahrt, am 23. Mai 1968, wurde die Sprengung des Gotteshauses offiziell beschlossen. „Eine Woche blieb Zeit, um das, was beweglich und entnehmbar war, herauszuholen“, sagt Christian Winkler von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, der seine Dissertation dem Schicksal der Kirche gewidmet hat. Gerettet wurden kleine Orgel und Teile der großen Orgel, Altar, Kanzel sowie zahlreiche Epitaphien aus dem 16. bis 18. Jahrhundert - Denkmäler aus Stein, Holz oder Metall, die an Verstorbene erinnern.
„Einen offiziellen Bergungsplan gab es nicht, vieles musste schnell von der Empore geworfen werden“, schildert Winkler. Das wertvolle kirchliche Inventar wurde in Kellern der Uni zwischengelagert. Der 500 Jahre alte Altar fand 1993 an Bachs Grab in der Thomaskirche einen würdigen Platz, die Epitaphien werden derzeit restauriert, die barocke Kanzel lagert noch in mehreren Einzelteilen in der Universität. Die Trümmer des Gotteshauses liegen in einer begrasten Grube nahe des Völkerschlachtdenkmals.
Zum 600. Jubiläum der Alma mater lipsiensis 2009 entsteht anstelle der in Schutt und Asche gelegten Kirche ein modernes geistig- geistliches Zentrum mit Aula und Andachtsraum, das Paulinum. Um das neue Antlitz des Augustusplatzes und einen möglichen Wiederaufbau der Paulinerkirche war nach der Wende ein heftiger Streit zwischen Universität, Bürgern und Landesregierung entflammt. Mit dem Entwurf des Holländers Erick van Egeraat wurde schließlich ein Kompromiss gefunden. Der Neubau nimmt die Silhouette der zerstörten Kirche in moderner Gestalt auf, mit einer Fassade aus Stahl, Glas und Naturstein. Der Paulinum-Giebel ist bereits zu sehen.
Sophia-Caroline Kosel, dpa
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„Ein Haus voll Glorie schauet“
Vor 40 Jahren fiel die Paulinerkirche
Bernhard Richter, heute 78 Jahre alt und Am Tanzplan in Leipzig zu Hause, war 1968 ein katholischer Geistlicher der Propstei-Gemeinde, die in der Universitätskirche ihre Heimstatt gefunden hatte, weil sie kein eigenes Gotteshaus ihr Eigen nennen konnte. Richter erlebte die Sprengung der Paulinerkirche heute vor 40 Jahren hautnah und ging deshalb sogar in die Literatur ein.
„Dort, wo ich mit meiner kleinen, etwas versteckt gehaltenen Kamera stand, fand genau das statt, was Bernd-Lutz Lange in seinem Buch ,Mauer, Jeans und Prager Frühling‘ auf Seite 233 beschreibt“, erinnert sich Richter. Bei Lange ist zu lesen: „An der Absperrung in der Universitätsstraße sah ich fünf katholische Geistliche mit Gebetbüchern in der Hand. Sie lasen der Totgeweihten eine Messe. Nach einer Weile wurden sie von Polizeikräften vertrieben …“
Richter war einer der Fünf. Kabarettist und Buchautor Bernd-Lutz Lange war erstaunt, jetzt von ihm zu hören und freut sich gleichermaßen über die erneute Popularität seines Leipzig-Bestsellers. Im Kapitel „Die Unikirche“ beschreibt er prononciert den Verlust, den seine Heimatstadt vor 40 Jahren erlitt und den er als damals 24-jähriger Student der Fachschule für Buchhändler miterleben musste.
Seine Schilderung der letzten Abendmesse am Himmelfahrtstag 1968 ist wohl sogar die einzige schriftliche Erinnerung an jenes traurig-emotionale Ereignis: „Es gab einigen Hickhack, ob die Gläubigen noch einmal in die Kirche durften. Der Abbruchleiter des Gotteshauses, der stellvertretende Verwaltungsdirektor der Universität, war vor Ort. Er hieß tragischerweise Paulus. Genau so wie der Schutzheilige der Dominikaner. Die innerliche Erregung der Besucher war groß. Ich stand hinten neben einer Säule, ich sah nach oben, sah das majestätische Kirchenschiff und wusste, es wird untergehen, und konnte und konnte es nicht fassen … Professor Trexler spielte am Ende des Gottesdienstes ,Ein Haus voll Glorie schauet‘.“
Bernd-Lutz Lange hatte den Verlust der Universitätskirche St. Pauli übrigens schon 1986 in seinem, im VEB Edition Peters erschienenen Buch „Liederliches Leipzig“ thematisiert, als er die gesprengte Kirche als „Opfer“ benannte. Nur nach hartnäckigen Gesprächen mit dem Lektor sei es damals gelungen, diesen Terminus beizubehalten. Als später Leipzigs Partei- und Stasi-Obere das Buch lasen, stieß das natürlich auf wenig Gegenliebe. Wie Lange erst nach der Friedlichen Revolution erfuhr, sollten SED-Bezirkssekretär Roland Wötzel und der DDR-Buchpapst Klaus Höpcke mit ihm reden – „was freilich nie geschah“.
Auch Bernhard Richter kommt anlässlich des jetzigen Gedenkens manch eine Geschichte wieder in den Sinn. So hatte er vor der entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten, auf der die Sprengung bei nur einer Gegenstimme – sie kam von Pfarrer Hans-Georg Rausch, den man freilich nach der Wende als IM enttarnte – beschlossen wurde, an die Volksvertreter der CDU einen Brief gesandt. Richter: „In diesem Brief schrieb ich, dass die so rigorose Vernichtung eines so alten Baues Kulturbarbarei wäre und bat, bei einer Abstimmung über das Schicksal der Universitätskirche ehrlich zu bedenken, ob sie für den Abriss stimmen können. Leider blieb aber auch mein Schreiben erfolglos.“
Für beide Zeitzeugen ist es eine tiefe Ironie der Geschichte, dass die „Himmelfahrt der Universitätskirche St. Pauli“ vom gottlosen DDR-Staat ausgerechnet am Himmelfahrtstag besiegelt wurde. Nochmal Bernd-Lutz Lange: „Am 24. Mai 1968 erschien eine LVZ-Sonderbeilage: darin das Modell der neuen Universität – und die Kirche war weg! Als hätte sie nie dort gestanden … Im Kino Casino lief am 29. Mai jenes Jahres der polnische Film ,Asche und Diamant‘. Zufall?“
Wohl kaum. Am Karl-Marx-Platz wurde am Tag danach tatsächlich ein Diamant zu Asche verwandelt.
Thomas Mayer
Bernd-Lutz Lange, „Mauer, Jeans und Prager Frühling“ Aufbau Verlag, 342 Seiten, 7,95 Euro.
Quelle: FAZ.net
© F.A.Z., 30.05.2008, Nr. 124 / Seite 35
Die schwere Erbschaft von St. Pauli
Vor vierzig Jahren wurde die Leipziger Universitätskirche gesprengt. Überlebt aber haben zahlreiche Kunstwerke. Sie werden derzeit restauriert. Doch wie werden sie ausgestellt werden?
Schon der Name ist die erste Ungeschicklichkeit: Paulinum. Dabei sollte er die Kritiker besänftigen, die sich über die Gestaltung der Aula im Neubau der Leipziger Universität am Augustusplatz ereifern, die in ihren Abmessungen den Raum der heute vor vierzig Jahren zerstörten Paulinerkirche zitieren wird. Doch nun klingt es wie Spott, und die Leipziger Kirchengemeinden und ein Verein, der sich den Wiederaufbau zum Ziel gesetzt hat, laufen Sturm. Sie wollen ein Gotteshaus zurück, das auf Weisung Walter Ulbrichts gesprengt wurde - die barbarischste Kulturzerstörung der DDR, denn die gotische St.-Pauli-Kirche war fast unversehrt über den Krieg gekommen. Zwei Tage ließen SED, Stadt und Universität im Mai 1968 den Kunsthistorikern, um die Schätze des Baus zu bergen: den Wandelaltar, der heute in der Thomaskirche steht, die Kanzel und eines der schönsten Epitaphien-Ensembles in Deutschland, denn St. Pauli war als Universitätskirche (von Martin Luther persönlich dazu geweiht) auch Begräbnisstätte für die Honoratioren der Hochschule.
Vierhundert Jahre lang wurde hier bestattet, und als man die Kirche 1838 umbaute, wurde der überbordende Grabschmuck aus Spätmittelalter, Renaissance und Barock von den Säulen des Hallenraums und den Wänden der Kapellen in den Chor versetzt: gleichsam als Ideal einer Erinnerungskultur, die religiösen wie ästhetischen Bedürfnissen genügen sollte. Auf dieses Vorbild beruft sich jetzt die Universität bei der Neugestaltung des Paulinums, in dem aber nicht wie früher der Kirchenraum als Aula mitbenutzt wird, sondern umgekehrt: Zuerst kommt die Funktion als Aula, die Kirche wird zu Gast sein, reduziert auf einen ständigen Andachtsraum an der Stelle des früheren Chores, der durch eine bewegliche Glaswand vom Rest abgetrennt werden soll, um sakrale Ruhe zu gewähren. Dort sollen die geretteten Epitaphien angebracht werden.
Etliches aber war zu fest eingemauert, um 1968 in den zwei Tagen hektischer Arbeit geborgen zu werden. Der Rest wurde in demontiertem Zustand unter konservatorisch desaströsen Bedingungen erst im Reichsgericht und dann in einem feuchten Kirchendepot eingelagert und vergessen. 2002 regte der neue Leiter der Kustodie der Universität, Rudolf Hiller von Gaertringen, eine Erfassung der Bestände an und begann das bis heute andauernde Restaurierungsvorhaben. Elf Epitaphien aus Stein, dreizehn aus Holz und vierzehn aus Metall sind für eine Präsentation im Paulinum vorgesehen.
In einem Hof der Hainstraße, genau auf der anderen Seite der Leipziger Innenstadt, öffnet sich ebenerdig ein schweres Tor. Dahinter liegt eine Schatzkammer der besonderen Art: die Lagerstätte für die schon fertig restaurierten oder noch ihrer Wiederherstellung harrenden Epitaphien. Riesige Steinskulpturen liegen auf dem Boden, die teilweise unter Beifügung von kleinsten Bruchstücken bereits in alter Anordnung arrangiert sind. Vom gewaltigen Epitaph des Juristen Johann Jacob Pantzer, der 1673 starb, hat nur der Bildschmuck überlebt, die geschosshohe Rahmenarchitektur konnte nicht geborgen werden. Die lebensgroßen Figuren (zwei Trauerallegorien, ein Engel mit zwei Posaunen und ein Knochenmann, der das ganze Ensemble bekrönte) liegen hier, die beiden auf Kupfer gemalten Porträts des Verstorbenen und seiner Frau, die das Epitaph stiftete, lagern im Depot der Universitätskunstsammlung. Im kommenden Jahr, wenn die Hochschule sechshundert Jahre alt wird, werden die erhaltenen Teile erstmals wieder vereint - im Paulinum.
Doch den Streit um die Ausgestaltung der Aula mindert diese Aussicht nicht. Der Universität wird Geschichtsvergessenheit vorgeworfen und sogar die nachträgliche Bestätigung der Kirchensprengung. Die Hochschule hält dagegen, dass auch ihr Herz, das neben St. Pauli gelegene Augusteum, 1968 trotz erhaltenswerten Zustands gesprengt wurde. Nun will sie für die Zukunft bauen, und dazu brauche es eine wirkliche Aula: nicht ein Gastspiel in einem Kirchenbau. Der Architekt Erick van Egeraat hat sogar in die Fassadengestaltung die Umrisse von St. Pauli eingearbeitet, doch der eigentliche Anlass zum Ärger bleibt der Innenraum. Denn nur in dem durch die Glaswand abgetrennten Andachtsraum sollen die alten Kirchenschätze wieder angebracht werden. Klimatechnisch sei das gar nicht anders denkbar, sagt Hiller von Gaertringen. Sonst landeten die Epitaphien bald wieder in den Werkstätten.
In denen liegt auch die barocke Kanzel, allerdings in tausend Stücken. Der Schalldeckel sieht noch halbwegs intakt aus, der Rest wurde durch die große Eile im Mai 1968 mehr oder minder von dem achteckigen Pfeiler gerissen, an dem sie angebracht war. "Das kann man restaurieren", sagt Hiller von Gaertringen, "aber nicht schnell", und die Epitaphien gelten als bedeutender. Zudem wird es in der neuen Aula keinen Pfeiler geben. Wo die Kanzel anbringen? Sie ist dort also nicht vorgesehen - der zweite große Fehler der Universitätsleitung, die den symbolischen Gehalt unterschätzt hat. Ohne Kanzel keine Kirche, stellen die Kritiker lapidar fest. Alle Behauptung von sakraler Nutzung sei Augenwischerei.
Vergessen wird über diese Fragen aber die große Bedeutung der Rückgewinnung der Epitaphien. Schon im jetzigen statu renascendi kann man sie als Meisterwerke bewundern, und die Liebhaber von St. Pauli dürften staunen über diese Werke, wenn sie am Ort des alten Chores ihre angestammten Positionen wieder einnehmen. Das ist die große Hoffnung in Leipzig: dass sich über das, was bewahrt wurde, verschmerzen lässt, was verloren ist.
ANDREAS PLATTHAUS
Quelle: http://www.mz-web.de
© Mitteldeutsche Zeitung - 29.05.08, 20:02h, aktualisiert 30.05.08, 09:24h
Tage der Trauer und des Zorns
40 Jahre nach Fall: Sie passte nicht zu den SED-Plänen einer sozialistischen Großstadt
von Alexander Schierholz
Leipzig/MZ. Eine "Schandtat" nennt Gottfried Wolff die Sprengung der Paulinerkirche. Der Pfarrer hat die Aktion damals heimlich fotografiert.
Erst kippt nur der Dachreiter zur Seite. Dann sackt das Gebäude in sich zusammen. Übrig bleibt eine haushohe Staubwolke. Gottfried Wolff hat alles im Bild festgehalten. Heute vor 40 Jahren hat der damalige Pfarrer von Holzhausen bei Leipzig auf den Auslöser gedrückt, als die Staatsmacht die Leipziger Universitätskirche sprengen lässt.
Viele in Leipzig ahnen in den 60er Jahren schon lange, dass die den SED-Oberen verhasste Paulinerkirche weg soll. Auch Wolff. Über Jahre wabern Gerüchte durch die Stadt, mal ist von Abriss die Rede, mal von einer Verschiebung hinter den geplanten Neubau der Universität am damaligen Karl-Marx- und heutigen Augustusplatz. Weil sie es genau wissen wollen, sprechen Wolff und ein Kollege zwei Jahre lang immer wieder bei Stadtbaudirektor Walter Lucas vor. "Die Gespräche waren ergebnislos, aber freundlich", erinnert sich der heute 78-Jährige, "bis im Frühjahr 1968 die Stimmung plötzlich kippte." Es sei eine Entscheidung getroffen worden, bescheidet Lucas die beiden Geistlichen barsch. Welche, sagt er nicht. "Da wussten wir, die Kirche wird fallen", sagt Wolff.
Der Krieg hat das mehr als 700 Jahre alte Gotteshaus verschont, doch den SED-Oberen ist es ein Dorn im Auge, es steht ihren Plänen von einem sozialistischen Stadtzentrum mit sozialistischer Universität im Wege. Schon 1960 erklärt Staats- und Parteichef Walter Ulbricht bei einem Besuch in Leipzig: "Das Ding muss weg!" Doch es soll noch Jahre dauern, bis der Stadtrat am 23. Mai 1968 die Sprengung abnickt.
Es ist Himmelfahrt, der Tag, an dem Leipzigs Protestanten und Katholiken in letzten Gottesdiensten Abschied nehmen von der Paulinerkirche. Zum Ärger der Staatsmacht. "Zunächst hat man uns den Zutritt verwehrt", erinnert sich Charlotte Stuhr aus Aschersleben. Damals ist sie junge Ärztin und Mitglied der katholischen Propsteigemeinde, schon als Studentin hat sie die Kirche regelmäßig besucht. Nun zum letzten Mal. Danach kommen in den Tagen bis zur Sprengung täglich Tausende auf den Karl-Marx-Platz. Sie sind wütend, traurig und hilflos. "Wir hatten das Gefühl, da geschieht großes Unrecht, aber wir können nichts tun", schildert Stuhr. Auch unter den Leipziger Pfarrern macht sich ein Gefühl der Ohnmacht breit, wie Wolff sich erinnert. "Wir hätten Protestgottesdienste abhalten können, aber das hätte die Situation doch nur weiter angeheizt."
Dennoch bleibt Wolff nicht untätig. Nach dem Ratsbeschluss zur Sprengung schreibt er einen Protestbrief an den Oberbürgermeister, auf den er natürlich nie eine Antwort erhält. Und er steigt am 30. Mai auf den Turm der Thomaskirche, um die Sprengung heimlich zu fotografieren. "Ich wollte diese Schandtat ein für alle Mal dokumentieren." Angst, sagt er, habe er nicht gehabt. "Ich persönlich habe bei der Stasi immer einen gewissen Respekt vor Pfarrern erlebt."
Dennoch weiß der Geistliche genau, dass auch er beobachtet wird. Am Nachmittag nach der Sprengung nimmt er in einem Trauergottesdienst Bezug auf die Unikirche. Wochen später lädt ihn die Abteilung Kirchenfragen beim Rat des Bezirkes vor. "Es gibt Pfarrer, die beerdigen nicht die Toten, sondern eine Kirche", erklärt man ihm dort. "Da wusste ich, es muss jemand mit in der Messe gesessen haben", sagt Wolff. "Giftspinne" heißt das Stichwort, unter dem die Stasi ihre Informationen über ihn sammelt. Das erfährt er nach der Wende.
Für Wolff, der heute in Möser bei Magdeburg lebt, ist die Kirchensprengung "eine der schlimmsten Depressionen, die ich je erlebt habe". Auch wegen seiner persönlichen Bindung an das Gotteshaus. Dort hat er Orgelunterricht gehabt und 1953 als Student seine erste Probepredigt gehalten. Umso mehr bedauert Wolff es, dass die Paulinerkirche nicht wieder aufgebaut wird. Stattdessen soll eine Aula entstehen, die die Silhouette der Kirche aufnimmt. Charlotte Stuhr tröstet das ein wenig: "Es muss einen Gedenkort geben."
Gottfried Wolff
Den Artikel finden Sie unter: http://www.neues-deutschland.de/artikel/129528.kurz-und-schmerzlos-die-altbausubstanz-beseitigen.html
(c) Neues Deutschland 2008 - 30.05.2008 / Inland / Seite 2
Quelle: http://www.neues-deutschland.de
»Kurz und schmerzlos die Altbausubstanz beseitigen«
Vor 30 Jahren fiel in Leipzig die Paulinerkirche der sozialistischen Stadtgestaltung zum Opfer / Unzufriedenheit mit Neubau
Von Hendrik Lasch, Leipzig
Einen Tag nach der Sprengung ließ sich in der Leipziger Volkszeitung lernen, was ein Euphemismus ist. »Erste Baufreiheit geschaffen«, titelte das Blatt und erklärte seinen Lesern, für den »großzügigen Aufbau des Stadtzentrums« seien die »erforderlichen Vorarbeiten« beendet worden. Kein Wort darüber, was da am ehemaligen Augustus-, jetzt Karl-Marx-Platz in Trümmer gelegt worden war: die 728 Jahre alte Paulinerkirche.
Viele Leipziger freilich wussten, welche Lücke in das Stadtbild gerissen worden war – und viele litten darunter. Schon als es 1959 in einem Papier des SED-Politbüros geheißen hatte, die Kirche sei »zurückzunehmen«, hatte es nicht nur in Kirchenkreisen Protest gegeben. Neun Jahre später wurde das Diktum von SED-Chef Walter Ulbricht dann freilich umgesetzt. Er hatte 1960 bei der Einweihung der neuen Opern mit Blick auf die Kirche erklärt: »Das Ding kommt weg!«
Zum Opfer fiel die spätgotische Hallenkirche, deren von einem Rosettenfenster verzierter Giebel dem Platz zugewendet war, dem Ideal der sozialistischen Stadt, das auch in Leipzig auf den Trümmern der Kriegszerstörung umgesetzt werden sollte – und das, einer Richtlinie von 1950 zufolge, einen zentralen Platz für Aufmärsche vorsah. Die Paulinerkirche passte da nicht ins Bild. Zunächst hatten Experten noch die Versetzung geprüft. Daraus wurde nichts. In Karl-Marx-Stadt sei schließlich auch »alles wegradiert«, sagte der 1. SED-Bezirkssekretär Paul Fröhlich. In Leipzig wolle man gleichermaßen »schnell, kurz und schmerzlos die Altbausubstanz beseitigen«.
Alt war die Kirche wohl; kaputt, wie oft behauptet, war sie nicht – im Gegenteil: Von den zahlreichen Bauten am Augustusplatz hatte sie nahezu als einzige den Krieg unbeschädigt überstanden, weil Brandsätze von Bürgern gelöscht wurden. »Sie war keine leerstehende, baufällige Ruine«, zitiert eine derzeit im Leipziger Rathaus gezeigte Ausstellung des »Archiv Bürgerbewegung« die damals 20-jährige Philologin Helga Hasserück. Der Bau sei von Studenten, Touristen und Musikern genutzt worden: »Das war nicht nur eine alte Kirche, das war Heimat.«
Hassenrück gehört zu denen, die gegen diese einzige Zerstörung einer intakten und genutzten Kirche in der DDR protestierten, während, so die Ausstellung, die Mehrzahl der Bürger »mit Gleichgültigkeit reagierte«. Die junge Frau geriet ebenso ins Visier der Sicherheitsorgane wie der Physiker Stefan Weltz, der nach der Zerstörung ein Transparent malte, das sich bei der Preisverleihung des Internationalen Bachwettbewerbes über der Bühne entrollte. Weltz, der später ausreiste, sah die Sprengung damals als »eine große politische Dummheit des Regimes«.
Das sieht Burkhard Jung, Oberbürgermeister von Leipzig, etwas anders. Der SPD-Mann spricht von einer »politischen Machtdemonstration allererster Güte« in Zeiten, die nicht nur wegen der Geschehnisse in Prag und Westberlin äußerst unruhig waren. Die Interpretation wird durch Äußerungen seines Amtsvorgängers Walter Kresse gestützt. Als die Stadtverordneten am 23. Mai 1968, dem Himmelfahrtstag, einen förmlichen Beschluss zur Neugestaltung des Stadtzentrums (ohne die Kirche) fassten, erklärte dieser, das Bauvorhaben sei »Ausdruck der Macht der Arbeiterklasse«.
40 Jahre später gilt die Sprengung des Bauwerks, an die heute mit einem Gedenkkonzert erinnert wird, als Tiefpunkt in der Stadtgeschichte. Der Stadtrat dürfte demnächst eine Distanzierung vom Beschluss der Stadtverordneten beschließen. Auch die LINKE kritisiert die damalige Entscheidung: Die Kirche sei »in völlig unnötiger und barbarischer Art und Weise« zerstört worden, sagt Stadtchef Volker Külow. In einem Beschluss, in dem von der »moralischen Verantwortung für schmerzliche Fehler in der Vergangenheit« die Rede ist, verpflichtete sich die Partei kürzlich, 5000 Euro für die Restaurierung eines Epitaphs zu spenden, der im neuen »Paulinum« zu sehen sein wird.
Der Neubau soll Herzstück des künftigen Campus der Universität sein, die 2009 ihr 600. Jubiläum begeht. Allerdings greift das von dem Holländer Erick van Egeraats entworfene Gebäude nur die Formen der Kirche auf. Der vom Paulinerverein propagierte Wiederaufbau kam nicht zustande. Streit gibt es über den Namen ebenso wie die künftige Mischnutzung als Aula und Kirche, über eine Glaswand, die beide Bereiche trennt, und über den Verbleib von Kanzel und Altar. Deren Anbringung im Paulinum lehnt die Hochschule bislang ab.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 29.05.2008)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de:80/zeitung/Die-Dritte-Seite;art705,2539749
© Tagesspiegel.de - 29.5.2008 0:00 Uhr
Leipzigs Kirchenschliff
„Was weg ist, ist weg“, sagt der eine. Ein anderer will etwas gutmachen: Er hat reglos zugesehen, als vor 40 Jahren die Universitätskirche verschwand. Die Stadt begeht nun den Jahrestag – und streitet
Von Nadja Klinger, Leipzig
Am Leipziger Augustusplatz befindet sich die Bühne. Man kommt nicht gleich darauf, dass es eine Bühne ist. Kräne rackern, schweres Gerät plagt sich mit Eisen und Beton, Funken sprühen, es lärmt und stinkt metallisch, verbrannt. Nikolaus Krause steht hier in legerem Hemd und praktischer Hose. Niemand kann erkennen, dass er Pfarrer ist. Niemand weiß, dass er eigentlich auf diese Bühne gehört, auch wenn er die Stadt vor Jahren verließ. Krause horcht, was die Menschen reden, die hier ebenfalls stehen und schauen. Soll er sich einmischen? Der Wind weht Betonstaub in seinen weißen Bart. Was hat er zu erzählen? Diese Frage stellt Krause sich sonst nie. In seiner Tasche steckt die Rückfahrkarte nach Dresden. Er geht zum Bahnhof. Was weg ist, ist weg, sagt er sich.
Das Stück, das sie am Augustusplatz im Zentrum Leipzigs geben, handelt vom Zusammenleben der Menschen. Es ist kompliziert. Und etwas fehlt. Der Vorhang, der irgendwann fällt. Die Antwort auf die Frage, ob sich Geschichte, die verloren ging, einfach wiederherstellen lässt.
Der Tag, an dem Nikolaus Krause zurückkehrte, liegt erst ein paar Wochen zurück. Die Geschichte der Aufführung aber begann Mitte des 13. Jahrhunderts. Ein Dominikanerorden weihte seine Kirche St. Pauli, einen schlichten Bau im Stil der Bettelordenarchitektur. Unweit gründete sich 1409 die Leipziger Universität. Die bekam, als sich zur Reformationszeit der Dominikanerkonvent auflöste, die Klostergebäude. Aus St. Pauli wurde 1545 die evangelische Universitätskirche. Ein neuer Geist zog ein. Martin Luther reiste an, predigte. Ein Predigerkolleg gründete sich, akademische Gottesdienste wurden eingeführt. Wissenschaft und Kunst erweiterten das Gedankenuniversum. Im 18. Jahrhundert spielte Johann Sebastian Bach die Orgel. 1847 lag Felix Mendelssohn Bartholdy dort aufgebahrt. 1907 wurde der Komponist Max Reger Universitätsmusikdirektor.
Als die Royal Air Force im Dezember 1943 auf Leipzig zuflog, stand St. Pauli nach Umbauten mit neogotischer Fassade da. Die Stadt verdunkelte sich. Nach dem schweren Luftangriff lag Leipzig in Trümmern. Inmitten von Asche und Rauch stand, fast unversehrt, die Kirche.
Was der Krieg nicht schaffte, besorgte die DDR, und niemand weiß das besser als Nikolaus Krause. Krause ist einer, der in sich zu ruhen scheint, er eifert nicht. Er hat eine Haltung, das ist alles. Krause ist Seelsorger am Dresdner Universitätsklinikum, er hat dort ein Zentrum aufgebaut. Er besucht Kranke, spricht mit Ärzten, Schwestern, Angehörigen. Immer geht es um Leben und Tod, um Möglichkeiten und Grenzen der Medizin. 2004 hat Krause für seine Arbeit das Bundesverdienstkreuz bekommen. Was aus ihm geworden ist, hat auch in der Universitätskirche begonnen.
Als der Pfarrerssohn Nikolaus Krause in den 60er Jahren aus Meißen bei Dresden zum Theologiestudium nach Leipzig kam, war die Universität eine sozialistische. Wie der Platz, an dem sie stand, trug sie den Namen Karl Marx. Die Universitätskirchengemeinde war wieder aufgeblüht. Wie eh und je galt dort das freie Wort, egal, ob es um den Vietnamkrieg ging, den Sozialismus in der DDR, den Prager Frühling. In Gottesdiensten redeten Bischöfe, Pfarrer und Universitätsprediger von der Kanzel herab gegen die starre Denkungsart der SED an. Die Gottesdienste in St. Pauli waren überfüllt. Sie waren gesellschaftliche Ereignisse.
„Das Ding muss weg“, sagte der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht Anfang der 60er Jahre. In den Bauplänen für eine neue Leipziger Universität fehlte die Kirche. Die Uni protestierte, Denkmalpfleger, Künstler, Geistliche begehrten auf. Krause, damals 23, organisierte den Widerstand der Theologiestudenten. Eine Mischung aus Ungehorsam, jugendlichem Enthusiasmus und tiefem Glauben trieb ihn an. Er schrieb dem Chefarchitekten, sammelte Unterschriften, plante Sitzstreiks, scharte in der Mensa Kommilitonen um sich, um gemeinsam vor die Kirche zu ziehen. Am 23. Mai 1968 beschlossen die Leipziger Stadtverordneten die Sprengung von St. Pauli. Die Leipziger machten keine Probleme. Sie standen auf dem Augustusplatz, schauten, legten Blumen ab. Die Kirche wurde geräumt, der Paulusaltar, die barocke Kanzel wurden weggetragen, Grüfte geleert.
Am Vormittag des 30. Mai 1968 bezog Ulrich Stötzner Stellung am Augustusplatz. Er war Geophysiker, 31 Jahre alt, er arbeitete in einem Unternehmen, das Sprengungen überwachte. Stötzner war ein kleiner Mann mit großem Respekt vor Gewalten. Er hatte die Kamera dabei, mit der er sonst die Familie filmte. Heimlich richtete er sie vom Arbeitsplatz im Messwagen aus auf die Universitätskirche. Nach einem dumpfen Knall sackte sie, die den Dreißigjährigen Krieg, den Siebenjährigen Krieg und zwei Weltkriege überstanden hatte, zusammen. Auch Stötzner hatte nicht protestiert. Sein Mut reichte aus, das Ereignis festzuhalten.
Wenn er daheim auf der Leinwand die gewaltige Staubwolke sah, verspürte er einen heftigen Schmerz. Er fuhr in den Südosten der Stadt, wo die Kirchenreste lagen, überwand Absperrungen, stahl sich am Posten vorbei, schleppte Reste der Kirche weg, die er zu Hause lagerte.
Nikolaus Krause hatte noch seine Examenspredigt in der Universitätskirche gehalten. Als sie gesprengt war, verließ er frustriert die Stadt. Im September verhaftete und verurteilte man ihn wegen Staatsverleumdung zu 22 Monaten Gefängnis. In Leipzig baute man die neue Universität. An die Fassade montierte man ein 33 Tonnen schweres Bronzerelief mit dem Antlitz von Karl Marx. Genau dort, wo einst die Kirche gestanden hatte. Es war der neue Altar einer neuen Geschichte.
1989 ging sie zu Ende. Ein Studienfreund fragte Nikolaus Krause am Telefon, ob er sich für den Wiederaufbau starkmachen wollte. Krause überlegte. Er war Gemeindepfarrer bei Dresden, stellvertretender Landesjugendpfarrer. Er kümmerte sich um junge Menschen, stand ihnen bei, wenn sie wegen ihrer unabhängigen Geisteshaltung in Bedrängnis gerieten. Er hatte die Universitätskirche mit sich genommen. Sie lebte in ihm. Er lehnte ab und legte den Hörer auf.
Ulrich Stötzner kann das nicht, den Lauf der Dinge akzeptieren. Es gibt etwas gutzumachen. Im Erdgeschoss an einer schmalen Straße in Leipzigs Stadtmitte sitzt der Paulinerverein. Hier lagern Pressemeldungen und Post, Archivmaterial, Bilder, Modelle und Fotografien von der Universitätskirche. Das Büro hat riesige Schaufenster. Stötzner hat die Trümmer reingelegt, die er vor 40 Jahren vom Schuttberg in Probstheida holte. Er kann sie nun doch gebrauchen, er ist der Vorsitzende des Paulinervereins. Was ihm fehlt, ist ein gutes Ende.
Anfang der 90er Jahre ergaben Umfragen, dass die Leipziger die Universitätskirche wiederhaben wollen. Der Paulinerverein wurde gegründet. Viele Mitglieder haben die Sprengung erlebt. Sie sagen, das Unrecht müsse wiedergutgemacht werden. Sie haben Geld für die Kirche gesammelt, aber niemand will es. Sie sind rund 300 Leute. „Wir haben nichts zu sagen“, sagt Stötzner. „Wir sind nur das Volk.“ Aber das stimmt nicht ganz. Nicht mehr.
Das Volk will gar keine Kirche mehr, das haben alle jüngeren Umfragen ergeben. Vielleicht sind die Leipziger genervt von der sächsischen Staatsregierung, die mal für einen Wiederaufbau war, aber nicht gewillt ist, einen Ort von besonderer historischer Bedeutung auch besonders zu behandeln. Vielleicht kapitulieren sie vor den Politikern im Rathaus, die die Uni nicht verprellen wollen und es nicht wagen, der Stadt die Kirche zu verordnen. Vielleicht haben sie nachgedacht und sind darauf gekommen, dass sie gar nichts mit einer Kirche anzufangen wissen. So wie die Universität.
Nächstes Jahr wird sie 600 Jahre alt. Zum Geburtstag bekommt sie in der Innenstadt einen neuen Campus. Zwei Architekten bauen seit 2002 daran. Anstelle des Gotteshauses planten sie am Augustusplatz eine Aula, dagegen protestierten Paulinerverein, Kirchenleute, Musiker, Politiker. Die Theologische Fakultät murrte. Doch die Universität will selbst entscheiden. Der Rektor spricht von Lehrzwecken und Raumbedarf, von einer Lehranstalt des 21. Jahrhunderts. 30 000 Studenten stehen hinter ihm. Christin Melcher, deren Sprecherin, sagt: „Hier geht’s ums Studieren.“ Die Philosophiestudentin sitzt als Studentenvertreterin in der Baukommission. Nach Berechnungen wird der Campusneubau sehr viel Energie schlucken, wenn er in Betrieb ist. Melcher will, dass die Uni das noch verhindert. Streitet darum, welche Glühlampen eingeschraubt werden. Sie fragt: „Warum erregt sich die Öffentlichkeit nicht wegen dieser Energieverschwendung?“ Sie ist dicht dran an den aktuellen Problemen und weit weg von der Kirche.
2004 einigen sich Universität, Stadt und Freistaat darauf, die Aula durch ein Aula-Kirchen-Gebäude ersetzen zu lassen, das Außenmaße und Silhouette der Universitätskirche hat und ihr im Innern sehr ähnelt. Es ist ein Kompromiss.
Doch für viele im Paulinerverein kommt kein Kompromiss infrage. Der kleine Haufen verzankt sich. Medizin-Nobelpreisträger Professor Günter Blobel, der zwei Jahre lang Vorsitzender war, dem Verein zu einem beachtlichen Image und 60 000 Euro verholfen hat, geht. Ulrich Stötzner folgt auf ihn. Er wird bald 70, will endlich ein gutes Ende für den Augustusplatz, er versucht zu schlichten. Da spricht ein paar Straßen weiter die Universität ein Machtwort. Sie lässt den Entwurf für den Innenraum noch mal verändern. Säulen verschwinden, weder der alte Altar noch die Kanzel sind vorgesehen. Eine Glaswand soll den Kirchenraum von der Aula trennen.
Mit 70 ist man nicht zu alt, sich noch für die Kirche zu regen, bei deren Vernichtung man reglos zusah. Also kämpft Stötzner. Er fordert, das gerettete Inventar an den Augustusplatz zu holen, den Altar aufzustellen, die Kanzel zu restaurieren. Die Glaswand soll weg!, sagt er. Und er zieht den Trumpf, der bei solchen Anlässen gern ausgespielt wird: Prominenz. Neben anderen unterschreiben die Pfarrer Friedrich Schorlemmer und Christian Führer, der Schriftsteller Erich Loest, der Trompeter Ludwig Güttler und Udo Reiter, der Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, Stötzners Protestpapier.
Georg Christoph Biller setzt sich sogar mit Stötzner in die Pressekonferenz. Der große Mann mit dem lockigen Haar ist Thomaskantor, Leiter des berühmten Thomanerchors. Wann immer die Stadt sich auf ihre Tradition beruft, nennt sie seinen Namen in einem Atemzug mit Johann Sebastian Bach. 1968 war Biller 13 Jahre alt. Er sah die Universitätskirche fallen – in der Thomaskirche, wo er mit seinem Chor singt, steht deren Altar. Die Universität kann ihn nicht gebrauchen.
Seit Tagen ist das Telefon in Stötzners Büro kaputt. Es kommt keine Verbindung zwischen Paulinerverein und Außenwelt zustande. Ausgerechnet vorm 40. Jahrestag der Sprengung. Am Freitagmorgen werden in Leipzig alle Glocken läuten. In der Nikolaikirche wird es einen Gottesdienst geben. 2000 Einladungen haben sie verschickt, um elf werden sie am Bauzaun stehen, Reden halten, Musik machen. Stötzner wird mit den Augen auf der Baustelle sein. Seiner Stadt war nicht vergönnt, was den Dresdnern mit der Frauenkirche widerfuhr. Ist das ein Zeichen? Bedeutet es, dass die Universitätskirche nur noch als Andeutung zu Leipzig gehört? Grübelnd wird Stötzner die Stelle suchen, wo die Glaswand hin soll. Er sagt: „Sie kann vor der Geschichte nicht stehen bleiben.“ Es klingt, als fühle er sich mieser als 1968 im Messwagen.
Nikolaus Krause hat sich den Termin freigehalten. Aber er wird nicht predigen. Er will nicht Teil einer Erinnerungsveranstaltung sein. Zum Erinnern empfiehlt er den Schuttberg als Museum. „Man sollte dort erfahren, dass Leipzig vor 40 Jahren keine Heldenstadt war.“ Die Kirchensilhouette im Universitätsneubau gefällt ihm. „Zur Geschichte der Universität gehört auch, dass es die Kirche nicht mehr gibt“, sagt er.
Quelle: http://jungefreiheit.de/Single-News-Display.268+M5e869d78df2.0.html
© JUNGE FREIHEIT - Dienstag, 27.05.2008
Kultur
Vor vierzig Jahren wurde die Paulinerkirche in Leipzig zerstört.
Wenn wir in höchsten Nöten sein
Von Thorsten Hinz
Über 700 Jahre lang hatte die Leipziger Paulinerkirche der Zeit getrotzt, hatte vieles kommen und gehen sehen und selber zahlreiche Metamorphosen durchgemacht: 1240 als Klosterkirche des Dominikanerordens geweiht und später zur dreischiffigen, spätgotischen Hallenkirche umgebaut, wurde sie im Zuge der Reformation säkularisiert und vier Jahre später vom sächsischen Herzog der Universität übergeben.
Luther predigte darin, die neue Orgel wurde 1717 von Johann Sebastian Bach persönlich geprüft und für gut befunden, die Trauerfeier für Felix Mendelssohn Bartholdy fand hier statt, und Max Reger amtierte als Universitätsmusikdirektor. Sie war die Begräbnisstätte berühmter Bürger und erlebte als Universitätskirche viele Rektoratswechsel, Promotionen, Disputationen. Noch 1950 wurde der Dichter und Universitätsprofessor Christian Fürchtegott Gellert, ein Lehrer Goethes, aus der zerstörten Johannis-Kirche hierher umgebettet.
Auch der mörderische Luftangriff vom 4. Dezember 1943 konnte ihr nichts anhaben. Fast 700 Tonnen Spreng- und Brandbomben waren damals auf Leipzig niedergeregnet, hatten 1.800 Menschen getötet, Furchen der Verwüstung durch die Innenstadt gezogen und das Verlagsviertel samt 50 Millionen Büchern verbrannt. Auch die Universität wurde schwer getroffen, während die benachbarte Paulinerkirche fast unversehrt blieb.
Die beiden letzten Gottesdienste wurden von der Stasi überwacht
Nach einem ähnlich furchtbaren Luftangriff auf Berlin, der ausgerechnet die Reichskanzlei und das Propagandaministerium verschonte, schrieb die Journalistin Ursula von Kardorff in ihr Tagebuch: Als hielte der Teufel selber seine schützende Hand darüber! Wenn das zutraf, dann muß das Überleben der Paulinerkirche ein Zeichen des Himmels gewesen sein, daß die Bombardements noch nicht der Abend aller Tage waren. Die inneren Verwüstungen jedoch, die Krieg, Niederlage, Fremdbestimmung und zwei Diktaturen hinterließen, waren noch verheerender als die äußeren und sollten 25 Jahre später auch die Paulinerkirche ereilen.
Die Wiederaufbaupläne für Leipzig, die seit Ende der fünfziger Jahre auf dem Tisch lagen, sahen zunächst eine Versetzung der Kirche vor, doch bald ging es um ihre Beseitigung. Am 7. Mai 1968 faßte das SED-Politbüro den endgültigen Beschluß, der am 23. Mai von der Leipziger Stadtverordnetenversammlung formal bestätigt wurde. Ein einziger Abgeordneter, ein Pfarrer, stimmte mit Nein. Nach 1989 stellte sich heraus, daß er ein IM und sein Protest mit der Stasi abgesprochen war. Er sollte sein Ansehen und seinen Einfluß innerhalb der Kirche vergrößern.
Am selben Tag fanden, von der Stasi überwacht, die beiden letzten Gottesdienste, ein evangelischer und ein katholischer, statt. Schon seit Wochen war das Areal um die Kirche abgesperrt. Dennoch wurden immer wieder Blumen über den Zaun geworfen. Studenten des Theologischen Seminars, die öffentlich protestierten, wurden polizeilich „zugeführt“, Exmatrikulationen und Freiheitsstrafen verhängt.
Die Hinrichtung dauerte weniger als sieben Sekunden
Die Sprengung erfolgte am 30. Mai 1968 um zehn Uhr. Zwei- oder dreitausend Leipziger standen hinter den Absperrungen, einige schwarz gekleidet. Die Hinrichtung dauerte weniger als sieben Sekunden. 750 Kilogramm Sprengstoff waren in Bohrlöchern an den Außenwänden eingelassen und explodierten in kurzen Zeitintervallen. Die Zündfolge war von der Nordwestecke nach der Ostseite gerichtet, so daß der Ostgiebel zuletzt fiel.
Der Schriftsteller Erich Loest erinnert sich: „Ich sah den sonnenerleuchteten Giebel und das Türmchen, das neigte sich ohne Laut für uns, das Dach sackte ein. Staub stieg auf, erst dann drang das Grollen herüber. Nun drängten die Menschen nach vorn und drückten gegen die Polizisten. Der vor mir nestelte an seiner Pistolentasche. Ein Schuß, und Panik wäre ausgebrochen.“
Ein Trauergeläut war den Stadtkirchen verboten worden, aus Furcht vor Repressionen hielten Leipzigs Pfarrer sich daran. Sie hatten sich in der Thomaskirche versammelt. Als die Universitätskirche in sich zusammensank, stimmten sie das Lied an: „Wenn wir in höchsten Nöten sein“. Es enthält die Bitte an den „treuen Gott / um Rettung aus der Angst und Not“, das Flehen „um Begnadigung / und aller Strafen Linderung“.
Wie kam es zu dem Frevel?
Das Lied läßt offen, ob die Nöte von Gott oder von seinem Widersacher oder von Menschen verhängt wurden, die ihrerseits von Gott abgefallen sind, aber es enthält die Gewißheit, daß jede Strafe auch einmal ein Ende haben müsse. Nur dann kann der Mensch nämlich „gehorsam sein nach (Gottes) Wort“. Die Sprengung von St. Pauli war kein Gottes-, sondern ein Menschenurteil. Wie kam es zu diesem Frevel?
Natürlich handelte es sich um eine sozialistische Kulturbarbarei, aber nicht ausschließlich und um keine zwangsläufige. Sonst blieben die zahlreichen, wiederaufgebauten Kulturdenkmäler, die sich die kleine, arme DDR leistete, unerklärlich. Die SED-Führung war für den Barbaren-Vorwurf keineswegs unempfindlich, westliche Pressemeldungen über die bevorstehende Zerstörung von St. Pauli hatten immer wieder zu Aufschüben geführt. Nach der Ablösung Ulbrichts durch Honecker 1971 wäre die Sprengung wohl unterblieben.
Es brauchte dazu eine unglückliche, zeittypische Gemengelage. Zu ihr gehörte eine brutale Landsknechtsnatur wie der Bezirksparteichchef von Leipzig, Paul Fröhlich, der Gegnern schon mal öffentlich Schläge androhte. Allerdings fand er einen parteiinternen Widerpart im jungen Kulturminister Hans Bentzien, der – wie Fröhlich – einfachsten Verhältnissen entstammte, aber klug und kultiviert war. Bentzien intervenierte mehrmals zugunsten der Kirche. Als er Anfang 1966 aus dem Amt entfernt wurde, verlor sie einen einflußreichen Beschützer.
Im Westen gab es nur noch wenig Aufmerksamkeit
Die Einwohner Leipzigs bildeten durchaus keine geschlossene Ablehnungsfront. Dabei spielte die Erinnerung an den niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 eine Rolle, zudem gab es in der Arbeiterschaft traditionell antikirchliche Affekte, die von der Partei ermuntert wurden. Ein Leserbrief, den das SED-Blatt Leipziger Volkszeitung 1960 abdruckte, verlangte, das „Alte, Morsche, Rückschrittliche“ müsse „dem Neuen weichen“. Eine Denkweise drückte sich hier aus, wie sie auch dem Nationalsozialismus und ganz allgemein der industriellen Moderne zu eigen ist – bis heute.
Das sonst linientreue CDU-Blatt Neue Zeit lancierte im November 1967 ein Interview mit einem führenden sowjetischen Denkmalspfleger, in dem dieser an die DDR appellierte, sie solle sich die Sowjetunion, Polen und die CSSR zum Vorbild nehmen und ihr bauliches Erbe schützen. Das Interview wirkte kontraproduktiv, denn Walter Ulbricht hatte sich zwei Jahre zuvor bei dem Versuch, die DDR mittels Wirtschaftsreformen von Moskau zu emanzipieren, eine schallende Ohrfeige eingefangen. Um nicht als Satrap der Sowjets dazustehen, wollte er wenigstens im Städtebau Eigenständigkeit demonstrieren.
Die Innenstadt Leipzigs sollte von einer modernen, sozialistischen Universität mit einer 140 Meter hohen Hochhausdominante geprägt sein und die Vision von einer DDR manifestieren, in der Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geleitet und gesteuert werden.
Wenig Interesse im Westen
Die Sprengung der Kirche sollte die Abkehr von überlebten Traditionsbeständen symbolisch unterstreichen und – vor dem Hintergrund des „Prager Frühlings“ – ein für allemal die Machtfrage klären. Eine Hybris, die vom akademischen Personal, das inzwischen weitgehend DDR-geprägt war, geteilt wurde, weshalb sich die Universität – von der Theologischen Fakultät abgesehen – hinter die Pläne stellte.
Im Westen schenkte man den Vorgängen in Leipzig nur noch wenig Aufmerksamkeit. Dort blickte man nach Prag, Paris, nach Vietnam und hatte vor der Haustür genug mit den Studentenunruhen zu tun. Die FAZ berichtete am 13. April 1968 sogar ausgesprochen verständnisvoll über die Abriß- und Neubaupläne.
Auf dem freigesprengten Universitäts- und Kirchenareal entstand ein beklemmendes architektonisches Zeugnis des real existierenden Sozialismus. Das Universitätshochhaus erwies sich als ein Alptraum für Studenten und Mitarbeiter: Das Licht darin war fahl, die Luft stets stickig, die schweren Eisentüren, die zum Treppenhaus führten, fielen krachend ins Schloß, auf die Fahrstühle war kein Verlaß. In den Seminar-, Vorlesungs- und Bibliotheksgebäuden sah es nicht besser aus. Sie werden jetzt aufwendig asbestsaniert – soviel Kontinuität muß sein –, das Hochhaus wurde aufgegeben.
Der nihilistische Geist ist noch mächtiger geworden
Der originalgetreue Wiederaufbau der Paulinerkirche, obwohl technisch möglich, hatte nie eine Chance. Dabei wäre sie das schönste deutsche Nationaldenkmal. Die alt-neue Paulinerkirche würde an die Revolution von 1989 erinnern und an die innerdeutsche Solidarität danach (denn natürlich müßte das Geld dafür überwiegend aus dem Westen kommen) und daran, daß die deutsche Geschichte sehr viel tiefer zurückreicht als bis zur Gründung der Bundesrepublik oder bis zur NS-Diktatur. Das irritiert wohl am meisten.
Das Wunder der Dresdner Frauenkirche ist in Leipzig unwiederholbar. In Dresden wurde gemäß der gültigen Geschichtsschreibung die Zerstörung als Strafe akzeptiert, um anschließend den ehemaligen Kriegsgegnern den Wiederaufbau als Versöhnungsgeschenk zu unterbreiten. Gegen diese historisch unstimmige, aber effektive dialektische List fanden die deutschen Vergangenheitsbewältiger kein Mittel, um einzuschreiten und auf der zerstörten Frauenkirche als ewiger Strafe zu bestehen.
Die Paulinerkirche ist von den Deutschen selber zerstört worden. Die Kraft und die Begründung dafür, um diese Hybris zu überwinden, können sie in keiner Schuldmetaphysik, sie müßten sie in sich selber finden. Der nihilistische Geist, der 1968 zur Sprengung führte, ist seitdem aber noch mächtiger geworden und hat sich gesamtdeutsch durchgesetzt.
Die historische und geistige Dimension des Frevels wird verkannt
Am heutigen Freitag werden in Leipzig die Glocken läuten, Gedenkveranstaltungen werden stattfinden und vielleicht sogar eine Demonstration für den Wiederaufbau. Die Funktionäre aus Politik und Wissenschaft, ähnlich unwissend wie die von 1968, werden in ihren Reden die historische und geistige Dimension des begangenen Frevels mit Sicherheit verfehlen.
Am 3. Juni wird Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ehrendoktorwürde der Leipziger Universität erhalten. Bei dieser Gelegenheit wird vielleicht das Lied angestimmt „Wenn wir in höchsten Nöten sein“.
In der fünften Strophe heißt es: „Weil wir jetzt stehn verlassen gar / in großer Trübsal und Gefahr“. Nur die wenigsten werden begreifen, daß es um sie selber geht.
Pressemitteilung
Uraufführung erinnert an Kirchensprengung
Dipl.-Journalist Tobias D. Höhn, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Leipzig
23.05.2008
Mit einem Gedenkkonzert in der Thomaskirche erinnert die Universität Leipzig an den 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai. Eigens für diesen Tag komponierte Volker Bräutigam das fünfteilige Werk "Epitaph", das durch den Universitätschor Leipzig und das Mendelssohnorchester Leipzig an diesem Tag uraufgeführt wird. Die Leitung hat Universitätsmusikdirektor David Timm. Der Eintritt ist frei.
Der Komponist und Kirchenmusiker Volker Bräutigam, geboren am 23. Mai 1939 in Frohnau im Erzgebirge, hat eine tiefe emotionale Beziehung zur Paulinerkirche. Als Assistent des damaligen Universitätsorganisten Robert Köbler war er einer der letzten, die auf der Orgel in der 1968 auf SED-Geheiß gesprengten Paulinerkirche gespielt hatten. Hautnah erlebte er den barbarischen Akt der Zerstörung des Gotteshauses und litt wie viele andere Zeitzeugen darunter. Davon zeugt auch seine Komposition "Epitaph".
Das etwa zwölfminütige Werk für Orchester, Chor und Sprecher gliedert sich in fünf Teile. Es beginnt mit vom Chor vorgetragenen "Paulus Apostolus vas electionis" (zu deutsch: Paulus, Apostel, Werkzeug der Erwählung), einem Text, der auf der Münze des Grundsteins der Paulinerkirche zu lesen war. Im zweiten Teil wird der Schauspieler Andreas Schmidt-Schaller (u.a. bekannt als Hauptkommissar Trautzschke in der ZDF-Serie "SOKO Leipzig") bedeutende Zitate aus der Predigt Martin Luthers zur Weihe der Universitätskirche am 12. August 1545 rezitieren.
Daran schließt sich der wiederum vom Universitätschor vorgetragene Senatsbeschluss von 1968 an sowie eine Erwiderung des Dekans der Theologischen Fakultät. Darin heißt es: "Wir können zum geplanten Abbruch der Universitätskirche nur unmißverständlich Nein sagen." Im vierten Teil werden Worte des Philosophen und damaligen Rektors der Universität Leipzig, Hans Georg Gadamer, rezitiert. Daran schließt sich abschließend der Choral "Komm in unsre stolzte Welt" an, der im Jahr der Sprengung von Hans von Lehndorff verfasst wurde. Die Melodie stammt von Manfred Schlenker (geboren 1926) aus dem Jahr 1982.
Volker Bräutigam war Mitglied des Dresdner Kreuzchores und erhielt von 1957 bis 1962 an der Leipziger Musikhochschule seine Ausbildung in Kirchenmusik und Komposition. Obwohl es nicht den Vorstellungen des DDR-Regimes entsprach, wagte er es, die Musik des französischen Komponisten Olivier Messiaen in der DDR zu spielen und bekannt zu machen. Seit 1980 ist er Dozent an der Musikhochschule in Leipzig und seit 1981 auch an der Hochschule für Kirchenmusik in Halle/Saale. Seit 1993 hat er dort eine Professur inne.
"Mit dieser Auftragskomposition knüpft die Universität Leipzig an eine alte Tradition an", sagt Universitätsmusikdirektor David Timm. In der nahezu 600-jährigen Geschichte der Alma mater Lipsiensis seien immer wieder zu hohen Festtagen Kompositionen in Auftrag gegeben worden. Das jetzige Werk orientiere sich formal an die Gestalt der Leipziger Kantaten des Thomaskantors Johann Sebastian Bach und verdeutliche zugleich einen Bruch.
Des weiteren erklingen Johann Sebastian Bachs Motette "Der Geist hilft unser Schwachheit auf" (BWV 226) sowie Dmitri Schostakowitschs 10. Sinfonie e-Moll op. 93. Auch die Bachsche Motette ist eng mit der Universitätsgeschichte verbunden. Sie wurde am 21. Oktober 1729 zur Gedächtnisfeier des amtierenden Rektors der Thomasschule und Leipziger Universitätsprofessors Johann Heinrich Ernesti uraufgeführt, der nach seinem Tod in der Paulinerkirche bestattet wurde. Gleichzeitig war die Aufführung dieser Motette wahrscheinlich auch das letzte Konzert Bachs in der Universitätskirche, da er von Ende 1729 an nicht mehr offiziell von der Universität zur Verrichtung der Kirchenmusik angestellt war.
Weitere Informationen:
Universitätsmusikdirektor David Timm
Telefon: 0341 97-30190
E-Mail: unichor@uni-leipzig.de
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/unichor - Die Leipziger Universitätsmusik
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29. Mai 2008 (Kulturseite)
© Leipziger Volkszeitung
Pauliner-Gedenkkonzert
„Man hört die Angst in dieser Musik“
Zum 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli findet morgen Abend ein Gedenkkonzert in der Leipziger Thomaskirche statt. Es dirigiert Universitätsmusikdirektor David Timm.
Frage: Das Konzert beginnt mit Bachs Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“. Warum?
David Timm: Zu allererst, weil dies ein Werk ist, das durch Bach selbst in der Universitätskirche uraufgeführt wurde. Möglicherweise war das übrigens sein letzter Auftritt an diesem Ort.
Kann man die Botschaft im Titel mit dem Anlass zusammenbringen?
Durchaus. Wir werden vom Geist Gottes gehalten, getragen und geführt – durch schlimme und gute Zeiten. Das war so, als die Kirche gesprengt wurde, und es ist so, wenn jetzt ein Raum entsteht, der auch Kirche sein wird.
Im Anschluss wird das Werk „Epitaph“ von Volker Bräutigam uraufgeführt. Wie kamen Sie auf die Idee, diesen Auftrag zu vergeben?
Volker Bräutigam hat bis zum Schluss als Assistent des damaligen Universitätsorganisten Robert Köbler in der Paulinerkirche gespielt. Er ist ein Zeuge der Sprengung und einer der anerkanntesten Komponisten der Kirchenmusik Deutschlands.
Schostakowitschs 10., mit der der Abend schließt, hat man als Anti-Stalin-Sinfonie bezeichnet ...
Es findet sich darin unter anderem ein Porträt des Diktators in Form eines Scherzos. Doch mit dem Tod Stalins hat der Stalinismus nicht aufgehört. Der noch von ihm inthronisierte Staats- und Parteichef Ulbricht hat die Sprengung gemeinsam mit dem Leipziger Bezirkssekretär der SED, Paul Fröhlich, zu verantworten. Der Stalinismus wird in dieser Sinfonie als Bonzensystem in seiner schlimmsten Ausprägung beschrieben.
Inwiefern?
Schostakowitsch hatte sein Leben lang Angst davor, dass es nachts klopfen könnte und er verhaftet würde. Und das hört man in der Musik, immerzu! Man sollte die Sinfonie nicht nur als die großartige Musik hören, die sie natürlich ist, sondern versuchen, den Inhalt an sich heranzulassen. Der ist nicht schön, aber wahr.
Am 2. Dezember ’09, zum 600. der Uni Leipzig, soll im neuen Paulinum das erste Konzert stattfinden. Was bedeutet Ihnen das?
Ich freue mich, dass der Universitätschor nach über 40 Jahren wieder einen eigenen Aufführungsort für die Passionen und Oratorien Bachs und andere Werke zurückerhält. Und dass der Wandel der Wende 1989 möglich wurde und die Leute, die die Sprengung befahlen und durchführten, verloren haben.
Interview: Jürgen Kleindienst
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Morgen (20 Uhr): Gedenkkonzert zum 40. Jahrestag der Sprengung der Paulinerkirche in der Thomaskirche mit dem Universitätschor, dem Mendelssohnorchester und Andreas Schmidt-Schaller als Sprecher. Der Eintritt ist frei.
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 24./25. Mai 2008 (LEIPZIG SPEZIAL)
© Leipziger Volkszeitung
Die offene Wunde
Die Paulinerkirche musste fallen, weil sie so populär war – Ein spektakulärer Erinnerungsbau soll nun versöhnen
Von THOMAS MAYER
Den sonnigen 30. Mai des Jahres 1968 kann Leipzig nicht vergessen. Punkt 10 Uhr wurden 700 Kilogramm Dynamit gezündet und ein intaktes und Jahrhunderte altes Gotteshaus in die Luft gesprengt. Bei der von SED-Chef Walter Ulbricht geforderten Umgestaltung des Karl-Marx-Platzes standen ihm Paulinerkirche und auch Augusteum, das Tage später in die Luft flog, im Weg. Der gebürtige Leipziger hatte zu Beginn der 1960-er Jahre auf dem Balkon der gerade errichteten Oper gestanden, als er gegenüber viele Jugendliche aus der Universitätskirche kommen sah. Die jungen Leute hatten einen Gottesdienst mit dem schon zu Lebzeiten legendären Dominikanerprediger Pater Gordian besucht. Bis heute beschwören Zeugen Ulbrichts deftige Wort-Reaktion: „Das Ding muss weg.“
Das „Ding“ gehörte zum besten deutschen Kultur- und Geistesgut. Über 700 Jahre leistete die Paulinerkirche allen Feinden erfolgreich Widerstand. Weder Reformation, Dreißigjähriger Krieg, Völkerschlacht noch zwei Weltkriege hatten ihr etwas anhaben können. Am Ende der heutigen Grimmaischen Straße ließen sich um 1230 Dominikaner nieder. Sie bauten ein Kloster und legten auch den Grundstein für die Paulinerkirche. 1409 wurde die Universität gegründet. Am 12. August 1545 weihte Martin Luther die Universitätskirche. Für die nächsten Jahrhunderte gehörten Kirche und Alma Mater unzertrennlich zusammen. Im Gotteshaus wurden berühmte Geister bestattet. Die Paulinerkirche war ein Zentrum der Musikstadt, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy und viele andere gingen ein und aus. Die Kirche war auch immer offen für den Geist dieser Stadt. Diese Popularität wurde ihr zum Verhängnis – „Das Ding muss weg“.
Auf den Trümmern regte sich der Protest. Der bedeutendste fand in der Kongresshalle statt, als junge Intellektuelle beim Abschlusskonzert des Internationalen Bachwettbewerbes das Plakat „Wir fordern Wiederaufbau“ entrollen ließen. Für den Leipziger Historiker Hartmut Zwahr war das die „spektakulärste, erfolgreichste und wohl bedeutendste Aktion universitären Gruppenwiderstandes 1968 in der DDR, ja vielleicht sogar in der Gesamtzeit des Bestehens der DDR, die Aktion mit dem höchsten öffentlichen Wirkungsgrad, hoch konspirativ und getragen von hohem persönlichen Einsatz“. Zu den Protagonisten gehörte damals der junge Physiker Dietrich Koch. Gerade hat er seine ureigene (Leidens)-Geschichte im Buch „Nicht geständig“ nieder geschrieben.
Erst nach der Friedlichen Revolution konnten die Leipziger wieder davon träumen, dass sie ihre Universitätskirche zurück bekommen. Der originale Wiederaufbau ließ sich nicht realisieren. Stadt und Universität zeigten kein Interesse und auch im politischen Berlin regte sich in den 1990-er Jahren kaum eine Stimme dafür. In Leipzig war eine bürgerschaftliche Bewegung mit immenser Ausstrahlung in die weite Welt, wie sie Dresdens Frauenkirche auferstehen ließ, nicht vermittelbar.
Um so mehr wurde um den Neubau des holländischen Architekten Erick van Egeraat gerungen, den der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee als „großen Wurf“ bezeichnete. Das Bauvorhaben, das Land und Bund über 150 Millionen Euro kostet und das Paulinum – so der Wunschname der Universität – heißen soll, wächst Tag für Tag auf historischem Grund am Augustusplatz in die Höhe. Erste architektonische Details lassen ahnen, wie der Bau aussehen wird. Architekt Egeraat verspricht einen Kompromiss, mit dem alle Seiten leben können. Für den in aller Welt tätigen Baumeister ist die Aufgabe in Leipzig eine sehr Besondere: „Leipzig erhält einen einmalig imposanten Bau. Wer baut sich heute einen so opulenten Raum, den man technisch überhaupt nicht braucht, den man sich kostenmäßig fast nicht leisten kann? Wir bauen ihn, um damit der Verpflichtung, an die gesprengte Universitätskirche zu erinnern, gerecht werden zu können.“
Am 2. Dezember 2009, wenn Leipzigs Alma Mater 600 Jahre alt ist, wird die Weihe sein. Der 30. Mai 1968 wird dennoch ein Tag bleiben, den Leipzig nicht verdrängen kann. Dazu Universitäts-Rektor Franz Häuser: „Die Sprengung ist eine offene Wunde, gerade für diese Universität, weil sie sie nicht verhindert hat. Die Stellung der Paulinerkirche über die Jahrhunderte im Leben dieser Universität ist etwas ganz Unfassbares. Man kann ja atheistisch sein, man kann die Historie leugnen und für Neuanfänge plädieren. Dass man dafür aber Zeitzeugnisse in die Luft jagt, ist von kaum zu überbietender Primitivität. Das macht doch jemand, der entweder intellektuelle Defizite hat oder in diktatorischer Weise seinen Machtanspruch zur Geltung bringen will.“
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Dietrich Koch, „Nicht geständig – Der Plakatprotest im Stasi-Verhör“, Christoph-Hille-Verlag Dresden.
Buchpräsentation: 29. Mai, 19.30 Uhr, Alte Börse.
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Der 30. Mai – der Tag der Erinnerung
Zum Gedenken veranstalten Universität und Stadt um 20 Uhr ein Konzert in der Thomaskirche. Es wird gemeinsam vom Universitätschor und dem Mendelssohnorchester gegeben.
Neben Musik von Bach und Schostakowitsch wird ein besonderes Werk den Raum erfüllen: „Epitaph“, ein Werk für diesen Anlass komponiert, wird uraufgeführt. Sein Schöpfer, der Kirchenmusiker und Komponist Volker Bräutigam, spielte die Orgel der Universitätskirche bis kurz vor der Sprengung. Er war Assistent des Universitätsorganisten Robert Köbler. In seinem Auftragswerk für Chor, Blechbläser und Orgel wird die Inschrift des Grundsteines der Paulinerkirche verarbeitet, ebenso Zitate aus der Predigt Martin Luthers zur Weihe der Universitätskirche am 12. August 1545 sowie Worte des Philosophen und Rektors der Universität, Hans Georg Gadamer.
Der heutige Rektor der Universität, Franz Häuser, und Oberbürgermeister Burkhard Jung sprechen Grußworte. Weitere Redner sind der Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Wolfgang Tiefensee, und die Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen, Eva-Maria Stange.
Bereits am Vormittag wird an die Sprengung erinnert. 10 Uhr läuten alle Kirchenglocken der Stadt, bevor in der Nikolaikirche ein Universitätsgottesdienst beginnt. Die Predigt hält Landesbischof Jochen Bohl. 11 Uhr lädt der Paulinerverein zur Gedenkveranstaltung auf den Augustusplatz ein, es sprechen unter anderem Friedrich Schorlemmer und Ludwig Güttler. 18 Uhr findet auf den Trümmern der Universitätskirche in der Etzoldschen Sandgrube eine Andacht der Evangelischen und Katholischen Studentengemeinde statt.
tom
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 15. Mai 2008 (Lokales - Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung
Kirchen-Sprengung
Ausstellung, Konzert und Glockengeläut
Am 30. Mai wird es 40 Jahre her sein, dass die Universitätskirche St. Pauli in Leipzig gegen den Protest vieler gesprengt wurde. Das Ereignis wirft seine Schatten voraus. Der Verein Archiv Bürgerbewegung veranstaltet dazu eine Ausstellung, die am Montag um 16 Uhr in der Unteren Wandelhalle des Neuen Rathauses eröffnet wird. Zeitzeugen erzählen dabei ihre Geschichte selbst. Nach Angaben der Initiatoren entsteht ein Stimmungsbild, das sowohl die Erinnerung lebendig macht als auch dem Betrachter die Möglichkeit bietet, seine eigenen Erfahrungen zu reflektieren. Es werden, so heißt es, Momente der Zivilcourage bis hin zum offenen Widerstand verdeutlicht.
Zum Gedenken an die Sprengung veranstalten die Universität und die Stadt am 30. Mai (Beginn: 20 Uhr) ein Konzert in der Thomaskirche. Es wird gemeinsam vom Leipziger Universitätschor und dem Mendelssohnorchester gegeben. Uraufgeführt wird dabei das Werk „Epitaph“, das eigens für diesen Anlass komponiert wurde. Der Schöpfer, Kirchenmusiker und Komponist Volker Bräutigam, spielte die Orgel der Universitätskirche bis kurz vor der Sprengung.
Bereits am Vormittag wird an die Sprengung der Kirche erinnert. Punkt zehn Uhr läuten alle Kirchenglocken in der Stadt, bevor in der Nikolaikirche ein Universitätsgottesdienst beginnt. Die Predigt wird Jochen Bohl halten, Landesbischof der Evangelische-Lutherischen Landeskirche Sachsen. mi
Die Theologische Fakultät lädt für den 29. Mai 2008 - 14 Uhr ein in den Festsaal
des Alten Rathauses zu einem Kolloquium zur Geschichte und den Folgen der
Sprengung der Universitätskirche.
Referenten:
- 14.00 Uhr: Prof. Dr. Klaus Fitschen (Begrüßung und Gesprächsführung)
- 14.15 Uhr: Dr. Christian Winter (Vorgeschichte, Hintergründe)
- 15.00 Uhr: Prof. Dr. Rüdiger Lux (Beseitigung eines ideologischen Störfaktors)
- 15.45 Uhr: Prof. Dr. Helmut Goerlich (Juristisches zum Universitätsgottesdienst)
- 16.15 Uhr: Prof. Dr. Martin Petzoldt (Gottesdienst inmitten der Universität)
- 16.45 Uhr: Diskussion
Beteiligen Sie sich an der Diskussion!
Hinweise:
- historische Zitate
- Zeitschiene zur Schuldfrage
- Abstimmungsverhalten im Leipziger Stadtrat im Jahr 2003
- die Tage vor der Sprengung Berichte eines Augenzeugen
- Historische Schuld der Universität Leipzig in den 60er Jahren
- Warum stellt man sich nicht der Geschichte?
- Zeitschiene zur Aufhellung der Schuldfrage der Akteure der Kirchensprengung
- Agenten bevorzugten Universität Leipzig als Tauchstation
- "Nicht 21. Jahrhundert, sondern Nationalsozialismus"
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