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Kein Weg zurück zur Universitätskirche?
Einheitsdenkmal in Leipzig
Pro Universitätskirche e. V. fordert: Nachdenken über eine neue Roßbachfassade
Neue Publikation - Dietrich Koch: "Nicht geständig – Der Plakatprotest im Stasi-Verhör"

    Pin Die Rolle der Glaswand
    Bemerkungen zur Sonderveröffentlichung der Universität vom 18.10.2008
    [Autor: PD Dr.rer.nat.habil. Eckhard Koch]

Presseerklärung zur Gründung des gemeinnützigen Vereins "Pro Universitätskirche e. V."

Ende des Jahres 2006 hat sich in Leipzig der Verein "Pro Universitätskirche" gegründet.

Seine Ziele sind,

  1. an die Kulturbarbarei der Zerstörung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli und des Augusteums, an den Widerstand dagegen und an die Opfer zu erinnern;
  2. den auf Betreiben der Universität und auf Geheiß der SED begangenen Willkürakt wiedergutzumachen;
  3. die Universitätskirche sowohl im Innern als auch im äußeren wieder sichtbar in Erscheinung treten zu lassen, insbesondere die Roßbachsche Fassade wiederzuerrichten;
  4. die Rückführung der geretteten Kunstschätze, insbesondere derjenigen von besonderer Bedeutung für die Universitätskirche und die Universitätsgeschichte, wie der Kanzel und des Paulineraltars;
  5. die Restaurierung und Pflege der geretteten Kunstschätze;
  6. die Universitätskirche Leipzig als eine nationale Gedenkstätte für den Widerstand gegen Verbrechen und Unrecht des SED-Staates DDR im Bewußtsein der bundesdeutschen öffentlichkeit verankern zu helfen;
  7. eine vielfältige Nutzung der Universitätskirche nicht nur für repräsentative Aufgaben der Universität, sondern auch für kirchliche, musikalische und kulturelle Zwecke zu fördern.

Grundsätzlich nicht mitgliedschaftsberechtigt sind ehemalige Mitarbeiter des MfS beziehungsweise seiner Nachfolgeeinrichtungen. Dazu legt jedes Mitglied eine Bescheinigung der BSTU vor.

Zum Vorsitzenden des Vereins wurde Dietrich Koch gewählt, zu seinen Stellvertretern Sonja Heß und Eckhard Koch. Dietrich Koch und Eckhard Koch haben am Plakatprotest von 1968 mit der ersten Forderung nach Wiederaufbau mitgewirkt. Dietrich Koch wurde deshalb in einem Unrechtsverfahren verurteilt und nach dem Ende des SED-Staates von bundesdeutschen Gerichten rehabilitiert.

Der Verein besitzt die Gemeinnützigkeit.

Leipzig, den 24. Mai 2007


Pro Universitätskirche e. V.

Presseerklärung

Leipzig, den 15. Mai 2008

Pro Universitätskirche e. V. schließt sich der Erklärung
"Für die Universitätskirche St. Pauli" von Georg Christop Biller, Herbert Blomstedt, Christian Führer, Ludwig Güttler, Reiner Kunze, Erich Loest, Udo Reiter, Friedrich Schorlemmer, Arnd Schultheiß und Arnold Vaatz vom 13. Mai 2008 an und ergänzt diese:

    Die Universitätskirche nach van Egeraat soll sowohl im Inneren als auch im Äußeren an den Widerstand gegen ihre Sprengung 1968 und an die Opfer erinnern. Vor ihr sollte die Roßbachsche Fassade als Leipziger Denkmal für Freiheit und Einheit wiedererrichtet werden.

Informieren Sie sich.

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Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig: Die Roßbachsche Fassade gehört einfach dazu


Pro Universitätskirche e. V.

Presseerklärung

29. Februar 2008

Marxismus-Leninismus-Relief contra Roßbachfassade

Das sog. "Marx-Relief" wird für 300.000 Euro wieder aufgestellt, damit man sich "aktiv mit ihm auseinandersetzen" kann, wie die Befürworter sagen.
Zunächst einmal ist es kein Relief für den Philosophen Karl Marx, sondern eine propagandistische Verherrlichung des Marxismus-Leninismus durch die SED. Auch fällt auf, daß der kahlköpfige Marx zugleich Lenin ähnelt. Manche sahen noch einen Friedrich-Engels-Kopf dabei und sprachen von "heiliger Dreifaltigkeit".
Sich mit dem Marxismus-Leninismus auseinanderzusetzen, verlangt daran zu erinnern, daß in seinem Namen Millionen von Menschen umgebracht wurden und daß in seinem Namen ein aggressiver Kampf gegen das Christentum geführt wurde. Dieses "marxistisch-leninistische Siegesmal" wurde anstelle der Ostfassade der gesprengten Universitätskirche angebracht.
Mit der Friedlichen Revolution ging diese marxistisch-leninistische Gesellschaftsordnung unter. Um diesem Sieg eine sichtbare Gestalt zu geben, muß die 1968 gesprengte Ostfassade der Paulinerkirche wiedererrichtet werden. Dies folgt auch, wenn man die Rede, daß man etwas sehen muß, um sich damit auseinandersetzen zu können, ernst nimmt.
Die geniale Roßbachsche Fassade wurde 1897 auf Anregung von Hugo Licht durch Arwed Roßbach geschaffen. Mit ihr und dem Augusteum gelangte Roßbach zu Weltruhm; er wurde Ehrendoktor der Leipziger Universität. Der Wiederaufbau der Roßbachfassade vor dem Nachfolgerbau van Egeraats ist das Leipziger Denkmal für Freiheit und Einheit.

Pro Universitätskirche e. V.
Dr. Dietrich Koch, Vorsitzender
Dr. Sonja Heß, Dr. Eckhard Koch, stellvertretende Vorsitzende

Foto und Collage: Verein Pro Universitätskirche e. V.

Pro Universitätskirche e. V.

22. Februar 2008

Presseerklärung
Wohin mit dem Marx-Relief?

Das Marx-Relief ist kein neutrales Denkmal für einen Philosophen, sondern eine propagandistische Verherrlichung des Marxismus-Leninismus für den DDR-Sozialismus, also ein Marxismus-Relief. Dieses Gesellschaftsmodell ist 1989 untergegangen. Karl-Marx-Platz und Karl-Marx-Universität verloren zu Recht ihre Namen. Nur das Marxismus-Relief ist noch übrig. Es stand anstelle des Paulineraltars der verbrecherisch gesprengten Universtätskirche. Es nun auf deren Grabhügel in Probstheida aufzustellen, hieße, es zu deren Grabstein zu erklären. Das ist ausgeschlossen. Sollten etwa künftige Erinnerungs-Gottesdienste vor diesem Marxismus-Relief stattfinden?

Zentrum der Erinnerung für den Widerstand gegen die Kirchensprengung muß der Nachfolgerbau auf dem Augustusplatz sein. Die Wiedererrichtung der Roßbachfassade vor diesem wäre eine geeignete Erinnerung und zugleich ein Denkmal für die Friedliche Revolution in Leipzig.

Und wohin mit der Relief? Vielleicht auf die agra zu den Wandstelen über Karl Liebknecht und die Novemberrevolution von 1918.

Pro Universitätskirche e. V.
Dr. Dietrich Koch, Vorsitzender
Dr. Sonja Heß, Dr. Eckhard Koch, stellvertretende Vorsitzende


Denkmal für Freiheit und Einheit in Leipzig

12. November 2007

Presseerklärung

Pro Universitätskirche e. V., Leipzig, ist Mitglied der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG).

Die UOKG hat in der Mitgliederversammlung am 11. November 2007 in Berlin unter dem Titel „Belebung einer Gedenkkultur, die den Kampf und selbstlosen Einsatz überzeugter Demokraten für ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen würdigt“, den Einsatz für das Denkmal Deutsche Einheit in Berlin sowie für die Wiedererrichtung der Fassade der Universitätskirche St. Pauli als Denkmal für Freiheit und Einheit in Leipzig beschlossen. Die Fassade wurde 1897 von Arwed Roßbach geschaffen und mit der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 1968 in einem barbarischen Gewaltakt durch die SED-Diktatur gesprengt. Der Widerstand Leipziger Bürger mußte damals noch erfolglos bleiben. Erst die friedliche Revolution von 1989 eröffnete die Möglichkeit einer Wiedererrichtung. Am 9. Oktober 1989 sammelten sich auf dem Karl-Marx-Platz vor der ehemaligen Universitätskirche die Menschen zur großen Demonstration auf dem Ring. Der nun beschlossene Bau nach dem Entwurf van Egeraats enthält eine Fassade in Größe und Form der gesprengten Roßbachfassade. Diese soll davor wiedererrichtet werden als ein Denkmal für Freiheit und Einheit in Leipzig.

Dr. Dietrich Koch, Vorsitzender
Dr. Sonja Heß, Dr. Eckhard Koch, stellvertretende Vorsitzende


Brüche der Geschichte sichtbar machen

Ensemblebildung am Augustusplatz

Gegen den Wiederaufbau der Universitätskirche sind Gründe geltend gemacht worden, die teilweise auch gegen unseren Vorschlag erhoben werden könnten, die Roßbach-Fassade zu rekonstruieren: Mangel an einheitlicher Ensemblebildung und Unvereinbarkeit von alter und neuer Architektur.
Stilistisch einheitliche Ensembles, große Anlagen ”aus einem Guss”, dürften ein eher absolutistisches Ideal sein, einst angestrebt für fürstliche Residenzen, im nationalsozialistischen Repräsentationspathos und für sozialistische Aufmarschplätze. Der zivilgesellschaftlichen Bürgerstadt entspricht eher eine individuelle Vielfalt aufeinander bezogener Einzelbauten – im Idealfall ästhetisch gelungen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete der Augustusplatz ein stilistisch weitgehend einheitliches Ensemble mit den historistischen Bauten Bildermuseum, Augusteum, neogotische Kirchenfassade, Café Felsche von 1835 und Neuem Theater. Kroch-Hochhaus und Europa-Hochhaus zerstörten dieses Ensemble nicht. Mit dem Abriss des kriegsbeschädigten Bildermuseums begann der Weg in »die disparate Architektur dieses bedeutenden Platzes«.i Das Opernhaus von Kunz Nierade fügte sich noch gelungen ein. Der Abriss von Augusteum und Universitätskirche zerstörte ihn. Das Universitätshochhaus ist ein kolossaler Fremdkörper. Das Hauptgebäude der Universität, das den Charme sozialistischer Plattenbauten besitzt, kann nur als architektonisch jämmerlich bezeichnet werden. Das Gewandhaus ist ein interessanter gewichtiger Solitär, der ästhetisch unverträglich mit dem gegenüberliegenden Opernhaus ist, mit seiner Dominanz dem Platz den Charakter der Geschlossenheit nimmt und besser allein in einer Parkumgebung stünde. Der schwarze Würfel des MDR ist ein weiterer Fremdkörper.
Der Bau van Egeraats ist einerseits durch die polygonen Elemente formal auf das Gewandhaus bezogen, steht andererseits als Solitär in starker Konkurrenz zu diesem. Ob mit dem Universitätsneubau diese Diskrepanzen tatsächlich »wie mit einer Klammer verbunden« werden können, ist offen.

Van Egeraats Bau wird, so viel steht fest, Nachfolger für die durchaus stilistisch unterschiedlichen Augusteum, Universitätskirche und Café Felsche. Gebaut wird auf zwei Dritteln des Grundrisses des Augusteums, wobei der ehemalige zentrale Mittelteil, nunmehr das südliche Ende, oben in einem Dreieck endet, das eine schwache Erinnerung an das wunderbare Tympanon des Augusteums mit der Allegorie der Gerechtigkeit darstellt. Der Café-Felsche-Nachfolger ist stilistisch an den Augusteum-Nachfolger angeglichen, durch einen Fußweg aber wie früher von der Universitätskirche getrennt. Diese ist durch die maßstabsgerechten Umrisse der Giebelfassade als ehemals getrenntes Gebäude allerdings nur für Kenner der Baugeschichte erkennbar. Die drei Bauteile werden durch die Dachgestaltung zusammenführend überwölbt.
Gemeinsam ist van Egeraats Entwurf und unserem Vorschlag die Synthese von alten und neuen Bestandteilen; bei uns ist die Kirche außen originalgetreu rekonstruiert. Man kann den Vorschlag dieser Denkschrift nun entweder so sehen, dass die frühere Trennung in drei Gebäude betont wird oder als Hinzufügung eines stilistisch kontrastierenden mittleren Fassadenteils. Während die stilistische Einheitlichkeit einer Ensemblebildung durch objektivierbare Kriterien beurteilt werden kann, ist die Frage, ob der Zusatz der Roßbachschen Fassade zu einem auch ästhetisch befriedigenden Ergebnis führt, stärker subjektivem Urteil offen.

Was wollen die Wiederaufbaufreunde

Man stelle sich vor, die Universitätskirche sei originalgetreu wiedererrichtet oder gar nicht gesprengt worden, und nun werde nach van Egeraats Entwurf dazu gebaut: rechts und links davon und die überbauung des Dachbereichs. Dann wird deutlich, dass unser Vorschlag nicht allein das Problem einer vorgesetzten Fassade behandelt, sondern die Frage meint, ob sich die Universitätskirche in die moderne Bauumgebung einfügt. Ein Argument der Gegner des Wiederaufbaus war ja, dass sich mit der Kirche keine ästhetisch befriedigende Ensemblebildung verwirklichen lasse.
Diese Frage verdeutlicht auch ein Desiderat mancher Wiederaufbaufreunde. Wir haben uns an den historischen Bildern mit der Universitätskirche erfreut, entweder am Zustand vor der Sprengung oder sogar noch mit dem Gebäude von Café Felsche, das im Krieg zerstört wurde. Aber dieser Status ist nicht mehr erreichbar. Das Augusteum kann schon deshalb nicht wiedererrichtet werden, weil durch das Universitätshochhaus, das neue Gewandhaus und den Würfel des MDR der Platz fehlt, um seinen südlichen Flügel zu integrieren. Und welche Art Nachfolger des Café Felsche zur Universitätskirche passen würde, ist von den Wiederaufbaufreunden nur ungenügend erörtert worden. Ein Problem ist, dass die Bauherren aus Nutzungsgründen höhere Gebäude als die historische Bebauung verlangen, zwischen denen die Universitätskirche dann als zu niedrig eingeklemmt erschiene.
Im Wettbewerb hat nur Hans Kollhoff einen Entwurf mit Universitätskirche eingereicht (Abb. 69-70). Sein nördlicher Turm, der eine mittlere Höhe zwischen Kroch- und Henselmann-Hochhaus erhalten sollte, löste das Problem zwar teilweise. Die Kirche erschien im Vergleich dazu weniger gedrückt als sie durch ein sie um nur etwa zwei Stockwerke übersteigendes Gebäude wirken würde. Aber schon dieser Turm gefiel manchem Paulinerkirchenfreund so wenig, dass er Kollhoffs Lösung insgesamt nicht akzeptieren mochte.
Günter Blobel wollte für Entwürfe rechts und links der originalgetreu wiederaufgebauten Universitätskirche den amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei gewinnen; Pei ist erstklassiger Fachmann für moderne Zubauten in historischer Bauumgebung, ausgewiesen etwa durch seine Zusätze zum Berliner Zeughaus. Aber Universität und Stadt Leipzig zeigten dieser Initiative Blobels die kalte Schulter.
Nun kann es nicht Aufgabe der Wiederaufbaufreunde sein, Entwürfe für die Bauten rechts und links der Universitätskirche zu erarbeiten. Aber dem Problem, welche Art Gebäude dafür überhaupt infrage kommen, sollten sie sich stellen. Es entsteht der Eindruck, dass so mancher dem Ideal einer einheitlichen Ensemblebildung nachtrauert, wie es durch die inzwischen entstandenen Bauten ohnehin unmöglich ist. Deshalb erscheint es als willkürlich, angesichts des stilistisch stark inhomogenen Augustusplatzes nun ausgerechnet für die Nachfolger von Augusteum, Paulinerkirche und Café Felsche Homogenität zu verlangen. Vielmehr müssen wir uns daran orientieren, dass immer wieder historische Gebäude durch moderne Bauten ergänzt, ja geradezu mit solchen konfrontiert werden.

Historische und moderne Bauten oder Bauteile

Umbauten und Erweiterungen mit anderen Stilen hat es seit Jahrhunderten gegeben. Man denke nur an Romanik plus Gotik oder barocke Zutaten zu gotischen Bauwerken. Immer wieder sind ältere Fassadenteile eingefügt worden. Vielleicht haben wir uns an solche Collagen nur gewöhnt, weil ihre Bestandteile insgesamt inzwischen alt sind. Auch in Leipzig gibt es dafür zahlreiche Beispiele, so das romanische Portal der Vorgängerkirche in der klassizistischen Hoffnungskirche von 1846 in Leipzig-Knauthain – immerhin ein halbes Jahrtausend voneinander entfernt.iv Im Zentrum wechseln moderne Bauten mit älteren ein Dutzend Mal. Ob , in der Grimmaischen Straße, der Ritterstraße, der Nikolaistraße, am Brühl oder am Dittrichring – das Nebeneinander von modernen Bauten und stilistisch älteren ist geradezu die Regel. überall sind zahlreiche späthistoristische Bauten durch Auf- oder Anbauten der letzten Jahre erweitert. Beispielsweise fügt Peter Kulkas Galerie für Zeitgenössische Kunst an eine Villa im italienischen Stil einen konsequent modernen, kubischen Baukörper an.v
Für die Zusammenfügung moderner und vor dem 20. Jahrhundert gebauter Architektur stehen in Dresden der klassizistische Mittelteil des Hotels Bellevue mit seinen modernen Anbauten rechts und links. Als gelungen gelten auch die modernen Bauten zur Ruine der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Reichstagsgebäude wird durch die Glaskuppel Norman Fosters überwölbt. Im Saarbrücker Schloss wurde der Mittelrisalit durch eine moderne Glas-Stahl-Konstruktion ersetzt.
Immer waren derartige Hinzufügungen und Erweiterungen von lebhaften bis erbitterten öffentlichen Diskussionen begleitet.

Politisch motivierte Collagen

Diskussionen sind auch für unseren Plus-Roßbach-Fassadenvorschlag zu erwarten. Dies gilt gewiss dann, wenn unsere politischen Ziele – Wiedergutmachung der SED-Kulturbarbarei, Erinnerung an den Widerstand dagegen und dessen Opfer – nicht geteilt werden.Doch auch dafür existieren Vorbilder.
Ein politisch nahe liegendes Beispiel für erinnerungspolitisch begründeten Stilbruch bietet das Denkmal für die Friedliche Revolution auf dem Leipziger Nikolaikirchhof. Andreas Stötzner hat es als klassizistische Säule mit reichem Palmblätterkapitell nach dem Vorbild der Säulen in der Nikolaikirche gestaltet. Es symbolisiert das Hinaustreten aus der Kirche der Montagsgebete auf die Marktplätze im 89er Herbst. Diese Denkmalssäule steht in der stilistisch fremden Umgebung mit gotischer Nikolaikirche, wiederaufgebauter Alter Nikolaischule aus der Renaissance, späthistoristischem Gemeindehaus und weiteren Bauten des 20. Jahrhunderts. Niemand wird behaupten, Klassizismus mit Palmblättern sei ”der” Stil unserer Zeit. Das Denkmal erreicht aber gerade durch diesen stilistischen Bruch einen hohen Aufmerksamkeitswert und verweist auf den revolutionären Umbruch 1989.
Das zwischen 1958 und 1960 von Dieter Knoblauch und Hans Heise erbaute Jüdische Gemeindehaus in Berlin-Charlottenburg ist ebenfalls eine erinnerungspolitisch motivierte Collage. Ursprünglich befand sich hier die Gemeinde-Synagoge, die 1911/12 von Ehrenfried Hessel errichtet worden war. Sie brannte in der gegen die deutschen Juden gerichteten so genannten Reichskristallnacht 1938 aus, ihre noch dazu kriegszerstörten überreste wurden Mitte der 1950er Jahre abgerissen. Das ehemalige Portal und zwei alte Risalite sind in den neuen Stahlskelett-Bau eingefügt.
Besonders kühn wirkt die geplante Erweiterung des Militärhistorischen Museums von 1875 in Dresden durch Daniel Libeskind, der dieses Gebäude unter teilweiser “Zerstörung” von einem großen silberfarbenen Pfeil durchstoßen lässt. Er soll Emotionen mobilisieren: Ein ”V” als Bruch mit dem kaiserlichen Militärpathos, ein ”V”, das sich wie ein stilisierter Jagdbomber in das Gebäude bohrt und so auch an die V-förmige Formation des Bombenangriffs vom 13. Februar 1945 auf Dresden erinnert, ein ”V” schließlich als Hinweis auf die deutsche Teilung.vii Natürlich führte diese Gedenkarchitektur Libeskinds in Dresden zu harten Diskussionen. Inzwischen hat das Bundesverteidigungsministerium zugestimmt. Sollte man annehmen, das Bundesverteidigungsministerium habe mehr Mut zu kühnen architektonischen Collagen als die Leipziger Universität?

Harmonie und Kontrast

Unter ästhetischen Gesichtspunkten wird man für die Vorblendung der Fassade Roßbachs vor van Egeraats Entwurf sowohl Aspekte von Harmonie als auch von Kontrast entdecken können. Eine Collage aus expressiver Moderne und Neogotik dürfte einmalig sein und widerspricht gewiss unseren vertrauten Sehgewohnheiten.
Hier geht es zunächst um die Korrespondenz. Das Spitzbogenfenster im Entwurf van Egeraats als Reminiszenz an die Paulinerkirche kennt ein sehr nahes Vorbild: Schon das expressionistische Nürnberger Wohnhaus von Liersch (1926) hatte als Anklang an die Gotik ein Spitzbogenportal. Die Dachlandschaft van Egeraats mit dem durch mehrfache Stufung mit ähnlichen Dreiecken überhöhten aufsteigenden Giebeldach ließ bei einigen Betrachtern die Assoziation eines Doms aufkommen. Dazu bemerkte die Leipziger Volkszeitung : »Der Wiener Stephansdom habe ihn inspiriert, heißt es. Auch Gehrys Kunsttempel in Bilbao sei im Campus-Entwurf zu erkennen. Sogar die neue Kathedrale des Kollegen Moneo in Los Angeles werfe Schatten.«viii
Die geistige Korrespondenz zwischen dem kathedralartigen Charakter der van Egeraatschen übereinandergetürmten Dreiecksgiebel mit dem formal so verschiedenen himmelwärts strebenden neogotischen Maßwerk Roßbachs ist unverkennbar. Für die einen wäre es vielleicht nur eine ”Kathedrale der Wissenschaft” – aber die vorgeblendete Roßbachsche Fassade würde einen transzendenten Bezug verdeutlichen. Van Egeraats Entwurf ist mit Bachscher Musik verglichen worden. Solche Anmutungen sind recht subjektiv, aber wenn man schon einen Vergleich mit Musik zulassen mag, dann entspräche das Roßbachsche Maßwerk den Auszierungen, die ein langsamer barocker Satz verlangt.

Van Egeraat und Roßbach zusammen - Dokument einer neuen Kultur

Stilistisch stellt die vorgeschlagene Collage einen Bruch dar. Dieser Bruch ist gewünscht. Das steile Dach und der Dachreiter fielen im van Egeraatschen Entwurf der überbauung zum Opfer. Deshalb reicht die Giebelfront allein nicht aus, um die Kirche genügend im Stadtbild sichtbar werden zu lassen. Der Kitschvorwurf könnte erhoben werden, wenn es lediglich darum ginge, einen schönen Schein des Späthistorismus willkürlich vor irgendein Gebäude zu blenden. Aber unser Zitat soll nicht unreflektiert rückwärtsgewandt eine heile Welt vorgaukeln. Roßbachs Fassade vor van Egeraats Bau ist in doppelter Weise – geradezu ironisch – gebrochen: Zum einen die Anverwandlung gotischer Elemente für einen Universitätsbau des 19. Jahrhunderts und zum anderen durch Wiedergutmachung motivierte Rekonstruktion heute. Tatsächlich besteht in der Tiefe eine Einheit zwischen neuer gotischer Halle im Inneren und neugotischer Fassade davor. Außerdem macht die stilistische Spannung zwischen Neogotik und Neoexpressionismus in der Gesamtfassade die beiden historischen Brüche – 1968 mit der Tradition der Leipziger Universität und 1989 mit der SED-Diktatur – sinnlich erlebbar. Es ist der Kontrast, der zur Frage danach zwingt, was hier geschehen ist.
Der Versuch, eine jahrhundertlange geistige Tradition der Universität mit Dynamit abzubrechen, wird mit unserem Vorschlag aufgehoben, aber nicht unsichtbar oder vergessen gemacht, geschweige denn, dass damit der Zustand von 1968 nostalgisch wiederhergestellt werden soll. Rekonstruktion wird als Möglichkeit der Wiedergutmachung begriffen, die durch die Friedliche Revolution geschaffen wurde. 1968 und 1989 - beide Zäsuren werden im Miteinander von Neubau und teilweisem Wiederaufbau sichtbar.
Van Egeraat und Roßbach zusammen: Am Augustusplatz entstünde das authentische Dokument einer neuen Kultur des beginnenden 21. Jahrhunderts. Es wäre eine Kultur, die sich nicht vor dem Sichtbarmachen unrühmlicher Seiten der Vergangenheit drückt, die wiedergutmacht, indem sie unzerstörbare geistige Werte eines Bauwerks materiell wieder aufleben lässt.

Dietrich Koch


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 30. Mai 2007 (Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

Verein will Fassade der Paulinerkirche neu erschaffen

Nachdem sich Leipzigs Paulinerverein weitgehend mit dem neuen Uni-Campus angefreundet hat (die LVZ berichtete), fordert jetzt ein neuer Verein Nachbesserungen: Der Verein „Pro Universitätskirche“ – der erst vor wenigen Tagen seinen gemeinnützigen Status anerkannt bekam – will die Fassade der künftigen Paulineraula so umgestalten, dass sie das Bild der gesprengten Kirche bekommt. Dies sei problemlos möglich, haben die Vereinsmitglieder anhand der Kubatur ausgerechnet. Sie wollen jetzt nicht eher ruhen, bis das gerade am Augustusplatz neu entstehende Bauwerk mit den gleichen Verzierungen ausgestattet ist, die die alte Kirche trug. Außerdem wollen die Vereinsmitglieder durchsetzen, dass im Innenraum sämtliche geretteten Zeugnisse der alten Kirche angebracht werden – insbesondere die Kanzel und der Paulineraltar.

Der neue Verein „Pro Universitätskirche“ wurde von vier ehemaligen Mitgliedern des Paulinervereins gegründet, die ausgeschlossen wurden. Vorsitzender des neuen Vereins ist Dietrich Koch, seine Stellvertreter heißen Sonja Heß und Eckhard Koch. Dietrich und Eckhard Koch haben am Plakatprotest von 1968 mit der ersten Forderung nach dem Wiederaufbau der zu DDR-Zeiten gesprengten Paulinerkirchen mitgewirkt. Dietrich Koch wurde deshalb in der DDR verurteilt und nach deren Ende von bundesdeutschen Gerichten rehabilitiert. Um an diese und andere Willkürmaßnahmen zu erinnern, wollen die Vereinsmitglieder auch erreichen, dass die neue Aula als nationale Gedenkstätte anerkannt wird.

Unabhängig davon finden am heutigen 39. Jahrestag der Sprengung zwei Gedenkveranstaltungen statt. Am Augustusplatz spricht um 10 Uhr der Komponist Günter Neubert Worte des Gedenkens. Universitätsmusikdirektor David Timm werde das Gedenken musikalisch umrahmen, teilte die Bürgerinitiative Paulinerverein mit.

Zu einer Andacht um 18 Uhr auf dem Schuttberg mit den Trümmern der Kirche haben traditionell auch die evangelische und katholische Studentengemeinde eingeladen. Auf der überwucherten Halde an der Augustinerstraße im Leipziger Süden sollen Lieder erklingen und Gebete gesprochen werden.

Andreas Tappert

Kontakt-Telefon des Vereins „Pro Universitätskirche“: 0208-427194


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 3. Dezember 2007 (Printausgabe - Seite 4)
© Leipziger Volkszeitung

Milbradt für Denkmal in Leipzig

Sachsens Ministerpräsident will politische Bemühungen unterstützen

Leipzig (jkl). Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) will sich für die Errichtung eines Einheits- und Freiheitsdenkmals in der Stadt Leipzig einsetzen. Er werde die politischen Bemühungen um „ein solches Denkmal hier in Leipzig für die Bewegung, die aus der Mitte der Stadt kommt, unterstützen“, sagte der Regierungschef am Sonnabend bei der Eröffnungsfeier zum Grassi-Museum für Angewandte Kunst in der Messestadt. „Ich verordne keine Denkmäler, es müssen die Bürger selbst sein. Der Weg muss von unten gegangen werden“, so Milbradt. Der bürgerschaftliche Sinn in Leipzig sei auch während 40 Jahren DDR nicht zerstört worden. Das habe die Wende gezeigt.

Nach der Entscheidung des Bundestages hatte der Streit um ein gesondertes Einheits- und Freiheitsdenkmal in Leipzig – neben Berlin – zu heftigen Vorwürfen der Leipziger SPD-Bundestagsabgeordneten Rainer Fornahl und Gunter Weißgerber – beide aktive Montags-Demonstranten – an den aus Westdeutschland stammenden sächsischen Regierungschef geführt. Milbradt hatte nach der Ablehnung eines doppelten Wende-Denkmals den Parlamentariern in einem Brief mitgeteilt, dass man nun in Sachsen an mehreren Stellen gedenken wolle.

Fornahl wie Weißgerber hatten in dieser Zeitung am Sonnabend Milbradt „eindringlich“ um ein „unterstützendes Signal“ für eine besondere Leipziger Wende-Ehrenstätte gebeten. Fornahl hatte unter anderem erklärt, Milbradt hätte alles tun sollen, „um den Bund für ein besonderes Leipziger Einheitsdenkmal doch noch mit in die Pflicht zu nehmen“.


Kulturkampf in Leipzig
von Dietrich Koch, Eckhard Koch
Broschiert: 191 Seiten
Verlag: Forum Verlag Leipzig; Auflage: 1 (Juni 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN: 3931801209
Preis: EUR 15,80

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