neu Kulturvandalismus
neu Kirchfahrt durch Sachsen

Lesen Sie auch:

 

Quelle: http://terra-x.zdf.de/ZDFforum/

Unaufgeklärte nationale Kulturverbrechen - Leipziger Paulinerkirche

* von: Wieland Zumpe
* Erstellt am: 06.09.09, 22:53
* 130 mal gelesen

Der größte Kunstraub der DDR war neben vielen anderen definitiv nicht der des "Sophienschatzes", sondern die Beraubung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli am Wochenende vor ihrer Sprengung im Mai 1968.

http://www.paulinerkirche.org/graeber.htm


Betrug an Leipzigs Bürgern: Erick van Egeraat

Geschrieben von Wieland Zumpe am 21. Juli 2007 01:10:43:

Als sich in der Wochenendausgabe vom 17./18. Januar 2004 in der Regionalpresse die vier Architekten vorstellten, die noch am Architekturwettbewerb beteiligt waren, schrieb ich darauf Erick van Egeraat an, da er u.a. verkündete: „Ich möchte Verlorenes zurückbringen“:

„Sehr geehrter Herr Prof. Egeraat,

die Voraussetzungen des Wettbewerbs, an dem Sie teilnehmen, stellen eine internationale Kulturschande dar!!

Sie widersprechen seriösen Sorgfalts- und Informationspflichten für die teilnehmenden Architekten an diesem traditionsreichen innerstädtischen Standort.

Da Ihnen nicht nur die Bau-, Kultur- und Geistesgeschichte zu wesentlichen Teilen bewußt vorenthalten wurde, sondern auch darauf aufbauendes Wissen, bin ich gern bereit, Sie genauer zu informieren.

Mit freundlichen Grüßen

Wieland Zumpe
http://www.paulinerkirche.org
http://www.lipsikon.de“

Unter diesem Vorsatz kam am 20. Januar 2004 die Projektverantwortliche, Frau Julia Hausmann, zu mir, und ich zeigte ihr ausführlich Ansichten, Dokumente und 3D-Modelle.
Es entspann sich in der Folge ein reger Austausch von Informationen. Maßgabe war, den Wettbewerb zu gewinnen. Meine zusätzliche Bedingung war, daß im Wettbewerb nicht bekannt werden dürfe, daß ich sein Büro unterstütze.

Als dann das Ziel erreicht war und ich zum ersten Mal das Ergebnis sah, war (wahrscheinlich nicht nur mir) klar, daß dieser Entwurf nicht realisierbar war und somit seinen Zweck eigentlich erreicht hatte: Auf Kulturschande und Verbrechen kann man nicht aufbauen!

Jedenfalls gab ich Frau Hausmann meiner Hoffnung noch Ausdruck, daß der Wettbewerb wenigstens der Portokasse van Egeraats geholfen hat. Ebenfalls im Monat Mai 2004 konnte ich noch vermelden:

„Hallo Frau Hausmann,

also damit Ihr Chef mich wenigstens mal gesehen hat, habe ich ihm nur mal im Weggang "Guten Tag!" gesagt und ihm eine gute Reise gewünscht, weil vorher nur die "Schleimer an ihm hingen"... ;o)

Eines meiner Fotos von ihm habe ich mal hier:
http://www.paulinerkirche.org/tmp/olymp1.jpg

Denn es ist ja schon Geschichte. Am Dienstag war ein wunderschöner Tag. Da war es mit der überkanditelten Schmiere des Olympiamarketings vorbei. ;o)…“


Nun haben wir die Mitte des Jahres 2007 überschritten. Und es stellt sich die Frage: Was wissen wir seither mehr?

Es ist eigentlich eine ganze Menge. Jeder kann die Weihepredigt der Paulinerkirche von D. Martin Luther von 1545 selbst online http://www.paulinerkirche.org/weihe.html nachlesen, einige weitere Materialien und Originalquellen zum Bebauungsgebiet konnten erschlossen werden. Am wichtigsten ist eigentlich, daß bereits etwa 500 der Persönlichkeiten, die in der Universitätskirche St. Pauli begraben waren, namentlich der Vergessenheit entrissen werden konnten. Zudem wissen wir, daß die Öffnung der Etzoldschen Sandgrube ohne größere technische Probleme erfolgen kann, ebenso die Bergung der anonym verscharrten Rektoren, Bürgermeister und weiterer Persönlichkeiten der sächsischen Geschichte und der wissenschaftlichen Welt.

Wir haben inzwischen viel erfahren über die Strukturen von 1968 und über die Sprengungsgewinnler. Anhand dieses Forums konnte man sich detailliert über die bestehenden Netzwerke mit ihren Vertretern und ihren Strategien der Verdrängung, Fälschung und Unterschlagung informieren.

Schließlich wurden nun auch Akten des Verfassungsschutzes, weitere Dokumente und Zeugenaussagen öffentlich, die die Zuständigkeiten des ehemaligen sächsischen Finanzministers und jetzigen Ministerpräsidenten, Herrn Prof. Dr. Georg Milbradt, u.a. bezüglich des Immobilienhandels mit dem ehemaligen Uni-Hochhaus beleuchten. Dazu braucht es natürlich keinen Untersuchungsausschuß und kein Verfassungsgericht, denn Prof. Milbradt ist dies jederzeit gegenwärtig, gerade, wenn in diesem Zusammenhang ein 48-jähriger Bankdirektor unter merkwürdigen Umständen plötzlich aus dem Leben scheidet. Und so ist es endlich an der Zeit, reinen Tisch zu machen und schonungslos aufzuklären.

Schließlich geht es inzwischen nicht mehr nur um die aufzuklärenden Verbrechen von 1968, sondern auch um ganz aktuelle Dinge wie die notwendigen archäologischen Untersuchungen auf dem Wiederbebauungsgelände der Leipziger Innenstadt, die bisher kulturverbrecherisch – wie dokumentiert – unterbunden wurden, um staatsschädigende Fehlplanungen, die auch in diesem Forum ausführlich nachzulesen und erläutert waren sowie um weitere Verstöße gegen die Prinzipien des demokratischen Rechtsstaates. Das kann ein Ministerpräsident, der sich der Sächsischen Verfassung und seinem Amtseid verpflichtet fühlt, natürlich nicht zulassen, geschweige denn zudeckeln oder totschweigen.


Letztendlich trifft diese Symptomatik auch Erick van Egeraat zu, um nun wieder darauf zurückzukommen. Er wurde auch nach dem Wettbewerb weiterhin informiert, u.a. was es bedeutet, wenn die Pläne aus den Jahren 1936/37 u.a. von Lossow, die direkte und starke Parallelen zu nationalsozialistischen Umbauplänen aufweisen, weitergeführt würden.

Bezüglich des eingangs genannten Versprechens, tat sich bei Erick van Egeraat praktisch überhaupt nichts mehr. Obgleich sicherlich keine unbedeutenden Gelder für Aufträge an ihn flossen, hat er sich um all das nicht gekümmert, womit er ursprünglich zum Wettbewerb antrat.

Als erstmals die substantiellen Punkte der Fehlplanungen in der Reformierten Kirche öffentlich vorgetragen werden konnten, schreibt mir doch der damals bereits dritte Projektverantwortliche van Egeraats, Herr Dieter Wehrkamp, am 26.10.2006:

„Sehr geehrter Herr Zumpe,

vielleicht erinnern Sie sich, ich habe auf der Informationsveranstaltung des Paulinervereines am 27. Mai 2006 das Büro EEA vertreten.
Für die Weiterbearbeitung der Innenraumgestaltung von Aula und Andachtsraum sind wir unter anderem auf der Suche nach Detailaufnahmen und -zeichnungen der ursprünglichen Gewölbe- und Rippenkonstruktionen.
Über die Webseiten www.paulinerkirche.org und www.lipsikon.de bin ich auf Ihre Adresse gestoßen.
Wir sind z. B. an den Fotos mit der ID 3893 und 3894, weiterführenden Detailfotos oder Brüstungsdetails, wie auf der Webseite 3d-Rundgänge Universitätskirche gezeigt, interessiert.

Können Sie uns in dieser Sache weiterhelfen oder mir sagen, wo ich derartige Unterlagen einsehen könnte?

Mit freundlichen Grüßen
i. A. Dieter Wehrkamp

Senior Architect”

Somit konnte ich praktisch wieder von vorn beginnen zu erklären, warum die Vorgaben eine internationale Kulturschande darstellen etc. pp.


Die Frage ist nun: Was hat Erick van Egeraat im Jahre 2004 versprochen, wie hat er sein Versprechen eingelöst und wie stellt er sich heute dar?

Emotionen

Im Jahre 2004 versprach er, daß nur derjenige an dem Projekt erfolgreich arbeiten könne, der auch die damit verbundenen Emotionen versteht.

Bereits hier ist van Egeraats Projektarbeit gescheitert, da er sich nach dem Wettbewerbsgewinn weder in die komplexen Sachfragen einarbeitete noch mit denjenigen einen ausgiebigen Dialog begann, die am ehesten damals und teils bis heute davon nicht nur emotional betroffen sind.

Stolz auf Geschichte

Im Jahre 2004 verkündete Erick van Egeraat, daß die Leipziger nicht nur stolz ein neues Bauwerk sein sollen, sondern auch stolz auf ihre Geschichte.

Hierzu genügt es eigentlich festzustellen, daß seit dem Jahre 2004 genügend Geschichtsbezüge erarbeitet wurden z.B. von Herrn Dr. Manfred Wurlitzer, mit denen sich Herr van Egeraat hätte nur befassen müssen.

Worauf die Leipziger bei den Entwürfen von 2007 stolz sein sollen, erschließt sich bei genauerem Hinsehen teilweise selbst eingefleischten Gegnern des Wiederaufbaus nicht, die anerkennen, daß die Tristesse seines Entwurfs größer ist als das, was gerade am Augustusplatz abgerissen wurde.

Erinnerung

Im Jahre 2004 verkündete Erick van Egeraat, daß der Bau sehr viel mit Erinnerung zu tun hat. Er sprach von verschiedenen Aufgaben wie der „Erinnerungskultur“.

Den Terminus „Erinnerungskultur“ hatte sich Erick van Egeraat sicherlich damals unüberlegt aufdrücken lassen. Schließlich wird dieser sinnlose Modebegriff nach Alzheimer-Art meist dann verwendet, wenn Kultur verloren sein soll. Kultur ist immer gleichzeitig auch Erinnerung!

Jedenfalls erinnert Erick van Egeraat eben nicht an das, was für die Universität prägend war, sondern daran, wie die Gegner der Wiederaufbaus diesen verschrien als „Disneyland“ bzw. Attrappe. Andere Bezeichnungen gehen von der Turnhalle, über Aquarium, Kulissenarchitektur bis eben hin zur überdimensionalen Hundehütte.

Bauen für die Ewigkeit

Erick van Egeraat strebte im Jahre 2004 in der Verschmelzung von Alt und Neu an, für die Ewigkeit zu bauen.

Wer allein die aufwendigen, freistehenden Glasflächen betrachtet, abgesehen von dem nicht funktionsfähigen schrägen Buckeldomizil für Mathematik und Informatik, kann allein daran ermessen, daß es mit der Ewigkeit wohl nicht weit her sein kann.

Um es vielleicht etwas dezidierter auszudrücken. Ein bekannter Kabarettist formulierte, daß, wenn er zu DDR-Zeiten über den „Karl-Marx-Platz“ ging, dieses nach dem Prinzip erfolgte: Augen zu und durch. Schließlich war dieser Platz mal einer der schönsten Europas. Wenn nun diese ästhetische Einfalt umgesetzt werden würde, könnte man den Platz ganz abschreiben und man sollte dann lieber einen Bogen um ihn machen.


Doch was sagt nun Erick van Egeraat im Jahre 2007 selbst? Die Lokalpresse titelte hierzu am 12. Juli 2007: „Wir sind in einer guten Spur“.

Zunächst ist festzustellen, daß sich mit dem gestellten Lächeln Erick van Egeraats an den Modellen seit 2004 kaum etwas geändert, geschweige denn verbessert hat. Im Innenraum scheint die Sonne immer noch aus dem Norden. Im Äußeren gibt es im Vergleich zur gesprengten Bebauung keinerlei Anknüpfungspunkte in Fragen der optischen Attraktivität und der ästhetischen Gestaltung, gerade bezüglich der 700-jährigen Kirche, die die Universität und die Stadt Leipzig prägte.

Nach den zwischenzeitlich bekanntgewordenen Plänen ist das Modell in seinen Ausmaßen geschrumpft, so daß auch zum authentischen Ort kein originärer Bezug mehr sinnhaft vorhanden ist.

Die nicht vorhandene fachliche Fundierung kompensiert van Egeraat daher mit markigen Sprüchen. Denn stattdessen sollen „Bauunternehmer und ihre Arbeiter tüchtig mit anpacken“, damit alles zu einem „guten Ende“ kommt. Anstelle eines nach wie vor fehlenden überzeugenden Konzeptes tönt van Egeraat in Hauruck-Manier: „So schnell wie möglich muss der Rohbau erstellt werden.“


Was Erick van Egeraat heute darstellt, ist Betrug an seinen eigenen Versprechen. In keiner Weise hat er sich in dreijähriger Auftragsarbeit an das angenähert, was die Leipziger Bau-, Geistes- und Kulturgeschichte auszeichnet. Er hat keinerlei Bezug hergestellt zu den Leipziger Maßstäben der Wissenschaften und Kultur, ja selbst der Architektur. Luther, Bach, Gottsched, Gellert, Mendelssohn, Wagner, Reger, Geutebrück, Rossbach… Nur Blendwerk mit Rippenkonstruktion erscheint in der Einfalt auswechselbarer Räume und Inhalte.

Es ist eine Verhöhnung der Leipziger Bürger, wenn die Regionalpresse den Flugplan Erick van Egeraats verlautbaren läßt: „Vorgestern Dresden, gestern St. Petersburg, morgen Mailand“ und seine Projekte in Kazan, Mailand und Hamburg preist. Zwar wird damit verständlich, daß Erick van Egeraats wohl Besseres im Kopf hat als einen von einer Universitätsleitung mit Auflagen verbundenen „Aula-Kirche-Raum“ und ein „Kunstkonzept“ – aber wer keine Erfurcht und Achtung vor den genannten Geistesgrößen hat und sich aufgrund fragwürdiger Vorgaben orientiert, hat sein Renommee verspielt.

Wer sich einer geschichtlichen Verantwortung nur im kurzzeitigen Zwischenstop stellt, wird dieser bis auf die daraus entstandene oberflächliche Sichtweise (sei es eine Glaswand im Chorraum oder die Anbringung der Kunstwerke in ihrer notwendigen Ensemblewirkung) nicht gerecht.

Da mögen die geschichtsklitternden Claqueure der Regionalpresse noch so viele Artikel bringen, die gleichzeitig die Kulturgeschichte weiter unterdrücken – das „Wir“, was Erick van Egeraat krampfhaft wiederholt in seinem Artikel bemüht, sind nicht die Leipziger Bürger.

Und es ist schon mehr als überheblich, wenn er ohne sich intensiv damit nachweislich befaßt und darüber jemals Auskunft gegeben zu haben, meint: „Ich weiß sehr wohl, welche Kunst in den Bau kommen soll.“ Diese Verhöhnung setzt sich fort, wenn er meint: „Alles in Ordnung, nach dem die lange Diskussion über die Säulenpaare ausgestanden ist.“ Richtig ist, daß gar keine fachlich fundierte Prüfung stattfand, die eine Diskussionsgrundlage gegeben hätte. Dies trifft ebenso auf seine irrsinnige Glaswand zu und auf praktisch alle weiteren vorliegenden Pläne, denn es kommt noch schlimmer.

Kürzlich konnte man in einem Zelt beim „Campus 2007“ erstmal öffentlich sehen, welche schauerlichen Zeichnungen seitens Erick van Egeraat noch existieren. Dies betrifft zuerst einen „Großen Hörsaal“, der den Charme eines Bunkers bzw. eines tristen Kinos ausmacht.
Man muß dabei beachten, daß die geschichtlichen Vorbilder die Aula der Universität mit dem Klinger-Fries und die Universitätskirche St. Pauli sind. Und in beiden Fällen kommt praktisch nichts anderes herüber als analog zu Hans Christian Andersons „Des Kaisers neue Kleider“.

Als besonders geschmacklos erweist sich auf einer weiteren Zeichnung der Gebäudeteil, wo ehemals das Augusteum stand. Statt durch Architektur und Baukultur zu wirken, ist nur hochkant ein Schild der Universität Leipzig angebracht, das auswechselbar ebenso einen Discountmarkt oder eine billige Absteige ausweisen könnte.

Dies setzt sich in den neuen Außenansichten seiner Konglomerate fort. Ästhetische Einfalt ist hier verbunden mit der Armut an Farben, Formen und allgemein – menschlichen Bezügen anspruchsvoller Sinneswahrnehmung. So erscheint das Schinkeltor als Alibiobjekt nur, um die vorgesehenen Scheußlichkeiten des Modells zu kaschieren. Zudem paßt dies alles nicht zu dem, wo sich Erick van Egeraat selbst ablichten ließ, weil dort die Grimmaische Straße zugebaut ist etc. pp. Insgesamt gibt es derzeit fünf Bauabschnitte ausschließlich! als einen
gesichtslosen Haufen überdimensionierter bzw. unansehnlicher Klötze.

Um dieses zu hübschen, hilft es auch nicht, daß Erick van Egeraat ungefragt wieder historisches Material verwendet, das ich Frau Hausmann für den Architekturwettbewerb zur Verfügung gestellt hatte.

Die neueste Präsentation Erick van Egeraats unterschlägt völlig sämtliche bereits hinlänglich und in anderen Beiträgen sachlich vorgetragenen Punkte der Nichtrealisierbarkeit: Es sind nicht dargestellt die Aufzüge, Treppenhäuser, die Verschattungen, die zusätzlich erforderlichen Brandschutz- und Sicherheitseinrichtungen, die realen Arbeitsbedingungen… Ebenso stellen die bereits bekannten Montagen der inneren Eingangsbereiche nicht die Wirklichkeit dar, die mit Kosten und Folgekosten aufgrund der fragwürdigen Statik, überdimensionierter Glasfenster etc. die „Egeraatsche Ewigkeit“ dann vielleicht auf zwei bis drei Jahrzehnte schmelzen lassen.

Leider muß ich mich bezüglich der Durchgestaltung des gesamten „Campusbau-Projektes“ wiederholen. Im Falle der Leipziger Universitätsbauten hätten bereits im Jahre 2005 die Modelle des Gesamtgeländes bis auf den Quadratzentimeter genau vorliegen können, so daß jeder Bürger sieht, wie die Wiederbebauungen im Detail möglicherweise hätten aussehen können oder sollen. Jeder davon betroffene Mitarbeiter der Universität Leipzig hätte wissen können, wo sich sein neuer Arbeitsplatz befindet, welchen Ausblick er von seinem Fenster hat und welchen Arbeitsweg er künftig gehen soll etc.
All dieses hätte gerade bei einer Universität im beginnenden 21. Jahrhundert, die Anspruch als Eliteuniversität hegt, im Vorhinein abgeklärt werden müssen, bevor überhaupt mit dem Bauen angefangen wird. Gerade wenn es um die wertvollste Bau-, Kultur- und Geistesgeschichte geht, die eine über 800 Jahre alte Innenstadt mit ihren kulturellen und wissenschaftlichen Wurzeln zu bieten hat, ist dies unverzichtbar!

Was Erick van Egeraat in der Regionalpresse als „gute Spur“ bezeichnet, war wohl eher der Geruch dafür, an öffentliche Gelder zu gelangen, ohne damit überzeugende Arbeit leisten zu müssen.

Erick van Egeraats im Jahre 2004 den Leipziger Bürgern großspurig vorgetragenen Töne, mit ihm werde es keine Abstriche oder Veränderungen geben, haben sich als Blendwerk und Lüge herausgestellt. Mit amputierten Pfeilern, Lichtsäulen, Porzellan, Panzerglaswänden, angepinnten Epitaphen und weiteren Spinnereien trat offen zutage, daß er überhaupt nicht daran interessiert war, ein gebotenes Verständnis zur Leipziger Bau-, Kultur- und Geistesgeschichte zu entwickeln und Ehrfurcht vor den Geistesgrößen, die in der Universitätskirche St. Pauli wirkten und in ihr begraben waren, entgegenzubringen.

Sein Betrug an den Leipziger Bürgern, die im Jahre 2004 noch ehrliche Hoffnungen in ihn setzten, als er versprach: „Ich möchte etwas Verlorenes zurückbringen.“, kann heute an seinen völlig unausgereiften, faden wie oberflächlichen Resultaten anders formuliert werden: In Leipzig hat er nichts mehr verloren. Also Schluß mit den nicht zuletzt von Leipzigs Bürgern durch Steuermittel finanzierten Kurzabsteigen in Leipzig und – Tschüss nach Hamburg, Mailand und Kazan!


Offener Brief zum Schreiben von Herrn Prof. Franz Häuser an die Neue Zürcher Zeitung

Rektor der Universität Leipzig
Herrn Prof. Dr. Franz Häuser
Ritterstraße 26

04109 Leipzig

Leipzig, den 27. Mai 2004

Sehr geehrter Herr Professor Häuser,

in Ihrem Leserbrief an die Neue Zürcher Zeitung vom 8. April 2004 sprechen Sie von einer "grundsätzlichen Klarstellung" sowie der inneren Bereitschaft zur kritischen und nachhaltigen Reflexion. Den Lesern möchte ich einige Grundsätze erläutern und hoffen, daß die Reflexionen zu einem konstruktiven Handeln führen.

Wiederbebauung im Herzen Leipzigs

Grundsätzlich ist festzustellen, daß das Thema nicht auf "Leipzigs Universitätskirche" einzugrenzen ist. Auf 18 (!) der geschichtsträchtigsten Leipziger Innenstadtgrundstücke soll wieder gebaut werden, da die "mit kluger Voraussicht" proklamierten "großartigen", "zweckmäßigen", "zukunftsweisenden" und "modernsten" Universitätsplattenneubauten der 60er Jahre anstelle der mutwillig gesprengten nie richtig funktionierten und verschlissen sind.

Da die Universität Leipzig im Jahre 2009 ihr 600-jähriges Bestehen feiern will, stellt sich die Frage, mit welchem geistigen Anspruch an einer der ältesten deutschen Universitäten heute geplant wird und wie geschichtliche Kontinuität wieder hergestellt werden soll und kann.

Die Bau-, Kultur- und Geistesgeschichte Leipzigs und der Universität birgt bedeutende Qualitätsmaßstäbe in sich. Denn die Vorgängerbauten prägten teilweise über Jahrhunderte auf diesem Gelände die Stadt und weltweite Wissenschaftsentwicklungen. Der "Goldene Bär", das "Fürstenhaus", die "Bürgerschule", das "Beguinenhaus", das "Paulinum", die Universitätskirche St. Pauli und das Augusteum sind nur einige der wichtigsten Begriffe in diesem Zusammenhang.

Die Frage ist daher, wie heute nach den kulturbarbarischen Fehlentwicklungen von 1968 mit der Geschichte an dieser staatlich finanzierten Hochschule umgegangen wird.

Anknüpfung an verhängnisvolle Strukturen und Vertuschung

Auf eben diesen erwiesenermaßen unbrauchbaren klobigen Strukturen führt die Universitätsleitung die Planung weitgehend fort. Im Gegensatz zur Universitätsbibliothek, welche im 2. Weltkrieg schwer beschädigt und beispielhaft wiederhergestellt wurde, wird die Geschichte nach 1945 nachweislich ausgeklammert.

Zuerst setzt Ihr Amtsvorgänger Prof. Bigl einen SED-Altkader und Experten für sozialistischen Städtebau als Leiter ein, um Leitvorstellungen für den neuen Campus entwickeln zu lassen. Mit dieser Besetzung wurde die universitätsseitig gewollte Bürgernähe nach dem 2.12.1998 verhindert. Wie u.a. aus den Protokollen hervorgeht, fällten Senat und Konzil im Jahre 1999 Entscheidungen, ohne daß das notwendige Fachwissen vorhanden zu sein schien. Was die entsprechende Arbeitsgruppe hervorbrachte, ist nicht veröffentlicht, geschweige denn diskutiert worden. Für eine staatlich finanzierte Hochschule ist dies umso schwerwiegender, da sie in ihrem Auftrag und Selbstverständnis Bildung vermitteln und mit Forschung herausragende Leistungen erbringen sollte.

Stattdessen ließ mir Ihr Amtsvorgänger nur verlauten, als ich für den europaweiten Wettbewerb die Verfügbarmachung des Wissens wiederholt anmahnte und wiederholt meine Unterstützung anbot, da mit neuen Technologien die Planungen umfassender, qualitativ besser, effizienter und transparenter gestaltet werden können: "Wie diese Informationen verfügbar gemacht werden bzw. auf welche Weise die Teilnehmer dieses Architektenwettbewerbes sich diese Informationen selbst beschaffen, war für die Entscheidung zweitrangig."

Um es noch einmal zu betonen: Es geht bei den 18 Grundstücksbebauungen nicht darum, alles nur nach historischen Vorbildern zu gestalten. Aber man muß sie kennen und ihre Bedeutung einschätzen können, wenn man städtebauliche Prägungen ausbauen möchte. Das Wissen um Fragen wie der randständigen Straßenbebauung, der Kleinteiligkeit, der Wegebezüge von der Kupfergasse bis zum Augustusplatz, der städtebaulichen Beziehungen wie zum Standort der Bürgerschule, muß gesetzt sein. Das Bebauungsgebiet läßt zu, daß sich eine ganze Reihe von Architekten auch mit vollkommen neuartigen Lösungen betätigen kann. Die Aufteilung in die derzeitigen Klötze mit der anonymen Tristesse von Gefängnistrakten hat nichts in der Leipziger Innenstadt zu suchen. Dazu reicht kein Verweis auf Jurys. Das neue Bildermuseum in Leipzig, das schon längst eröffnet sein sollte, mahnt, wie man mit hochkarätigen Wettbewerben das Leipziger Stadtbild verschandelt und gewaltige Steuermittel vergeudet.

Nichtwissenwollen, fehlende Transparenz, Ausgrenzung

Auch wenn Sie ständig von "langen inneren und öffentlichen Diskussionen" sprechen und Verantwortung auf Partner oder Jurys verweisen, wird diese Argumentation damit nicht richtiger. Tatsache ist, daß eben die Öffentlichkeit zur Bevölkerung nicht hergestellt wurde. Im Gegenteil. Die vormalige Universitätsleitung grenzte in Vorbereitung des Investoren- und europaweiten Wettbewerbes 2001 vorsätzlich das verfügbare Wissen und eine demokratische Meinungsbildung aus. Selbst das Versprechen Ihres Amtsvorgängers, die Kritiken der Bürger zu berücksichtigen, wurde nicht erfüllt. Obwohl er bereits vor dem Wettbewerb im Jahre 2001 eine Dokumentation für wichtig hielt, blieb es bei leeren Worthülsen. Eine Auswertung der Gästebücher wurde nie veröffentlicht. Eine Sachdiskussion darüber wurde in der Öffentlichkeit nie geführt. Transparenz als Grundlage demokratischer Strukturen fehlt.

Dabei ist es die beste Investition, den Leipziger Bürgern, Studenten und Mitarbeitern der Leipziger Universität offen zu sagen: "Wie haben wenig Geld. Wir wollen mehrere tausend Quadratmeter für 99 Jahre verpachten, damit wir auf diesem Wege ‚kostenlos' zu besseren Räumen kommen." Damit können im Wettbewerb um die besten Ideen Engagement entwickelt, Potentiale geweckt und Identifikation gestiftet werden. Bestimmt wären damit bessere Ergebnisse möglich als bei der Juristenfakultät, die die nächsten 90 Jahre ihre Adresse mit Spielcasino, Kino, Lotto, Aerobic, Piercing, Billigläden und Ramsch teilt.

Doch stattdessen hat die ehemalige Universitätsleitung, der Sie später bereits angehörten, insbesondere den Studenten und der Öffentlichkeit vorenthalten, welche Immobiliengeschäfte mit gravierenden Auswirkungen gerade auf die Qualität der Studienbedingungen hier angebahnt wurden. Der Offenlegung weichen Sie bis heute aus, was einen großen Spielraum für Spekulationen um mögliche Verwicklungen von direkt und indirekt Beteiligten bietet.

Sie argumentieren in Ihrem Beitrag zum Standort Paulinerkirche, daß dieser "den übrigen Flächen- und Raumbedarf der Universität nicht nachteilig beeinflussen darf." Dabei wissen nicht einmal die Mitarbeiter, welche Flächen nach Investorenvereinbarung überhaupt konkret übrigbleiben.

Damit ließ es die ehemalige Universitätsleitung leider nicht bewenden. Entgegen der Universitätsverfassung mit der Verpflichtung demokratischen Denkens und Handelns sowie der Achtung, Andersdenkende zu fördern, werden diese "aufmerksam verfolgt". Repressalien wurden eingeleitet wie im Falle von Dr. Dietrich Koch, um vom fragwürdigen Verhalten der Universitätsleitung abzulenken. Nicht anders ist es zu sehen – und man kann sich über dieses geistige Klima nur wundern –, wenn sich bei einer so großen Universität kaum Universitätsangehörige in öffentliche Foren trauen.

In meinem Falle wurde eine vertrauliche Email an die Hochschulrektorenkonferenz benutzt, um mir Hausverbot im Jahre 2003 an der Universität zu erteilen. Nicht einmal den später folgenden Beschluß des Amtsgerichtes Leipzig nahm die Universitätsleitung ernst. Dabei verwies es darauf, daß meine Äußerungen geeignet seien, den von mir "verfolgten Interessen nachzugehen".

Tatsache ist, daß die Universitätsleitung damit gegen ihre eigene Verfassung und ihr Leitbild verstößt. Bevor ich auf meine Sichtweise zur Universitätskirche St. Pauli eingehe, möchte ich dies anhand Ihrer eigenen Argumentation erläutern.

Planungen ohne grundlegende Bestandsaufnahme

Ganze Forschungsrichtungen und auch Leipziger Wissenschaftler nehmen weltweit an Ausgrabungen teil, um Kulturwerte zu sichern, zu vermitteln und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Einzig die Universität Leipzig verfüllt im Jahre 1968 ihre Geschichte in einer Sandgrube, und Sie argumentieren mit einer geschichtsklitternden Gedenktafel.

Wie halten Sie es mit der Universitätsverfassung in Besinnung jahrhundertealter wissenschaftlicher Traditionen und geschichtlicher Kontinuität, wenn Sie es dabei bewenden lassen, daß nicht nur wichtige Amtsvorgänger von Ihnen, sondern auch bedeutende Gelehrte und Leipziger Persönlichkeiten weiterhin anonym verscharrt bleiben?

Wo sind die Bestandslisten universitärer Kulturgüter z.B. aus den 50er Jahren? Wo sind die Kirchenbücher, Pläne u.v.a.? Wo sind Teile der Antikensammlung und andere wichtige Kulturgüter? Was ist noch alles verkippt worden?

Wie kann es sein, daß eine Universitätsleitung nach dieser unvergleichlichen Kulturbarbarei überhaupt ohne eine umfassende Bestandsaufnahme an Planungen geht und Sie nur die "in letzter Minute aus der Kirche geretteten Kunstwerke" in den Vordergrund schieben wollen?

Die letzte Frage kann zumindest mit dem geschichtsfälschenden Tafeltext beantwortet werden. Stadtverordnete wie Universität widerstanden nicht nur nicht dem Druck eines diktatorischen Regimes, sondern sie betrieben aktiv die Vernichtung von Paulinerkirche, Albertinum und weiteren vom Krieg teilzerstörten Universitätsbauten. Die Zerstörung wurde auch von der Universitätsleitung vorangetrieben. Dies waren sorgfältig geplante Aktionen, in die in unterschiedlicher Weise auch Universitätsangehörige einbezogen werden mußten. Schließlich gab es eine ganze Reihe von Nutznießern, die sogar ihre Berufslaufbahn danach ausrichten konnten und zum Teil heute noch im Amt sind. Hier gibt es noch immer Aufklärungsbedarf. Wer von den Entwicklungen nach 1968 profitierte, konnte durchaus ein Interesse haben, daß dies nicht bekannt wird und Geschichte in diesem Falle weiterhin versandet.

Unabhängig von der nicht aufgearbeiteten SED-, Stasi-, KGB- und "Kundschafter"-Geschichte an der Universität Leipzig, gibt es im Zusammenhang mit der Vernichtung der Universitätsbauten durchaus Fragen, inwieweit sich in Einzelfällen Universitätsangehörige auch nach DDR-Gesetzen strafbar gemacht haben. Das betrifft insbesondere die Zerstörung bzw. das Verschwinden von Kulturgut.

Dieser Teil der geschichtlichen Aufarbeitung besitzt folglich im Selbstverständnis der Universität eine hohe politische Brisanz, so daß es endlich Zeit wird, in diesem speziellen Fall ehemalige SED-Kader und Altlasten (gleich auf welcher Seite sie sich heute vereinsmäßig, in Ämtern oder Ministerien positionieren oder neu profilieren wollen), von Entscheidungsvorbereitungen zu entbinden, damit nicht weiter Vertuschung und Verfälschung fröhliche Urstände feiert. Die Universität braucht endlich solide, vertretbare Sachgrundlagen und Wissensbasen, die sich ihrer Geschichte würdig erweisen.

Substantielle Defizite

Sie verwenden in Ihrem Schreiben an die Neue Zürcher Zeitung eine Terminologie, die der Sache nicht gerecht wird. Eine ganze Reihe von Formulierungen wirkt befremdlich. Schließlich geht es beim Wiederaufbau der Paulinerkirche nicht um eine "Kopie", sondern um ein Bauwerk mit einer Grundfläche von etwa 31 mal 66 Metern. Leider trafen auch Ihre Amtsvorgänger mit Begriffen wie "Disney-Land" oder "Zwangschristianisierung" kaum universitäres Niveau.

In der Frage zur bereits bekanntgegebenen Überführung aller Kulturgüter der Universität sagten Sie zum Thema der Rückführung des Paulineraltars am 15. Mai 2004: "Ich weiß auch nicht, ob irgendjemand ein Interesse daran hat, einen entsprechenden Kriegsschauplatz in Leipzig zu eröffnen."

Desweiteren formulieren Sie, daß ohnehin "nicht Größe und der äußere Glanz einer Wiedergutmachungs-Unternehmung" entscheidend ist und wollen "einen Raum der Erinnerung an die Sprengung". Dabei verwendeten Sie selbst den Begriff "Glanz" am 15. Mai 2004, obwohl es eigentlich nur darum geht, das Selbstverständnis kulturellen Erbes wiederzugewinnen.

Sie reden von einem "Neubau des ‚Paulinums' (Aula/Kirche)". Diese Begriffe sind historisch belegt und verfälschen somit Geschichte. Sie argumentieren mit dem dubiosen Terminus "Erinnerungskultur", ohne daß er von Ihren Kritikern gebraucht wurde, da ja der Begriff Kultur mehr als "Erinnerung" beinhaltet.

In der Frage, was die Umsetzung der Pläne für Sie auf lange Sicht bedeuten, nannten Sie am 15. Mai 2004 neben dem Augustusplatz nur den Bau "einer qualitativ hochstehende Mensa"...

Angesichts dieser Formulierungen stellt sich die Frage, wie sich die Universitätsleitung an ihr Leitbild im Streben nach Wissen und nach neuer Erkenntnis durch Qualifikation und Leistung hält und auf welchem Niveau die Zuarbeiten gebildeter Gremien liegen.

(Für den Leser sei angemerkt, daß dies nichts Neues ist. Schließlich gab es in der langen Geschichte der Universität auch Phasen, wo man z.B. vor über 300 Jahren die Erneuerung der Innengestaltung der Paulinerkirche auch nicht zum Jubiläum 1709 vervollständigte. Aber das Resultat von 1712 erlebte nicht nur Johann Sebastian Bach, sondern auch Felix Mendelssohn Bartholdy und mehrere Wissenschaftlergenerationen bis hin zu Paul Flechsig. Es kann sich also durchaus lohnen, anstelle von "Torschlußpanik" auf solide Planungsgrundlagen zu setzen.)

Sie sprechen schließlich von einem "Alleinvertretungsanspruch einer Bürgerinitiative". Dabei gibt es viele Bürgerinitiativen – und das schon seit Jahren. Sie müßten wenigstens aus der Presse erfahren haben, daß sich zahlreiche Nobelpreisträger, Prominente und sicherlich viele, viele Bürger an die Universität gewandt haben, insbesondere mit der Forderung nach Wiederaufbau der Universitätskirche. Sie können froh sein, daß sich so viele für die Leipziger Universitätsbauten einsetzen. Aber anstatt alle Kräfte, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung zu diesem Wiederaufbau sein sollten, konstruktiv einzubinden, bedeutet Verwaltungshandeln an der Universität Leipzig nur, daß man "aufmerksam verfolgt". Nach meinen Erfahrungen könnte man fast zu der Annahme gelangen, daß es in Ihrer Verwaltung zu viele Stellen gibt, wo die zahlreichen Stellungnahmen, Vorschläge, Bekundungen und Einwürfe der Bürger gleich einem "schwarzem Loch" spurlos verschwinden können.

Entwicklungsperspektiven

In den vergangenen Jahren habe ich mich zunehmend den Leipziger Universitätsbauten gewidmet, konnte schon eine ganze Reihe Zeitzeugen befragen und Archive nutzen und zumindest einen Bruchteil davon auf der Webseite www.paulinerkirche.org der Allgemeinheit bereitstellen. Bei dem letzten Wettbewerb galt es nun, nachdem unter Ihrer Universitätsleitung weiterhin Ignoranz und Ausgrenzung propagiert wird und sich das Büro von van Egeraat als einziges für die Geschichte interessierte, es mit allen Informationen zu versorgen, um diesen zu gewinnen und Verlorenes wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Doch nun geht es um die Realisierung im umfänglichsten Sinne der Stadtentwicklung und der Neuprofilierung der Universität Leipzig. Und aus diesem Grunde möchte ich nur aus der Sachkenntnis heraus (und nur darum geht es) meine Sichtweise allgemein und für die Universitätskirche St. Pauli im besonderen formulieren.

Nachdem in Leipzig viel Aufwand und Kraft in eine mehrwöchige Olympiaveranstaltung im Jahre 2012 gesetzt wurde, ist es an der Zeit, daß Leipzig endlich Ideen, Engagement und Ressourcen wieder auf langfristige wissenschaftliche und wirtschaftliche Perspektiven richtet. Hier liegt viel zu viel brach. Wissensgesellschaft ist immer konkret und erfordert demokratische wie transparente Strukturen.

Für die Universität Leipzig kann dies nur von Vorteil sein, einerseits um die geschilderten Defizite aufzuarbeiten und damit Kosten zu reduzieren, andererseits weil hinsichtlich der Immobilien und Standortentwicklungen nun mehr Spielraum für die Universität entsteht.

Um auf Ihren Artikel zurückzukommen, stellen sich doch in Bezug auf die Universitätskirche St. Pauli einige Fragen. Ist es denn ein würdiger Umgang mit den ehemaligen Rektoren, wenn ausgerechnet dort, wo sie ihre letzte Ruhestätte haben sollten, ein Autoparkplatz geschaffen wird? Ist denn das Debakel mit dem ehemaligen Universitätshochhaus nicht genug, daß man nun Nutzraumüberfrachtungen an den Schrägseiten des Kirchendaches wünscht? Wer möchte denn in Zukunft die Universität Leipzig kennenlernen, wenn er nur auf eine Aula mit "Erinnerungskultur" trifft, die in jedem beliebigen Gewerbegebiet stehen könnte?

(Der für viele heute kaum mehr nachvollziehbare Maßstab in der Universitätsleitung von 1968, daß Geschichte erst im Jahre 1945 beginnt, kann nicht in einer Legitimation dessen enden. Auch die Versuche in Leipzig, das Gewandhausorchester zum Stadtorchester umzubenennen oder den Thomanern ein rein "weltliches" Image zu verpassen, scheiterten kläglich.)

Die Menschen möchten die Universitätskirche St. Pauli kennenlernen und nachempfinden können, in welchem Umfeld Martin Luther die Kirche weihte, Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy ihre Werke erstmalig aufführten, ganze Wissenschaftlergenerationen zu wichtigen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten, Begräbnissen, Konzerten und Disputationen die Universitätskirche St. Pauli aufsuchten. Sie möchten diesen historischen Ort erleben, weil hier auch herausragende Maßstäbe des Weltkulturerbes geprägt wurden. Damit ist es ein Ort des Lernens und der Ehrfurcht vor der Leistung vieler Generationen, auf denen wir heute aufbauen.

Die Kirche, die Jahrhunderte Bestand hatte, kann unter Zuhilfenahme ihrer Trümmer wieder erstehen. Entsprechende realistische Kalkulationen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, existieren bereits. Sie wird so wieder aufgebaut, daß ihr Erhalt für die nächsten Jahrhunderte ohne weiteren größeren finanziellen Aufwand Bestand haben kann.

Stuhllager, Wechselbestuhlung, aufwendige Podiumstechnik, Schiebetüren, Film- und Projektionsflächen kann man sich sparen. Eine angemessene Klimatisierung, die den Bestand der Gemälde, Plastiken und weiterer Objekte schonend sichert, wäre schon das Höchste der Bedürfnisse.

Im Unterkeller haben Ausstellungsflächen Platz, u.a. mit den geborgenen Teilen der bunt bemalten Grüfte sowie weiteren Beständen, die in der Etzoldschen Sandgrube 1968 z.B. aus dem Augusteum stammen. Aber auch die Baugeschichte der Kirche kann in der Ausstellung von jedermann nachvollzogen werden.

Im Kirchenraum selbst erklingen das gesprochene Wort bzw. die menschliche Stimme und Musikinstrumente. Allein durch die Universitätsmusik und die Theologische Fakultät ergibt sich eine dauerhafte und für alle interessierten Bürger, Wissenschaftler, Studenten und Touristen erbauliche Nutzung.

Möge man sich dessen besinnen.

 

So hoffe ich, daß meine kleine textliche Anregung viele Leser zu eigenen Überlegungen und Initiativen anstiftet, damit kulturelle Identität wiederhergestellt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Wieland Zumpe

http://www.paulinerkirche.org
Email: bach@paulinerkirche.org

Mitglied der Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V.

Mitglied der Gesellschaft für Effizienz in Staat und Verwaltung e.V.

Ausführlichere Informationen zu den angeschnittenen Themen finden Sie z.B. unter

Gestellte Fragen: http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/2062.htm

Voraussetzung: http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/2019.htm

Konzept: http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/2063.htm

http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/3621.htm

http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/3565.htm

http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/3418.htm

http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/3419.htm

http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/3428.htm

Weitere Dokumente können auf Wunsch bereitgestellt werden.


Transparenz

Quelle: http://wwischer.itrnet.com/pauliner/messages/6970.htm

Geschrieben von Wieland Zumpe am 18. Februar 2006 02:25:16:

Die folgenden Ausführungen gliedern die heterogenen Themen, um die es geht, in einzelne Aspekte, damit Sie die Zusammenhänge und Hintergrundinformationen selbst genauer überdenken können, je nachdem, was Sie bisher davon gehört haben bzw. inwieweit bestimmte Hintergründe zum Verständnis erforderlich sind. Wie bei allen meinen Beiträgen möchte ich betonen, daß es mir nicht darum geht, „Recht zu haben“, sondern darum, daß Sie sich selbst ein weiterführendes Bild der Problematiken machen können.

Vielleicht gelingt es auch dem einen oder anderen zu verstehen, warum ich zu entsprechenden Ergebnissen gekommen bin. Hierzu möchte ich auch meine Motivation äußern, weil es oft nicht ausschlaggebend ist, was man tut, sondern warum man sich für etwas einsetzt. Da ich mich seit meinem Studium mit Wissenschaft befasse, war es mit den ersten intensiveren Beschäftigungen zu Planungsfragen an der Universität Leipzig im Jahre 1998 stets so, die gebotenen Anforderungen mit größtmöglicher Sorgfalt, Lernbereitschaft und einer gewissen Ehrfurcht vor herausragenden Persönlichkeiten der Universitätsgeschichte und deren Leistungen zu begegnen. Daran hat sich nicht geändert. D.h. mir ging es nicht um Rollenspiel, sondern stets um die Sache.

Aus dieser Haltung und meinen Erkenntnissen heraus, muß ich konstatieren, daß die Universität Leipzig insgesamt in Gefahr ist. Nachdem bereits der hochkantige Rauswurf als Elite-Universität bei den Graduiertenschulen und im Bereich Zukunftskonzepte heruntergespielt wurde, droht der Universität Leipzig (u.a. mit den gesichtslosen Klotzneubauten in der Liebigstraße) auch beim Exzellenzcluster, das sich Zelltherapien und der regenerativen Medizin widmen soll, ebenso das Ausscheiden, wenn sich nichts im Sinne der Grundordnung der Universität Leipzig und ihres Leitbildes ändert. Eine Universität, die mit einem „Paulinum“ ihre Geschichte gezielt fälscht und aktive Geschichtsklitterung betreibt, hat keine Zukunft.

Nutznießer dieses Umstandes werden natürlich die anderen deutschen Universitäten sein, die sich ob dieses Umstandes ins Fäustchen lachen und insbesondere die Universität Dresden, weil dann dorthin (wie in der Wirtschaft) die meisten Gelder und Ansiedlungen folgen. Aber letztendlich schadet es dem Freistaat Sachsen insgesamt. Diese Wertigkeit muß vorab bemerkt werden.

Die folgenden Ausführungen gliedern sich derzeit in vier Teile:

  1. die entstandene Situation (insbesondere Entwürfe und Planungen)
  2. die Bauplanungen und ihr neues „Einigungsprodukt“ vom 31.1.2006
  3. was nachwievor sinnvoll ist und
  4. Hintergründe der entstandenen Situation

Die Teile zwei bis vier sind noch in Bearbeitung, aber für das Gesamtverständnis unabdingbar. Diesbezüglich bitte ich um Geduld, aber ich werde mich bemühen, daß Sie noch in diesem Monat alles gelesen haben können.

Lesen Sie:

Transparenz - Vorankündigung Teil 4

Geschrieben von Wieland Zumpe am 15. April 2006 16:38:09:

Der Wiederaufbau der Leipziger Universitätskirche St. Pauli ohne wenn und aber ist ein Zeichen der Versöhnung mit der jüngeren deutschen Geschichte.

Aus diesem Grunde möchte ich einigen wichtigen Beteiligten und Zeugen die Zeit bzw. Gelegenheit geben, Ostern 2006 diesen Weg der Versöhnung einzuschlagen.

Daher bitte ich um Verständnis, daß der vierte und abschließende Teil der Ausarbeitung noch nicht bereitgestellt wird, unabhängig davon, ob man sich hinter verschlossenen Türen weiter an die Mördergrube nach Luthers Worten klammert oder ob die Egeraatsche Investitionsblase inzwischen (einzelne Aspekte davon wurden in den ersten Teilen erörtert) als solche erkannt wurde.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein besinnliches Osterfest.

Leipzig, am 15. April 2006

_____________________

30. Mai 2006: 38. Jahrestag der Sprengung


Teil 4. - Textversion

4.0 Hintergründe und Zusammenhänge – der unabdingbare, originalgetreue Wiederaufbau der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig

Das größte Kulturverbrechen in Deutschland nach dem II. Weltkrieg ist nicht aufgeklärt und kaum aufgearbeitet!

Heute, genau 38 Jahre nach der Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli stellen sich immer noch viele Fragen:

Wie kann es an der Universität Leipzig sein, daß man nicht dem Aufruf von Nobelpreisträgern folgt, daß man nicht das Vermächtnis von Pater Gordian Landwehr, Universitätsmusikdirektor Prof. Wolfgang Unger, Prof. Wolfgang Mattheuer u.a. erfüllt, daß man Prominenten wie Prof. Güttler, Prof. Blomstedt, Prof. Biller u.v.a. kein Gehör schenkt, sondern an der Unterdrückung von Kulturwerten festhält?

Wie kann es sein, daß die Universität Leipzig ihrer Aufgabe der Forschung und Lehre nicht nachkommt und den Studenten die Maßstäbe der Kultur-, Bau- und Geistesgeschichte einschließlich der Aufarbeitung der Geschehnisse vor 1989 und ihre Aufarbeitung vorenthält?

Kann es weiter sein, daß ganze Generationen von Wissenschaftlern und Persönlichkeiten, die die Universität Leipzig zu dem werden ließen, worauf sie heute aufbauen kann, weiter „verschwunden“ bleiben im Sinne von Walter Ulbricht, Paul Fröhlich, der SED-Kreisleitung der „Karl-Marx-Universität“ Leipzig, damaliger Mitarbeiter und Mitläufer?

Wie kann es sein, daß eine „Baukommission am grünen Tisch“ entscheidet, wie ein Raum auszusehen hätte, in dem nicht nur Bach und Mendelssohn Bartholdy, sondern Kultur- und Geistesgeschichte Deutschlands aus mehreren Jahrhunderten repräsentiert sind, und aus dem nun im Innern eine multifunktional geklitterte „Turnhallenaula“ und außen die ästhetisch verarmte Fassade einer „Hundehütte mit Starkasten“ werden soll? – um nur zwei volksmundliche Bezeichnungen zu zitieren.

Kann es geduldet werden, daß weitere Steuergelder für Planungen ohne kulturgeschichtliche Substanz verschleudert werden und ein absehbar funktional mißratenes Konglomerat mit Steuergeldern finanziert wird, während der originalgetreue Wiederaufbau nur etwa die Hälfte kosten würde – sogar mit Spendengeldern (!)?

Im folgenden abschließenden Kapitel geht es um Hintergründe und Zusammenhänge der entstandenen Situation sowie darum, warum es zum originalgetreuen Wiederaufbau der Universitätskirche St. Pauli in Leipzig keine Alternative gibt.

4.0.1 Transparenz - Einleitung

Ein Vereinsmitglied, das berufsbedingt mit dem KGB zu tun hatte, drängte mich, bei der Zusammenstellung zum 450. Weihejubiläum der Universitätskirche St. Pauli durch D. Martin Luther auf bestimmte Passagen zu verzichten. Aber dabei stellt sich die Frage: Will er weiter mit Verstrickungen und Lügen leben? Will er, daß seine Verwandten erst später einmal aus seinen Akten erfahren, was er ihnen verheimlichte? Will er, daß die Verdrängungen weitere Generationen belasten? Was ist aus seinen sicherlich fortschrittlichen Vorsätzen und Idealen geworden, mit denen er den bewußt gestaltbaren Teil seines Lebenslaufes antrat? Ist er immer noch nicht in einem offenen, demokratischen Selbstverständnis angekommen?

Diesbezüglich denke ich schon, daß es den Mitgliedern der Bürgerinitiative und der allgemeinen Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden darf, welche Fragen sich in der Thematik ergeben.

Einen weiteren Aspekt möchte ich einleitend an dieser Stelle hinzufügen. Nach meinen umfangreichen Eingaben zum städtebaulichen Sanierungszustand von Gebäuden im Leipziger Musikviertel im besonderen und Leipzig im allgemeinen zu DDR-Zeiten war ich erstaunt, daß plötzlich ein Neubau in die Struktur des Musikviertels aufgenommen wurde, obgleich der damalige Chefarchitekt der Stadt nichts davon wissen wollte. Zwar ist dieser Bau nicht viel schöner als das neue Geisteswissenschaftliche Zentrum der Universität Leipzig gleich daneben, aber somit war urplötzlich die Überlegung vom Tisch, denkmalgeschützte Bausubstanz des Viertels weiter abreißen zu wollen.
Der damalige Neubau wurde ein Domizil der BIEG (Berliner Import Export Gesellschaft), d.h. es war dem Referat 2 der Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung (AG BKK) im Ministerium für Staatssicherheit der DDR unterstellt. D.h. es dachten offensichtlich in diesen Bereichen einige viel weiter als die Zuständigen in der Leipziger Stadtverwaltung.

In diesem Sinne zeichnet sich auch ab, daß weitsichtige Vertreter der Strukturen, um die es in diesem Kapitel geht, von einer „Deckelung“ des Wiederaufbaus der Universitätskirche St. Pauli bereits abgekommen sind und in der neuesten Unterzeichnerliste auftauchen bzw. sich auch anderweitig neuerdings für den originalgetreuen Wiederaufbau ausgesprochen haben.

Es werden in diesem Beitrag keine Namen genannt, damit man sich auf die Inhalte konzentrieren und jenseits von Schuldzuweisungen ein Verständnis für die hiesige Situation entwickeln kann.

Denn es geht im Folgenden grundsätzlich um Plausibilität, damit auch Auswärtige die Zusammenhänge besser nachvollziehen und verstehen lernen.

Erst wenn man die Abläufe seit 1989 genauer begreift, kann man verschiedene Geschehnisse seither in ihren Ursachen verstehen und dementsprechend als Bürger in vielfältiger Weise und in unterschiedlichsten Gremien und Aktivitäten darauf hinwirken, daß rechtsstaatliche Prinzipien und der Verfassung des Freistaates Sachsen umfassende Gestalt gegeben wird.

4.1. Transparenz - Der Abgrund

Was bisher über die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli und weiterer Universitätsbauten öffentlich wurde, ist nur die „Spitze des Eisbergs“.

Nach dem letzten Gottesdienst am 23. Mai 1968 wurde das Gelände hermetisch abgesperrt. Es gelang zwar einigen, dennoch darauf zu gelangen, aber darüber kann an dieser Stelle nicht berichtet werden.

Wer das Gelände betreten wollte, mußte über einen extra für diesen Zweck angefertigten Sonderausweis verfügen. Nach dem anonymen Dokument Nr. 26 („Die Universitätskirche zu Leipzig, Dokumente einer Zerstörung“ Herausgegeben von Clemens Rosner) waren außer den Steinmetzen ca. 50 Personen beteiligt. Für diese wurden extra Lichtbilder angefertigt. Dazu gab es unterschiedliche Zutrittsberechtigungen und Befugnisse, wer welche Teile des Geländes betreten durfte.

Bereits an dieser Stelle kann sich jeder denken, daß es sich damals um eine generalstabsmäßige Planung und Leitung handelte.

Denn die Fragen, die sich hier stellen, sind folgende: Wer wählte die 50 Personen aus? Wer waren diese? Woher kamen sie? Welche Aufgaben hatten sie zu erfüllen? Welche Fachkräfte wurden eingesetzt? Unter welcher Maßgabe nahmen sie an der Operation teil? Welchen Geheimhaltungsbestimmungen wurden sie unterzogen? Welchen Nutzen brachte ihnen die Beteiligung?

Bereits an diesem kleinen Detail ist ersichtlich, daß der Organisationsapparat sehr umfangreich gewesen sein muß. Schließlich bedurfte es damals im Jahre 1968 nicht nur eines Fotografen, der umgehend die Ausweiserstellung sicherte, sondern einer größeren Kaderauswahl bzw. Kaderauswahllisten, einer entsprechenden Genehmigung dieser, ihrer „Freistellung“ von eventueller anderer Arbeit, ihres Transportes zum Universitätsgelände, ihrer Verpflegung und anderer Details, z.B. daß alles unbemerkt geschehen mußte. Bestimmt kann sich mancher gut vorstellen, wie schwierig es zu DDR-Zeiten war, eine derart große Gruppe problemlos einzuspannen, gut zu verköstigen und entsprechend auszuzahlen. Das mußte alles geplant sein.

Aber kommen wir nun zu zentraleren Fragen. Wenn es unterschiedliche Graduierungen bei den Zutrittsberechtigungen gab, so mußte es dafür triftige Gründe geben.

Die Universitätskirche St. Pauli war u.a. auch Begräbnisstätte. Sie war sogar eine der bedeutendsten Begräbnisstätten Deutschlands. Während die Grabkammern in der Nikolai- und Thomaskirche im 19. Jahrhundert durch Heizungseinbauten weitgehend entfernt wurden, blieben diese in der Universitätskirche bis auf den vorderen Bereich Chorbereich unberührt. Dies war allgemein bekannt und wurde seitens der Denkmalpflege von Dr. Nadler wiederholt in den sechziger Jahren zu ihrer Erhaltung u.a. vorgebracht.

Das Leipziger Friedhofsamt gab an, daß sich voraussichtlich 800 Leichen in der Universitätskirche befinden.

Wenn man nun aber Fotos vom Sommer des Jahre 1968 betrachtet, zu einer Zeit, da die Teile der gesprengten Universitätsbauten bereits in der Etzoldschen Sandgrube lagen, so hätte man folgerichtig denken können, daß man sich dem nun hätte widmen könnte, zumal hier keine derartigen Absperrungen und vergleichbaren Bewachungen wie vor der Sprengung zu sehen sind. Das geschah aber nicht. Und es flogen auch keine Leichenteile durch die Luft, wie sich das vielleicht mancher im Diskussionsforum vorstellt.

D.h. alles, was zuunterst in den Universitätsgebäuden war, die Grabkapellen und teils buntbemalten Grüfte der Universitätskirche, das Kellerinventar des Augusteums u.v.a. kam zuoberst in die Etzoldsche Sandgrube – ohne den umfangreichen Bewachungs- und Sicherheitsaufwand wie vor der Sprengung.

Um es abzukürzen: Die höchste Geheimhaltungsstufe und größte Zutrittsbeschränkung gab es für den Innenraum der Universitätskirche St. Pauli.

Am prätentiösesten der Gesamtaktion ausgekundschaftet, hatten die Planer, Vorbereiter und Durchführungsverantwortlichen dennoch das Problem, daß sie nicht wußten, wieviele Leichen tatsächlich geborgen werden müssen. So stand auch der konkrete Termin für die Sprengung der Universitätskirche lange Zeit nicht fest. Das bedeutete aber gleichzeitig, daß alle weiteren Arbeiten und Abläufe zur Beseitigung der Universitätsbauten hiervon abhingen. Damit ist klar, daß zumindest die Führungsebenen alle von dieser Aktion wissen mußten.

Erst als die Leichenbergungen erfolgten, konnte man abschätzen, welchen der möglichen Zeitrahmen man einhalten konnte.

Dabei handelte es sich folglich um eine andere Größenordnung als im oben genannten Dokument 26 angegeben. Schließlich stand Gellerts Grab frei im Nordchor, und die Gruft im Kreuzgang war bereits am Freitag Vormittag offen. Und mit dem Satz „Ein Sarg unter der Kanzel beim Anbohren ausgebrannt“ gab der Schreiber schließlich mehr zu, als ihm lieb war. Denn was tatsächlich der Fall war, erklärt sich recht einfach. Beim Anbohren von Grüften entweichen Gase. Diese sind durchaus entzündlich, wenn man unvorsichtigerweise mit einer brennenden Zigarette hantiert. Dies passierte in der Tat. Aber es konnte eben nicht durch den Sarg oder das Anbohren geschehen, sondern weil in der entsprechenden Gruft Leichen lagen.

All dies erfolgte in einer explizit vorbereiteten Operation am Wochenende vor der Sprengung. Eine ausführliche Schilderung dieser Geschehnisse verdient es zweifellos, einmal veröffentlicht zu werden. Hier geht es erst einmal um die Verständlichkeit des Vorganges und dessen verhängnisvolle Bedeutung über unsere Zeit hinaus.

Was sich aus Sicht der Drahtzieher natürlich aus anderen Beispielen bestens bezahlt machte, war der Umstand, daß es sich hier nicht etwa um anonyme Grabstätten ging, sondern um bedeutende Persönlichkeiten vieler Generationen wie Bürgermeister, Rektoren, Theologen, Juristen, Ärzte, Physiker sowie weiterer verdienstvoller und wohlhabender Bürger, die nicht schmucklos und fast ausschließlich nicht ohne Namensschild ihre letzte Ruhestätte in der Universitätskirche St. Pauli fanden.

Unter strengster Geheimhaltung lief an diesem einen Wochenende das Herausholen der Leichen ab, wofür die Archäologen nach Gesetzen in der ehemaligen DDR vorgeschriebenen Exhumierung eine Zeit von vier Monaten veranschlagten. Die eigentlich zuständigen Mitarbeiter des Leipziger Friedhofsamtes wurden an den fraglichen Tagen extra zu einem Auftrag nach Schwedt abdelegiert. Zum Einsatz in den Grüften kam sicherheitshalber folglich geschultes Personal in entsprechenden Schutzausrüstungen gemäß NVA-Standard.

Für alle anderen Beteiligten wie Bewacher, Transporteure und Fahrer, die dies vielleicht jetzt erst lesen, war diese Aktion ein Himmelfahrtskommando. Da die Todesursache bei manchen Verstorbenen ansteckende Krankheiten wie Pest und Pocken waren, hätte es für diese durchaus verhängnisvolle Folgen haben können.

Die Verantwortlichen kümmerte all dies wenig. Sie organisierten die Operation nur so, daß von den beteiligten Personen nichts mitgenommen werden konnte.

Denn worum es ihnen ging, war Gold- und Silberschmuck sowie alles, was irgendwie kost- und vermarktbar schien.

D.h. hier wurde nichts gesprengt, sondern hier wurden eine Universität und eine Stadt vorsätzlich und gezielt ihrer Geschichte beraubt.

Da einzig und allein das Ministerium für Staatssicherheit der DDR die Oberhoheit über Organisation und Zutrittsberechtigung der Operation hatte, stellen sich Fragen, die anschließend etwas näher erläutert werden sollen: Wo sind Verschwundenen? Wo ist das Raubgut? Wurde die Universitätskirche zur „Manövriermasse“ für den Außen- bzw. Waffenhandel der DDR? Oder anders gefragt: Ist es gerechtfertigt, daß der Außen- bzw. Waffenhandel der DDR über der Geschichte der Universität Leipzig und über der Verfassung des Freistaates Sachsen steht?

4.1.1 Transparenz - Profilierungsphase Kommerzielle Koordinierung

Den eigentlichen Vorlauf für die Aktion in der Universitätskirche St. Pauli bildete die „Aktion Licht“ 1962, in der erstmalig in der gesamten DDR eine systematische Suche nach verborgenen Wertgegenständen organisiert wurde. Zuerst betraf dies alle seit 1945 unberührten Tresore und Schließfächer von Banken in der gesamten DDR. In einer zweiten Etappe wurden systematisch Ruinen, Bunker, Bergstollen und Gebäude durchsucht (Villen, Schlösser, Museen), in denen man noch Wertgegenstände aus der Zeit bis 1945 vermutete. Dabei sammelte man bereits über die Hauptabteilung III (Zuständigkeitsbereich Aufklärung) Erfahrungen in der Bildung von Einsatzstäben und kleinen Einsatzgruppen, in der Rekrutierung von Pioniereinheiten, Feuerwehr, Spezialtransportgeräte, selbst Tauchern etc. – alles unter der Geheimhaltungsstufe konspirativer Ermittlungen. Dies ist in der Dissertation von Ulf Bischof über die Kunst und Antiquitäten GmbH nachzulesen.

Die Zeit der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli fällt in die Zeit der Profilierung des Bereiches Kommerzielle Koordinierung im damaligen Ministerium für Außenhandel der DDR, das am 1. Oktober 1966 gegründet wurde (ab 1968 umbenannt zum Ministerium für Außenwirtschaft der DDR). Dies wurde über die Abteilung XVIII/7 des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR abgesichert. Unter der Leitung von Alexander Schalck-Golodkowski ab Anfang 1967 im Rang eines Oberst des Ministeriums für Staatssicherheit und gleichzeitig Offiziers im besonderen Einsatz (Oibe) hatte dieser Bereich umfängliche Befugnisse und nahezu freie Hand, um eigenmächtig agieren zu können. Gemäß der
Verfügung 61/66 des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Willi Stoph, vom 1.4.1966 hatte der neu zu schaffende Sonderbereich im Außenhandel die Durchführung der kommerziellen Beziehungen mit Religionsgemeinschaften und anderen Institutionen zu leiten und u.a. die Sicherung des einheitlichen handelspolitischen Auftretens zu bewerkstelligen.

Allein die Intrac Zentral-Kommerz beschäftigte laut Schalck-Golodkowskis Dissertation aus dem Jahre 1970 im Jahre 1968 83 Mitarbeiter, die laut Plan bereits für 1970 mehr als verdoppelt werden sollten. Dabei sind Auslandsspitzel in der ehemaligen Bundesrepublik und in West- und Nordeuropa nicht mit eingerechnet.

Schließlich war das Aufgabenfeld die Technologie- und Devisenbeschaffung sowie die Expansion in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Folglich wurden genaue Analysen erstellt, auf welchen Gebieten Märkte erschlossen und Gelder erwirtschaftet werden können. All dies kann in der Dissertation Schalck-Golodkowskis nachgelesen werden.

Die direkte „Kommerzialisierung“ bezüglich Kunst erfolgte erst im Jahre 1973 mit der Gründung der „Kunst und Antiquitäten GmbH“, womit der spätere Generaldirektor Horst Schuster (ab 1967 Informeller Mitarbeiter zur politisch-operativen Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereiches (IMS), ab 1973 Informeller Mitarbeiter mit Feindverbindung (IMB)) betraut wurde.

Da Horst Schuster im Jahre 1983 aus der DDR floh, sind von ihm ausführliche Informationen in den Köppe-Bericht eingeflossen, die die Verflechtungen in der damaligen Situation verständlicher darstellen. Insbesondere bestanden feste Verbindungen zwischen dem Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR und dem Ministerium für Staatssicherheit. Bezüglich der Kunst bedeutet das z.B., daß zweimal jährlich Zusammenstellungen leicht verkäuflicher Antiquitäten für den Militärischen Nachrichtendienst der DDR angefertigt wurden. Diese Antiquitäten wurden u.a. in die Bundesrepublik geliefert z.B. als Entgelt für Agenten.

Auch wenn diese „Kommerzialisierung“ im Jahre 1968 noch nicht so ausgeprägt war, d.h. noch nicht z.B. die gezielte Enteignung und Entrechtung von Kunstsammlern in der DDR betrieben wurde, so waren diese Koordinierungen allein durch die funktionale Arbeitsteilung und personellen Verflechtungen zwischen den parallel und selbständig arbeitenden Einheiten der Militärspionage und der Staatssicherheit stets gegeben.

D.h. für bestimmte Aufgaben mußte man im Bereich der Kommerziellen Koordinierung auf speziell ausgebildete Fachkräfte zurückgreifen. Sicherlich wird keiner der Intrac-Mitarbeiter in Schutzkleidung in die Grüfte der Universitätskirche St. Pauli abdelegiert worden sein. Dazu bedurfte es anderer Kräfte.

Hinsichtlich der Delegationen, die am Wochenende vor der Sprengung extra die Reise nach Leipzig antraten, um die Geheimaktion zu besichtigen, zu beaufsichtigen bzw. zu kontrollieren, konnten auch Mitarbeiter aus diesen Reihen vergattert werden.

Die Auswertung aller Amateurfotos, die an diesen Tagen rings um die Universitätskirche gemacht worden sind, ist noch nicht erfolgt. Es bestehen aber gute Chancen, daß hierbei auch diese kenntlich gemacht werden können. Gerade am Sonntag, den 26. Mai 1968 besuchten viele ahnungslose Bürger die Stadt Leipzig, die es sich verständlicherweise nicht nehmen ließen, das abgesperrte Gebiet unauffällig abzulichten.

Den offiziellen Hinweis, daß hier Interessen der HV A mit hineinspielten, lieferte der damalige Rektor, Prof. Ernst Werner, der in einem Artikel, wonach die Universitätskirche nicht „automatisch“ hätte zerstört werden müssen (UZ/37 vom 10.11.1990), vermerkte, daß das schwedische Kö­nigshaus zugunsten der Kirche intervenierte und auch die Übernahme zusätzlicher Kosten zusicherte. Dazu ist anzudeuten, daß tatsächlich mindestens 27 schwedische Bürger in der Paulinerkirche begraben waren, wobei man damals sicherlich nicht wußte, daß die meisten in einer Kapelle begraben worden waren, die 1968 nicht mehr existierte.

Wer dann tatsächlich an dem Geschäft mit der HV A beteiligt war, müßte aktenkundig vermerkt sein. Auf jeden Fall hatten alle Bereiche des MfS ein ureigenes Interesse an derartigen Geschäften, da damit laut Aussagen von Horst Schuster ihre operative Arbeit finanziert wurde.

Kultur war zudem immer ein gutes Bindeglied zum Aufbau von Beziehungen im Bereich der Außenwirtschaft und des Waffenhandels der DDR. Spätestens mit dem Jahre 1990, als die Bevölkerung des Bezirkes Rostock mit der Besetzung des zur IMES gehörenden, der MfS-Abteilung BCD unterstehenden Waffenlagers Kavelstorf mitbekam, daß der Waffenhandel ein blühendes Geschäft der „friedliebenden“ DDR war, und wo der normale Bürger als FDGB-Mitglied merkte, daß gespendete „Soli-Gelder“ wohl alles andere als solidarisch angelegt worden waren, wurde offenkundig, daß mit den offiziell propagierten Anliegen der SED wohl einiges in der Realität nicht stimmte.

Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang, daß elf Tage nach der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli eine „Verordnung zum Schutze des deutschen Kunstbesitzes und des Besitzes an wissenschaftlichen Dokumenten und Materialien vom 2. April 1953 (GBl., S. 522; Ber. S. 576) in der Fassung des Anpassungsgesetzes vom 11. Juni 1968 (GBl.. I., S. 242; Ber. GBl. II., S. 827)“ erlassen wurde.

Die Verordnung regelt die Ausfuhr von Kunstwerken und von wissenschaftlichen Dokumenten und Materialien von allgemeinem kulturellen Wert oder von Gegenständen besonderer historischer Bedeutung aus der Deutschen Demokratischen Republik.

Somit kann zweifelfrei aufgrund von Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, des Ministeriums für Außenhandel der DDR sowie eventuell weiterer Beteiligter festgestellt werden, was mit dem Erbe bzw. dem Kulturgut aus der Universitätskirche St. Pauli geschah bzw. wo dies sich befindet.

Warum dies bisher wie vieles andere unterdrückt wurde, soll im nächsten Punkt erläutert werden.

4.2.0 Transparenz - Kaderstrukturen

Altkader

Die Frage ist zuerst: Wie kann man als Außenstehender die entstandene Situation in Leipzig begreifen?

Der einfachste Ansatz dafür liegt jedermann mit den Überprüfungsbögen vor, wie sie offiziell verwendet wurden bzw. noch verwendet werden.

Im Unterpunkt kann man sich davon überzeugen, was man als Mitarbeiter an der Universität Leipzig in den neunziger Jahren erklären mußte und was derzeit für eine Verbeamtung im Freistaat Sachsen (als Beispiel TU Freiberg bzw. TU Dresden) notwendig ist. Man beachte, daß in der Verwaltungsvorschrift des Sächsischen Staatsministeriums des Innern zur Prüfung der persönlichen Eignung für das Beamtenverhältnis vom 21. Juni 2004 im Artikel II nur vermerkt ist, daß, wenn der Bewerber eine „vergleichbare“ Erklärung bereits unterschrieben hat, eine nochmalige Erklärung nicht erforderlich ist. D.h. es ist nicht explizit ausgewiesen, daß jeder gemäß der erkenntnismäßig angepaßten Erklärungsbögen überprüft wurde.

Da diese Formalien manchem sicherlich wenig illustrativ sind, sollen einige wichtige der Strukturen kurz erläutert werden.

4.2.0.1 Transparenz - Fragebogen Anfang der 90er Jahre

Anlage 1 zum Arbeitsvertrag

Erklärung zur MfS-Tätigkeit

1. In Ergänzung zu den von mir auf dem Personalbogen beantworteten Fragen zu einer früheren Tätigkeit beim Ministerium für Staatssicherheit oder beim Amt für nationale Sicherheit und zu Funktionen in Parteien oder Massenorganisationen bin ich darüber belehrt worden, daß auch nach
den Regelungen des Einigungsvertragsgesetzes ein wichtiger Grund für eine außerordentliche Kündigung insbesondere dann gegeben ist, wenn der Arbeitnehmer

- gegen die Grundsatze der Menschlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit verstoßen hat, insbesondere die im internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte vom 19. Dezember 1966 gewährleisteten Menschenrechte oder die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
vom 10. Dezember 1948 enthaltenen Grundsätze verletzt hat oder

- für das frühere Ministerium für Staatssicherheit/Amt für nationale Sicherheit tätig war

und deshalb ein Festhalten am Arbeitsverhältnis unzumutbar erscheint (Anlage I Kap. XIX Sachgebiet A Abschnitt III Nr. 1 Abs. 5 des Einigungsvertrages).

2. Ich bin damit einverstanden, daß eine weitere Überprüfung durch die dafür zuständige Dienststelle vorgenommen wird.

3. Ich bin mir bewußt, daß in diesem Zusammenhang die wahrheitswidrige Beantwortung von Fragen oder das Verschweigen von Tatsachen als arglistige Täuschung gewertet wird und den Arbeitgeber zu einer außerordentlichen Kündigung auch außerhalb der Probezeit berechtigt.

Ort, Datum Unterschrift

4.2.0.2 Transparenz - Erklärungsbogen 2006

Erklärung

Name, Vorname

wohnhaft:

Diese Erklärung ist vom Bewerber/der Bewerberin nur dann auszufüllen, wenn er/sie am 12. Januar 1990 das 18. Lebensjahr bereits vollendet hatte.

Die Fragen 1 bis 4 nehmen Bezug auf eine Tätigkeit für das MfS und weitere Institutionen. Diese Fragen sind mit „nein“ zu beantworten, wenn eine solche Tätigkeit bzw. solche Kontakte vor dem 31. Dezember 1975 beendet waren.

1. Haben Sie jemals offiziell oder inoffiziell, hauptamtlich oder sonst wie für das Ministerium für Staatssicherheit / Amt für Nationale Sicherheit oder für die Abteilung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR oder für das Arbeitsgebiet I der Kriminalpolizei der DDR gearbeitet oder deren Tätigkeit in irgendeiner Form unterstützt?

ja nein

Wenn ja:
In welcher Weise?
Wo?
Von wann bis wann?
Aus welchen Gründen wurde die Tätigkeit beendet?


2. Haben Sie Zuwendungen oder Auszeichnungen von einer der in Nummer 1 genannten Stelle erhalten?

ja nein

Wenn ja:
In welcher Art und in welcher Höhe?


3. Haben Sie sich gegenüber einer der in Nummer 1 genannten Stellen zur Mitarbeit bereit erklärt?

ja nein

Wenn ja:
In welcher Form?


4. Haben Sie dienstlich, aufgrund gesellschaftlicher Funktionen oder sonst wie Kontakt zu den in Nummer 1 genannten Stellen gehabt?

ja nein

Wenn ja:
In welcher Weise?
Wo?
Von wann bis wann?
Aus welchen Gründen wurden diese Kontakte beendet?

Wurden Sie in der ehemaligen DDR in eine Funktion, die der Kadernomenklatur oder Kontrollnomenklatur unterlag, berufen? Waren Sie als Nomenklaturkader oder als Reservekader für Nomenklaturfunktionen verpflichtet?

ja nein

Wenn ja:
Welche Funktion?
Wo?
Von wann bis wann?


6. Hatten Sie vor dem 9. November 1989 Mandate oder herausgehobene Funktionen in oder für politische Parteien oder Massenorganisationen (FDGB, FDJ, DFD, VdgB, KB, GST) der DDR inne? Hatten Sie in dieser Zeit eine sonstige herausgehobene Funktion in der DDR?

Ab folgender Ebene kann in der Regel von einer herausgehobenen Funktion ausgegangen werden:

- Vorsitzende einer Massenorganisation ab Betriebs- oder Behördenebene,
- SED-Parteisekretäre ab Kreisebene,
- Vorsitzende und Sekretäre der Führungsgremien der Parteien ab Kreis- oder Stadtkreisebene,
- Vorsitzende und Sekretäre der Führungsgremien der gesellschaftlichen Organisationen ab Kreis- oder Stadtkreisebene,

Als herausgehobene Funktion ist ferner eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an den Bildungseinrichtungen der Parteien oder der Massenorganisationen anzusehen.

ja nein

Wenn ja:
Welche Funktionen, Mandate, Stellungen?
Wo?
Wann?


7. Waren Sie Angehöriger der bewaffneten Organe oder der Betriebskampfgruppen?

ja nein

Wenn ja:
In welcher Funktion?
Bei welcher Einheit?
In welchem Zeitraum?


8. Waren Sie in der ehemaligen DDR B-Beauftragter oder als Kader in die B-Struktur integriert?

ja nein

In welcher Funktion?
Von wann bis wann?


9. Haben Sie eine Parteischule absolviert?

ja nein

Wenn ja:
Welche?


10. Waren Sie vor dem 9. November 1989 in einer staatlichen oder gemeindlichen Dienststelle, in einem Betrieb oder in einer Institution in der DDR oder für eine solche oder eine solche außerhalb der DDR in herausgehobener Funktion tätig?

Als herausgehobene Funktion gelten insbesondere:
- Vorsitzende der Räte der Bezirke und Kreise einschließlich deren erste Stellvertreter,
- Mitglieder der Räte der Bezirke und der Kreise und Stadtbezirke,
- Leiter der Abteilungen der Ministerien und der Räte der Bezirke,
- Leiter der Abteilungen Inneres sowie Kader für Bildung der Räte der Kreise und Stadtbezirke,
- Kombinates-, Instituts- und Betriebsdirektoren,
- Oberbürgermeister und deren erste Stellvertreter,
- leitende Mitarbeiter in Außenhandelsbetrieben,
- Botschaftspersonal und Personal anderer diplomatischer Vertretungen und Handelsvertretungen,
- Mitglieder der Bezirks- und Kreiseinsatzleitungen.

ja nein

Wenn ja:
In welchem Betrieb, welcher Dienststelle / Institution?
Welche Tätigkeit?
Wo?
Wann?


Wenn der Raum für Ihre Antworten auf diesem Vordruck nicht ausreicht, fügen Sie bitte ein zusätzliches Blatt bei.

Hinweis:

Die Bejahung einzelner oder mehrerer Fragen führt nicht notwendig zu einer Ablehnung der Verbeamtung/Einstellung. Die umfassende, wahrheitsgemäße Beantwortung vorstehender Fragen ermöglicht dem Dienstherrn eine sachgerechte Einzelfallentscheidung, auf die jeder Bewerber einen Anspruch hat. Eine unvollständige oder unwahre Beantwortung führt im Regelfall zur Rücknahme der Beamtenernennung oder zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses.

Ich erkläre mein Einverständnis mit der Heranziehung und Nutzung etwaiger über mich vorhandener personenbezogener Daten aus den Unterlagen der Zentralen Beweis- und Dokumentationsstelle der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter (seinerzeit mit der Erfassung von strafrechtlich relevanten Menschenrechtsverletzungen in der DDR beauftragt), den Unterlagen des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit / Amt für Nationale Sicherheit der DDR zum Zweck der Einsichtnahme durch den Freistaat Sachsen gemäß §§ 19 bis 21 Stasi-Unterlagengesetz (StUG) vom 20. Dezember 1991 (BGBl. I S. 2272).

Ich bin damit einverstanden, dass meine Personalakten/Kaderakten beigezogen werden.


Ort, Datum Unterschrift ...............................................


Bitte mit Computer oder Schreibmaschine ausfüllen!

Erklärung über die Wohnanschriften seit 1975 zur Vorlage beim Bundesbeauftragten für die personenbezogenen Daten des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes

Name

bisher geführter Familienname(n)

Geburtsname

Vorname(n)

Geburtsdatum/
DDR-Personenkennzahl

Wohnanschriften seit 1975, bzw. seit dem 18. Lebensjahr, bis 1989 (auch Nebenwohnungen)
von/bis
PLZ (alt)
Wohnort
Straße/Hausnummer

4.2.1 Einzelne Kaderrubriken

Die Entwicklungen um das Jahr 1989 und folgende müssen gelegentlich einmal neu geschrieben werden.

Schließlich existierten in der ehemaligen DDR hoch entwickelte Spitzelapparate, die strategisch und taktisch angelegt waren und deren Aufgabe letztendlich darin bestand, unter Führung der SED den Sieg des Sozialismus weltweit durchzusetzen und zur Vollendung des Kommunismus beizutragen.

Sicherlich gerät mancher ins Stocken, so einen Satz wieder mal vor Augen zu haben, denn zwischen dem idealistischen Anspruch und den Realitäten war, wie sich insbesondere für die gelernten DDR-Bürger später herausstellte, oft ein himmelweiter Unterschied. Da jedoch diese Kluft bis heute kaum überwunden ist, entsteht leicht eine Fehlgleichsetzung bezüglich der Strukturen und Aufgaben der Geheimdienste. Aus diesem Grunde bedürfen bestimmte Einzelgliederungen, die in den Erklärungsbögen genannt werden, einer Erläuterung.

Dabei muß man sich vorstellen, daß mit der „Wende“ einem gewaltigen personellen Apparat der Boden entzogen wurde, so daß das Heer der Informellen Mitarbeiter in die Führerlosigkeit entlassen werden mußte. Natürlich traf dies nicht alle Strukturen in gleicher Weise. Und daher seien einige näher vorgestellt, bevor dies am Beispiel der Universitätskirche St. Pauli und der bisher gezielten Verhinderung des Wiederaufbaus erläutert wird.

4.2.1.1 B-Strukturen bzw. B-Kader

Ursprünglich waren B-Strukturen gemäß einer Direktive des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR aus dem Jahre 1967 für den Verteidigungsfall vorgesehen. D.h. die Sicherheitspolitik der SED war so ausgerichtet, daß, falls es zu einem Ausnahmezustand in der DDR kommt und die bestehende (A-) Struktur (also SED-Struktur) abtauchen muß oder aus sonstigen Gründen nicht mehr Herr der Lage ist, eine komplette Bereitschaftsstruktur existiert, die den Herrschaftsanspruch der SED unter anderen Vorzeichen bzw. in Notsituationen weiterhin garantiert, so daß zu gegebener Zeit wieder die A-Kader ans Ruder kommen können.

Diese B-Strukturen bestanden (vorwiegend) nicht aus SED-Mitgliedern, sondern aus Blockparteimitgliedern und auch Parteilosen, vorwiegend bestimmtem Fach- bzw. möglichem Führungspersonal.

Für die B-Strukturen wurden recht unterschiedliche Kader requiriert. Diese konnten Personen sein, deren SED-Kandidatur z.B. abgelehnt worden war oder die sich in irgendeiner Weise besonders hervortun bzw. etwas Besonderes sein wollten. Dazu gab es in der ehemaligen DDR ausreichend Möglichkeiten.
Schließlich mußten die Bürger aus den verschiedensten Gründen ruhiggestellt werden bzw. brauchte man zunehmend Personal, das entsprechend vergattert werden konnte.

Dies erschloß sich daraus, daß möglichst jeder in einem entsprechend bedeutungsvollen Betrieb irgendwie eingebunden und verfügbar war bzw. selbst im Wohnumfeld alles unter Kontrolle stand.

D.h. wenn z.B. im Leipziger Umland Kernwaffen wie die SS-20 aufgestellt wurden, brauchte es natürlich einer kontrollierten Infrastruktur, wo kein Bürger „aus der Reihe tanzte“. D.h. nicht alles mußte dann die SED machen.

Ebenso brauchte man vergatterungsfähige Kader in DDR-Betrieben, weil immer mehr Devisen erwirtschaftet werden mußten, gleich ob in der erdölverarbeitenden Industrie, im Waffenhandel oder in der Lieferung ganzer Chemieanlagen für die rauschgiftverarbeitende Industrie u.a. nach Mittelamerika. Gleiches gilt für den damals aufkommenden und sehr umfangreichen Sektor der Computerindustrie.

Die B-Strukturen wurden gesondert geführt. Sie fielen demnach nicht unter die Kategorie Informeller Mitarbeiter, weil sie ihrer Aufgabe entsprechend in andere Befehlsstrukturen eingewiesen wurden.

Ihr Nachteil besteht darin, daß sie jährlich zu überprüfen waren bzw. durch die Abteilung Sicherheitsfragen der SED fortwährenden Einschätzungen unterlagen. D.h. diese sind auch weiterhin erpreßbar, weil sie 1989 mit Vorbedacht ausgesandt wurden und mit Sicherheit Unterlagen über sie an „geeigneten Stellen hinübergerettet“ wurden. Irgendwo werden sicherlich nicht nur die Listen der B-Strukturen existieren, sondern auch die jeweiligen Einschätzungen, die im Bedarfs- oder Notfall gezogen werden, damit die Leute nicht aus der Reihe tanzen.

4.2.1.2 Transparenz - Hauptabteilungen des MfS

Gemäß dem Organigramm des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gab es eine ganze Menge Hauptabteilungen und Abteilungen, die sich mit Themen befaßten, die nicht nur politisch und ideologisch zukunftsorientiert an der Karl-Marx-Universität Leipzig betrieben wurden.

So fallen hierunter die Hauptabteilung X für Internationale Verbindungen, die Hauptabteilung II für Spionageabwehr sowie innerhalb der eigentlich zuständigen Hauptabteilung Aufklärung (HV A) die Sektoren Wissenschaft und Technik, die Politische Aufklärung BRD und die Sabotagevorbereitung sowie die Residenturen in anderen Ländern inklusive Schulung und Betreuung.

Zwar wurden hunderte Tonnen von Aktenmaterial vernichtet, worunter der Gesamtbestand der HV A war, aber wie das mit den Rosenholz-Dateien so ist oder anderen fehlzugeordneten Beständen, niemand derer kann sich sicher sein, da gewiß auch hier noch einige Mitarbeiter ihre „Lebensversicherung“ irgendwo sicher eingelagert haben und umfangreiches Material mit unbekanntem Ziel aus Objekten diverser Abteilungen 1989/90 ausgelagert wurde. D.h. auch hier ist die Erpreßbarkeit gegeben, da nicht nur interne Schulungen und Ausbildungen, geheime Treffs und Einweisungen sowie Geheimhaltungsunterlagen diese Kader auch personell verquickt.

Für diesen Zusammenhang ist das insofern wichtig, wie aus den Erklärungsbögen hervorgeht und aus diversen Listen zu Gehältern und Rentenansprüchen, daß auch damals junge Kader dabei auftauchen, die noch bis in die 30er Jahre dieses Jahrhunderts im Erwerbsleben stehen.

Während B-Strukturen eher als perspektivische Leitungskader der Praxis aufgebaut wurden, galt die Kaderausrichtung für die HV A und anderer Hauptabteilungen des MfS eher der Unterwanderung von Wissenschaft und Technologie über Hoch- und Fachschulen der DDR ins Ausland. Schließlich war es notwendig, in allen Wissenschaftsbereichen die Kontakte in die nichtsozialistische Welt, insbesondere der ehemaligen Bundesrepublik, gezielt und kontrolliert auszubauen. Die Karl-Marx-Universität Leipzig hatte allein schon durch ihren Namen (Karl Marx hätte sich im Grabe herumgedreht, wenn er diesen degenerierten Spitzelschwachsinn geahnt hätte) die Verpflichtung, diesem „alle Ehre“ zu erweisen. Nach dem Neubau des Universitätskomplexes, der u.a. die Universitätskirche für immer aus dem Gedächtnis der Kulturwelt löschen sollte, folgte der Neubau eines der größten Stasikomplexe, ebenso auf historischem Boden, der die Geschichte der im Kriege zerstörten Matthäikirche tilgen sollte.

4.2.1.3 Transparenz - KGB & Co.

Wer für den KGB oder andere osteuropäische Spitzeldienste tätig war, konnte natürlich wie aus der Pistole geschossen auf die Frage, ob er jemals von der Stasi angesprochen wurde, im Brustton der Überzeugung mit einem eindrucksvollen „Nein“ antworten und dann über irgendwelche belanglosen Erlebnisse oder über „Heldentaten des Widerstandes“ erzählen.

Zweifelsfrei war es so, daß die befreundeten osteuropäischen Geheimdienste ihre Mitteilungen nach Bedarf austauschten. Und sicherlich war es auch so, daß, wenn jemand dachte, er würde seine Berichte für den bulgarischen Nachrichtendienst schreiben, eine ganz andere Geheimorganisation am Ende der Leitung war. Aber im Endeffekt blieb dieses ethisch fragwürdige Verhalten gleich.

Entscheidend für die Universität Leipzig war ja nur, daß diese Kategorie in den damaligen Erklärungen gar nicht auftauchte und somit das Beziehungsgeflecht nachrichtendienstlicher Tätigkeiten im Wissenschaftsbetrieb ungestört weiterlaufen konnte. D.h. auch, wer in diesem Bereich involviert war bzw. in deren Nomenklaturlisten als bewährter Kader vertreten war, hatte natürlich gute Chancen, über diese Verbindungen und die Partner weiterhin protegiert zu werden.

Auch in diesen Fällen ist es so, daß Aktenbestände – wenn auch nicht in unterschiedlicher Reichweite – sicherlich früher oder später auftauchen werden.

4.2.1.4 Transparenz - Weitere Kader

Sicherlich ist die Aufstellung der Kadereliten hiermit nicht abgeschlossen. Schließlich hatten alle Hauptabteilungen des MfS ihre Spezifiken, Ansprüche und Geltungsbedürfnisse, weshalb dieses Spitzelsystem den Staat DDR selbst auffraß und der Zusammenbruch nur noch eine Frage des Zeitpunktes war. Aber gleich ob die Abteilung M, wo im Bereich Physik der Karl-Marx-Universität nachweislich Kader herangezogen wurden – es wird weitere geben.

Da die aufgezählten Kaderchargen bisher nicht den Mut und die Ehrlichkeit aufbrachten, die Offenlegung der Strukturen vorzunehmen und sich in einen demokratischen Rechtsstaat einzufügen, wird die Gesundung gesellschaftlicher Gefüge weiter verschleppt. Denn mit Vertuschung, Verharmlosung, Verdrängung und Opferbeschimpfung wird dieses Unrecht bis heute weitergeführt.

Unter diese Kaderrubrik fallen zumindest auch die Freiwilligen und Unbekannten Mitarbeiter, die nicht unterschreiben mußten. Im Bedarfsfall gehorchte schließlich jedes SED-Mitglied dem Machtinstrument der eigenen Partei, dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Hierzu zählt auch die Kategorie der Rückrufaktion. D.h. Westspitzel der ehemaligen DDR, die nach der Wende in den Osten Deutschlands kamen. Aber für das Verständnis der folgenden Zusammenhänge sei dies an dieser Stelle genug.

4.3 Transparenz - Stasi-Metamorphosen ab 1989

Die kurze Nennung der unterschiedlichen Spitzelbereiche mag verständlich machen, daß in Leipzig Spannungsfelder existieren, die einzigartig für die ehemalige DDR waren und weiterhin sind. Dieses Profil begründete sich u.a. darin, daß zweimal jährlich zur Frühjahrs- und zur Herbstmesse der „Klassenfeind“ direkt in Leipzig vor Ort war und folglich entsprechende „Kräfte“ sich dauerhaft in der Messestadt konzentriert und eingerichtet hatten.

Dies hatte zweifellos gravierende Auswirkungen auf alle Prozesse, die heute mit dem Begriff „Wende“ bzw. „friedliche Revolution“ in Verbindung gebracht werden.

In Wirklichkeit gab es in Leipzig einzigartige Anstrengungen, damit der Unterdrückungsapparat der SED unter anderen Bedingungen weiter wirken kann. Dies wird heutzutage oft mit dem Begriff „Filz“ verniedlicht und verharmlost. In Wahrheit geht es um das weitere Agieren und um Macht geheimdienstlich geschulter bzw. abhängiger Kader zur Ausnutzung eines demokratischen Rechtsstaates.

D.h. mit dem Jahre 1989 geschah nicht etwa eine bloße Abwicklung ehemaliger DDR-Strukturen, sondern es vollzog sich eine organisierte und gezielte Einbringung in alle Entwicklungen im Zuge der Deutschen Einheit.

In bestimmten Führungskreisen war der unaufhaltsame Zusammenbruch der DDR längst vor dem Jahre 1989 bekannt. D.h. die Entwicklungen im Jahre 1989 selbst waren nichts derart Unerwartetes, daß man dann Hals über Kopf alles fallen ließ. Und somit hielt man zwar einerseits am Erhalt der DDR fest, während man andererseits selbst in Stellung ging, um das, was danach auch immer kommen möge, weiter bzw. wieder zu bestimmen, d.h. die „Flucht-nach-vorn-Bewegung“ trieb ihre ersten seltsamen Blüten.

Viele Dinge daraus lassen sich erst im Nachhinein erklären. Aber diesbezüglich kann jeder seine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und Beobachtungen vergegegenwärtigen und abprüfen. Das heißt, es gab nicht nur Geschehnisse, die öffentlich große Verwunderung auslösten, wie z.B. plötzlich so viele Theologen im großen Stil ihre Tätigkeitsfelder völlig neu aufmischten oder manche DDR-Wissenschaftler sich nicht mehr für fachlich zuständig hielten oder schnell von der Bildfläche in Richtung West verschwanden. Sondern es sind oft die kleinen Details gewesen, wie sich manche aus dem Bekanntenkreis merkwürdig verhielten oder ggf. ganz zurückzogen.

An dieser Stelle muß eingeschränkt werden, daß es im Folgenden nur um einen relativ kleinen Teil der genannten Kaderbreite geht. Für viele von ihnen begann nach der „Wende“ ein häufig äußerst selbstquälerischer Prozeß, weil sie sich dessen zunehmend bewußt wurden, worin sie eigentlich involviert waren, wofür man sie benutzte und was sie angerichtet hatten oder möglicherweise ungeahnt noch hätten anrichten können. D.h. die Lossagung, die Distanz zum ehemaligen Handeln und ggf. der Schlußstrich, nie wieder sich für irgendwelche Spitzeldienste oder bestimmte Ideologien verwenden zu lassen, ist sicherlich häufiger anzutreffen, als man sich das denkt. Und diesen gilt auch Anerkennung, wenn sie es auf sich genommen und sicherlich mühevoll dazu durchgerungen haben, diesen Teufelskreis zu verlassen.

Von ausschlaggebender Bedeutung sind aber eben nur leider jene Kader, die selten selbstbestimmt, sondern im Auftrag bzw. mit bestimmten Zielstellungen in die Wende „entlassen“ wurden.

Bestimmt ist manchem noch im Ohr, wie nach der Wende lauthals behauptet wurde, daß es Mord und Totschlag gäbe, wenn vieles bekannt werden würde. Nichts dergleichen ist geschehen. Das Einzige, was tatsächlich die Situation seit 1989 kennzeichnete, ist die Friedfertigkeit der Bürger.

Und so gilt der Blick jenen Kaderchargen, die nach der Wende überall auftauchten, sondierten und beobachteten, wo es was zu gewinnen gab, wo Einfluß genommen werden konnte, in welchen Ämtern, Vereinen, Organisationen, Parteien neue Schaltstellen zu besetzen waren u.v.a.

Natürlich wurden die Spitzelstrukturen ziemlich durcheinandergewürfelt, es kam zu Überschneidungen und anderweitigen Störungen, weil z.B. viele IMs aufflogen und durch HVA-Leute, B-Strukturen oder Alt-SED-Kader zu ersetzen waren.

Schließlich mußten ja auch notgedrungen ahnungslose „Wessis“ vereinnahmt werden. Man mußte „Vertrauen gewinnen“ und sich durch Schulterschluß unverzichtbar machen. Für jene, die mit nachrichtendienstlichem Know-how das Spitzeln gelernt hatten, war es sicherlich leicht, dies unter neuen Voraussetzungen weiter zu betreiben. Nach den postenmäßigen Absicherungen galt es dann, die Verflechtungen neu zu stabilisieren, sich nicht ins Gehege kommen, möglichst wenig zu kommunizieren, damit es nicht auffällt und untereinander die Claims abzustecken. Jeder sollte möglichst „sein eigenes abgesichertes Königreich“ bekommen. Größtmögliche Intransparenz als Zwischenstation für den Fall des Falles…

Unter dieser Prämisse wird vielleicht verständlich, warum gerade in Leipzig vieles im Argen liegt…

4.4 Transparenz - Themenabgrenzung

Sicherlich kann sich mancher schon denken, daß sich an dieser Stelle die Kapitel anschließen müßten, die erklären, warum nach der Wende im Raum Leipzig Milliarden DM an Steuergeldern in fragwürdige Projekte flossen bzw. welche Kader an welchen Stellen dafür sorgten, daß von ganzen „Stasibeköstigungsprogrammen und -instituten“ im Volksmund die Rede ist.

Interessant sind auch die Wechselseitigkeiten und Abhängigkeiten, wenn es um die Frage von Projekten, Aufträgen und Strukturentwicklungen ging. Schließlich hätte die wirtschaftliche Entwicklung durchaus regional gesunden können (sicherlich hatte Leipzig viel bessere Voraussetzungen im Vergleich zu Dresden und Chemnitz…).

Zugleich stellen sich viele Fragen, welche Kader in Parteien „delegiert“ wurden…

Aber das sind alles Themen, die eigentliche Fragestellung übersteigen, weshalb ich an dieser Stelle abgrenze und wieder auf den Wiederaufbau der Leipziger Universitätsbauten zurückkomme.

4.5 Transparenz - Schuld

Nach den bisherigen Erkenntnissen waren an der direkten, generalstabsmäßig angelegten Aktion der Zerstörung der Leipziger Universitätsbauten beteiligt:

Rat des Bezirkes Leipzig

Dieser fungierte als Schaltstelle zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR, dem Apparat der SED und den Ausführenden zur Umsetzung der Vernichtungsaktion. Hier erfolgten die Absprachen zur Ausführung mit den beteiligten Betrieben wie BMK Süd, VEB Baukombinat Leipzig sowie sämtlicher weiterer notwendig beteiligter Betriebe.

Rat der Stadt Leipzig nebst Verwaltungsapparat, Stadträten und Abgeordneten

Nicht nur die Abgeordneten vollzogen den Akt der Kulturbarbarei, der auf der Stadt bis heute lastet. Es wurden auch Mitarbeiter für die Beaufsichtigung der Geheimaktion rekrutiert. Dies geht bis hin zu der Beteiligung der Verwaltungsspitzen, die vom Turm der Nikolaikirche aus die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli verfolgten.

Karl-Marx-Universität Leipzig

Neben der umfangreichen Agitation und Propaganda gehörte die Einschüchterung der Studenten und Mitarbeiter zu den wichtigsten Aufgaben der Kreisleitung der SED der Karl-Marx-Universität. Zudem mußten umfangreiche Maßnahmen ergriffen werden, so daß z.B. Studenten ausgeschaltet wurden, indem sie zur Sprengungszeit zu schriftlichen Arbeiten vergattert und eingeschlossen wurden. Es war also ein universitätsinterner Repressionsapparat vorhanden – den perspektivischen parteitreuen Profiteuren der Sprengung innerhalb und außerhalb der SED.
Wie aus entsprechenden Akten hervorgeht, waren leitende Universitätsmitarbeiter an der Geheimaktion beteiligt. Die Universitätsleitung und ausgewählte Mitarbeiter spielten eine aktive Rolle bei der Vernichtung von Kulturwerten der eigenen Universität.

Selbstverständlich wurde das Ganze ebenso propagandistisch begleitet durch die Lokalpresse, die offensiv die Kulturbarbarei propagierte und die Bürger mit Desinformationen eindeckte.

Die Vorgänge, wer konkret in welchem Zusammenhang beteiligt war bzw. davon wußte, ist bis heute nicht aufgeklärt. Es gab bisher keine einzige unabhängige Untersuchungskommission zur Aufklärung dieses Kulturverbrechens, geschweige denn irgendeine Wiedergutmachung.

Auswärtigen ist damit sicherlich verständlich, daß auf all diesen Ebenen kein Interesse besteht, dieses Verbrechen aufzuklären.

Die SED-Mitglieder, sofern sie nicht speziell IMs waren, sind in den Einrichtungen zum Teil noch bis heute verblieben. Teilweise wechselten sie wie an der Universität Leipzig nur die Bereiche bzw. Verwaltungsposten. Die Netze der Spitzelchargen gemäß Punkt 4.2 können weiter ungestört „wissenschaftlich“ konspirierend auf Staatskosten das Meinungsbild bestimmen.

Es ist nicht Sache dieses Beitrages, ins konkrete Detail zu gehen. Aber die Zusammenhänge gerade für die Geschichtsklitterung in Vorbereitung des Wettbewerbes wird verständlicher, wenn man bedenkt, daß z.B. Kader aus dem ehemals verantwortlichen Rat des Bezirkes Leipzig wieder in neuen Strukturen wie dem Regierungspräsidium, dem Staatshochbauamt u.a. Einrichtungen, möglicherweise auch in Staatsministerien, auftauchten. Um es noch einmal zu betonen, es geht hier nicht darum, jemanden „an sich“ anzuprangern, sondern es ist schlichtweg untragbar, daß damalige Verbrechensbeteiligte und profitierende Mitwisser mit ihrer Haltung erneut Machtmißbrauch betreiben dürfen und geheimdienstliche Nachwendestrukturen wieder weiteren Schaden anrichten und ihre Schuld weiter vergrößern.

4.6 Transparenz - Prüfung

Spitzelkader wie im Punkt 4.2 angedeutet, haben nicht nur in Beamtenstellungen nichts verloren. Die Netze der seit 1989 immer noch nicht aufgedeckten und weiter aktiven Strukturen (bis auf den inzwischen bekannteren hauptamtlichen und IM-Bereich) dürfen nicht weiter die Politik, weder auf Stadt- noch in Landeebene, leiten und bestimmen.

Wenn z.B. im Sächsischen Landtag ein Vertreter einer Partei einer anderen damit droht und später mit einem Schriftdokument zu Protokoll gibt, daß auch diese am Unterdrückungssystem der DDR beteiligt war, so ist doch selbst da eine umfassende Prüfung unerläßlich. Irgendwo müssen doch Kopien der B-Kaderlisten aufzufinden sein, entweder in den Parteiarchiven, bei der BStU oder sonstwo in „Privathand“. Es kann doch nicht sein, daß ein demokratischer Rechtsstaat davon abhängig ist, inwieweit geheimdienstlich geschulte Kader im Landtag agieren und je nach Stimmungslage von irgend jemand von der „unsichtbaren Front“ zurückgepfiffen werden.

Was sollen die Bürger denken, wenn Politiker aus unerfindlichen Gründen plötzlich nicht mehr an ihren Anliegen festhalten? Was sollen sie darüberhinaus erwarten, wenn Mitglieder im Landtag vertretener Parteien in irgendeiner Weise fremdbestimmt sind, die sich aus nichtöffentlichen, „altlastigen“ Abhängigkeiten speisen?

Der Hintergrund bzw. der Abgrund, der sich damit geöffnet hat, ist, daß die Bürger merken, daß ihre demokratischen Anliegen und Interessen hinter intransparenten bzw. geheimdienstlich intendierten Machtgefügen zurückstehen, womit auch Ursachen für Formen des Extremismus gelegt sind…

Gemäß dem heutigen Erkenntnisstand sind gebührende Prüfungen im Sinne von der Prüfung des Sächsischen Staatsministeriums des Innern für das Beamtenverhältnis (gültig bis 29.12.2006) überfällig.

4.7 Transparenz - Exkurs: Der Lackmustest

Die inneren Geschehnisse beim Auflösungsprozeß der ehemaligen DDR sind immer noch nicht schlüssig aufbereitet worden. D.h. immer wieder tauchen einzelne „Stasi-Fälle“ auf, ohne daß das System in den notwendigen Zusammenhängen betrachtet wird. Daher wird es in diesem Punkt einmal darum gehen, die damaligen Abläufe sowohl des Machterhalts der SED mitsamt ihrem damit verbundenen Spitzelkaderbestand als auch die „Flucht-nach-vorn-Bewegung“ verstehen zu lernen.

Prinzip der „Kundschafter der unsichtbaren Front“ war, stets überall dabei zu sein und ggf. möglichst mit an der Spitze der Entwicklungen zu stehen, um diese zu steuern und zu lenken.
D.h. spätestens nach der Frühjahrsmesse 1989 und nachdem zu viele zu den Friedensgebeten der Nikolaikirche anreisten, so daß die Tütchenunterscheidung (damit die Spitzel sich nicht gegenseitig unbekannterweise auflauerten) nicht mehr funktionierte, kamen kaum mehr lösbare Aufgaben u.a. folgende Organe zu:

- HA XX Staatsapparat, Kultur, Kirche – zuständig für den „Untergrund“
- HA A, Zuständigkeitsbereich „Regimefragen“ und Schleusungen
- Zentrale Koordinierungsgruppe für Flucht und Übersiedlung
- HA A Sabotagevorbereitung

D.h. gleichzeitig Leute vom Grenzübertritt in Ungarn abzuhalten, gleichzeitig mit Leute über diese Grenze zu schicken, gleichzeitig zu rufen „Ich will hier raus!“ und gleichzeitig zu rufen „Wir bleiben hier!“ – das war dann doch zuviel, selbst für so einen gigantischen Apparat wie das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Das heißt aber auch, daß dies nicht mehr rückgängig zu machen war und viele Spitzel des Ministeriums für Staatssicherheit mit ihren unterschiedlichen Aufgaben in unterschiedlichsten Positionen und Stellungen nunmehr gebunden waren.

Bei dem sich abzeichnenden Ende der Haltbarkeit der DDR gab es dabei recht unterschiedliche Ausgangslagen. Wo es um außenwirtschaftliche Belange ging, die unter dem Siegel der Verschwiegenheit abgewickelt wurden, war man sich der Situation schon Jahren vorher klar. Folglich stand in diesen Bereichen an erster Stelle die Eigensicherung der Mitarbeiter, die ohne größeres Aufsehen angegangen werden konnte. Es war für diese also nur eine Frage des Zeitpunktes, wann dies tatsächlich in Angriff genommen werden mußte. Spätestens im Frühherbst (September 1989) werden hier die Würfel gefallen sein, Land zu gewinnen.

Anders dagegen war der Fall des umfangreichen Apparates Informeller Mitarbeiter des MfS einschließlich ihrer Führungsoffiziere. Erst mit dem Abschalten der hauptamtlichen Ebene waren sie praktisch dem ausgeliefert, was dann kam. Im Gegensatz zu Mitarbeitern der HV A, deren Akten noch vernichtet werden konnten (und die dennoch ihrer Enttarnung entgegensehen, weil es eben nicht 100%ig funktionierte), stand den Informellen Mitarbeitern eine ungewisse Zukunft bevor. Abgesehen davon trifft das für alle HV A-Leute ebenso zu. Und sicherlich ist es für manchen auch nachteilig, wenn seine Vergangenheit leider tatsächlich „gelöscht“ ist und der Nachweis zur Entlastung fehlt.

Jedenfalls gab es im Zeitraum des Herbstes 1989 bis zum Jahre 1990 zahlreiche Überschneidungen, weil einerseits operativ gehandelt werden mußte, ohne daß man aber anderereits den weiteren Ablauf der Geschehnisse kennen konnte. D.h. so ist es zu erklären, daß zwar einige IM-Kader in Verwaltungsleitungen, Landtagen etc. zwar aufflogen, andere eben nicht. Es liegt also vieles nicht an der Aktenlage, sondern an den unterschiedlichen Strukturen der Stasigeflechte.

In diesen Zeitraum fällt auch die Entscheidung, die B-Strukturen in die Spur zu schicken. Hierzu bedurfte es im Frühherbst eines Beschlusses auf höchsten Ebenen der SED, d.h. im Bereich Sicherheit der SED in Übereinstimmung mit den entsprechend zuständigen Abteilungen des MfS, insbesondere zur Mobilmachung „Innere Sicherheit“.

Der Vorteil der B-Strukturen war, daß diese nicht wie IMs gehalten wurden und sozusagen als Praxiskader verstreut über alle Parteien (d.h. CDU, LDPD, NDPD, DBD) und Massenorganisationen für die SED in Bereitschaft stehen mußten. So bekamen sogar einige zwar im Herbst 1989 ihre Stasi-Akte ausgereicht, aber ihre Registratur, Einschätzungen etc. pp. sorgen sicherlich dafür, daß für den Fall des Falles ihre Karriere früher oder später auffliegt.

Ein beachtenswerter Fall war die Drohung des Abgeordneten der PDS, Klaus Bartl, im Sächsischen Landtag, der ein Papier zur Einbeziehung der DDR-CDU in den Verteidigungszustand offenlegen wollte. Dies erfolgte nicht und wurde u.a. mit geschwärzten Namenslisten zu den Akten gelegt. Das bedeutet aber, daß es über unbezeichnete Kader der im Sächsischen Landtag vertretenen Parteien hinweg ein stilles Einvernehmen gibt, daß die jeweils eigenen Spitzel weiterhin in einem demokratischen Rechtsstaat in Machtstellungen konspirieren können. Damit wird verständlich, daß derartige Kader in den Parteien sich wohl weniger um die Sorgen und Nöte der Bürger kümmern können, weil sie mit entsprechenden Aufträgen und der Angst ihrer eigenen Enttarnung beschäftigt sind.

Es war also im Herbst 1989 wirklich alles im Aufgebot, was die Situation hätte „retten sollen“. Das zog natürlich zwangsläufig Überschneidungen nach sich, da sich die Kader teilweise tatsächlich vorher nicht kannten. Und im Bedarfsfall wurde sogar delegiert, weil der ahnungslose Bürger sicherlich nicht nachprüfen konnte, wenn plötzlich wie „Kai aus der Kiste“ ein redegewandter „toller Hecht“ aus dem Bezirk Neubrandenburg plötzlich im Thüringer Raum auftrat oder es umgekehrt Leute aus anderen Regionen nach Berlin zog.

Aus diesem Grunde konnte man es verschmerzen, wenn unversehens die „Revolutionäre“ aus DDR-Alt-Parteien, „Demokratischem Aufbruch“, SDP und wie sie alle hießen, so schnell aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwanden wie sie gekommen waren. Jeder wird da sicherlich seine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen haben.

Weitere Kader, die später ins Rennen geschickt wurden, konnten nur an den Start gehen, wenn man die Akten vernichtet hatte bzw. zu wissen glaubte, daß keine mehr auftauchen. Oder neue Kader konnten so weit als „neue Seilschaften“ eingebunden werden, daß sie auch ohne belastendes Vorleben von 1989 im Sinne der Spitzel agierten. Auch dafür wird es sicherlich Richtlinien und Szenarien des Ministeriums für Staatssicherheit gegeben haben, in welcher Weise nicht in geheimdienstlich einbezogene Personen für bestimmte Zwecke eingespannt werden.

Wer die Entwicklung über manch merkwürdige Geschehnisse der „Nachwende“ begreifen will, kann dies anhand mehrerer Hilfsmittel selbst bewerkstelligen. Der Erklärungsbogen zeigt schon einiges auf:

- Die Wohnungen vor 1989 (Die Wohnknappheit in der DDR führte zur Kontingentierung, auch die Stasi besaß entsprechende, nicht nur für informelle Treffs). Dazu kommen
- Zeitpunkt des „aktiven Eintritts“ in das Wendegeschehen
- Positionierungsbereiche und Aktivitäten
- Dokumente mit Äußerungen des Betreffenden
- anschließende Profilierung bzw. Festsetzung in Parteien, Funktionen, Firmen, Ämtern etc.
- Biographie (u.a. selbst formulierter Lebenslauf vor der Wende, 1989/90 und danach)

Dazu kommt das je nach Stasiausbildung angelernte Verhalten des scheinbar selbstbewußten offensiven Auftretens, das Meiden, Schweigen, gelegentliche Lügen und Zugeben, nur soweit Beweise vorgelegt werden können.

Natürlich sind bestimmte Verhaltensweisen trainierbar. Ein einfaches Beispiel soll dies erklären. Nehmen wir z.B. einmal die Frage: „Hast Du schon Deine Akten eingesehen?“ Mit der Zeit stellte sich heraus, daß Bürger, die vorwiegend sich nichts vorzuwerfen hatten bzw. etwas über ihre persönliche Benachteiligung wissen wollten bzw. direkt Opfer waren, diese Beantragungsmöglichkeit wahrnahmen. Damit wurde diese Frage unbewußt für viele eine Zugehörigkeits- bzw. Testfrage. Das bedeutet nach diesem Erfahrungswert, daß die Antworten derer, die diesen Umstand ausgewertet haben, sicherlich ihr Antwortverhalten ändern werden, um nicht aufzufallen. Damit können sie allerdings ihr bisheriges Verhalten nicht mehr rückgängig machen. Das bedeutet, vieles läßt sich damit nachträglich nachweisen.

Es gibt somit eine ganze Anzahl von Möglichkeiten und Rastern, bislang nicht aufgedeckte Spitzel zu enttarnen.

Warum dies gemacht werden muß und wie der strukturelle Neuaufbau angelegt wurde, sollen die folgenden Punkte belegen.

4.8 Transparenz - Bürgerlichen Rechtsstaat

Die Friedfertigkeit der Leipziger Bürger wurde bereits von Goethe beschrieben. Und auch den genannten SED- und Stasikreisen hätte man nach 1989 gegönnt, ihren Weg in diesem Sinne zu gehen: „... es stickt unglaublich viel hier beysammen. Die Leipziger sind als eine kleine moralische Republick anzusehn. Jeder steht für sich, hat einige Freunde und geht in seinem Wesen fort, kein Obrer giebt einen allgemeinen Ton an, und ieder produzirt sein kleines Original, er sey nun verständig, gelehrt, albern, oder abgeschmackt, thätig, gutherzig, trocken oder eigensinnig, und was der Qualitäten mehr seyn mögen. Reichthum, Wissenschafft, Talente, Besitzthümer aller Art geben dem Ort eine Fülle die ein Fremder wenn er es versteht sehr wohl geniessen und nutzen kann.“

Aber leider kam dies anders, denn SED, DDR-Blockparteien, Stasi und Nomenklaturkader wollten auch nach 1989 voll in ihrer Macht unter neuen Vorzeichen den Ton angeben. Von diesen angesetzten Kadern zogen sich nur wenige von selbst zurück. Eine ganze Reihe von ihnen flog auf, weil die Aktenordner doch zu dick waren. Andere sitzen weiterhin an maßgeblichen Schaltstellen im Freistaat Sachsen, sei es wie folgend zitiert hochdotiert mit Staatsgeldern oder ehrenamtlich. Es ist sehr aufschlußreich, wie der SPD-Landtagsabgeordnete Karl Nolle dies (Dresdner Neueste Nachrichten vom 11. Mai 2006 und Neues Deutschland vom 13. Mai 2006) formulierte. Nachdem die Bundesrepublik bei der Aufarbeitung von NS-Verbrechen „jämmerlich versagt“ habe, sei auch DDR-Vergangenheitsbewältigung ausgeblieben. In Sachsen seien MfS-Hauptamtliche Beamte geworden: „Da stimmt was nicht.“. Dem kann nur zugestimmt werden. Denn schließlich werden diese ja irgendwie über Personalkommissionen auf diese Posten gehievt worden sein. Und es wäre interessant zu erfahren, über welche Netzwerke und Befürwortungen das lief, welche Klientel sie bedienten und welche Bürger nicht und ob sie nur im Sinne der Verfassung des Freistaates tätig waren oder nicht eventuell Schaden angerichtet haben.

Noch beachtenswerter ist aber die Stimmenenthaltung des gleichen Landtagsabgeordneten zur Abgeordnetenklage gegen den ehemaligen Professor der Universität Leipzig, Peter Porsch, wo dann in der gleichen Argumentationskette ausgeführt wird, daß IM-Tätigkeit zu Mandatsverlust führen könne. Was sind das für Relativierungen? Welcher Partei und welcher Klintel soll dies noch dienen?

Wenn der Freistaat Sachsen gesunden soll, sollte man sich auch in den Parteien von jenen trennen, die unter Klitterung ihrer Biographie und ggf. unter weiterem Einsatz geheimdienstlicher Mittel bzw. nachrichtendienstlicher Konspiration agieren. Das trifft für alle Positionen zu, wo gesellschaftliche Verantwortung als Macht mißbraucht werden kann, gleich ob auf Landes- oder städtischer Ebene.

Sicherlich sind in den Parteien und an vielen anderen Stellen neue Kräfte nachgewachsen und zur Erneuerung bereit, die frei von diesen Altlasten sind, aber gleichzeitig lernen, daß sich ein derartiges Verhalten nicht wiederholen darf.

Gleiches gilt für die Universität Leipzig. In zehn Jahren wird der Einfluß der SED-Altkader und der Wissenschaftsspitzel weiter geschwunden sein, so daß kaum noch die Frage kommen würde, warum denn die Universitätskirche St. Pauli denn nicht wieder aufgebaut werden sollte. Zweifellos ist es für jeden, der heute diesen mißgestalteten Platz kennenlernt, gewöhnungsbedürftig, daß dies mal einer der schönsten Plätze Europas war. Aber er kann es wieder werden, wenn man sich nicht weiter an Negativbeispielen orientiert wie dem funktionsuntüchtigen Uni-Hochhaus sowie den unbrauchbaren Haupt- und Seminargebäuden.

Goethe, der selbst auch die „Akademische Kirche zu Leipzig“ erlebte, und viele Generationen von Wissenschaftlern, Ärzten, Künstlern, Baumeistern, Staatsmännern, Handelsleuten etc. haben uns eine Bau-, Kultur- und Geistesgeschichte übertragen, an der es nun anzuknüpfen gilt.

4.9 Transparenz - Notwendigkeit des Wiederaufbaus

Der originalgetreue Wiederaufbau der Universitätskirche St. Pauli und weiterer Teile der Universität bedeutet mehr als eine Wiedergutmachung für eine kriminelle Tat, die vor weniger als 40 Jahren eine über 700jährige Kulturgeschichte auslöschen sollte.

Wenn es eine UNESCO-Liste der Kulturbarbarei der letzten 50 Jahre geben würde, wäre Deutschland mit der Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli und weiterer Universitätsbauten mit auf einem der vordersten Plätze.

Diesem Unrecht der SED-Diktatur gilt Wiedergutmachung im Zuge der Vollendung der deutschen Einheit.

Wie sich bereits mit dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche eindrucksvoll zeigte, ist eine Versöhnung möglich. Und gleichsam zieht der beschlossene Wiederaufbau des Berliner Schlosses täglich mehr Touristen an, die verstehen lernen, welche städtebauliche Qualität für Berlin damit wieder erschlossen wird und welche wirtschaftlichen und kulturellen Ressourcen dieses Vorhaben neu erschließt.

Ihrer kulturgeschichtlichen Verantwortung haben sich die genannten Organe und Leitungsebenen in Leipzig und teilweise in Dresden noch nicht gestellt. Noch herrscht Ausgrenzung der Befürworter des Wiederaufbaus der Universitätskirche St. Pauli. Noch verweigert sich die Leipziger Universitätsleitung sektenhaft einer Diskussion und verstößt damit fortwährend gegen ihre eigene Verfassung.

Aber gemäß den Regeln eines demokratischen Rechtsstaates muß man sich dort darauf einrichten, daß man eben nicht mehr wie 1968 mit Zensur, Haus- und Berufsverbot, Verfolgung und weiteren Repressalien alles kaschieren, auf Dauer unterdrücken oder fälschen kann.

Und auch wenn es der Schar von Sprengungsgewinnlern und Sympathisanten nicht paßt, daß Versöhnung gefordert wird, während diese noch in „Amt und Würden“ sind (schließlich war es nach 1945 noch so, daß viel länger, ja sogar Jahrzehnte Übeltäter ihre Schande vertuschen konnten), drängt sich mit der notwendigen Wiederbebauung auf dem Gelände des mißratenen Zukunftsbaus der SED-geführten „Karl-Marx-Universität“ der Wiederaufbau der Universitätskirche St. Pauli nicht nur förmlich auf, weil damit der Weg für eine Wiedergutmachung eingeschlagen wird, der neben der jahrhundertealten Architektur auch eine Heilung gesellschaftlicher Prozesse der jüngeren deutschen Geschichte bewirken kann.

Es ist demnach aber nicht nur der gesellschaftliche Konsens, der den Wiederaufbau als konstruktive Aufgabe und als eine übergreifende Herausforderung notwendig macht. Und es ist nicht nur der finanzielle Aspekt, daß nur ein Wiederaufbau wie bei der Dresdner Frauenkirche ein spendenmittelfinanziertes Versöhnungswerk ermöglicht und Gelder für eine bessere Wiederbebauung weiterer Universitätsbauten freisetzt.

Es ist auch die heraufbeschwörende Gefahr, daß, wenn sich kultur- und demokratiefeindliche Kräfte von Stasi, Alt-SED und Alt-Blockparteien sowie eines desinformierten Sympathisantenumkreises durchsetzen und gezielt weiter einen gesellschaftlichen Dissens betreiben, Leipzig und der Freistaat Sachsen in den nächsten Jahren nicht mehr aus den Negativschlagzeilen herauskommen. Denn anders als in diesem Beitrag wird ja dann jeder einzelne, der vorsätzlich Geschichtsklitterung betrieb, erpreßte oder sich erpressen ließ, namentlich befragt und benannt werden. Es wird dann bei jedem einzelnen sein Verhältnis zur Verfassung des Freistaates Sachsen hinterfragt und öffentlich, wenn er oder sie, gleich in welcher Position und welchem Amt, eine seriöse Aufarbeitung und Planung hintertrieb. Denn die SED-Parole „Was die Partei beschloß, wird sein!“ impliziert eben den Denkfehler, der für einen demokratischen Rechtsstaat nicht gelten sollte. Daß nämlich zum einen gesetzlich bereitstehende Steuergelder für mutwillig geschönte Jubelexperimente verschleudert werden, und daß zum anderen unter vorsätzlich bzw. wissentlich falschen Vorgaben gehandelt wird.

Man kann eben nicht mehr die Tagesordnung oktroyieren und unaufgeklärte Verbrechen seitens der Universität Leipzig zudeckeln.

Die Arbeit vieler Generationen von Wissenschaftlern und Persönlichkeiten aller Lebensbereiche, die sich mit der Leipziger Universitätskirche St. Pauli verbinden, angefangen von
Markgraf Heinrich von Meißen, Otto von Münsterberg, Caspar Borner, Kurfürst Moritz von Sachsen, Martin Luther, Johann Camerarius über Johann Sebastian Bach, Johann Christoph Gottsched, Gotthold Ephraim Lessing, Christoph Friedrich Gellert, Johann Adam Hiller, Johann Gottfried Schicht, Felix Mendelssohn Bartholdy, Friedrich Schinkel, August Geutebrück bis zu Arved Rossbach, Richard Wagner, Paul Flechsig, Max Klinger, Wilhelm Wundt, Max Reger und hunderter weiterer gebietet es, daß ihr Wiederaufbau ohne wenn und aber erfolgt.


Lesehinweise:


Kriminelle Hintergründe der Leipziger Universitätsvorhaben

Weihnachten 2006

Die Überschrift als Weihnachtsgruß klingt nicht freudig, aber sie ist notwendig. Als ich vorgestern als Mitglied von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V. zum Jahresausklang einen für die Universität Leipzig angekauften Abdruck Johannes Frentzels Leipziger Stadtplan von 1665 erhielt, stand auf der Rückseite:

„Leipzig sey die Himmelspforte
da die Lehr von Gottes Worte
rein und fruchtbar geh im Schwange
Gerechtigkeit und Weisheit prange.“

In diesem Duktus übergebe ich die erste Aufstellung der zum Teil für den Freistaat Sachsen, für die Stadt Leipzig, für die Universität Leipzig und für verschiedene Wissenschaftsentwicklungen überhaupt verdienstvollen Personen der Öffentlichkeit, die ihr „Ruhebettlein“ in der Paulinerkirche fanden bzw. deren Namen oder Bildnisse dort Bestand hatten.

Auch als Vermächtnis von Prof. Hans Nadler möchte ich einen kleinen Beitrag leisten, die von ihm auf 800 Begrabene geschätzten Persönlichkeiten der Vergessenheit zu entreißen. Zweifellos ist dies nur ein kleiner bescheidener Anfang, und es gibt bereits mehr Erkenntnisse dazu, aber da auf www.paulinerkirche.org nur die Sachinformationen dokumentiert werden, möchte ich Ihnen die Rahmen und die Bedeutung dessen einmal andeutungsweise verdeutlichen.

Am letzten Wochenende im Mai 1968 vor der Sprengung wurde die Leipziger Universitätskirche St. Pauli generalstabsmäßig und systematisch ausgeraubt. Die damit verbundenen Sachverhalte sind nicht nur nach DDR-Recht strafbar. Es betrifft u.a. Leichenschändung, Raubgrabung, vorsätzlichen geplanten schweren Raub, Diebstahl von Kulturgut, deren Besitzer der heutige Freistaat Sachsen, die Universität Leipzig bzw. die Nachfahren der Begrabenen sind.

Es handelt sich somit für die Leipziger Universität um ein Kapitalverbrechen. D.h. nicht allein die Sprengung der Universitätsbauten ist das Hauptverbrechen, sondern es galt mit den Raubgrabungen, auch alle geschichtlich überkommenden Werte auszurotten.

Aber das ist nicht alles. Wenn Sie sich die Aufstellung und die Links zu den externen Quellen anschauen oder auch sonst nach Textquellen zum Begräbnisort der Persönlichkeiten suchen, werden Sie feststellen, daß diese Hinweise an der Universität Leipzig fast vollkommen fehlen. An der Universität Erfurt sehen Sie sofort 180 gut ausgewiesene Fundstellen.

Das bedeutet, nicht die „böse Stasi“ allein oder hier und da ein Informeller Mitarbeiter der Stasi wäre an allem schuld, sondern es ist festzustellen, daß aus a l l e n (!) Wissenschaftsbereichen die Quellen gezielt getilgt worden sind. Und da es ein medizinisches Novum und aufgefallen wäre, wenn die damaligen Professoren, Mitarbeiter und Studenten plötzlich alle dem Morbus Alzheimer anheim gefallen wären, wird wohl wissentlich einiges im Argen liegen, was der Aufklärung bedarf. Schließlich muß die Literatur, die in Erfurt bestens erschlossen ist, erst recht an der eigentlich (und für diese notwendig) betreffenden Einrichtung in die Arbeit öffentlich einbezogen sein.

Wenn man die erste Aufstellung einmal über einige Tage genau studiert, kann man sicherlich ermessen, was an Wertgegenständen und Schmuck hier zum Raubgut wurde, selbst abgerechnet der Gräber, die mit Abbruch der Kapellen, durch Schäden nach der Völkerschlacht 1813 und bei Heizungseinbau am Südchor in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts im Jahre 1968 nicht mehr existierten.

Und man kann unschwer erahnen, daß es Profiteure dessen gab und gibt, sowohl an der Universität und in den Verwaltungen der Stadt als auch vermutlich auf der anderen Seite der damaligen Grenze. Schließlich baute die Stasi danach auf dem Gelände der Matthäikirche den jetzt brachen und ebenso knastartigen Neubau der Runden Ecke mit dem Hauptschwerpunkt der zu erobernden „nichtsozialistischen Welt“ der Hauptabteilung „Aufklärung“ des Minsteriums für Staatssicherheit, wo die dort gefundenen Gräber gleichfalls „geflöht“ wurden…

Das heißt, diese Aktion beschränkt sich nicht etwa auf das Jahr 1968, sondern auf den gesamten folgenden Strukturaufbau der damaligen „Karl-Marx-Universität“, wo damit gezielte Geschichtsfälschung zum Bestandteil von Lehre und Forschung wurde und bis heute offensichtlich ist.

Das bedeutet, daß mit der vorsätzlichen Fälschung der Universitätsgeschichte und der Abwertung der Universitätskirche St. Pauli (aber auch des Goldenen Bären und des Fürstenhauses) die Universität Leipzig derzeit gegen ihren ureigenen Bildungsauftrag verstößt.

D.h. wie auch das Gutachten von Prof. Nadler damals belegt: Die Universitätsplanungen sind aufgrund dieser Fälschungen nach wie vor Müll. Eine Universität, die sich nicht zu ihren Wurzeln bekennt, hat auch keine Zukunft. Wie in diesem Forum bereits belegt wurde, hat die Leipziger Universitätsleitung vorsätzlich eine notwendige geschichtliche Aufarbeitung vor den Wettbewerben und vor Inanspruchnahme der umfangreichen Steuergelder abgelehnt. Sie hat vielmehr dafür gesorgt, daß der Öffentlichkeit und den Genehmigungsgremien dieses Wissen vorenthalten und diese somit belogen wurden.

Vor diesem Hintergrund kann es folglich keine seriösen Ergebnisse geben, die Bestand haben und an die Jahrhunderte währende Geschichte in geeigneter Weise anknüpfen.

Aus diesem Grunde rufe ich Sie auf, gleich ob Sie als Arzt, Jurist, Physiker, Theologe oder anderweitig, aber ehrlichen Herzens Ihre Tätigkeit ausüben und im Geiste Frentzels Gerechtigkeit und Weisheit als unverzichtbare Werte ansehen, selbst eigenständig aktiv zu werden, damit die kriminellen Machenschaften und Verstrickungen an der Universität Leipzig umfassend aufgeklärt werden.

Für eine Universität dieses Alters ist es nebensächlich, ob sie im Jahre 2009 oder (wie zum dreihundertjährigen Jubiläum) drei Jahre später eine Erneuerung erfährt.

Wichtig ist viel mehr, daß sie ihre Wurzeln zurückerhält und daran anknüpfen kann, damit die Leipziger Universitätskirche St. Pauli wieder für die kommenden Jahrhunderte Bestand hat und nicht irgendwelche teuren Spinnereien und Firlefanz mit den Haltbarkeitszeiten wie das jetzige, nachweislich gescheiterte Abrißkonglomerat.

Wenn Touristen und ausländische Studenten nach Leipzig kommen, möchten Sie den authentischen Ort erleben, an dem Bach und Mendelssohn Bartholdy damals ihre Werke uraufführten und die heute in alle Welt getragen und alle Jahre wieder z.B. mit dem Weihnachtsoratorium aufgeführt werden. Insofern haben wir auch eine Pflicht gegenüber der Kulturwelt, nicht in die Kakophonie eines Sächsischen Finanzministeriums einzustimmen, wo unfähige Provinzpotentaten Einwände und Sachdiskussionen vorsätzlich unterschlagen haben.

Setzen Sie sich bitte, gleich ob über Ihre Berufsverbände oder Fachbereiche oder als Nachfahre straf- oder zivilrechtlich dafür ein, daß eine umfassende Aufklärung der Vorgänge erfolgt. Helfen Sie mit! Nur die völlige Transparenz und die Offenlegungen geben der Universität Leipzig die Chance, vom Fluch der Spitzel-, Fälscher- und „Der-Deckel-ist-drauf-Universität“ abzukommen und zum Nimbus der Spitzenuniversität, die sie zu einigen Zeiten bereits war, zurückzufinden.

Weihnachten und die Zeit des Jahreswechsels sind sicherlich gut dazu geeignet, sich besinnlich hierüber auszutauschen und die Gedanken an Freunde, Kollegen, Bekannte und die Medien weiterzugeben. Schließlich geht es mir wie stets nicht darum, Recht zu haben, sondern daß Sie möglichst den besten Sachinformationen nachgehen können, aus denen Sie Ihre eigenen Schlüsse ableiten.

Und so wünsche ich Ihnen im Andenken an die vielen Generationen, die Leipzig überhaupt erst zu einer Universitätsstadt werden ließen, erbauliche Stunden. Da die Universität Erfurt freundlicherweise auch die Eingangsseiten der Werke gescannt hat, wird dies für manche bestimmt ein besonderes Erlebnis, etwas von der Weisheit und Gerechtigkeit zu spüren, wie sie bereits vor Jahrhunderten in Leipzig und ihrer Paulinerkirche gelebt wurde.

Wieland Zumpe

Leipzig, den 23. Dezember 2006

www.paulinerkirche.org
spezieller Teil zur Universitätskirche: http://www.paulinerkirche.org/paulki.html
www.lipsikon.de
www.technologienpsychologie.org

und hier der direkte Link zur ersten Aufstellung:


Zu den Ergebnissen der "Baukommission"

Am 11. Januar 2007 erhielt ich einen Anruf (Gesprächsdauer 5:51 min) des persönlichen Referenten von Herrn Dr. Wolfgang Voß, Herrn Hoyer, der mir mitteilte, daß Herr Dr. Voß mit mir sprechen wolle. Als Gesprächstermin wurde mir der 5.2.2007 15 Uhr vorgeschlagen, einschließlich des Raumes für das Gespräch. Bis dahin hätte er noch einiges zu erledigen. Auf die Frage, ob ich Interesse an einem Gespräch habe, da es – so Herr Hoyer etwa –, Differenzen gebe, antwortete ich ihm, daß ich darin kein Problem sehe und es mir nur um die Sache gehe, ausschließlich um die Sache! Auf meine Frage, daß es ja endlich Zeit wird, daß nach 5 Jahren (am 24.7.2001 erhielt ich hierzu ein Schreiben von Herrn Reidner, der übrigens vor nicht einmal zehn Tagen bei Aufsetzen der Turmhaube am Dresdner Schloß stolz sagte: „Mit dem Wiederaufbau gibt der Freistaat den Bürgern ein Stück Heimat und Identität zurück.“ – in Leipzig soll dies also nicht gelten?) ein Gespräch stattfindet, gab es keine Antwort. Wir verblieben so, daß der Termin erst vorab datiert ist und sich Herr Hoyer zur genauen Absprache wieder meldet. Schließlich muß man sich ja darauf intensiv vorbereiten.

Alles weitere erfuhr ich aus der Presse. Mit dem Geschäftsgebaren nimmt man es offensichtlich im Sächsischen Finanzministerium nicht so genau. Da sich Herr Hoyer weder per Brief, Mail oder telefonisch wieder bei mir meldete, muß ich aufgrund der dargestellten Äußerungen von Herrn Dr. Wolfgang Voß davon ausgehen, daß er wiederholt vorsätzlich Fakten schaffen wollte, ohne sich zu informieren. Daher folgt an dieser Stelle die Auswertung des Materials, was die Baukommission der Presse vorsetzte.

Als PDF sind es neun Seiten mit acht Bildern, wobei eines davon so herausragend gewesen sein muß, daß es doppelt gezeigt wurde. Herr Wischer wird sicherlich freundlicherweise die Bilder bereitstellen, während ich parallel hierzu nur die verbale Beschreibung formuliere.

Grundriss
Kirche1
Kirche2
Kirche3

Quelle: Sächsisches Finanzministerium [Wischer]

Die "Visualisierung"

Doppelt und damit vermutlich besonders wichtig scheint ein Ausblick aus dem Hauptfoyer der Universität zu sein. Plötzlich steht da ein Laubwald. Gewandhaus, „Lunkenbein“ und „City-Hochhaus“ sind verschwunden. In einer überdimensionierten Wartehalle mit sicherlich über zehn Meter hohen blanken Glasflächen und einer ganzen zig Meter langen Glasfront hasten Menschen durch den Raum. Im ersten Moment denkt man, es ist eine ICE-Haltestelle mit stehendem Triebwagen. Die Menschen schwirren beziehungslos umher.

Eben jene Leute im Vordergrund finden sich unter anderer Kulisse, das vermutlich einen Foyerbereich darstellen soll, deckungsgleich und ungerührt wieder ein. Aufgrund des angedeuteten Materials ist auch nur erahnbar, daß eine vermutlich griechisch-römische Wandplastik in eine Wand eingebracht ist. Ansonsten glänzen glatte, fliesenhafte Flächen das Bild, in dem sich grandiose Spiegelungen ergeben. Auch hier schwirren unscharfe Gestalten beziehungslos umher.

In beiden Innendarstellungen der Aula setzt sich dies fort, wo hemdsärmelige Typen herumstehen, die nicht recht wissen, was sie da sollen. Jemand zieht mit Einkaufsbeutel seines Weges. Ostasiatische Studenten, die nichts mit der Inneneinrichtung zu tun haben, hauchen den Eindruck von Internationalität ein. Sie selbst sind auch transparent, da Pfeiler und Fußboden durch sie hindurchscheinen.

Die Klimakatastrophe scheint so weit fortgeschritten, daß – wie der Gast am 31.1.2007 bereits bemerkte – die Sonne weiterhin von Norden in die Aula scheint.

Der Innenraum selbst gleicht auch hier einer überdimensionierten Turn- oder Wartehalle. Es ist eine auswechselbare leere Hülle, die als Industriebau auch in Plagwitz, Salzgitter oder Kassel stehen könnte. Der spiegelglatte Fußboden assoziiert mehr eine Eislaufarena.

Lediglich ein uniformiertes, CAD-reines Kreuzgittergewölbe ist als historisches Zitat samt Fenstern entnommen. Dabei ist unerheblich, ob sich einzelne Pfeiler nun an einigen Stellen in Luft auslösen oder „nach unten durchgezogen werden“. Mit der Leipziger Universitätskirche St. Pauli hat dies nichts mehr gemein.

Lediglich im gezeigten Grundriß sind Veränderungen bezüglich des Auditorium Maximums erkennbar, das nicht mehr eckig, sondern etwas aufgeblasen angedeutet wird. Und die Abbildung der Außenfassade strahlt bis auf ein rundes Alibifenster gähnende Langeweile aus. Sie bestärkt die Häßlichkeit des jetzigen Augustusplatzes mit dem folgerichtig leerstehenden Hochhaus.

Wichtig indes bleibt allerdings festzuhalten, daß das Design als aus dem Jahre 2007 gekennzeichnet ist. D.h. es hat sich seit Abgabetermin des Wettbewerbs vor knapp drei Jahren im März 2004 trotz vier Projektleitern nichts qualitativ Verbesserndes getan.

Dies ist allerdings verständlich, da das Büro van Egeraats wußte, daß die Voraussetzungen des Wettbewerbs eine internationale Kulturschande darstellen, in dem die Bau-, Geistes- und Kulturgeschichte geklittert wurde und mit den abstrusen und kulturfeindlichen Forderungen der Leipziger Universitätsleitung kein Fortschritt erzielbar war im einstigen Ansatz van Egeraats, Kultur wieder nach Leipzig bringen zu wollen.

So konnte seit 2004, als Julia Hausmann, die damals im van Egeraats Büro das Projekt begleitete und ihm mit zum Sieg verhalf, und wofür ich meine Materialien zur Verfügung stellte, nichts Gescheites entstehen. Daher konnte ich Frau Hausmann im Mai 2004 nur abschließend mitteilen: „Naja, im Prinzip sind Sie ja zu bedauern aufgrund des Ausschreibungsmülls... Aber ich hoffe, der Wettbewerb hat wenigstens Ihrer Portokasse geholfen.“

Fazit

Als Fazit der Vorlagen des Sächsischen Staatsministeriums der Finanzen (Pressemitteilung 18/2007) vom 30.01.2007 und der „Visualisierung/Präsentation“ läßt sich vieles konstatieren. Drei Punkt greife ich dabei heraus:

1. Es gibt nachwievor keinerlei vertretbare entscheidungsreife Vorlagen.

Jeder private Lotto-Millionär würde sein Geld sorgsamer ausgeben als Herr Dr. Voß öffentliche Gelder.

2. Das Niveau der Vorlagen ist erschreckend.

Ein Student hätte nach entsprechender Einführung in wenigen Wochen mehr geleistet als die „Baukommission“ bzw. der Staatssekretär in einem Jahr.

3. Absolutistische Herangehensweise

Wir wissen nicht, was die Baukommission „geklärt“ hat. Der Eindruck für den Bürger ist: Mit der Pfuschplanung der Mensa, die schon über anderthalb Jahre nachhängt und jeden Tag mehr öffentliche Gelder frißt, hat es nicht geklappt. Da wird eben an einer anderen Stelle angefangen...

Wohlgemerkt muß man davon ausgehen, daß es sich um intelligente Menschen handelt, die in der Baukommission saßen, d.h. sie handeln vorsätzlich.

Die gesamte Planung kann allein dahingehend ad absurdum geführt werden, da das eigentliche Kunstgut der Leipziger Universitätskirche St. Pauli gar nicht in die jetzige „Turnhalle“ und Foyers paßt, es sei denn die Leipziger Universitätsleitung folgt den nationalsozialistischen Plänen von Lossow aus den Jahren 1936-1937.

Hier ist mal ein Ausschnitt einer 200 Meter langen Wand, auf denen die Konturen der Kunstwerke aus einem 3D-Modell gezeigt sind. Man beachte, die Epitaphien von Heideck, Lange, Olearius, Hommel und Ryssel haben Höhen von über vier Meter.







Die eigentliche Frage ist daher eine andere. Was wird dem Bürger vorenthalten?

Auf die meisten Punkt wurde bereits im Artikel „Transparenz“ aufmerksam gemacht.

Daher beschränke ich mich auch hier auf drei Punkte.

1.

Der aberwitzigste Punkt ist die Unterbringung von Mathematik und Informatik auf Nord- oder Südseiten über der „Turnhalle“.







Hat das mal jemand durchgerechnet hinsichtlich Praktikabilität, Energieaufwand, Nachfolgekosten??

2.

Seminargebäude

Tunlichst vermieden wurde beim „Andocken an die sozialistischen Bauten“, daß diverse Altkader immer noch an dem verschlissenen Seminargebäude hängen und es sanieren lassen wollen, obwohl es wie das Hauptgebäude funktional mißraten ist, ahistorisch dem Paulinum den Platz nimmt und die Universitätsstraße zum unattraktiven Gelände degradiert.







PS: Da Prof. Franz Häuser erneut Etikettenschwindel betreibt, indem er, um von der Aula-Diskussion wegzukommen, es einfach fälschend nun unter „Paulinum“ firmieren lassen will, hier nochmals zur die Ansicht das rechtsseitige Paulinum in einer Montage.






3. Die Grimmaische Straße

Das Fürstenhaus eines der wichtigsten Gebäude der Universitätsgeschichte nach der Universitätskirche, was im Krieg nach dem letzten Bombenangriff fast vollends zerstört wurde. In den Planungen wurde es wie vieles andere unterschlagen.






und hier in der Montage:






Leipzig braucht keine solchen neuen „Kotzbrocken“ in der historischen Innenstadt mehr, sondern die Baukultur, die über Jahrhunderte ihre Unverwechselbarkeit prägte und die von der Leipziger Universitätsleitung wie an der Grimmaischen Straße vorsätzlich und kulturbarbarisch mißachtet wurde.

Wenn solche Kästen wie in der Lokalpresse am Sonnabend gezeigt, entstehen sollen, kann man das Geld sparen, und die wissenschaftlichen Bereiche können nach Sanierung umgehend dorthin ziehen, von wo aus zahlreiche Personen in unterschiedlichen Positionen, die geschichtsklitternd in Planungen und Diskussionen eingegriffen haben, ihre Anleitung bekamen.







Hier stand einst die vierte Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach, die Matthäikirche, und man sieht, was SED und Stasi, da die Kirche im Krieg schwer zerstört wurde, Attraktives daraus gemacht haben. Eben derartige städtebauliche Cluster sollen nun auch auf den historischen Kern der Universität Leipzig übertragen werden?

Es reicht.

Wie immer geht es mir nicht darum, Recht zu haben, sondern die Sache im Sinne der Allgemeinheit öffentlich zu dokumentieren, damit sich jeder selbst die Sachkenntnis verschaffen und von sich aus entsprechend handeln kann. In diesem Sinne hoffe ich für die Kulturwelt und die Leipziger Bürger, daß auch hier wieder Heimat und Identität einziehen kann.


Beteiligen Sie sich an der Diskussion!

Rache für die eigene Feigheit - Professor Topfstedt und die Universitätskirche

Lesen Sie auch:
- Zeitschiene zur Schuldfrage
- Abstimmungsverhalten im Leipziger Stadtrat im Jahr 2003

_______________

© Copyright 2006/2007/2008/2009
Wieland Zumpe
Impressum

 

Seite drucken
Fenster schließen

 

www.paulinerkirche.de